Familienpsychologie

Über Probleme mit der Schwiegermutter!

2 Mütter erzählen von ihrer Beziehung. Dazu erklärt Diplom-Psychologin Annika Rötters, was das Verhältnis so besonders macht. Autorin: Dorothee Dahinden

Probleme mit der Schwiegermutter: Eva* und Katharina* (Namen von der Redaktion geändert) mit ganz persönlichen Einblicken in offenbar schwierige Beziehungen.

Zwei Mamas erzählen ihre persönliche Geschichte. Verdeckt – weil wir sie und ihre Schwiegermütter schützen möchten. Probleme mit der Schwiegermutter – ein Thema, das aufgrund unseres Artikels über Energievampire entstanden ist. Die Frage kam auf, was wir tun können, wenn der Mensch, der uns so viel Kraft kostet, in der direkten Verwantschaft ist. In diesem Fall: die Schwiegermutter. Warum bereitet diese Beziehung oft Schwierigkeiten und was können wir tun, wenn wir Probleme haben? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt uns am Ende der beiden Interviews unsere Familienpsychologin Annika Rötters.

Nur die eine Sicht:

Was ich unbedingt noch anmerken möchte: dieser Artikel spiegelt nur die eine Seite wieder. Bewusst habe ich Frauen gebeten, mir einzig und allein ihre Sicht auf die Dinge zu schildern. Natürlich ist da grundsätzlich auch noch die Sicht der Schwigermutter, da eine Beziehung am Ende nie einseitig ist und die andere Seite eine eigene Sicht auf die Dinge hat. Weil diese Geschichten aber nur unter der Bedingung, dass ich keine Namen nenne, erzählt wurden, konnte ich die andere Seite nicht befragen. Das wäre nochmal ein spannender Aspekt für einen weiteren Artikel. Dazu gibt es natürlich viele viele Menschen, die eine wundervolle Beziehung zu ihrer Schwiegermutter haben. ♥


Probleme mit der Schwiegermutter:

„Der Kernvorwurf mir gegenüber ist, dass ich ihren Sohn gestohlen habe!“, sagt Mama Katharina* (Name von der Redaktion geändert*).

Liebe Katharina, welche Probleme hast du mit deiner Schwiegermutter? Wo harkt es bei euch?

Wenn ich an meine Schwiegermutter denke, habe ich oft zwei Bilder im Kopf: Einmal wie sie auf einem sehr hohen Turm mit ganz viel Stacheldraht und Selbstschussanlagen sitzt und sich beschwert, dass keiner für sie da ist. Das zweite Bild ist einfach ein todunglücklicher, einsamer Mensch mit vielen Kranhkeiten. Sie hat seit Jahrzehnten Depressionen, denen sie aber nicht Herr wird. Tatsächlich ist sie bis heute nicht in der Lage, sich selbst zu reflektieren. An allem, was schief läuft, sind immer andere schuld. Sie hat keinen Führerschein und bewegt sich fast gar nicht. Man kann sich mit ihr nur treffen, wenn man sie besucht. Sie verlässt das Grundstück fast nie und andere Menschen will sie eigentlich auch nicht sehen. Zu Feiern kommt sie nicht, einmal zur Hochzeit und tatsächlich zum 1. Geburtstag meiner Tochter.

Ich hatte von Anfang an bei meiner Schwiegermutter keine Chance!

Der Kernvorwurf mir gegenüber ist, dass ich ihren Sohn gestohlen habe bzw. noch immer stehle und ihn fern halte und nicht versucht hätte, ein gutes Verhältnis zu ihr aufzubauen. Und die Kinder halten wir auch fern, meint sie. Ich sehe das so, dass ich von Anfang an keine Chance hatte und dass man ihre Erwartungen nicht erfüllen kann. Am Anfang hoffte sie noch, dass ich wieder gehe, aber ich blieb.

Ich bin ein Mensch, der eigentlich mit vielen Leuten gut auskommt und auch eher das Gefühl hat, sich um andere kümmern zu müssen. Hier hatte ich von Anfang an keine Chance, egal, was ich gemacht habe, es war nie gut genug. Und ignoriert wurde ich bei vielen Treffen von ihr auch. Ich habe mir viele Gedanken gemacht, auch wie man helfen kann, aber das einzige, das mir einfällt, wäre: sie jeden Tag zu umsorgen. Und das kann und will ich nicht. Und wahrscheinlich würde es auch nicht reichen.

„Jedes Treffen ist eine Wundertüte.“

Wie fühlst du dich nach einer Begegnung mit ihr?

Unterschiedlich. Vorher oft sehr nervös bis hin zu Wutausbrüchen, danach gehen wir oft das Erlebte durch. Jedes Treffen ist eine Wundertüte: In welcher Phase steckt sie gerade? Was müssen wir bedenken? Jedes Treffen hängt oft noch etwas nach und wird von uns nachbesprochen. Die Treffen sind aber inzwischen so, dass ich auch Mal etwas mit ihr reden kann und mein Mann Mal mit ihrem Mann, der sehr am Ende ist.

Wen betrifft das von euch? Fühlst du dich nur so oder auch dein Mann?

Wir beide. Er kriegt es meistens ab. Sie klammert sehr an ihm und seit sie Whatsapp hat, gibt es Phasen, in denen sie mehrfach am Tag Sprachnachrichten schickt und ungefragt Fotos vom kaputten Zeh oder anderen Problemstellen schickt. Wenn es was über mich zu lästern gab, hat er es voll abbekommen. Sie fordert von ihm die Kümmererrolle. Er gibt inzwischen viel Kontra und appelliert an ihre Eigenverantwortung ihrem Leben gegenüber, weil keiner kommen wird, der sie rettet.

Über unsere Hochzeit und meine Schwangerschaft.

War das von Anfang an so oder hat sich euer Verhältnis so entwickelt? Wenn ja, gibt es eine Ursache?

Es gab immer wieder unschöne Momente. Unsere Hochzeit nach zehn Jahren: An diesem Tag hat mein nervöser Mann ihr geholfen sich anzuziehen und kurz vorher zu hören bekommen: ‚Heute ist kein Tag der Freude für mich, sondern ein Tag der Trauer. Ich verliere einen Sohn’…

Wir haben an der Nordseeküste geheiratet, die ganze Familie war in einem Hotel. Tatsächlich hat sie da erst meine Familie kennengelernt. Das lag einfach daran, dass es sich nie wirklich ergeben hatte, sie keine Freunde hat und sozial nicht so kompatibel mit Menschen ist.  Freundlichkeit kennt sie nicht so. Alle haben sich gut verstanden. Wir hatten ein Treffen mit allen vorher, sie kam nach mehrmaliger Aufforderung mit ihrem Partner 30 Minuten später, um sich danach zu beschweren, dass keiner Interesse an ihnen hätte. Ebenso beim Frühstück. Alle schon da, sie kommen, setzen sich an einen anderen Tisch und heulen, dass keiner kommt… So in etwa ist es immer.

Mir wurde von meiner Schwiegermutter Schuld an der Fehlgeburt unterstellt.

Dann wurde ich schwanger. Zwei Jahre nach einer frühen Fehlgeburt. Erstmal wurde mir etwas Schuld an der Fehlgeburt unterstellt. (‚Wie kommt das?‘) Während der Schwangerschaft wurde immer nur gefragt, wie es dem Baby geht und ob ich sie auch nicht anlügen würde, wenn ich meinte, dass alles gut sei. Als wir in den Urlaub flogen, gab es ein Donnerwetter wie ich das ungeborene Baby so gefährden könnte. Als ob mir nicht viel mehr daran lag, dieses Baby gesund zu bekommen…! Und dann kam der Klopper: Sie redete sich bei meinem Mann in Rage und meinte, dass sie das Kind, das im August geboren werden würde, frühestens zu Weihnachten sehen würde, dafür würde meine Familie bestimmt sorgen. Da war das Maß voll.

Was hast du dann gemacht? Bist du ins Gespräch gegangen? Wenn ja, wie?

Ich habe ihr einen Brief geschrieben. In dem stand, dass ich gerne ein gutes Verhältnis hätte, aber keine Chance kriege. Und auch ein paar Verteidigungen. Den Brief hatte ich kopiert. Dann hat mein Mann eins drüber bekommen So eine Keule, die müsste sie erst Mal verdauen, so ein schlimmer Brief. Er hat ihn gelesen und fand ihn ziemlich vernünftig und begründet. Und dann haben wir uns danach am Telefon richtig gestritten und die Vorwürfe auf den Tisch gepackt.

Probleme mit der Schwiegermutter: Sie steht nicht einmal mehr auf, wenn wir zu Besuch kommen!

Im Gespräch meinte sie ‚Du hast eine Mutter und einen Vater und dein Mann auch. Und nur um die müsst ihr euch kümmern‘. Dann meinte ich, dass ich dann ja keinen Kontakt zu ihr pflegen bräuchte, wenn sie das so sieht, aber das war natürlich auch falsch.

Den Kontakt zu meiner Schwiegermutter möchte ich dennoch nicht abbrechen!

Ich habe ihr mal gesagt, dass ich gerne ein besseres Verhältnis zu ihr hätte und sie meinte, ich solle sie einfach ganz normal behandeln. Das habe ich auch vorher schon versucht, klappt nicht so. Tatsächlich haben wir eine Zeitlang quasi jedes Telefonat 1-2 Tage aufgearbeitet, weil es uns so beschäftigt hat. Dann wollte sie den Kontakt abbrechen, das wäre ja besser für uns. Den Gefallen wollte ich ihr aber nicht tun, dann hätte ich sie ja weggeekelt. Sie hat öfters schon den Kontakt abgebrochen, aber immer nur ein paar Tagen dafür hängt sie zu sehr an meinem Mann, der ja viel regeln soll.

Wie sieht euer Weg heute aus?

Jeder Kontakt ist ein Herumtänzeln. Corona hat uns hier echt geholfen, da war es halt so, dass wir drei Monate nicht kommen dürften. Tatsächlich schickt sie gerade meinem Mann auch weniger Nachrichten. Aber die nächste Phase wird kommen. Es fühlt sich an wie ein Leben mit tickender Zeitbombe, die jeden Moment explodieren kann. Aber dass wir uns wirklich in echt Mal angebrüllt bzw. diskutiert haben, kam selten vor. Sie ist eher der Typ für hintenrum. Zumindest bei mir.

1 Mal habe ich Lob bekommen!

Es bleibt kompliziert. Für Außenstehende mögen unsere Besuche jetzt fast nett aussehen, aber es wird einfach auch viel nicht mehr angesprochen. Ich glaube: an sich ist es nun Okay, dass ich existiere. Aber das ist tagesformabhängig und kann schnell wieder kippen. Wirklich Lust sie zu besuchen haben wir eigentlich beide nicht, ab und zu steht es halt an. Da bin ich lustigerweise manchmal auch treibender als mein Mann. Übrigens: Einmal habe ich per Whattsapp ein tolles Lob von ihr zum Umgang mit unserer Tochter bekommen!

Ich habe jetzt durch deine Fragen wieder mehr über das Thema nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich das Ganze nicht mehr so persönlich nehme, wie ich es früher getan habe. Es liegt nicht an mir als Mensch, sondern an meiner Position (Frau des Sohnes) und daran, dass sie eh schwierig mit Menschen ist. Seitdem ich das für mich realisiert habe, kann ich etwas besser damit umgehen.


„Es muss sich einfach immer alles um sie drehen“, sagt Mama Eva* (*Name von der Redaktion geändert).

Liebe Eva, welche Probleme hast du mit deiner Schwiegermutter? Wo harkt es bei euch?

Meine Schwiegermutter ist eine absolute „Lästertante“ und lästert über ihre eigene Kinder sehr heftig bei ihrer Familie (also Oma, Tante etc. von meinem Mann). Das ist schon das Eine, was mich ungemein stört. Das andere ist, dass zwei Situationen vorkamen, die mir richtig zugesetzt haben. 1. Weihnachten 2018 (feiern mit der Familie meines Mannes mütterlicherseits mit ca 20/25 Personen) unser Sohn war grad 9 Wochen alt: Wir kamen die Tür rein und das Erste, was sie tat, war mir meinen Sohn aus den Armen zu reißen und in einen Raum zu verschleppen. Da ich von allen begrüßt wurde, war ich zu überfordert, um zu reagieren. Mein Sohn hat bis dahin seine Oma nur zwei Mal gesehen und auch direkt geweint. Die Anfangszeit war für mich auch nicht einfach, weshalb ich da zusätzlich Probleme hatte, mein Baby abzugeben.

Sie schießt jedes Mal irgendeinen Bock ab!

2. Situation, selbes Weihnachten: Mein Mann und ich haben knapp eine Woche vorher standesamtlich geheiratet, ohne es jemandem zu sagen. An Weihnachten haben wir es verkündet. Sie hat sich wie ein kleines Kind auf der Couch zusammengekauert und geheult, weil wir sie angelogen hätten und fängt an, über mich in meinem Beisein zu lästern (zwei Tage vorher waren wir bei ihr zum Essen eingeladen und auf ihre Frage, ob wir verlobt seien, wegen der Ringe, habe ich mit Nein geantwortet).

Sie hat uns nie gratuliert.

Ich kann verstehen, dass sie vielleicht enttäuscht war, nicht dabei gewesen zu sein. Aber das war tatsächlich nicht deswegen der Fall, sondern wegen der Lüge. Obwohl sie selbst die Meisterin der Lügengeschichten ist. Ich war durch diese Reaktion stinksauer und sie hat weder mir, noch ihrem Sohn jemals gratuliert, bis heute noch nicht. Trotz anschließender Hochzeitsfeier mit der gesamten Familie. Prinzipiell muss man sich drauf einstellen, dass meine Schwiegermutter jedes Mal irgendeinen Bock abschießt, bisher war das immer so, wenn wir bei der Familie waren (sogar am 1. Geburtstag unseres Sohnes)

Sie braucht volle Aufmerksamkeit!

Es muss sich einfach immer alles um sie drehen. Tut es das nicht, gibt es Drama, weil sich dann alle Aufmerksamkeit auf sie richtet. Und so ein Verhalten HASSE ICH!

Wie fühlst du dich nach einer Begegnung mit ihr?

Ich fühle mich meistens erschöpft, weil ich zuhöre und lächle und höflich bleiben möchte. Ich aber fühle und denke: halt bitte endlich deinen Mund! Ich möchte aber natürlich auch nicht total auf Kriegsfuß gehen, da wir uns zwangsläufig immer wiedersehen werden, z.B. nächstes Weihnachten.

Mein Mann fühlt sich sehr verpflichtet.

Wen betrifft das von euch? Fühlst du dich nur so oder auch dein Mann?

Meinen Mann betrifft es deutlich mehr als mich. Immer, wenn er alleine bei ihr war, kommt er meistens total entnervt wieder. Sie ist so unfair und erwartet, dass ihre Kinder alles für sie tun müssen, obwohl sie nie ne gute Mutter war (mein Mann wurde z.B. verprügelt.) Mein Mann ist Handwerker, er kann fast alles und hat ihr ein komplettes Haus innerhalb von 9 Monaten renoviert. Es gab nie ein Danke oder ein „gute Arbeit“. Sie hat immer nur über ihn geschimpft und gemeckert, dass er meistens total aufgelöst nach Hause kam. Das gab natürlich zwischen uns auch Stress, weil ich es einfach nicht verstanden habe, warum er das noch mitmacht und ihr das Haus renoviert bei so einem Verhalten.

Ich denke, für ihn ist es deutlich mehr toxisch, als für mich, denn ich kann mich mehr abgrenzen. Er fühlt sich immer mal wieder verpflichtet, für sie am Haus was zu machen und sie zu besuchen. Ich nicht.

Ich mochte sie von Anfang an nicht.

War das von Anfang an so oder hat sich euer Verhältnis so entwickelt? Wenn ja, gibt es eine Ursache?

Meine Abneigung ihr gegenüber war von Anfang an da, da ich sie sehr spät erst kennengelernt habe, aber schon sehr viel von ihr gehört hatte, was mein Mann und seine Schwester (die übrigens nichts von ihrer Mutter wissen will) immer wieder so erzählt hatten.

Ich meide meine Schwiegermutter.

Welche Wege bist du schon gegangen, um mit ihr ins Gespräch zu kommen? Und was hat sich danach verändert?

Tatsächlich habe ich noch nichts getan, also kein Gespräch gesucht oder so. Weil ich weiß bzw. das Gefühl habe, dass das nichts bringen wird. Das gibt ihr nur wieder Zündstoff, um über uns herzuziehen. Zumal sie sowieso alles abstreitet, wenn man sie z.B. mit einer Lüge konfrontiert. Ich fahre damit sehr gut, dass ich sie einfach meide. Und ich fühle mich auch nicht verpflichtet, auch nicht wegen meines Sohnes. Es reicht mir absolut, sie drei Mal im Jahr zu sehen (Ostern, Geburtstag von unserem Sohn und Weihnachten). Und damit geht es mir sehr gut.

Wie sieht euer Weg heute aus? (Haltet ihr mehr Abstand, erzählt ihr weniger, zeigt ihr klare Grenzen auf?)

Wenn wir in den Feiern da sind, dann sind zum Glück genügend Leute um uns herum. Ich meide sie, so gut es geht. Natürlich halten wir mal Small Talk und ich frage, wie es ihr geht. Aber mehr muss dann auch nicht sein.


„Beziehungen sind so individuell wie die beteiligten Menschen.“

Annika Rötters, Diplom-Psychologin

Liebe Annika, die Beziehung zu der Schwiegermutter ist eine Besondere – sie kann einfach wundervoll, aber – wie in diesen beiden Fällen – auch sehr belastend sein. Wie würdest du sie als Psychologin beschreiben? Was macht sie so besonders?

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Foto: Michele Rötters

Eine Schwiegermutter kann wie eine zweite Mutter für uns werden – unsere Beziehung zu unserer Schwiegermutter steht oft in direktem Zusammenhang zu den familiären Beziehungen innerhalb der Schwiegerfamilie (konkret der Beziehung zwischen unsere*m Partner*in und seiner*ihrer Mutter). Im Gegensatz zu unserer eigenen Mutter kennen wir und unsere Schwiegermütter uns jedoch nicht bereits seit der Kindheit, sondern sind uns in vielen Fällen erst im Erwachsenenalter begegnet.

„Die Loslösung aus der „alten Kernfamilie“ kann je nach Familienkonstellation sehr unterschiedlich aussehen.“

Je unterschiedlicher jetzt gegebenenfalls die Strukturen unserer Kernfamilien waren, desto größer das Konfliktpotenzial: Wenn ich beispielsweise aus meiner Kernfamilie „gewohnt“ bin, dass Konflikte stets offen angesprochen werden, meine Schwiegerfamilie aber eher subtil kommuniziert, werde ich sie möglicherweise als „konfliktscheu“ wahrnehmen, während sie mich gleichzeitig als „unsensibel“ wahrnehmen. Mit der Lebenspartnerschaft gründen mein*e Partner*in und ich eine eigene Familie – dies bedeutet auch, dass wir jetzt beide eine „neue Kernfamilie“ haben. Die Loslösung aus der „alten Kernfamilie“ kann je nach Familienkonstellation sehr unterschiedlich aussehen. Hier müssen wir in der Regel gar nicht so weit im Bekanntenkreis gehen, um von „Telefonieren vielleicht einmal im Monat und sehen sich zu Familienfeiern“ bis hin zu „telefonieren täglich und sehen sich mindestens viermal die Woche“ nahezu alles beobachten zu können.

„Ein weiteres besonderes Konfliktpotenzial liegt vor, wenn ein Gefühl von Konkurrenz entsteht.“

Was die Beziehung zur Schwiegermutter besonders macht, ist die Tatsache, dass mein*e Partner*in mit ihr aufgewachsen ist – d.h., das Erziehungsverhalten etwa meiner Schwiegermutter hat meine*n Partner*in beeinflusst und es ist durchaus möglich, dass ungelöste Konflikte mit Schwiegereltern über kurz oder lang auch (möglicherweise in anderer Form) in der Partnerschaft auftauchen.

Jede Familie darf einen eigenen Weg finden.

Ein weiteres besonderes Konfliktpotenzial liegt vor, wenn ein Gefühl von Konkurrenz entsteht. Ich höre oft von Schwiegermüttern, denen systematisch jede*r Parter*in „nicht gut genug“ für ihr Kind ist, oder die sich (und ihre Beziehung) in unmittelbaren Vergleich zur Partnerschaft ihres (erwachsenen) Kindes setzen – hierbei können alle Beteiligten nur verlieren. Letztendlich bedeutet eine Lebenspartnerschaft neben der Gründung einer neuen Kernfamilie auch die Erweiterung des Familienkreises um die bisherige Kernfamilie meiner*s Partner*in*s – und auch wenn die Gesellschaft hierfür vermeintliche „Konditionen“ anbietet, sind die tatsächlichen Beziehungen (und Beziehungsqualitäten) zwischen Eltern, Kindern und Schwiegereltern im Erwachsenenalter sehr divers und jede Familie darf für sich den Weg finden, der für Alle am besten ist.

„Ein Konflikt mit der Schwiegermutter beinhaltet oft auch „Nebenschauplätze“ in der Kommunikation mit etwa Partner*in.“

Was können wir tun, wenn uns die Schwiegermutter nicht gut tut? Welche Strategien können wir fahren?

Pauschale Ratschläge sind hier schwierig, denn Beziehungen sind so individuell wie die beteiligten Personen. Ein Konflikt mit der Schwiegermutter beinhaltet oft auch „Nebenschauplätze“ in der Kommunikation mit etwa Partner*in. Die wenigsten Beziehungen sind tatsächlich bidirektional (also ausschließlich in zwei Richtungen) – oft wird die Beziehung zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn*tochter mitbeeinflusst durch die Beziehung innerhalb der Partnerschaft, die Beziehungen zu Schwagern und Schwägerinnen, zum Schwiegervater und zu den eigenen Eltern (bzw. den Beziehungen des*der Partner*in*s zu den eigenen Eltern). Dazu ist es bei einer psychischen Erkrankung noch einmal besoders und noch schwerer, von außen „Ratschläge“ zu geben.

Es kann also durchaus sinnvoll sein, sich hier einmal alle relevanten Strukturen anzuschauen und gegebenenfalls das Kommunikationsquadrat von F. Schulz von Thun heranzuziehen – wer kommuniziert wie mit wem?

Bewusstes Kommunizieren kann helfen.

Wir können uns bewusst machen, dass die Kommunikation einer anderen Person (mit und über uns) immer mehr über die Person aussagt, als über uns.

Wir können eine Schwiegermutter, die „nicht gut tut“ nicht an unserem Kern-Familienleben beteiligen – indem wir etwa bewusst nur das kommunizieren, was wir mitteilen wollen.

Letztendlich können wir auch den physischen Kontakt einschränken. Konkrete Strategien müssen im Einzelfall passen, hier kann keine grundsätzliche Empfehlung zum Kontaktabbruch stehen – genauso wenig, wie hier pauschal empfohlen werden kann, immer wieder das konstruktive Gespräch zu suchen. Was hier aber gesagt werden kann ist: Beziehungen sind so individuell wie die beteiligten Menschen. Was für euch persönlich eine gute Lösung ist, muss das nicht für andere sein – und umgekehrt.

Die „Sandwich- Methode“ hilft, um Kritik gut anzubringen.

Wie können wir Kritik gut anbringen?

Zunächst müssen wir uns bewusst machen, dass jede Kommunikation zwischen einer*m Sender*in und einer*m Empfänger*in auf verschiedenen Wegen stattfindet – da gibt es neben der Sachebene die emotionale Ebene, jede Kommunikation enthält zudem einen Anteil Selbstauskunft über den*die Sprecher*in und Beziehungshinweise. Der*die Hörer*in sucht gleichzeitig einen Appell. Gerade bei der Äußerung von Kritik ist das Potential für Konflikte hoch.

Es gibt kommunikativ verschiedene Techniken, Kritik zu üben – eine sehr bekannte Technik ist etwa die „Sandwich- Methode“ aus dem Feedback, bei der wir eine konstruktiv kritische Botschaft zwischen zwei positive Botschaften stellen. Die positiven Botschaften sind also quasi wie das Brot um den (konstruktiv kritischen) Inhalt. Auch die Prinzipien der GfK (gewaltfreien Kommunikation) können hilfreich sein, Konfliktgespräche gut vorzubereiten.

Wann macht ein Kontaktabbruch zur Schwiegermutter Sinn?

Ab wann siehst du als Psychologin einen Kontaktabbruch als sinnvoll an?

Wenn wir feststellen, dass die Kommunikation mit der Schwiegermutter grundsätzlich nicht gut tut (vielleicht sogar schadet) und hier keine konstruktive gemeinsame Beziehungsebene gefunden werden kann, kann es auch sinnvoll sein, den Kontakt vollständig abzubrechen – so ein Kontaktabbruch ist gleichzeitig nichts, was leichtfertig (oder gar im Streit spontan) entschieden werden sollte. Es ist keine Lösung, sondern ein bewusstes Beenden der Situation – und hier gibt es stets das Potenzial, dass die ungelösten Beziehungskonflikte möglicherweise in anderen Beziehungen wieder aufleben.


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