Gewalt unter der Geburt. Wir müssen reden. Über ein Thema, das Schätzungen zufolge 56 Prozent der Frauen betrifft. Ein Thema, das oft totgeschwiegen wird. Vielleicht aus Scham. Oder weil Betroffene das Erlebnis hinter sich lassen möchten. Vielleicht auch aus „nicht wissen“ heraus.

So erging es zumindest mir, Doro. Mir sagte eine Hebamme damals, dass meine erste Geburt „traumatisch“ gewesen sei. Ich habe meine Erlebnisse damals eher als „gehört wohl so“ hingenommen – und das Geschehene nicht hinterfragt. Meine Geschichte(n) werde ich noch erzählen. Hierzu habe ich schon die betreffende Klinik angefragt – ein Interview soll ich im Herbst bekommen. Warum wir dieses Thema angehen?


Dieser Text enthält unbeauftragte Werbung durch Verlinkungen*


Viele von euch wissen ja: Wir sprechen auf MutterKutter auch über Dinge, die uns berühren. Schicksale, die bewegen. Oder Geschichten, die uns begleiten. Geschichten, die nicht immer schön sind. Denn wir sind der festen Überzeugung: reden hilft. Also machen wir es.

Der Auftakt einer Themenreihe:

Das hier ist der Auftakt einer Themenreihe „Gewalt unter der Geburt“. Ein Thema, das wir aus verschiedenen Perspektiven beleuchten möchten. Den Anfang machen Doula Antonia Unger, die feministische Sachbuchautorin, Speakerin & Geburtsbegleiterin Christina Mundlos & die Frauenärztin Dr. Judith Bildau. 3 Frauen, 3 verschiedene Blickwinkel.

Alle mit einem Ziel: die Geburt von dem Stigma der Angst zu befreien. Der Geburt Raum zu geben. Und die Geburt für alle – werdende Mamas, Papas, Familienangehörige, Geburtshelfer – wieder zu dem werden zu lassen, was sie ist: ein Wunder, Leben, Liebe!


Gewalt unter der Geburt
Foto: Antonia Unger

Antonia lebt und arbeitet in Australien. Trotzdem ist sie auch nah dran am Geschehen bei uns in Deutschland. Sie ist nicht nur durch ihre Familie und Freunde, sondern auch über Instagram und durch ihren Online-Kurs hier gut vernetzt. Sie sagt, Zitat:

„Ich werde auch dort immer wieder angeschrieben von Frauen, die mir ihre schrecklichen Erlebnisse schildern und einfach ein Ohr zum zu hören brauchen und der ihnen emotionale Unterstützung und Verständnis zeigt.“ 

Liebe Antonia, Gewalt unter der Geburt – wie oft wirst du konfrontiert mit dem Thema?

Immer wieder. Und leider viel zu oft. Die meisten Frauen, mit denen ich spreche, haben entweder unter der Geburt oder schon während der Schwangerschaft eine Form von Gewalt erfahren.

Sei es körperlich oder verbal. Das sind meine Klientinnen, Freundinnen, Bekannte, Verwandte und viele Frauen schreiben mir auch Nachrichten und erzählen mir von ihren Erfahrungen und bitten um emotionalen Beistand und Hilfe. Sie brauchen einfach jemandem zum reden.

Gewalt unter der Geburt: auch emotionaler Druck gehört dazu

Manchmal ist es auch schon Gewalt bei den Vorsorgeuntersuchungen. Auch hier kann das
körperlich oder verbal sein. Es werden Dinge gemacht, bei denen vorher nicht gefragt wird oder sie werden sehr rabiat vorgenommen. Auch emotionaler Druck auf die Frauen, die sehr oft verängstigt werden, und so Dinge tun, die sie vielleicht eigentlich nicht machen wollen, gehört für mich zur Gewalt dazu.

Welche Situationen oder Geschichten hast du erlebt bzw. gehört?

Ich habe schon viel gehört und erzählt bekommen. Manche sind so schrecklich, dass sie mir immer wieder die Tränen in die Augen treiben. Tränen der Traurigkeit und gleichzeitig der Wut.

Ich höre von vielen Frauen von sehr schmerzhaften Erfahrungen. Personal, das sich mit voller Wucht auf den Bauch schmeißt, um bei der Geburt nachzuhelfen. Dammschnitte, die gemacht werden, ohne, dass vorher die Frau überhaupt darüber informiert wird, was gerade gemacht wird oder, dass sie überhaupt gefragt wird, ob sie das möchte.

Ich höre von Frauen, deren Kinder einfach so weggenommen werden, ohne dass ihnen überhaupt jemand sagt, was gerade passiert und sie werden komplett alleine gelassen. Emotional tut das sehr weh.

Gewalt unter der Geburt: Frauen erzählen mir von Beschimpfungen

Frauen erzählen mir aber eben nicht nur von körperlicher Gewalt, sondern auch von verbaler. Sie werden auf ganz üble Weise beschimpft oder es werden abfällige und respektlose Bemerkungen gemacht von Seiten des Personals. Entweder nur im vorbeigehen oder ganz direkt. Allein das kann sehr verletzend sein und eine Frau in dieser sensiblen Situation komplett aus der Bahn werfen.

Gerade kürzlich hat mir eine Frau erzählt, wie unsensibel und in ihren Augen gewalttätig ihre Frauenärztin mit ihr und ihrem ungeboren Kind bei einer vaginalen Ultraschalluntersuchung umgegangen ist. Und das obwohl sie wusste, dass diese Frau eine Geschichte des sexuellen Missbrauchs hat. Sie war dabei sehr grob und stocherte mehr oder weniger mit dem Ultraschallkopf in hier herum und stocherte auch das Baby immer wieder an, um es zur Bewegung zu zwingen.

Das Geschehen scheint sich zu wiederholen.

All die Geschichten sind alle sehr persönlich und individuell aber dennoch scheint sich das Geschehen immer wieder zu wiederholen. Manchmal scheint es mir so als ob es schon die Norm sei.

Du arbeitest und lebst ja in Australien – sind die Situationen eigentlich rund um den Globus ähnlich oder gibt es einen Unterschied in der deutschen und australischen Geburtshilfe?

Es gibt sicherlich Unterschiede in den individuellen Systemen der Geburtshilfe und wie gearbeitet wird. Im Großen und Ganzen jedoch ist es ein globales Problem, dass nicht nur in Australien oder Deutschland zu finden ist. In fast allen Ländern dieser Welt steigt die Anzahl der Frauen, die Gewalt unter der Geburt erfahren und schwere Traumata erleiden.

Geburtshilfe: weltweit läuft was falsch

Weltweit läuft in der Geburtshilfe etwas grundlegend so richtig falsch und es zerstört nicht nur Frauen, sondern es betrifft auch deren Kinder, die unter Umständen ein Leben lang von den traumatischen Erfahrungen leiden.

Angenommen, du erlebst eine Situation unter der Geburt, bei der du merkst: klarer Grenzübertritt. Was machst du dann als Doula? Wie reagierst du?

Ich selbst habe so eine Situation noch nicht erlebt. Das heißt aber nicht, dass es nicht passieren könnte. Dennoch: Ich bin sehr ehrlich und offen mit meinen Klientinnen und sage ihnen genau, womit sie es zu tun haben in diesem System.

Denn ich glaube nicht, dass es etwas bringt, das Ganze durch die rosarote Brille zu sehen oder etwas zu beschönigen. Am Ende sind es nämlich die Frauen, die komplett überrollt werden und die dann damit zu kämpfen haben. Außerdem arbeite ich intensiv mit ihnen daran ihr Selbstbewußtsein zu stärken und ihren Wissensschatz zu vergrößern, damit sie  vorher genau wissen, was sie wollen und was nicht – und es auch ohne Scheu und Scham aussprechen können. Sie sollen ihre eigene, sehr starke Stimme entwicklen damit sie mit jeder Situation kompetent und selbstbewusst umgehen können.

Ich kann als Doula nicht für die Frau sprechen, aber mit ihr sprechen!

Allgemein und wenn ich in so einer Situation wäre, würde ich etwas sagen, wenn ich etwas sehen bzw. mitbekommen würde oder wenn ich merke, dass sich die Frau, die ich betreue, unwohl fühlt. Als Doula kann ich nicht für die Frau sprechen. Ich kann aber mit ihr sprechen. Ich kann sie fragen, wie sie sich fühlt und ich kann ihr Raum und Zeit schaffen eine Entscheidung zu treffen.

Ich kann sagen: „Meine Klientin würde gerne einen Moment darüber nachdenken und mit ihrem Partner sprechen, um eine Entscheidung zu treffen. Würden sie sie bitte kurz alleine lassen.”

Ich kann auch kommentieren, was gerade passiert oder was passieren soll.  Ich kann mit meiner Klientin sprechen und ihr sagen: “Der Arzt/die Hebamme würde jetzt gerne… Wie fühlt sich das für dich an?/Was denkst du darüber?/Möchtest du das?/Brauchst du Bedenkzeit?” oder ich kann kommentieren, was gerade passiert. Ich kann sagen: “Der Arzt/die Hebamme untersucht gerade deinen Muttermund. Wie fühlt sich das für dich an?/Was denkst du darüber?/Möchtest du das?/Brauchst du Bedenkzeit?” usw.

Gewalt unter der Geburt: wir unterstützen Klientinnen dabei, für sich zu sprechen

Wir haben immer eine Stimme und können mit unseren Klientinnen sprechen und ihnen so das Vertrauen und die Unterstützung geben, ihre eigene Stimme zu sein und für sich selbst zu sprechen.

Wie können wir eine angenehme Geburtssituation für alle Frauen schaffen?

Das ist eine Frage, die sehr schwierig zu beantworten ist, da meiner Meinung nach so viel hineinspielt. Ich glaube, es erfordert eine grundlegende Veränderung, die sich weit auf das ganze Gesundheitssystem, deren Politik und die Politik der Krankenhäuser, ausbreitet.

Besonders muss dringend die Situation der Hebammen – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit – verändert werden. Es braucht mehr Personal, sodass eine intensivere und individuellere Betreuung überhaupt möglich ist. Krankenhäuser sind ein Business und verdienen sehr viel Geld mit Schwangerschaft und Geburt. Und leider ist es so, dass Kaiserschnitte mehr Geld bringen und schneller gehen als eine Frau, die natürlich ihr Kind bekommt und vielleicht für sehr lange Stunden oder eventuell sogar Tage das Bett blockieren könnte. Das ist traurig, aber wahr.

Die Geburt wird stigmatisiert!

Außerdem brauchen wir eine Veränderung in der Betrachtung der Schwangerschaft und Geburt. Momentan ist es etwas, was als unangenehm und schmerzhaft dargestellt wird. Das zwar der schönste Moment im Leben einer Frau sein soll, der aber eben nicht so erlebt wird. Es ist etwas wovor viele Angst haben und diese Angst wird weiter angetrieben durch die typischen Bilder, die uns gezeigt werden, wie z.B. in Filmen.

Frauen haben sich sehr weit von ihrem eigenen Körper und Körpergeschehen entfernt – und auch das spielt eine Rolle. Der weibliche Körper ist dazu geschaffen Kinder zu gebären und ihn gut zu kennen ist sehr wichtig. Es fängt also schon damit an, wie wir mit jungen Mädchen über ihren Körper sprechen und wie sie ihn kennen lernen.

Was ist deine Botschaft an Schwangere? Wie dürfen sie an das Thema selbstbestimmte Geburt herangehen? Egal, wo und wie sie entbinden möchten bzw. werden?

Informier dich. Und finde genau heraus, was du willst und was nicht. Verlass dich nicht darauf, dass andere sich besser auskennen oder andere die Experten sind. Werde deine eigene Expertin. Frag nach. Und wenn die erste Antwort nicht zu deiner Zufriedenheit ist, frag erneut nach.

Liebe Schwangere, bitte informiere dich gut über deine Optionen!

Informiere dich über deine Optionen in deiner Gegend und frag auch hier genau nach. Erkundige dich, was in bestimmten Situationen passieren würde und wie deine Geburtshelfer deiner Wahl damit umgehen würden. Erkundige dich nach der Kaiserschnittrate oder Transferrate, solltest du im Geburtshaus oder zu Hause gebären wollen. Und umgib dich mit Menschen, denen du 100% vertraust und die in jeder Situation auf deiner Seite stehen und genau wissen, was du willst und was nicht und dies 100% vertreten werden.

Ach so: Könntest du für alle, die nun sagen – „Was macht eine Doula eigentlich genau?“ – bitte noch am Ende noch deine Berufung erklären?

Ich könnte jetzt davon sprechen, dass das Wort Doula aus dem Altgriechischen kommt und so etwas wie “Dienerin/Helferin der Frau” bedeutet und dass eine Doula eine nichtmedizinische Begleiterin während der Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett ist. Oder ich könnte davon erzählen, was für Vorteile die Begleitung einer Doula für die Frau und deren Geburt hat und was verschiedene Studien dazu herausgefunden haben.

Über meine Mission, um die Geburt zu verändern!

Doch für mich ist es soviel mehr als das. Ich bin auf einer Mission, die Schwangerschafts, – Geburts, und Mutterschaftserfahrungen, die so viele von uns machen müssen, zu verändern. Ich möchte sie mit den Frauen zusammen verändern. Ich bin hier, um mit ihnen zusammen zu weinen, zu lachen. Ich bin hier, um sie durch das Schöne und das weniger Schöne, durch die angenehmen und die unangenehmen Momente zu begleiten.

Ich bin hier, um ihnen die Hand zu halten, während sie den Raum wahrnehmen, den sie verdienen. Als Doula bin ich hier, um ihre Fragen, ihre Zweifel und ihren Ängsten zu zuhören und sie dazu zu ermutigen ihre eigenen Antworten zu finden und zu hören. Ich bin hier um sie zu ehren, zu feiern, zu lieben, zu bewundern, um ihnen zu sagen, dass sie nicht alleine sind.

Übrigens: Eins von Antonias Kindern ist in Deutschland geboren und auch deshalb liegt ihr das Thema Geburtshilfe und die Erfahrungen, die bei uns gemacht werden, am Herzen. Antonia sagt: „Auch damals habe ich deutlich gespürt, welche Auswirkungen z.B. der Hebammenmangel hat.“

Antonia könnt ihr über ihre Webseite oder Instagram kontaktieren.


Gewalt unter der Geburt


Christina Mundlos hat sich eingehend mit dem Thema „Gewalt unter der Geburt“ befasst. Schnell bin ich bei meiner Google-Suche auf sie gestoßen und freue mich, dass sie sich für dieses Interview bereit erklärt hat, um ihre Sicht auf die Dinge zu schildern:

Gewalt unter der Geburt
Foto: Frank de Gasperi
„Gebärende werden allein gelassen, nicht ernst genommen, ausgelacht, beleidigt, angeschrien, massiv verängstigt, bedroht, respektlos behandelt oder ignoriert.“
Christina Mundlos

Liebe Christina, herzlichen Dank, dass du dich für dieses Interview bereit erklärt hast. Ich freue mich sehr. Du hast dich eingehend mit dem Thema „Gewalt unter der Geburt“ beschäftigt, auch ein Buch dazu geschrieben. Wie kam es dazu?

Ich habe Soziologie und Geschlechterforschung studiert und war daher schon mit Themen rund um Gewalt gegen Frauen und Diskriminierung von Frauen auch im Gesundheitssystem vertraut. Während des Studiums bekam ich meinen Sohn 2007 und erlebte dabei Gewalt. Ich recherchierte im Anschluss zu dem Thema, konnte aber so gut wie nichts dazu finden.

Mein Buch ist das einzige zum Thema „Gewalt unter der Geburt“.

Gewalt unter der GeburtAls ich später Autorin war, stand das Thema schon lange auf meiner Agenda. Doch erst als sich ab 2013 betroffene Frauen in den sozialen Netzwerken dazu äußerten, konnte ich relativ leicht Mütter, Hebammen und Väter sprechen, die auch Gewalt in der Geburtshilfe erlebt hatten. Mein Buch erschien dann 2015. Bis heute ist es das einzige zu dem Thema, aber die Medien beschäftigen sich mehr und mehr damit und auch die Politik hört mich langsam an.

„Gewalt unter der Geburt“ – nun ist vielleicht der erste Gedanke – „das muss ausschließlich körperliche Gewalt“ sein. Nein, ist es nicht. Könntest du uns bitte einmal erklären: Welche Gewalt schließt das Thema ein? Bzw. welche Erfahrungsbereiche?

Es geht um körperliche und um psychische Gewalt. Die körperliche Gewalt umfasst Körperverletzungen, die wir auch aus anderen Situationen kennen. Gebärende werden vom geburtshilflichen Per­sonal geohrfeigt, gekniffen, sie werden festgeschnallt oder es wird ihnen auf die Innenseiten der Oberschenkel geschlagen.

In der Geburtshilfe sind Grenzüberschreitungen an der Tagesordnung.

Ein Großteil der körperlichen Übergriffe sind aber medizinische Eingriffe, die unnötig sind und/oder ohne Aufklärung und/oder ohne Einwilligung der Gebärenden widerrechtlich durchge­führt werden. Damit ein medizinischer Eingriff keine Körperverletzung ist, muss eine rechtswirksame Aufklärung stattgefunden haben. Im BGB ist genauer erläutert, was es für eine korrekte Aufklärung alles braucht. Anschließend ist die Zustimmung der Gebärenden unerlässlich. Stimmt sie nicht zu oder lehnt den Eingriff ab, darf dieser selbstverständlich nicht durchgeführt werden. Erteilt die Gebärende die Zustimmung, obwohl sie nicht korrekt aufgeklärt wurde, ist die Zustimmung nicht rechts­wirksam!

In der Geburtshilfe ist dieses Vorgehen jedoch leider an der Tagesordnung. Und so werden dann Wehenmittel und andere Medikamente verabreicht, Dammschnitte und Kaiserschnitte durchgeführt oder auch der Kristeller-Handgriff angewendet. Ein besonders widerlicher Eingriff ist der Husband-Stitch. Hierbei wird ein Dammriss oder Dammschnitt absichtlich zu eng vernäht, oft mit dem Spruch „Damit der Mann wieder Spaß mit seiner Frau hat“.

Wir beobachten die gesamte Palette psychischer Gewalt!

Und schließlich beobachten wir die gesamte Palette psychischer Gewalt: Gebärende werden allein gelassen, nicht ernst genommen, ausgelacht, beleidigt, angeschrien, massiv verängstigt, bedroht, respektlos behandelt oder ignoriert.

Welche „Institutionen“ sind denn betroffen? Oder anders gefragt: Wo haben die Frauen, die von Gewalt berichten, entbunden? Mein erster Gedanke wäre nun: Klinik…

Gewalt in der Geburtshilfe findet überall dort statt wo Geburtshilfe stattfindet. Sie kann einem in der Klinik, im Geburtshaus oder auch bei einer Hausgeburt widerfahren. Dennoch deutet sehr vieles darauf hin, dass Gewalt in der klinischen Geburtshilfe wesentlich häufiger vorkommt.

Wieviele Frauen sind in Deutschland etwa betroffen? Hast du da Zahlen für uns? Ich kann mir vorstellen, dass die Dunkelziffer recht hoch ist…

Es gibt leider noch keine wissenschaftliche Studie mit empirischen Daten. Die größte Befragung, die bislang in Deutschland durchgeführt wurde (2019), ist eine journalistische Umfrage unter über 10.000 Frauen. Davon gaben 56% an, dass sie Gewalt erlebt haben. Ganze 91% sprachen von ungenügenden oder nicht vorhandenen Aufklärungen zu Eingriffen. Auch dies stellt dann eine Körperverletzung dar.

Ich halte die Dunkelziffer für hoch!

Ich halte die Zahlen für realistisch und die Dunkelziffer tatsächlich für hoch. Schließlich hat sich erst seit wenigen Jahren ganz allmählich ein Bewusstsein auch bei den Schwangeren dafür entwickelt, wie Frauen unter der Geburt eigentlich behandelt werden dürfen.

Warum ist es deiner Meinung nach so wichtig, dass wir darüber sprechen?

Gewalt unter der Geburt betrifft nicht nur viele Frauen und Kinder. Es traumatisiert und prägt sie auch. Väter werden mittraumatisiert, genauso wie geburtshilfliches Personal. Es betrifft die gesamte Gesellschaft und führt dazu, dass unser Leben bereits mit Gewalt beginnt.

Und dass auch die Frauenverachtung, die hinter dieser Gewalt steht, bereits ab unserer Geburt wie selbstverständlich eine Rolle in unserem Leben spielt, die wir viel zu lange nicht kritisch betrachtet haben. Wenn wir uns in unserer Gesellschaft gegen Gewalt einsetzen wollen und die Gleichberechtigung fördern wollen, dann müssen wir dort anfangen wo alles beginnt: bei der Geburt.

Die Gebärdende wird als Hülle für das werdende Leben erachtet!

Und: Was muss sich bei uns in Deutschland verändern – wie kommen wir dahin, dass sich der Großteil der Frauen rund um ihre Geburt aufgehoben fühlt.

Wir brauchen ein Verständnis für die patriarchalen Denkweisen, die hinter der Gewalt stehen. Gewalt gegen Gebärende entsteht nicht einfach nur, weil die Arbeitsbedingungen der Hebammen miserabel sind. Und genauso wird die Gewalt nicht einfach verhindert werden, wenn die Arbeitsbedingungen verbessert werden.

Wir haben es hier mit einer Haltung zu tun, die die Gebärende nur als Hülle für das werdende Leben erachtet. Es geht dabei um Aneignungsbestrebungen und den Versuch, Kontrolle über den weiblichen Körper auszuüben wie wir es auch aus vielen anderen Bereichen kennen (z.B. bei anderen Formen von Gewalt gegen Frauen, bei der Diskussion um §218 und §219, bei der Diskriminierung von Müttern im Berufsleben etc.). Wir brauchen einen Kulturwandel und die Anerkennung der Tatsache, dass Frauenrechte Menschenrechte sind.

Christina arbeitet übrigens im Raum Hannover auch als Doula – hier geht es zu ihrem Online-Auftritt. Ihr möchtet mit Christina Kontakt aufnehmen? Hier geht es zu ihrer Webseite – und hier zu ihrer Facebook-Seite.


Gewalt unter der Geburt
Foto: Dorothee Dahinden

Gewalt unter der Geburt Fernreise Endometriose und Kinderwunsch Reiseübelkeit bei Kindern Sportmuffel Regelschmerzen Geburtserlebnis Eierstockkrebs Verhütungsmittel Inkontinent nach der Geburt Medizin kompakt MutterKutter Dr. Judith Bildau
Foto: Dr. Judith Bildau, Frauenärztin & MutterKutter-Autorin

Dr. Judith Bildau ist Frauenärztin & MutterKutter-Autorin. Sie berichtet aus erster Hand. Aus der Perspektive einer Gynäkologin, die große Verantwortung im Kreißsaal hatte – aus der Perspektive einer Frauenärztin, die traumatisierte Patientinnen nach der Geburt betreut hat. Als Ärztin, die medizinische Gutachten für Gerichte schreibt. Und als fünffache (Patchwork-)Mama:

„Es ist nicht schwarz oder weiß. Ich möchte dieses Thema von allen Seiten beleuchten. Und ich möchte auch für meine geburtshilflichen Kollegen einstehen, ich möchte mich vor sie stellen. Vor die meisten.“
Frauenärztin Dr. Judith Bilau

Ich bin Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Ich habe meine Ausbildung in einem Uniklinikum mit Perinatalzentrum Level I, einem kleineren Lehrkrankenhaus und in einer Praxis gemacht. Ich bin also ausgebildet worden in einem Kreißsaal, der Risikogeburten betreut, einem Kreißsaal, der nur „gesunde“ Schwangere und keine Frühgeburten entbindet und ich habe ambulant Frauen während ihrer gesamten Schwangerschaft und auch im Wochenbett begleitet. Nebenbei schreibe ich seit Jahren medizinische Gutachten für Gerichte.

Gewalt unter der Geburt: „Ich habe zugehört und ich habe gebetet, dass niemals, niemals eine Frau so etwas mit mir als begleitende Ärztin erlebt hat.“

Ich habe in der Praxis Frauen erlebt, die von ihrer Geburt traumatisiert waren. Die sich nicht vorstellen konnten, noch einmal schwanger zu werden, obwohl sie sich so sehr ein zweites Kind wünschten, aber solche Angst vor einer weiteren Geburt hatten. Ich habe zugehört und ich habe gebetet, dass niemals, niemals eine Frau so etwas mit mir als begleitende Ärztin erlebt hat. Ich habe mitgelitten und habe mich stellvertretend geschämt. Die Frauen haben von verbaler Gewalt berichtet und von körperlicher, nicht im Sinne von Hauen und Schlagen, sondern von grobem und rücksichtslosem Anfassen.

Der ‚Husband-Stitch‘ ist bittere Realität

Eine Patientin, selbst übrigens Krankenschwester, berichtete mir, dass bei ihr der sogenannte ‚Husband-Stitch‘ durchgeführt wurde. Tatsächlich ist dieses Vorgehen keinem schaurigen Märchen entsprungen, sondern bittere Realität. Antonia hat darüber vor Kurzem einen großartigen Post auf Instagram verfasst. Beim ‚Husband-Stitch‘ wird nach einem Dammriss oder -schnitt der Damm absichtlich etwas enger zugenäht, damit der Mann beim Geschlechtsverkehr vermehrt Lust empfindet. Das ist Körperverletzung, willentliche Körperverletzung einer in diesem Moment hilflosen Frau.

Ich möchte betonen, dass ich in meiner gesamten Ausbildung in keinem Kreißsaal, in dem ich gearbeitet habe, erlebt habe, dass so mit den Frauen umgegangen wurde. Weder von ärztlicher Seite, noch von Seiten der Hebammen. Dennoch bin ich, als Frau und als Mutter, froh darüber, dass dieses Thema nun vermehrt in den Medien auftaucht. Dass Frauen darüber sprechen, was ihnen passiert ist. Dass angeklagt wird.

Bitte: Lasst uns nicht vorverurteilen! Es ist nicht schwarz oder weiß!

Dennoch habe ich persönlich in dieser ganzen Diskussion ein Anliegen: Es ist nicht schwarz oder weiß. Ich möchte dieses Thema von allen Seiten beleuchten. Und ich möchte auch für meine geburtshilflichen Kollegen einstehen, ich möchte mich vor sie stellen. Vor die meisten. Die Kollegen, von denen ich spreche, egal, ob Ärzte, Ärztinnen oder Hebammen, leben für ihren Beruf. Sie lieben ihr Tun und haben höchsten Respekt vor den Frauen. Ich selbst klage häufig patriarchale Strukturen an Universitäten und in Krankenhäusern an. Damit meine ich, das immer noch aktuelle Ausbremsen weiblichen Wissens, ihrer Arbeitskraft und ihres Karrierebestreben. Ich denke, es ist wichtig hier einen Unterschied zu machen. Ein Patriarchat im Kreißsaal habe ich in dieser Form noch nicht erlebt (wohlwissend, dass es das gibt, aber dennoch behaupte ich, dass es keinesfalls die Regel ist!).

Der Job im Kreißsaal ist unfassbar verantwortungsvoll!

Das Arbeiten im Kreißsaal ist ein höchst emotionales. Ein unfassbar verantwortungsvolles. Dort, wo ich gearbeitet habe, war dies allen bewusst. Wir alle hatten immer unglaublichen Respekt. Jeder, der bereits in der Geburtshilfe gearbeitet hat, weiß, wovon ich spreche. Ich spreche nicht von den traumhaften, natürlichen Geburten. Ich spreche von den wirklichen Notfallsituationen. Und die können in der Geburtshilfe tagtäglich auftreten. Ich spreche von der Uterusruptur (dem Riss der Gebärmutter) unter einer Wehe und der Gefahr des innerlichen Verbluten der Mutter.

Es gibt Notfälle, wo wir als Ärzte schnell handeln müssen!

Ich spreche von der Schulterdystokie und die endlosen Sekunden (und vielleicht auch Minuten) in denen das Baby „feststeckt“ und sich nichts bewegen lässt und der kindliche Kopf immer blauer wird. Ich spreche von bedrohlich abfallenden kindlichen Herztönen und der nackten Angst, die einen Geburtshelfer in diesem Moment überfällt. Ich spreche von einer pospartalen Blutung und einer Frau, die so blutet, als ob man einen Wasserhahn aufgedreht hat und sehe uns Geburtshelfer händeringend versuchend, die Situation in den Griff zu bekommen. Ja, und ich sehe uns in diesen Momenten, ohne schriftliche Einverständniserklärung, einen Dammschnitt machen, um, neben sämtlichen Schulterdystokiemanövern, irgendwie das Kind lebend und am besten noch ohne Hirnschaden herauszubekommen.

Ich sehe auch Gerichtsunterlagen, wo Geburtshelfer nicht rechtzeitig und korrekt eingegriffen haben!

Oder wenn die Herztöne immer schlechter werden, einen Kristellerhandgriff (beschreibt einen wehensynchronen Druck von oben auf den Gebärmutterfundus, wenn die Austreibungsphase des Kindes beschleunigt werden soll) durchführen, um das Baby in seinem Weg nach draußen (zügig!) zu unterstützen. Und ich sehe auch die vor mir liegenden Gerichtsunterlagen, wo Geburtshelfer angeklagt werden, weil sie nicht rechtzeitig und korrekt eingegriffen haben und ein Kind nun wegen Sauerstoffmangel quasi nur regungslos im Bett liegen kann.

Mein Mann, selbst Professor für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, sagt immer: „Für die Geburtshilfe braucht es Zeit, Geduld, eine gute Ausbildung, Erfahrung und ein gewisses Maß an Furchtlosigkeit.“.

Ich habe Ärztinnen & Ärzte weinene sehen. Hebammen, die drei Kreißsääle betreuen mussten.

Doch was wird mit den Menschen der Pflege und auch der Menschen der Geburtshilfe gemacht? Ich habe Ärzte und Ärztinnen schon vor Erschöpfung weinen gesehen, Hebammen, die parallel drei Kreißsäle mit Gebärenden betreuen mussten. Ich bekomme immer wieder Berichte von verzweifelten Ärzten und Ärztinnen in ihrer Facharztausbildung, auch aus der Geburtshilfe. Sie werden komplett allein gelassen, es herrscht so viel Personalmangel, dass sie nicht mehr ordentlich ausgebildet werden können. Da hießt es: „Mach’ du erst mal, wenn was ist, kannst du mich ja rufen.“

Eine Assistenzärztin kann vor lauter Sorgen nächtelang nicht schlafen.

Eine Assistenzärztin hat mir berichtet, dass sie seit Nächten nicht schlafen kann, weil sie einen großen Dammriss allein zunähen musste und Angst hat, dass sie es nicht richtig gemacht hat und die Frau deshalb ein Leben lang Probleme damit haben könnte. Ein Assistenzarzt hat mir völlig verzweifelt geschrieben, dass er einer Patientin unter der Geburt die Rippe gebrochen hat, weil er am Ende der Geburt und einem schlechten CTG plötzlich so viel Panik bekommen und deshalb mit aller Kraft von oben auf den Bauch der werdenden Mutter gedrückt hat, um die Geburt zu beschleunigen. Also mit reinem Lehrwissen aus dem Buch und völlig ungeübt einen Kristellerhandgriff durchgeführt.

Gewalt unter der Geburt? Es mangelt heute in der Geburtshilfe an so vielem!

In der heutigen Geburtshilfe fehlt es mittlerweile in vielen Bereichen an Zeit, Geduld und einer guten Ausbildung. Hier liegt auch ein politisches Problem vor.

Was ich mit all dem sagen möchte: „Gewalt unter der Geburt“ ist ein so wichtiges Thema. Ich bin dankbar darüber, dass es den Weg an die Öffentlichkeit gefunden hat. Ich bitte bei dieser ganzen Diskussion nur sehr um eine differenzierte Herangehensweise. Das Ziel kann und darf ja nicht sein, dass Frauen, sich aus einer Angst heraus, nicht mehr wagen, schwanger zu werden oder grundsätzlich Ärzten, Ärztinnen und Hebammen misstrauen.

Ich glaube: Am Ende wünschen wir uns alle das Gleiche!

Was wir, meiner Meinung nach, für eine verantwortungsvolle und liebevolle Geburtshilfe brauchen ist Zeit, Raum, einen guten und zugewandten Austausch zwischen Gebärender und Geburtshelfern, aber auch ein Stück weit Vertrauen, in das Können und die Menschen, die in der Geburtshilfe arbeiten. Am Ende, da glaube ich nach wie vor fest daran, wollen wir alle das Gleiche: Eine glückliche Mutter und ein gesundes Kind.

Ihr habt eine Frage an Judith? Dann könnt ihr sie entweder über ihren Instagram-Kanal erreichen oder ganz einfach via Email.


Ihr möchtet auf dem Laufenden bleiben und erfahren, wenn es neue MutterKutter-Geschichten gibt? Kein Problem: dann folgt uns doch gerne auf Instagram, Facebook oder Pinterest.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich akzeptiere.