persönliche Gedanken

Alleinerziehend und Corona: persönliche Einblicke + Tipps!

Ein Gastartikel von Katia Simon

Alleinerziehend und Corona: Lektorin und Autorin Katia Simon schreibt eindringlich und ehrlich über diese Zeit als berufstätige Mama.


Alleinerziehend und Corona:

„Mir fehlen Erwachsene. In den letzten Monaten bin ich genau einmal von einer anderen Person als meiner Tochter umarmt worden.“

von Katia Simon

alleinerziehend und Corona
Credit: Katia Simon

Das Kapitel „Corona“ ist auch als Alleinerziehende ein besonders anstrengendes. Ich bin müde. Nein, ich bin erschöpft. Meine Nächte sind seit Monaten extrem kurz, um alles unter einen Hut zu bekommen. Mein Körper nutzt jede Chance, um eine Auszeit zu bekommen. Beim Kinoabend mit meiner Tochter liege ich spätestens nach zwei Minuten schnarchend auf dem Sofa, bei der Einschlafbegleitung döse ich und in der heißen Wanne gegen Schulter- und Nackenschmerzen mache ich versehentlich Schläfchen und versenke dabei mein Buch. Ich habe Serum fürs Gesicht gekauft, das Frische und weniger Falten verspricht, und Concealer, der die Schatten verdecken soll, die das Kind als blaue Flecken bezeichnet.

„Es gibt niemanden, der mal für einen Augenblick übernehmen könnte.“

Seit Freitag, dem 13. März 2020, spielt sich unser Leben vor allem auf 70 qm in einer Großstadtwohnung ab. Mutter, Kind und Katze. Eine, die sich um alles kümmert, und zwei, die ständig irgendetwas wollen. Keine Pause. Es gibt niemanden, der mal für einen Augenblick übernehmen könnte – abgesehen von der zeitreduzierten Notbetreuung in der Kita aktuell. Nicht wenn die Deadlines für Projekte unangenehm drücken, nicht wenn ich PMS habe, krank bin, Sport machen will oder einfach mal Luft zum Atmen brauche. Es gibt keine Chance, Aufgaben und Mental Load gerecht zu verteilen. Es ist ganz einfach: Zuständig bin immer ich. Für alles. Immer in Alarmbereitschaft. Rund um die Uhr ansprechbar.

Alleinerziehend und Corona: Haben Paare es besser?

Sehnsüchtig blicke ich da manchmal auf Freund*innen, Bekannte und Verwandte, die mit einer anderen erwachsenen Person und vielleicht noch mit weiteren Kindern zusammenleben. In meiner Vorstellung verteilen sich dort die Aufmerksamkeit und die Arbeit auf mehrere Paar Schultern, was den einzelnen mehr Freiraum verschafft. Da können die Erwachsenen sogar allein das Haus verlassen oder ohne Begleitung aufs Klo gehen! Das kommt mir schon fast romantisch vor. Aber vielleicht schauen manche von ihnen auch mit etwas Neid auf unsere kleine Einheit. Hier ist es sicher weniger trubelig und nur die Bedürfnisse zweier Personen müssen unter einen Hut gebracht werden. Es gibt nur eine erwachsene Person, die am Ende entscheidet. Das hat auch Vorteile.

„Meine Tochter und ich, wir haben uns gut eingerichtet in unserem Leben.“

Credit: Katia Simon

Vor Corona haben wir viel Zeit mit Freund*innen verbracht. Jetzt sind wir meist zu zweit und fast immer zu Hause. Manchmal treffen wir andere Eltern und Kinder draußen, vor allem auf dem Spielplatz im Park um die Ecke. Im Sommer war das schön – und dort leider oft voll. Jetzt im Winter sind die Treffen dort trotz Heißgetränk im Thermobecher und dick angezogen eher ungemütlich und kurz. Meine Tochter und ich, wir haben uns gut eingerichtet in unserem Leben. Am Wochenende schlafen wir aus, frühstücken wir gerne im Bett und blättern uns dabei stapelweise durch Bilderbücher. Manchmal lese ich etwas für mich und das Kind darf sich eine (bis gefühlt hundert) Folge(n) einer Serie anschauen. Wir stellen die Möbel in der Wohnung um, wenn wir das gerade gut finden, drehen die Musik laut auf, machen zusammen Yoga, malen, basteln, kochen, backen, veranstalten Kinoabende, unternehmen Ausflüge, – tun eben das, worauf wir spontan Lust haben.

Mir fehlen echte Kontakte zu Erwachsenen.

Trotzdem fühle ich mich auch einsam. Mir fehlen Erwachsene. In den letzten Monaten bin ich genau einmal von einer anderen Person als meiner Tochter umarmt worden. An meinem vierzigsten Geburtstag. Von einer Freundin, ganz verstohlen und heimlich. Manchmal fühle ich mich wie eine kleine Insel im weiten Meer.

Es kommt nichts gegen echte Nähe an.

Die Erwachsenen, die ich im echten Leben mit Abstand (hö hö) am häufigsten sehe, sind die Erzieher*innen der Kita, wenn ich meine Tochter in die Notbetreuung bringe oder abhole. Für mein Kind bin ich froh um die echten Sozialkontakte. Meine eigenen spielen sich vor allem digital ab: Sprachnachrichten mit Freundinnen, zwischen Tür und Angel ins Handy geflüstert, simulieren Gespräche. Der Austausch über alltägliche Themen, eine Portion Wärme und Mitgefühl, wenn es gerade mal scheiße läuft, Mitfreude, wenn es gute Nachrichten gibt, der Austausch über Politisches, über den aktuellen Stand der Pandemie, das Teilen witziger Situationen aus dem Alltag usw. – all das hilft mir und ist oft Balsam für meine müde Seele. Mit manchen Freund*innen versuche ich, per E-Mail Kontakt zu halten, mit wenigen gibt es Videocalls. Dafür und für Telefonate fehlt oft die Zeit. Und
es kommt am Ende doch nichts gegen echte Nähe an, oder?

Alleinerziehend und Corona: Vor- und Nachteile der Kita-Notbetreuung

Credit: Katia Simon

Beruflich habe ich seit einigen Monaten mehr Videocalls, wo früher E-Mails und Telefonate den Alltag bestimmten. Ansonsten hat sich in meinen Arbeitsroutinen wenig verändert. Ich arbeite seit zehn Jahren freiberuflich von zu Hause aus. Wo viele andere sich anstrengend auf Homeoffice-Lösungen umstellen mussten, bin ich in meinem gewohnten Setting geblieben. Ich habe ja das Glück, nur ein Kitakind zu haben. Distanzlernen aka Homeschooling zieht deshalb an mir vorbei. Stattdessen darf ich
die Notbetreuung der Kita in Anspruch nehmen. Das entlastet, verursacht zugleich aber auch schlechte Gefühle bei mir und rumort: All diese Kontakte, die das Kind dort hat! Und die Kinder und Erwachsenen haben ja jeweils auch wieder Familienangehörige und weitere Begegnungen. Sind das nicht viel zu viele und zu unkalkulierbare Kontakte in Zeiten einer Pandemie? Ist das Risiko nicht zu hoch? Aber was wäre die Alternative?

Alleinerziehende und Corona: Banden bilden – über Theorie…

Dass Homeoffice und Kinderbetreuung gleichzeitig nicht funktionieren, habe ich im Frühjahr über viele Wochen erlebt. Ich kann nicht zugleich produktiv sein und meine Tochter sinnvoll beschäftigen. Das Kind hat stundenlang Serien geschaut, ich habe trotzdem einen Großteil meiner Arbeit nachts erledigen müssen und einige Deadlines nicht gehalten – zum ersten Mal. Als Paar gemeinsam im Homeoffice ist es sicher auch herausfordernd. Es gibt vermutlich viel Zündstoff durch die ungewohnte Nähe im Arbeitsalltag, aber man kann sich aufteilen, absprechen und abwechseln und so zumindest einen Kompromiss auf die Beine stellen. In der Theorie kann man natürlich auch als Alleinerziehende Banden bilden, sich mit anderen zusammentun und sich entlasten in der Betreuung.

…und Praxis!

In der Praxis müssen aber genau diese Kontakte und das Vertrauen aber schon vorhanden sein, die Kinder müssensich verstehen, die Zeitpläne müssen koordinierbar sein und miteinander koordiniert werden und vieles mehr. Das ist anstrengend. Etwas in der Art haben wir im ersten Shutdown getestet und schnell festgestellt, dass es noch mehr Anstrengung und Unruhe verursacht und zusätzliche Zeit kostet. Deshalb haben wir den Versuch nach zwei Wochen abgebrochen und uns zu zweit weiter durchgeschlagen. Meine Tochter hat diese Wochen zu zweit geliebt. Wir hatten uns einen guten Tagesrhythmus geschaffen. Bis mittags trug das Kind oft noch den Schlafanzug – echte Feriengefühle. Wenn, ja, wenn da nur nicht der Arbeitsdruck gewesen wäre.

Nicht den Kopf in den Sand stecken.

Wenn ich ein Lebensmotto habe, dann lautet es: Auch das geht vorbei. So wie schöne Momente nicht unendlich sind, wird auch die Zeit mit dem Coronavirus vorübergehen – auch wenn es sich gerade anders anfühlt. Bis dahin versuche ich, alles nicht so eng zu sehen, es uns möglichst schön zu machen und mich durch kleine Tricks selbst zu entlasten. Ja, das geht tatsächlich!

Meine Tricks, um besser durch diese anstrengenden Zeiten zu kommen:

♥ Jeden Tag plane ich mindestens zehn Minuten (wenn es irgend möglich ist mehr) Yoga,
Meditation, Stretching oder irgendeine kurze Sporteinheit ein. Oft nehme ich mir die Zeit dafür nachdem mein Kind im Bett ist.

♥  Ein heißes Bad (mit einem guten Buch) hilft mir gegen fast alles: Stress, Rückenschmerzen, Kältegefühle …

♥  Während das Wasser für den ersten Kaffee des Tages kocht, tanze ich zähneputzend zu einem Lieblingslied durch die Wohnung.

♥  Jede Woche bekommen wir eine Biokiste vor allem mit Obst und Gemüse und einem frischen Brot geliefert. Das spart Zeit und Schlepperei.

Und das mache ich am Wochenende:

♥ Ich lege mir abends eine Banane auf den Nachttisch und in griffbereite Nähe Smartphone, Tablet oder Kinder-CD-Player. Wenn das Kind dann morgens wach und hungrig an meiner Schulter ruckelt, kann ich mit Hörspielen und Banane meist noch eine Stunde Schlaf für mich rausschlagen.

♥  Ich koche gerne Suppe oder Eintopf vor. So habe ich an den Wochentagen ein gutes Mittagessen, das mich nur die Zeit zum Aufwärmen kostet.

alleinerziehend und Corona
Credit: Katia Simon

Katia Simon lebt mit Kind und Katze im Ruhrgebiet. Sie arbeitet als Autorin, Lektorin und Redakteurin für verschiedene Verlage und Unternehmen.

Du möchtest mehr über Katia Simon erfahren? Dann hier entlang (unbeauftragte Werbung*):

Website
Instagram


Und hier bleibst du bei uns auf dem Laufenden!

Du möchtest erfahren, wenn neue MutterKutter-Artikel online gehen? Dann folge uns doch in den sozialen Medien. MutterKutter findest du auf Instagram, Facebook, Pinterest und Twitter.

Auf YouTube gibt es immer wieder Filme zu verschiedenen Themen.

Oder möchtest du mehr über uns erfahren? Dann lies gerne unter Crew weiter.

Werbung* - hier geht es zu unserem zweiten MutterKutter-Buch

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich akzeptiere.

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"