Spätabbruch. Ein äußerst sensibles und hoch emotionales Thema. Ich möchte es aufgreifen, weil ich aus eigener Erfahrung in meiner Praxis weiß, in welcher Situation sich Schwangere befinden. Wie schwer es ist, diese Entscheidung zu treffen. Und wie wichtig, dass – in solchen Zeiten – Menschen an der Seite stehen, die die betroffenen Frauen liebevoll tragen.


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Frauenärztin & MutterKutter-Autorin Dr. Judith Bildau

Ein Thema, über das ich sprechen möchte. Auch, um eventuelle Vorurteile gegenüber den Frauen abzubauen, die – wie unsere Interviewpartnerin Anne* – sich dazu entschieden haben, ihr Kind aus ihren ganz persönlichen Gründen heraus nicht weiter auszutragen. Ich bin froh, dass Anne sich bereit erklärt hat, uns ihre Geschichte zu erzählen.

Außerdem habe ich meinen Mann Prof. Dr. med. Roland Axt-Fliedner interviewt. Er kann als Experte auf dem Gebiet der pränatalen Medizin fundiert etwas zu dem Thema sagen.

Ich bitte euch – wie auch schon beim ersten Beitrag zum Thema Abtreibung: Lasst uns eine faire Diskussion führen. Denn auch beim Thema Spätabbruch geht es – wie immer: um Menschen. Und Gefühle.

Eure Judith

*Name von der Redaktion geändert.


Liebe Anne, ich danke dir von Herzen, dass du uns deine Geschichte erzählen möchtest. Es ist ein sehr schwieriges, sehr emotionales Thema, dem wir uns zuwenden möchten- ‚Schwangerschaftsabbruch nach medizinischer Indikation‘. Bitte erzähle uns: Du warst schwanger und musstest irgendwann erfahren, dass dein Kind nicht gesund ist. Wie kam es dazu?

Um meine Geschichte zu verstehen, hole ich kurz ein wenig aus. Mein Mann und ich waren uns einig, dass wir es im Frühjahr 2017 wieder probieren konnten, ein weiteres Kind in unserer Familie willkommen zu heißen. Bei unserer ersten Tochter dauerte es sieben Monate bis sie sich zu uns auf den Weg gemacht hatte. Von daher war ich etwas verdutzt und irritiert, als ich nach nur einem Monat einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt. Die Schwangerschaft verlief normal.

Spätabbruch: Beim großen Organultraschall sagte mir der Frauenarzt, dass es sehr schlecht aussehen würde für unser Kind.

Wie es dazu kam, dass wir erfuhren, dass unsere Tochter nicht lebensfähig sein kann, weiß ich leider noch, als ob es erst gestern gewesen wäre. Es war ein Montagnachmittag. Mein Mann setzte mich bei meinem Frauenarzt ab. Er wollte um die Ecke mit unserer Großen schnell einkaufen gehen und mich dann gleich abholen. Es stand der große Organultraschall an.

Mein Frauenarzt fing mit dem Ultraschall an und fragte mich nach kurzer Zeit, ob ich gemerkt hätte, dass ich Fruchtwasser verloren hätte. Es wäre nur ganz wenig vorhanden. Auch würde etwas mit der Wirbelsäule nicht stimmen. Diese wäre verkrümmt oder gestaucht. Er meinte, dass es sehr schlecht aussehen würde für unser Kind. Er bot mir an, mit meinem Mann nach der Sprechstunde noch einmal vorbeizukommen, damit er es ihm auch noch einmal erklären könnte. Er würde jetzt gleich schon einmal im Klinikum anrufen und einen Termin für den folgenden Tag zur genaueren Diagnosestellung vereinbaren.

Ich rannte aus der Praxis raus. Rief meinen Mann panisch an und fragte ihn, wo er denn sei. Ich rannte den kurzen Weg weiter zum Supermarkt. Er stand auf dem Eltern-Kind-Parkplatz. Ich fiel buchstäblich in seine Arme und erzählte im alles. Wir organisierten eine Betreuung für unsere große Tochter und nahmen den Termin nach der Sprechstunde abends bei meinen Frauenarzt wahr. Er hatte in der Zwischenzeit schon einen Termin im Klinikum für den nächsten Tag vereinbart.

Spätabbruch: Ich hätte meine Tochter auch weiter austragen können.

Der Chefarzt der Frauenklinik am nächsten Tag nahm sich viel Zeit. Er machte den Ultraschall und konnte uns danach eine Diagnose stellen. Unsere Tochter hat das Vacterl-Syndrom. Es war so stark ausgeprägt, so dass sie nicht leben können würde. Er erklärte uns weiter, dass ich alle Möglichkeiten hätte. Ich könnte meine Tochter weiter austragen. Die Wahrscheinlichkeit wäre sehr hoch, dass sie im weiteren Verlauf der Schwangerschaft aufgrund des massiven Herzfehlers im Mutterleib versterben würde. Ich dürfe aber auch wegen der Diagnose eine medizinisch indizierte Abtreibung vornehmen.

Wie ging es dann weiter? Ihr hattet also eine Diagnose. Was waren deine Gedanken, deine Gefühle?

Seit der 100 prozentigen Diagnose, dass meine Tochter nicht lebensfähig ist, war ich auch irgendwie erleichtert. Bitte nun nicht falsch verstehen. Die Erleichterung bezog sich auf mein Bauchgefühl und meinen Körper. Seit ich den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hatte, hatte ich ganz tief in meinem Inneren ein komisches Gefühl.

Ich wusste innerlich schon seit Beginn an, dass etwas nicht stimmt.

Ich konnte es nicht festmachen. Es kam immer wieder, warum auch immer, der Gedanke auf, hier stimmt etwas nicht. Diesen Gedanken verbannte ich immer sehr schnell und ließ ihn erst gar nicht an die Oberfläche kommen. „Da wird schon alles gut gehen“, sagte ich mir immer wieder. Und nun stimmte mein Gefühl doch! Ich hätte doch darauf vertrauen können! Der Bauch war irgendwie komisch…Bewegungen waren kaum zu spüren. Mir ist bewusst, dass die 20. SSW früh ist, um Bewegungen zu spüren, aber da war nichts wahrzunehmen. Gar nichts.

Wie habt ihr euch in dieser schwierigen Situation betreut gefühlt? Von den Ärzten? Ward ihr in einem speziellen Zentrum?

Wir wurden noch am gleichen Tag, an dem wir im Klinikum waren, an die Schwangerenkonfliktberatung verwiesen. Es tat so gut, mit jemanden in einem geschützten Raum darüber sprechen zu können! Mein Entschluss, meine Tochter nicht weiter auszutragen, stand in mir sehr schnell fest. Ihn dann wirklich auszusprechen, war etwas ganz anderes. Nach Gesetzeslage muss zwischen der Diagnosestellung und der Abtreibung ein gewisser Zeitraum liegen, um sich Gedanken zu machen.

Spätabbruch: Meine Hebamme bereitete mich auf die Abtreibung vor.

In dieser Zeit schrieb ich eine Liste, was für und gegen eine Abtreibung sprechen würde. Ich sprach mit meiner besten Freundin drüber, natürlich auch mit meinem Mann. Ich hatte meine Hebamme an meiner Seite. Als ich den Entschluss dann laut ausgesprochen hatte, tat es gut nicht tatenlos bis zur nächsten Woche rumzusitzen. Wir organisierten eine Bestatter. Machten noch ein Familien- und Babybauchshooting. Meine Hebamme bereitete mich auch die Abtreibung vor.

Spätabbruch: Ich habe viel geweint. Und mich entschuldigt.

Ich fühlte mich gut betreut. Dennoch war diese Zeit von der Diagnose bis zur Geburt unserer Tochter eine merkwürdige Woche. Noch schwanger zu sein und dennoch zu wissen, es bald nicht zu sein und kein Kind mit nach Hause bringen zu können. In dieser Woche hatte ich Angst davor, meine Tochter zu spüren und gleichzeitig freute ich mich aber über jede Bewegung. Ich hab viel geweint, was gut tat. Ich habe mich bei meiner Tochter entschuldigt.

Wie bist du/ seid ihr zu der Entscheidung gelangt, die Schwangerschaft nicht weiter auszutragen? Was waren diesbezüglich deine Sorgen?

Wie schon gesagt für mich stand die Entscheidung die Schwangerschaft nicht weiter zu führen relativ schnell fest. Ich hatte dennoch viele Fragen an den Arzt.

Würde meine Tochter Schmerzen verspüren?
Bestünde die Möglichkeit, dass sie nach der Geburt lebt?

Meine Hebamme war Gold wert in dieser Zeit und danach. Sie erklärte mir alles. Nahm sich Zeit, oft bis zu einer Stunde. Vom Gefühl her konnte ich keine Schwangerschaft fortführen, die kein gutes Ende hat. Jeden Tag zu erleben, ihre Bewegungen zu spüren und zu wissen, dass meine Tochter so oder so sterben wird. Ich konnte es nicht.

Spätabbruch: Die eigentliche „Geburt“ war hart.

Wie hast du den Abbruch als Eingriff erlebt?

Der Eingriff, eigentlich ja eine Geburt, war hart, aber auch gleichzeitig heilend. Ich erhielt Medikamente, die die Schwangerschaft beendeten und die Geburt einleiteten. Ich wurde stationär auf der gynäkologischen Station aufgenommen. Ich hatte ein Einzelzimmer. Mein Mann bekam auch ein Bett und durfte die ganze Zeit bei mir sein. Mir wurde gesagt, dass es aber dauern kann – bis zu 3 Tage. Mein Bauchgefühl sagte etwas anderes. Und meine Gefühl hatte auch diesmal wieder recht.

Nach der zweiten Tablette gegen 13 Uhr fingen die Wehen an und ich bekam ziemlich schnell Blutungen. Die Wehen wurden sehr schnell sehr schmerzhaft und die Blutungen wurden auch stärker. Ich kam gegen 14 Uhr in den Kreißsaal. Ich wurde in ein Wehenzimmer gelegt und bekam etwas gegen die Schmerzen. Von diesem Medikament wurde ich vom Gefühl auch etwas high. Die Wehen ließen sich gut ertragen. Mein Mann hielt die ganze Zeit meine Hand.

Die Fehlbildungen meiner Tochter waren schlimmmer als angenommen.

Gegen 17 Uhr wollte ich eine PDA haben, da die Wehen nun wirklich heftig waren und das Medikament nach ließ. Ich wurde kurz untersucht. Es war zu spät für eine PDA. Um 17.20 Uhr kam meine Tochter zu Welt. In dem Moment, in dem sie zur Welt kam, ließ ich gefühlt einen Urschrei los. Meine Tochter wurde sofort weggebracht und ich kam direkt in den OP für die Ausschabung. Ich bekam eine Rückenmarksanästhesie, damit ich danach so schnell wie möglich zurück zu meinem Mann und Tochter konnte.

Zurück im Zimmer wurde sie uns gebracht. Sie war in ein kleines Körbchen gelegt und zugedeckt. Es sah aus, als ob sie schlafen würde. Nun konnte man erkennen, dass ihre Fehlbildungen noch schlimmer waren als angenommen. Ihre Beine waren ab der Hüfte zusammen gewachsen. Es sah aus wie bei einer Meerjungfrau. Sie hatte keine Füße. Mann ließ uns Zeit, sie kennenzulernen und uns gleichzeitig zu verabschieden.

Nach dem Spätabbruch: Bei der Beerdigung waren wir nur zu 2.

Wie ging es dir danach? Und wie geht es dir heute?

Danach hab ich in einer ziemlichen Blase gelebt. Für unsere Tochter nähte ich noch einen Pucksack. Kaufte ihr ein Kuscheltier. Wir wählten ein Grabgesteck aus. Einen Tag vor der Beerdigung haben wir sie noch einmal besucht. Ich wickelte sie in ihren Pucksack und gab ihr ihr Kuscheltier.

Bei der Beerdigung waren nur mein Mann und ich anwesend. So hat es sich richtig angefühlt. Sie liegt nun neben meiner Oma. Ich ging weiter zur Konfliktberatung. Und das tat so gut. Meine Betreuuerin war einfach super! Mein Körper konnte diese Schwangerschaft gut verarbeiten. Nach 5 Wochen hatte ich das erste Mal wieder meine Periode. Wir warteten noch einen weiteren Zyklus ab und legten dann wieder los um ein drittes Kind in unserer Familie willkommen zu heißen. Wir waren halt noch nicht komplett.

Ich wurde wieder schwanger.

Ich wurde dann wieder relativ schnell schwanger. Und diesmal fühlte es sich gut an. Ich hatte zwar wahnsinnige Angst, dennoch war es anders. Ich ging weiter zur Konfliktberatung und konnte dort meine Ängste und Gedanken verarbeiten. So merkwürdig es klingt, nach der Geburt unseres Regenbogenkindes fühlt sich unsere Familie komplett an. Ich habe immer gesagt, dass ich drei Kinder haben möchte. Und dass habe ich nun. Das alles gehört zu unserer Familiengeschichte.

Spätabbruch: Es gibt kein richtig oder falsch!

Wie hat euer Umfeld auf eure Entscheidung reagiert?

Unser Umfeld hat durchweg unterstützend auf unsere Entscheidung reagiert. Keine negativen Kommentare oder Meinung.

Gibt es etwas, was du Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind, mit auf den Weg geben möchtest?

Mein Ratschlag für alle Frauen, die in so einer Situation sind, ist zu reden und Fragen zu stellen. Ohne die Konfliktberatung hätte ich die Geburt meiner zweiten Tochter nicht so gut verarbeitet. Und es gibt kein richtig oder falsch. Die Frau und ggf. ihr Mann muss damit umgehen und kein anderer sollte oder darf sich über die Entscheidung ein Urteil bilden.


Spätabbruch – das Experteninterview mit Prof. Dr. med. Roland Axt-Fliedner
Spätabbruch
Prof.Dr. med. Roland Axt-Fliedner I Foto: Thomas X.Stoll, TXS PICTURES (x)

Dr. med Axt-Fliedner ist Leiter der Abteilung für Pränatalmedizin und fetale Therapie der Universitätsklinik Gießen. Er verfügt über die höchste Qualifikation der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin, Stufe DEGUM III.

Lieber Roland, Schwangerschaftsabbrüche nach medizinischer Indikation- was genau bedeutet das eigentlich genau?

Schwangerschaftsabbrüche können nicht nur nach Fristenregelung (auch Beratungsregelung genannt) durchgeführt werden, sondern auch nach medizinischer Indikation.

Spätabbruch: Die medizinische Indikation muss von einer Ärztin oder einem Arzt ausgestellt werden.

Voraussetzung dafür ist, dass die Ärztin oder der Arzt zu der Einschätzung gelangt, dass die Schwangerschaft eine schwere Gefahr für das Leben oder die körperliche oder seelische Gesundheit der Schwangeren bedeutet und die Gefahr nicht auf eine andere für sie zumutbare Weise abgewendet werden kann.

Zu dieser Einschätzung kann eine Ärztin oder ein Arzt zum Beispiel kommen, wenn eine pränataldiagnostische Untersuchung ergibt, dass mit einer erheblichen gesundheitlichen Schädigung des Kindes zu rechnen ist und die körperliche oder seelische Gesundheit der Frau durch das Austragen der Schwangerschaft ernsthaft gefährdet wäre. Die medizinische Indikation muss von einer Ärztin oder einem Arzt ausgestellt werden.

Wir hatten vor Kurzem ja das Thema ‚Schwangerschaftsabbruch nach Fristenregelung‘ auf dem Mutterkutter. Ganz kurz erklärt: Was genau ist der Unterschied?

Der Schwangerschaftsabbruch nach Fristenregelung oder Beratungsregelung (§ 218a) darf dann erfolgen, ist also straffrei, wenn seit der Empfängnis nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sind. Dies entspricht der 14. Schwangerschaftswoche, wenn nicht vom Tag der Empfängnis, sondern vom ersten Tag der letzten Regelblutung gerechnet wird. Dafür muss die Schwangere den Schwangerschaftsabbruch verlangen und an einer staatlich anerkannten Beratungsstelle eine Konfliktberatung wahrgenommen und einen Beratungsschein erhalten haben. Zwischen der Ausstellung des Beratungsscheins und dem folgenden Eingriff müssen mindestens drei Tage liegen.

Spätabbruch – mit medizinischer Indikation auch nach der 12. Woche möglich.

Ein Schwangerschaftsabbruch mit medizinischer Indikation ist, anders als bei der Beratungsregelung, auch nach der zwölften Woche nach Empfängnis straffrei möglich, also auch in einer sehr weit fortgeschrittenen Schwangerschaftswoche.

Dafür gibt es natürlich auch gesetzlich festgelegte Regelungen. So müssen zwischen der Mitteilung der ärztlichen Diagnose und der schriftlichen Indikationsstellung drei volle Tage liegen, es sei denn, das Leben der Schwangeren ist in unmittelbarer Gefahr. Vor der Ausstellung der medizinischen Indikation muss die Schwangere ärztlicherseits über die medizinischen Aspekte eines Schwangerschaftsabbruchs beraten und über die Möglichkeit einer psychosozialen Beratung informiert werden.

Ärztin oder Arzt sind verpflichtet, der Schwangeren auf ihren Wunsch hin Kontakte zu Beratungsstellen zu vermitteln. Die Schwangere muss, wenn ihr die ärztliche Indikation ausgehändigt wird, der Ärztin oder dem Arzt schriftlich bestätigen, dass sie ärztlich beraten und auf die Möglichkeit der Beratung durch weitere Stellen hingewiesen wurde. Außerdem darf der Schwangerschaftsabbruch nicht von der Ärztin oder dem Arzt vorgenommen werden, der oder die die Indikation ausgestellt hat.

Spätabbruch: Ärztinnen und Ärzte sind nicht verpflichtet, einen solchen Abbruch vorzunehmen.

Aber wie funktioniert so ein Abbruch dann in einer späteren Schwangerschaftswoche?

Ab etwa der 20. Woche nach Empfängnis steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind die eingeleitete Geburt überlebt und auch lebensfähig ist. In diesem Fall sind Ärztinnen und Ärzte ethisch und juristisch verpflichtet, das Kind am Leben zu erhalten.

Mit dem Einverständnis der Schwangeren kann deshalb vor der Geburt ein sogenannter Fetozid durchgeführt werden. Das heißt, dass in das Herz oder die Nabelschnurvene des Kindes eine Kaliumchloridlösung gespritzt wird, die zu einem sofortigen Herzstillstand und somit zum Tod des Kindes führt. Den Herzstillstand kann man auch auf andere Weise erzeugen. Vor oder nach dem Schwangerschaftsabbruch werden die Eltern wahrscheinlich um die Einwilligung zu einer Gewebeentnahme oder Obduktion des Kindes gebeten. Dies kann im Hinblick auf eine neue Schwangerschaft sinnvoll sein.

Ärztinnen und Ärzte sind nicht verpflichtet, einen solchen Abbruch vorzunehmen. Auch Hebammen können ablehnen, daran mitzuwirken. In vielen Kliniken entscheidet ein Ethikrat, der aus ärztlichem Personal, Hebammen, Seelsorgern und Psychologen besteht, gemeinsam über die Durchführung eines Spätabbruchs.

Beratungen zum Spätabbruch können mehrfach erfolgen.

Und nun ganz praktisch: Wie können wir uns das vorstellen? Ein werdendes Elternpaar erhält eine schwerwiegende Diagnose für ihr Baby. Wie geht es dann weiter?

Die werdenden Eltern erhalten ausführliche, ergebnisoffene Beratungen von verschiedenen beteiligten Fachdisziplinen, häufig sind es spezialisierte Kinderärzte, Humangenetiker und Psychologen. Speziell die Beratungen der Kinderärzte, die den Eltern eine Idee zu den langfristigen Konsequenzen der Erkrankung des Babys geben können, sind aus medizinischer Sicht sehr wichtig. Diese Beratungen können, sofern es gewünscht wird, mehrfach erfolgen, bis die Entscheidungsfindung abgeschlossen ist.

Werden die werdenden Eltern und überhaupt die restliche Familie auch psychologisch betreut?

Den Eltern werden immer psychologische Beratungsangebote unterbreitet, einmal in der Akutsituation, aber auch mittelfristig. Viele Eltern nehmen diese Angebote dankbar an, manche Paare finden bei der Familie die nötige Unterstützung.

In Deutschland gibt es Palliativteams.

Ich habe neulich bei Mutterkutter von einem perinatalen Hospiz in Rom berichtet. Dort gibt es die Möglichkeit für die Eltern, auch wenn das Kind nach der Geburt nicht lebensfähig ist, ihr Baby auf die Welt zu bringen und es dann palliativ betreuen zu lassen. Gibt es so etwas auch in Deutschland?

Ein perinatales Hospiz gibt es, soweit ich informiert bin, in Deutschland noch nicht. Wir betreuen die Paare gemeinsam mit dem Palliativteam hier an der Universitätsklinik in Gießen. Hierbei werden die Eltern von speziell geschulten Krankenschwestern und Kinderärzten über die möglichen Aspekte einer Palliativversorgung zu Hause informiert. Das Palliativteam steht den Paaren dann auch in dieser Phase zur Seite.

Vielleicht kommen manche Frauen und werdenden Eltern ja nach einem Spätabbruch in einer weiteren Schwangerschaft zu Untersuchungen zu dir. Was ist deine Erfahrung, wie wird ein Spätabbruch und die darauffolgende Geburt des toten Kindes von den Eltern verkraftet?

Ja, das stimmt, ich habe viele Schwangere in der Folgeschwangerschaft betreut. In aller erster Linie kommen sie dann, um Gewissheit zu erhalten, dass ihr Baby nicht erneut ein schwerwiegendes Problem haben wird. Bei dieser Untersuchung bleibt häufig nur ein kurzer Moment, um über die schwere Zeit zu sprechen.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Schwangeren in vielen Fällen gut mit der Situation auskommen. Das mag aber auch daran liegen, dass ich nur die Frauen wieder sehe, die noch eine weitere Schwangerschaft haben. Frauen und Paare, die mit der Entscheidung hadern, eventuell nie mehr eine Schwangerschaft hatten, sehe ich naturgemäß nicht mehr.

Spätabbruch: “ Ich wünsche mir, dass sich die Paare die Zeit zur Entscheidung nehmen sollen, die sie benötigen.“

Gibt es etwas, was du schwangeren Frauen, Paaren, werdenden Eltern, die sich in einer solchen Situation befinden und eine solche Entscheidung treffen müssen, mit auf den Weg geben möchtest?

Das ist sehr, sehr schwierig. Ich persönlich und auch als Vater, empfinde diese Situation als eine Tragödie. Ich wünsche mir, dass sich die Paare die Zeit zur Entscheidung nehmen sollen, die sie benötigen.

Sie sollen sich durch nichts und niemanden unter Druck setzen lassen und sich über ihre Entscheidung völlig im Klaren sein. Auch wenn das natürlich wahnsinnig schwer ist. Ich bin froh, dass der Gesetzgeber bei der medizinischen Indikation auch eine mindestens dreitägige Frist nach Diagnosestellung gesetzt hat.

Meine Erfahrung zeigt allerdings, dass der Zeitraum bei uns nach Diagnosestellung und Bescheinigung einer medizinischen Indikation deutlich länger ist. Und das ist auch gut so.

Ich bin mit meinem Team auch für die Durchführung des Eingriffs verantwortlich.

Wie gehst du persönlich, als Arzt, als Mensch, mit all den Erfahrungen, die du in den ganzen Jahren in der Pränatalmedizin gemacht hast, um?

Ich persönlich empfinde es so: Meine Rolle ist die exakte Diagnosestellung und die Organisation der besten Beratung für die Paare. Ich begleite sie häufig über Wochen, bis die Entscheidung nach allen Beratungen gefällt ist. Dann bin ich mit meinem Team für die Durchführung des Eingriffs verantwortlich. Ich persönlich empfinde es als nicht richtig, den werdenden Eltern eine infauste Diagnose mitzuteilen und sie danach ihrem Schicksal zu überlassen.

Ich sehe in meiner speziellen Ausbildung meine Aufgabe darin, die Menschen dann weiter zu begleiten und zu unterstützen. Egal, welchen Weg sie für sich gehen. Das ist ein Stück weit abstrakt, aber so schütze ich mich wahrscheinlich.

Falls ihr Hilfe in dieser Situation braucht: Hier geht es zur Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.

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