Elternsein

Essstörung nach Trennung: „Ich wollte mich ja durchaus auch etwas bestrafen.“

Die berührende Geschichte von Mama Jule*. Außerdem: wichtige Informationen von MutterKutter-Psychologin Annika Rötters. Autorin: Dorothee Dahinden

Mama Jule* (*Name von der Redaktion geändert) erzählt eindringlich von ihrer Essstörung nach der Trennung von ihrem Mann.


Essstörung: „Alles war außer Kontrolle, vieles konnte ich nicht beeinflussen – Dinge passierten und ich konnte sie nicht regeln. Aber mein Gewicht – das konnte ich auf einmal ganz leicht kontrollieren.“

Mama Jule über ihre Essstörung nach der Trennung von ihrem Ehemann.

Liebe Jule, du hast mir erzählt, dass du nach der Trennung von deinem Mann erst stark abgenommen hast und dann mit einer Essstörung zu kämpfen hattest. Würdest du mit uns in diese Zeit zurückgehen und uns im ersten Schritt einen Einblick in deine Gefühlswelt von damals geben?

Liebe Doro! Klar – wir können gerne darüber reden. Dass ich eine schwere Essstörung hatte und womöglich kurz vor einer Magersucht stand, das habe ich erst in der Retrospektive realisiert. Damals war meine Welt völlig aus den Fugen geraten. Der Lebenstraum, eine intakte Familie zu haben, geplatzt.

Ich musste aufgeben, mich trennen, mir eingestehen, dass ich versagt habe – so habe ich es zumindest erstmal empfunden, was natürlich Unsinn ist. Aber so hat es sich damals angefühlt. Alles war außer Kontrolle: Ehe kaputt, der Mann, den du mal geliebt hast, entwickelt sich zum Feind. Der Kampf um die Kinder tobt, das schlechte Gewissen kämpft mit dem Gefühl, dass es keine andere Möglichkeit gab – wenn ich nochmal glücklich sein wollte in meinem Leben.

Jule über die Essstörung: „Es war ein bisschen wie eine Erklärung, eine Art Entschuldigung. Leute seht, es geht mir nicht super, ich leide auch.“

Ich hatte die Trennung ausgesprochen, ich hatte das verbalisiert, was schon lange klar war. Ich war den Schritt gegangen – und deshalb glaubte auch so mancher Mensch in meinem Umfeld, dass es mir dann ja wohl nicht so viel ausmacht. Und vielleicht wollte ich durch meinen Gewichtsverlust eben auch direkt optisch klar machen, dass es mir nicht gut geht. So war es eben offensichtlich. Es war ein bisschen wie eine Erklärung, eine Art Entschuldigung. Leute seht, es geht mir nicht super, ich leide auch. Natürlich ging es mir nicht gut, natürlich wussten das viele in meinem Umfeld sehr genau – aber ich glaube es war mein Zeichen an viele andere.

„Ich wollte mich ja durchaus auch etwas bestrafen.“

Manche Frauen essen mehr, wenn sie Kummer haben (wie ich), du offenbar weniger. Wie war das damals bei dir? Was hast du noch gegessen bzw. wieviel? Und kann ich es mir so vorstellen, dass dir diese emotionale Extremsituation regelrecht jeglichen Appetit geraubt hat?

Essstörung
Jule* möchte nicht erkannt werden, trotzdem war es ihr wichtig, hier ihre Geschichte zu erzählen. Als Mutmacher für andere Menschen, die solche oder ähnliche Situationen erleben.

Ja, wenn es mir richtig schlecht geht, dann ist mein Magen wie zugeschnürt. Ich habe kaum Appetit und esse wenig. Und selbst wenn ich dann mal Hunger hatte, habe ich damals kaum etwas gegessen. Ich wollte mich ja durchaus auch etwas bestrafen. Dafür, dass ich so viele Leben so durcheinander gebracht hatte. Unterbewusst hat das sicher eine Rolle gespielt.

Super wenig essen und Sport – das war meine gefährliche Kombi.

Ich hab zu den krassesten Zeiten bei einer Größe von 1,78 noch 58 Kilo gewogen. Das ist für ein Model vielleicht Okay – für mich war das definitiv zu wenig. Gefrühstückt habe ich nie. Wenn ich gearbeitet habe, dann habe ich etwas Salat gegessen – mich wie eine Verhungerte darauf gestürzt, trifft es wohl eher. Süßigkeiten oder so gab es nicht. Abends habe ich dann eine Hand voll Erdnüsse gegessen – manchmal. Oder eben nichts.

An den Wochenenden, an denen meine Kinder nicht da waren, habe ich sehr wenig gegessen. Ich bin aufgestanden und habe angefangen Sport zu machen. Yoga, dann am besten mindestens drei Pferde reiten, dann vielleicht noch joggen (dabei hasse ich joggen! Ehrlich!). Nachmittags gegen 16 Uhr habe ich dann vielleicht aus drei Eiern ein Rührei gegessen. Das war es dann für den Tag. Zusätzlich zu meiner Idee, wenig essen zu dürfen, habe ich mich dann noch daran ergötzt, dass ich so ja kaum Geld verbrauche. Die Eier waren von meinen eigenen Hühnern. Und da ich die ersten vier Jahre keinen Unterhalt für die Kinder bekomme habe, hatte ich auch wirklich Geldsorgen und musste hart wirtschaften und viel arbeiten, um mein Haus behalten zu können und den Kindern noch so halbwegs ihr normales Leben ermöglichen zu können.

Klingt doof, aber ein Burger hat mich dann gerettet.

Als ich dann die endgültige Bestätigung hatte, dass mein Ex-Mann nur wenige Monate nach der Trennung mit einer meiner engsten Freundinnen eine Beziehung eingegangen war, war der Tiefpunkt erreicht. Beide hatten es mir gegenüber geleugnet. Als ich nachgefragt hatte, hatten sie diese Beziehung mindestens drei Monate hinter meinem Rücken geführt. Das hat mir unheimlich weh getan, obwohl wir getrennt waren. Es fühlte sich an, als sei ich in ein Loch gefallen. Ich kannte beide so gut – das machte die Bilder, die sich in meinen Kopf drängten, einfach noch viel schlimmer. Als ich es erfahren habe, habe ich fast zwei Tage lang nichts gegessen.

Dann kam meine beste Freundin angereist und hat mich mit den Kindern zu einer Fast Food-Kette geschleppt. Ich habe einen Burger gegessen. Ich will jetzt keine Werbung für Fast Food machen – aber das hat mich wirklich weit nach vorne gebracht, wieder etwas zu essen. Ich konnte wieder klarer denken, besser funktionieren, kam  – so schnöde das auch klingt – durch einen ollen Burger wieder so ein bisschen zurück ins Leben. Hört sich vielleicht albern an – aber in dem Moment habe ich auch gemerkt: Okay – so krass kann das nicht weiterergehen. Ich muss für die Kinder da sein, ich muss aus dem Loch raus – und Essen ist schon eine feine Sache.

Essstörung: „Dass ich in der Zeit häufig Herzrasen und Rhythmusstörungen hatte, das habe ich ignoriert.“

Du sagst, dass dein Gewicht eine andere Bedeutung bekommen hat, es eine Art „Anker“ zu diesem Zeitpunkt war. Wie kann ich mir das vorstellen? Und wie hat sich daraus dann eine Essstörung entwickelt?

Mein Gewicht hatte ich unter Kontrolle. Das hat sich gut angefühlt. Alles war außer Kontrolle, vieles konnte ich nicht beeinflussen – Dinge passierten und ich konnte sie nicht regeln. Aber mein Gewicht – das konnte ich auf einmal ganz leicht kontrollieren. Abnehmen war vorher anstrengend – jetzt hatte ich es voll drauf.

Davor war es kaum möglich, weniger als 64 Kilo zu wiegen – jetzt purzelte das Gewicht. Das fand ich toll und beruhigend, darauf war Verlass. Ja, so gesehen war es mein Anker, denn ich konnte es kontrollieren. Dass ich in der Zeit häufig Herzrasen und Herzrhythmusstörungen hatte, das habe ich ignoriert. Ich fand es toll, dünn zu sein. Es gab quasi nichts, was ich nicht tragen konnte. Mich haben Menschen im Urlaub angesprochen – andere Frauen, die mir gesagt haben, ich hätte ja wirklich die Figur eines Models – das würden sie nicht schaffen. Und ich hab es geschafft – das hat mir Sicherheit gegeben und ein besseres Selbstwertgefühl. Denn darum war es auch nicht gut bestellt. Was ich nicht gesehen habe war, dass ich eigentlich krank ausgesehen habe. Ich hatte dünne Ärmchen und meinem Gesicht hat das alles auch nicht besonders gut getan. Aber es hat gedauert, bis ich das realisiert habe.

Ich habe dann eine Therapie gemacht.

Wie bist du da rausgekommen? Wie hast du es geschafft?

Es wurde besser, als auch ich wieder einen Partner hatte. Aber richtig gut ist es erst nach ca. 4 Jahren gewesen. Da hatte ich dann alles geregelt, Gerichte hatten geholfen, Ruhe in die Situation mit meinem Ex-Mann zu bringen. Ich hatte nicht mehr ständig Angst um die Kinder und ich hatte eine Therapie absolviert. Dort war mein Essverhalten nie Thema – musste es auch nicht. Wir haben die Ursprünge bearbeitet – das war wichtiger. Mir war in der Zeit klar geworden: Ich habe nicht versagt, es ist in Ordnung, sich zu trennen. Ich trage nicht allein die Verantwortung, ich bin durchaus noch einiges wert und muss mich abgrenzen – ein Thema, das ja für so viele Frauen eine Herausforderung ist. Und so hab ich langsam wieder zu genommen.

Heute mag ich meine Rundungen. Die Essstörung liegt hinter mir.

Jetzt wohne ich mit meinem Partner zusammen, der mich erst nach dieser Zeit kennengelernt hat. Unbelastet. Und uns geht es so gut, dass wir beide ein kleines Bäuchlein haben. Ich wiege 10 Kilo mehr als damals – vielleicht sogar manchmal 11 – oder etwa 12? Keine Ahnung! Ich habe wieder weibliche Rundungen und finde mich völlig okay. Ich wertschätze mich wieder und den Bauch hab ich mir in vielen wundervollen lustvollen Futtermomenten erarbeitet.

Als mich meine Mutter vor wenigen Tagen darauf hingewiesen hat, dass ich ja so „ andere Unterhosen tragen könnte – damit man den Bauch nicht sieht“, war ich etwas sprachlos….Naja, ich vergebe es ihr. Ich weiß ja, dass es ein Zeichen dafür ist, dass es mir gut geht und hab mir fest vorgenommen, mich in meiner Haut wohl zu fühlen und meine Weiblichkeit anzunehmen. Ich bin nicht mehr Mitte 20 und ich hab keinen Bock mehr auf hungern. Und habe mein Leben im Griff – da kann ich es mir leisten vielleicht drei Kilo zu viel zu haben.

„Ich hoffe einfach, dass viele Frauen sich lösen können von diesen echt kranken Schönheitsidealen.“

Was ist dein Rat an alle, die deine Geschichte nun lesen und sich in einer ähnlichen Situation befinden?

Das ist nicht einfach zu beantworten. Jede von uns hat sicher ihre eigenen Kämpfe. Hilfe ist in jedem Fall immer eine gute Idee – und das können wir Frauen ja deutlich besser als Männer – Hilfe annehmen. Wir kauen häufig intensiver an Problemen – aber bearbeiten sie dadurch auch intensiver und sind dann auch irgendwann durch damit und wieder frei.

Ich hoffe einfach, dass viele Frauen sich lösen können von diesen echt kranken Schönheitsidealen, dass sie das Body Shaming hinter sich lassen – obwohl es ja eine lange Tradition hat, wie man an meiner fast 80jährigen Mutter sieht. Wir sind so schlau, stark und emanzipiert – wir müssen uns nicht mehr über 5 Kilo mehr oder weniger definieren. Und Kontrolle über das Leben funktioniert nicht auf der Waage, glaubt es mir. Ich habe gekämpft, reflektiert, gelitten, gehofft und bin irgendwann aufgetaucht, schrittweise.

Lieber Leser*innen: bitte seid gut zu euch selbst!

Mittlerweile bin ich mit meinem Leben, so wie es ist, wirklich ziemlich zufrieden. Habe natürlich noch Ideen, was da noch kommen soll, bin manchmal total genervt und gestresst, verzweifele manchmal immer noch an meinem Ex-Mann… logo – nichts ist perfekt. Aber ich hab mein Leben wieder im Griff und bin froh darüber.

Traut euch, vertraut euch und versucht gut zu euch zu sein – ihr habt es sicher verdient!


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Foto: Michele Rötters

Du hast auch eine Essstörung oder andere Sorgen und Nöte und brauchst auch Hilfe? Unsere MutterKutter-Psychologin Annika Rötters hat noch ein paar wichtige Informationen für dich:

Hilfreiche Links zum Thema Esssörungen:

ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen

ProHEAD

Link zum Thema selbstverletzendes Verhalten:

Rote Linien – SVV-Selbsthilfe

Der einfachste Weg, falls du Hilfe bei einer Essstörung brauchst, ist über die Hausärzte – ansonsten rufe bitte Therapiepraxen direkt an. Wenn du gesetzlich versichert bist, kannst du über die jeweilige Psychotherapeutenkammer in deinem Bundesland suchen, zum Beispiel in NRW hier. Das funktioniert über Eingabe deiner Postleitzahl.

Ein bisschen Frust ist vorprogrammiert. Bitte telefoniere mindestens 5 Therapeut*innen ab und notiere, wann du wen angerufen hast und wie lange die Wartezeit ist. Ausbildungspraxen haben kürzere Wartezeiten, zum Beispiel diese Ausbildungspraxen in Köln.

Falls kein Platz in nächster Zeit bzw. unter 3 Monaten: bitte deine Krankenversicherung um Hilfe. Teilweise haben sie Überbrückungsangebote. Alternativ kannst du nach Psychotherapeut*innen suchen, die Kostenerstattung machen. Die musst du dir aber von der Krankenversicherung genehmigen lassen.

Mehr über unsere Diplom-Psychologin Annika findest du hier:

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