Frauenheilkunde

Free Bleeding + Menstruation ohne Scham! #sogehtes

Unsere Frauenärztin Judith und Frauenkreis-Gründerin Kerstin Schreier-Gemkow mit Tipps. Autorinnen: Dorothee Dahinden & Dr. Judith Bildau

Free Bleeding?! Was ist das genau? Und wie gehen wir entspannt mit der Menstruation um? Unsere Frauenärztin Judith und Frauenkreis-Gründerin Kerstin Schreier-Gemkow mit Tipps.

Free Bleeding – einfach mal laufen lassen

Free Bleeding Corona & Misstände in der Medizin
Dr. Judith Bildau, Frauenärztin – lebt und arbeitet in Italien

Free… was? Freebleeding! Vielleicht zuckst du noch ahnungslos mit den Achseln, vielleicht hast du aber auch schon von dem ‘Trend’ gehört, das Menstruationsblut einfach laufen zu lassen. Für die meisten von uns hört sich das vielleicht erst einmal komisch an, vielleicht ist aber auch das Interesse geweckt. Es ist ja auch einfach zu verlockend: Keine Unmengen mehr an Geld für Tampons und Binden ausgeben! Kein Hantieren mehr mit der Menstruationstasse! Kein regelmäßiges Waschen der Menstruationsunterwäsche mehr!

Aber wie funktioniert das? Vorneweg: Ein bisschen Übung braucht die ganze Sache! Denn durch den jahrelangen Gebrauch von Binden, Tampons & Co. haben wir nämlich das natürliche Gespür dafür verloren, wie unser Körper das Blut während der Menstruation ausscheidet. Das geschieht nämlich in der Regel nicht ununterbrochen, sondern in Schüben.

Diese Schübe können bei jeder Frau in unterschiedlichen Abständen erfolgen und deshalb ist der erste Schritt zu einem entspannten Freebleeding dass Kennenlernen des eigenen Körpers und des eigenen Blutungsverhaltens.

Free Bleeding: Erst einmal zu Hause ausprobieren!

Deshalb ist es ratsam, das Laufenlassen der Menstruation erst einmal ganz in Ruhe zu Hause auszuprobieren. Gerade am Anfang der Periode kann es sein, dass du alle 30 Minuten (oder öfter!) auf die Toilette gehen musst, um das Blut herausfließen zu lassen. Im Verlauf der Periode (und mit ein bisschen Übung) reicht es möglicherweise, alle 4 Stunden das Bad aufzusuchen. Um all das herauszufinden, bietet es sich an, dass du das ganze einmal ausprobierst, wenn du entspannt zu Hause bist und Zeit für dich und deinen Körper hast.

Der nächste Schritt beim Free Bleeding: Pack’ dir einen doppelten Boden ein!

Wenn du dann Lust und Muße hast, das Ganze auch einmal in deinem ‘real life’ auszuprobieren, kann es durchaus hilfreich sein, anfangs sicherheitshalber eine Binde einzulegen oder eine Menstruationsunterhose anzuziehen. So hast du keinen Stress, dass es von Anfang an reibungslos klappen muss und es ist kein Problem, wenn noch einmal etwas “daneben geht”.

Und so funktioniert das “freie Bluten”

Wie schon bereits erwähnt, entleert sich das Menstruationsblut in der Regel nicht ununterbrochen, sondern in gewissen Abständen. Besonders in den ersten Tagen können diese noch sehr dicht aufeinanderfolgen. Der wichtigste Anfangsschritt des “freebleedings” ist, nun für dich herauszufinden, wie es sich für dich anfühlt, wenn sich dein Muttermund öffnet, um das Blut herausfließen zu lassen.

Es kann sich durch ein Ziehen im Bereich der Gebärmutter, aber auch im Inneren der Scheide bemerkbar machen. Manchmal fühlt es sich aber auch einfach nur wie ein Druck auf der Blase und nach dem Gefühl, dringend auf Toilette gehen zu müssen, an.

Free Bleeding: „All das braucht ein bisschen Übung und das wichtigste ist, dass du dich nicht unter Druck setzt bei der ganzen Sache.“

Gehst du dann auf die Toilette, solltest du dir Zeit dafür nehmen, deinen Beckenboden zu entspannen. Versuche das Blut, im wahrsten Sinne des Wortes, ganz frei fließen zu lassen. Es kann dir helfen, dein Becken dabei ein bisschen zu bewegen oder deinen Unterbauch mir der Hand von außen etwas zu massieren. Du kannst am Ende auch leicht “nachdrücken”, so, als ob du einen letzten Tropfen Urin lassen möchtest.

All das braucht ein bisschen Übung und das wichtigste ist, dass du dich nicht unter Druck setzt bei der ganzen Sache. “Free Bleeding” ist nämlich mittlerweile nicht nur die Bezeichnung für das freie Bluten ohne Menstruationsartikel, sondern auch für das Ende einer schambesetzten, stresserfüllten Periodenzeit.

Mehr über unsere Frauenärztin Dr. Judith Bildau erfährst du hier:

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Eine Anmerkung von uns vorab: Wir möchten alle Menschen inkudieren, die menstruieren. Das gilt auch für das folgende Interview. Wir sprechen von der weiblichen Form, nichtsdestotrotz schließen wir alle Geschlechtsidentitäten ein (z.B. nicht-binär und trans).


Free Bleeding und Menstruation:

„Wir leben in einer Gesellschaft, in der weder der natürliche Rhythmus der Natur noch der natürliche Zyklus der Frau eine Berechtigung hat.“

Frauenkreis-Gründerin Kerstin Schreier-Gemkow im Interview mit MutterKutter-Herausgeberin Doro

Liebe Kerstin, irre ich mich oder ist es tatsächlich so, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo das „Bluten“ eher zu verstecken gilt – wo die Menstruation vielleicht für manche immer noch gar „eklig“ ist? Wie empfindest du das?

Frauenkreise Gefährtinnenkreis Mamablog Interview Kerstin Schreier-Gemkow Kiel MutterKutter
Foto: Jan Gemkow/ Instagram: @gemkow_

Ich bin diesbezüglich („Mama“ sei dank!) sehr natürlich, frei von Scham und Tabu mit großer Offenheit in mein Frausein gewachsen. Dass Frau sich für ihr monatliches Bluten überhaupt schämen könnte, bekam ich erst im Vergleich mit anderen Mädels mit. Während meines Ethnologiestudiums habe ich mich viel mit der Rolle der Frau im kulturellen Vergleich beschäftigt.

„Die Inszenierung ist nicht das Problem, die Natürlichkeit der Dinge bleibt jedoch bei allem auf der Strecke.“

Tatsächlich wurden und werden menstruierende Frauen in den verschiedensten Kulturen gesellschaftlich und sexuell tabuisiert. Aktuell haben wir ja aber eine gigantische Welle, wo sämtliche Frauenthemen auf allen Social Media-Kanälen entlarvt und ans Licht gezerrt werden. Das begann mit #meetoo und #nobodyshaming, jetzt dreht sich alles um #selflove als Heildogma und wer gewillt ist, sich blutige Inszenierungen anzusehen, wird auf Instagram unter #menstruation nicht enttäuscht.

Aber es ist wie immer in unserer medialen Plastikwelt: Die Inszenierung ist nicht das Problem, die Natürlichkeit der Dinge bleibt jedoch bei allem auf der Strecke.

Wir dürfen die Menstruation nicht mehr als „Hygieneproblem“ sehen!

Ich kenne es insofern: Ich habe meine Tage, arbeite irgendwo anders und denke, wenn ich Tampons dabei habe: Fuck, Doro: Die kannst du doch nicht da im Mülleimer lassen. Ich bin da (noch) eher unentspannt. Was wäre für dich ein entspannterer Umgang damit? Kurze Anmerkung noch: Mit meinen Kindern bin ich da völlig im Reinen und verstecke nichts.

Na ja, die Krux ist ja, deine Umwelt reagiert meistens so auf dich, wie die Signale, die du sendest… Ich kenne das von früher natürlich auch, dass ich mich geschämt habe, wenn ich irgendwo zu Gast war und nicht wusste, wohin mit dem blutigen Zeugs. Aber die Scham ist mit meinem Weg zu einer bewussten Weiblichkeit gewichen und zunächst in Wut umgeschlagen. Mittlerweile bin ich cool damit und begegne solchen Situationen, wie du sie beschrieben hast, eher mit konfrontativem Humor.

Aber das Thema setzt ja viel früher an, nämlich: wie wir damit aufwachsen. Mädchen (und auch Jungs), die in eine Realität hineinwachsen, in der sich die Mutter verschämt mit ihren Binden/Tampons im verriegelten Bad verschanzt und der weibliche Zyklus samt möglicher Stimmungsschwankungen als bloßes „Hygieneproblem“ gehandhabt wird, können gar keinen natürlichen Umgang zur Menstruation entwickeln.

„Menstruation bedeutet für mich, dass ich ganz nah dran bin an meiner eigenen Natur.“

Was bedeutet die Menstruation für dich? Welche Bilder verbindest du mit ihr?

Menstruation bedeutet für mich, dass ich ganz nah dran bin an meiner eigenen Natur. Das ganze Leben ist schließlich ein Zyklus von Leben, Wachsen und Vergehen; dieser Lebenszyklus findet sich in der Natur wieder und wir Frauen tragen als zyklische Wesen diese natürliche Kraft des permanenten Wandels in uns. Ich selbst bin während meiner Mondzeit (wie ich sie gerne nenne) sehr bei mir, bin extrem empfänglich für die Dinge, die in der Luft liegen, aber nicht gesagt werden.

Am liebsten bin ich allein und beanspruche auch bewusst Zeit für Rückzug. Wenn das mal aus familiären oder beruflichen Grünen nicht drin ist, bin ich sehr angespannt. Ich werde  radikal, wütend und man sollte mir besser nicht in die Quere kommen. Bei einigen indigenen Völkern wird die Menstruation übrigens als die größte Kraft der Frau angesehen. Ihre ganze Energie verwendet sie während dieser Zeit für konzentrierte Meditation und spirituelle Entwicklung. Danach kehrt sie mit neuen Erkenntnissen und oft auch Entscheidungen, die das gesamte Leben in der Gemeinschaft betreffen, zurück.

Aber von dieser kulturellen Einbettung sind wir leider furchtbar weit entfernt heutzutage. Wir leben in einer Gesellschaft, in der weder der natürliche Rhythmus der Natur noch der natürliche Zyklus der Frau eine Berechtigung hat.

„Menstruation ist der natürlichste Transformationsprozess, den es gibt.“

Warum sollten wir deiner Meinung nach stolz auf sie sein?

Ganz klar: Weil die Menstruation nicht nur symbolisch, sondern auch rein physisch unsere größte Kraft als Frau beinhaltet. In uns kann neues Leben entstehen – was gibt es Größeres? Wir sind fähig, Leben zu empfangen, es in uns zu nähren, lange im Zustand des Wartens und Hoffens (guter Hoffnung…) zu sein. In uns wächst neues Leben, wir bieten den Nährboden für alles, was in die Welt kommt. Wir sind aber auch – Kraft unserer weiblichen Natur – fähig, viel auszuhalten, große Schmerzen, große Verluste, tiefe Gefühle. Und wir haben die Fähigkeit dank unseres Zyklus, die Dinge wieder loszulassen, uns zu erneuern, von innen heraus zu reinigen und erneut wie ein Phönix aus der Asche aufzusteigen. Menstruation ist der natürlichste Transformationsprozess, den es gibt.

Wenn wir uns diesen ganzen Kontext vor Augen führen, wird deutlich, wie absolut heilig unser Zyklus in Wirklichkeit ist.

Wir dürfen uns Raum nehmen und und damit auch unser natürliches Recht, auf unseren Körper zu hören.

Wie kommen wir dahin, dass wir mehr und mehr sagen: Wow, hey, wir menstruieren – wir erschaffen Leben. Wie geil!

Genau so: Indem wir uns darüber bewusst werden, welch ein Wunderwerk der Natur wir sind! Indem wir uns gegenseitig daran erinnern und uns ermutigen, achtsam mit uns, unserem Körper und den jeweiligen Zyklusphasen zu sein. Indem wir uns den Raum und unser natürliches Recht nehmen, auf unseren Körper zu hören. Der sagt nämlich jeden Monat ganz klar, was Phase ist, wenn sich unsere Menstruation ankündigt: Rückzug, Wärmflasche, Schokolade, warme Bäder und vielleicht ein: „Lasst mich alle in Ruhe!“

Und dann bitteschön diese Erkenntnisse, dieses Bewusstsein an unsere Kinder und Enkelkinder weiterzugeben anstatt verschämt die blutigen Tampons wegzuschmuggeln und kinderunverständiges Zeug zu stottern, wie: „Die Mama ist unpässlich.“

Mehr über Kerstin Schreier-Gemkow erfährst du hier (unbeauftragte Werbung*):

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Der Gefährtinnenkreis (Frauenkreis)

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Weitere Interviews mit Kerstin auf MutterKutter:

Weibliche Lust: „Eine entflammte Frau ist magisch.“

Frauenkreise: „Wenn wir uns zeigen, wie wir wirklich sind, ohne Masken und Getue, dann kommen wir wie von Zauberhand auch uns selbst näher.“


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ein Kommentar

  1. Ganz toller Artikel und mal wieder ein super interessantes Interview mit Kerstin … „Mondzeit“ klingt toll, das merke ich mir

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