Familienpsychologie

Gehirn & Psyche: Das passiert, wenn wir Eltern werden!

Tolle Tipps von der Neurowissenschaftlerin Dr. Daniela Galashan. Autorin: Annika Rötters

Gehirn & Psyche bei uns Eltern: Ein Gespräch mit Mehrwert über Veränderungen, Herausforderungen und Gefühlsverarbeitung. 


Gehirn & Psyche: Wie kann uns Wissen über unser Gehirn helfen, mit den Herausforderungen im Alltag besser umzugehen?

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Annika Rötters, Diplom-Psychologin; Foto: Michele Rötters

Spielend leicht Herausforderungen meistern – unseriöses Versprechen oder gibt’s da wirklich Tricks aus der Neuropsychologie? Immer wieder lesen wir von „Zehn schritten“ oder „fünf Punkten“, die angeblich jeden Alltag von anstrengend zu Regenbogen-Einhorn-Wiese transformieren… und auch wenn wir als vernunftbegabte MaPas eigentlich wissen, dass das Versprechen, dass ab sofort alles leicht wird, höchstwahrscheinlich Mumpitz ist – so bin ich als Psychologin auch immer wieder begeistert von der unfassbaren Flexibilität des menschlichen Gehirns.

Aber was passiert eigentlich im Gehirn, wenn wir Eltern werden? Wie kann uns Wissen über unser Gehirn helfen, mit den Herausforderungen im Alltag besser umzugehen? Können wir Flexibilität im Denken üben? Wie geht das konkret? …und: Wie sieht´s aus mit einem Tipp für alle Eltern? Zum Glück habe ich für „Gehirn-Fragen“ eine Spezialistin, der ich heute einfach mal diese Fragen stellen durfte: Diplom-Psychologin und Neurowissenschaftlerin Dr. Daniela Galashan @liebeundhirn

“Wenn wir Eltern werden, dann verändert sich einiges im Innen und Außen.”

Das Interview mit Dr. Daniela Galashan

Wie kann uns Wissen über die Psyche oder das Gehirn helfen?

Dr. Daniela Galashan, Diplom-Psychologin

Mutterschaft ist herausfordernd. In diesen Zeiten ganz besonders. Gerade jetzt kann es uns helfen, wenn wir uns etwas näher mit dem Gehirn und der Psyche beschäftigen, um uns das Leben zu erleichtern. Denn manche Informationen können uns zu einem besseren Verständnis verhelfen. Und es gibt glücklicherweise viele Strategien, die uns trotz der Situation mehr Leichtigkeit in den Alltag bringen können.

Ein Beispiel dafür: Hättest du vorher gedacht wie herausfordernd es manchmal sein kann mit Kind? Wenn wir Eltern werden, dann verändert sich einiges im Innen und Außen.

Was genau verändert sich im Außen?

Im Außen verändert sich, dass wir nun im Grunde permanent zur Flexibilität herausgefordert werden, weil sich die Herausforderungen ständig ändern. Nicht nur je nach Phase des Kindes, sondern auch innerhalb eines Tages. Wenn statt des sonst so geliebten blauen Bechers nun plötzlich der rote gewünscht ist, der gerade in der Spülmaschine ist oder den das kleine Geschwisterchen gerade hat.

Die große Verantwortung, die mit Kind auf uns lastet, und die Erwartungen – sowohl von uns selbst als auch von anderen – bauen oft einen ganz schönen Druck auf, den wir merklich spüren.

“Wir Eltern machen uns dabei leider einen ganzen Teil des Drucks, der auf uns lastet, selbst.”

Und was verändert sich im Inneren?

Im Inneren verändern sich mit der Mutterschaft sowohl unser Gehirn und seine Art und Weise auf Kinder zu reagieren als auch unsere Psyche. Unsere Gehirne passen sich als Eltern unter anderem darauf an, besonders feinfühlig auf die Signale unserer Kinder zu reagieren.*

Wir Eltern machen uns dabei leider einen ganzen Teil des Drucks, der auf uns lastet, selbst. Indem wir alles perfekt machen wollen und uns oft Unmögliches abverlangen. Oft wird dieser Perfektionsdrang auch mit verstärkt durch den Eindruck, dass es bei allen anderen reibungsloser laufen würde. Diesen Eindruck gewinnen wir nämlich recht schnell, wenn wir uns auf Social Media umschauen, wo die meisten ihre glücklichen Momente teilen statt der herausfordernden Zeiten. Und auch wenn inzwischen immer mehr Influencer*innen auch ihre anstrengenden Momente oder chaotischen Zimmer zeigen, setzen sich die vielen anderen „perfekten“ Bilder in unserem Kopf fest und werden eher von uns als Maßstab genommen, weil es ja das ist, was wir anstreben (statt des Chaos).

Gehirn & Psyche: Auch unangenehme Gefühle werden intensiver!

Ein Beispiel für psychische Veränderungen: Ist es bei dir auch so, dass deine Gefühle nun mit Kind intensiver geworden sind? Leider nicht nur die Freude (z.B. über die wunderschönen ersten Male, über Umarmungen, Küsse und süße Komplimente…), sondern auch die Angst um unser Kind, die Wut… Die enge Verbundenheit und unsere große Verantwortung, die auf uns lastet, sorgen mit dafür, dass auch diese unangenehmen Gefühle intensiver werden bei uns Eltern.

Gefühlsverarbeitung ist ja auch ein wichtiges Thema für Eltern. Magst du erklären warum?

Gefühlsverarbeitung lernen Kinder von ihren Eltern. Das bedeutet, dass auch wir von unseren Eltern gelernt haben unsere Gefühle entweder zu verarbeiten oder eher zu verdrängen. Äußerungen wie „Du brauchst doch keine Angst zu haben”“, „Reg Dich doch nicht so auf” oder „Ist doch nicht so schlimm”“ haben leider die meisten von uns in der Kindheit gehört. Solche Äußerungen sagen dem Kind implizit, dass seine Gefühle gerade falsch sind und nicht gezeigt werden sollen. Das führt zu verdrängten Gefühlen und damit verbleibt eine unterschwellige Spannung im Körper, die dafür sorgen kann, dass wir irgendwann ganz plötzlich „explodieren“. Dann war das Fass voll und es war kein Umgang mit den sich aufbauschenden Gefühlen mehr möglich.

Elternschaft kann sich “eine Nummer zu groß” anfühlen!

Diese Faktoren können in der Summe dazu führen, dass sich die Elternschaft „eine Nummer zu groß“ anfühlt und man vor Schuldgefühlen und Überforderung die Zeit mit Kind gar nicht genießen kann.

Was kann uns Eltern helfen?

Ich bin davon überzeugt, dass uns Wissen helfen kann, genau aus dieser Falle raus zu kommen. Weil es für ein besseres Verständnis sorgt und wir uns damit den Alltag erleichtern können. Wenn du z.B. weißt, dass es unterschiedliche Areale im Gehirn sind, die für Gefühlsverarbeitung (hauptsächlich das limbische System) und für „Planen, Denken und Problemlösen“ zuständig sind (hauptsächlich Areale im Frontalkortex) und dass die Verbindungen stärker sind von den „Gefühlsarealen“ hin zum Frontalkortex als andersrum, so dass im Zweifel das Gefühl dominiert, dann kann dir dieses Wissen helfen. Denn dadurch ist verständlich, warum du deinem Kind nicht mit Argumenten kommen brauchst, wenn es mitten im Wutanfall feststeckt. Deine Argumente erreichen es nämlich gar nicht. Das einzige, was dann hilft, ist, erst mal die Intensität des Gefühls runter zu regulieren. Indem du für dein Kind da bist und mit ihm dabei hilfst, die Anspannung loszuwerden.

So kommt dein Kind wieder in den Denk-Modus:

Wenn wir Gefühle z.B. verbalisieren, sie also wörtlich beschreiben, dann kann das helfen, die Gefühle besser zu regulieren, weil wir so leichter vom „Gefühls-Modus“ in den „Denk-Modus“ kommen und sich die Aktivität in gefühlsverarbeitenden Hirnstrukturen wie der Amygdala dadurch verringert **. Du könntest für dein Kind also beschreiben, wie es sich gerade anscheinend fühlt und sorgst damit einerseits dafür, dass es sich verstanden fühlt und andererseits auch dafür, dass es (wenn die Intensität des Gefühls schon etwas abgesunken ist) eher wieder in den „Denk-Modus“ kommen kann und vielleicht auch selbst über seine Gefühle sprechen kann.

Wenn wir mitten in einem unangenehmen Gefühl sind, wie z.B. Wut oder Angst, dann reagiert unser Gehirn so, dass unsere Wahrnehmung und Flexibilität eingeschränkt werden. Entwicklungsgeschichtlich ist das sinnvoll, denn wenn unsere Vorfahren vor einer Gefahr standen, (wie z.B. vor dem in der Psychologie immer wieder gern genommenen Säbelzahntiger), dann war es wichtig, dass unsere Vorfahren sich ganz auf die Gefahr konzentrieren konnten statt nebenher noch auf anderes zu achten oder an anderes zu denken.

Gehirn & Psyche: Im Alltag brauchen wir Flexibilität

Im Alltag mit unseren Kindern benötigen wir Flexibilität, um uns auf Neues einstellen zu können und um flexible Lösungen zu finden, mit denen wir allen Bedürfnissen der Familienmitglieder bestmöglich nachkommen können. Denn es kommt auf die Bedürfnisse aller an und hilft niemandem, wenn z.B. wir Eltern unsere eigenen Bedürfnisse immer zurückstellen bis wir irgendwann gar keine Energie mehr übrig haben.

Wie können wir unsere Flexibilität fördern und ausbauen?

Zum Beispiel, indem wir unseren Alltag – und vor allem die Herausforderungen – spielerisch angehen. Denn im Spiel können wir gedanklich alles tun und lösen, für unser Denken gibt es keine Grenzen. Und wenn wir diesen Denkmodus öfter üben, dann fallen uns immer schneller flexible Lösungen ein, die uns im Alltag helfen und so manche Situation retten können. Auch schon ein paar spielerische Minuten pro Tag können uns helfen, in einen anderen Denkmodus reinzukommen und das Leben wieder leichter zu nehmen.

Probiert zusammen Neues aus!

Hast du noch einen ganz konkreten Tipp?

Grundsätzlich gibt es beim Umgang mit unseren Kindern kein Patentrezept. Aber viele mögliche Wege und Strategien, die unser Leben erleichtern können. Versuche es ruhig als ersten Schritt mal mit der Flexibilität und probiert zusammen Neues aus (das geht auch von zu Hause)! Das klingt so unspektakulär, kann euch aber tatsächlich helfen flexibler zu werden. Denn dein Gehirn wird so, wie du es nutzt!

Konkret könnt ihr zum Beispiel…

♥ … einen neuen Weg gehen,

♥ … ein neues Gericht ausprobieren, falls ihr das eher selten tut (vielleicht jeweils an einem bestimmten Tag in der Woche?)

…oder…

♥ … etwas Neues lernen (z.B. einen Tanz, etwas Handwerkliches, etwas Künstlerisches…)

♥ … etwas anders machen als sonst, indem ihr z.B. morgens oder abends die Reihenfolge der Tätigkeiten verändert (Achtung! Bei Kindern, die sich schwer tun mit Veränderungen würde ich es eher tagsüber machen, um euch in diesen oft eher stressigen Phasen morgens und abends nicht zu belasten).

Alles Liebe und viel Spaß dabei!

Daniela

  • * Swain, J. E., Kim, P., Spicer, J., Ho, S. S., Dayton, C. J., Elmadih, A., & Abel, K. M. (2014). Approaching the biology of human parental attachment: brain imaging, oxytocin and coordinated assessments of mothers and fathers. Brain research , 1580 , 78– 101. https://doi.org/10.1016/j.brainres.2014.03.007
  • ** Lieberman, M. D., Eisenberger, N. I., Crockett, M. J., Tom, S. M., Pfeifer, J. H., & Way, B. M. (2007). Putting feelings into words: affect labeling disrupts amygdala activity in response to affective stimuli. Psychological science, 18 (5), 421–428. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2007.01916.x

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