Eisenmangel – ein Phänomen, das ich bisher nur aus der Schwangerschaft kannte. Davor und danach bin ich damit noch nie in Berührung gekommen. Meine Müdigkeit, meine Stimmungsschwankungen – die habe ich aufs Mamasein, mein Leben mit Kleinkind & Baby,  geschoben. Für mich war ganz klar: Schlafentzug ist wie Folter, deshalb bin ich auch so fertig, fühle mich wie 80.

Eisenmangel Dr. Artur Teichgräber Arzt Mamasein Leben Gesundheit MutterKutter Mamablog Kiel
Dr. Artur Teichgräber. Arzt für Osteopathie, Allgemeinmedizin & Naturheilkunde.

Ich wurde aber eines Besseren belehrt. Von Dr. Artur Teichgräber. Der Kieler Arzt ist auf Eisenmangel spezialisiert und möchte vor allem eins: auf das Thema aufmerksam machen. Seiner Meinung nach leiden viel zu viele junge Mütter darunter. Eben weil sie so wie ich denken: sich müde und schlapp fühlen ist normal.


Herr Dr. Teichgräber. Sie haben mich angeschrieben und mich auf diesem Weg auf das Thema Eisenmangel aufmerksam gemacht. Warum war Ihnen das so ein Anliegen?

Weil Eisenmangel der häufigste Nährstoffmangel weltweit ist, ich ganz viele Patienten mit Eisenmangel betreue und gesehen habe, dass Sie über den Blog eine größere Reichweite haben.

Und irgendwie scheint es ein wenig populäres Thema in unserer Bevölkerung zu sein.

Ich sehe das natürlich als junger Vater bei meiner Frau und im Freundeskreis. Es
leiden so viele Frauen vor und nach der Geburt an Eisenmangel. Bedingt dadurch, dass man während der Geburt Blut verliert, fällt der Eisenwert auch nochmal ab. Und es wäre nicht nur für die Frauen selbst, sondern auch für die Kinder und das Gesundheits-System gut, wenn Frauen weniger an Eisenmangel leiden würden.

Eisenmangel ist also nicht nur ein Thema während der Schwangerschaft, sondern auch danach, wenn ich das richtig verstehe..

Ja, genau!

Ich gebe zu: Ich war am Anfang ein bisschen verhalten, weil ich zuerst dachte. Eisenmangel während der Schwangerschaft, das ist ja – überspitzt gesagt – ein alter Hut. Aber als Sie mir dann geschrieben haben, dass nicht nur Frauen nach der Geburt, sondern Menschen jeglichen Alters darunter leiden und die Symptome beschrieben haben, dachte ich mir: Oh, OK, darüber muss ich was machen. Wie kann es denn sein, dass ich – und ich denke auch mal – viele meiner Leserinnen nicht wissen, dass Eisenmangel auch nach der Geburt zu Beschwerden führen kann?

Auch die WHO nimmt das Thema sehr ernst. Sie weist darauf hin, dass weltweit nicht nur Frauen im gebärfähigen Alter – die bedingt durch die Regelblutung – schon alleine Eisenmangel haben, sondern auch Schwangere und Kinder.

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Dabei wurde von der WHO sogar nur der fortgeschrittene Eisenmangel, also die Anämie untersucht. Was ich meine, ist kein ganz klassischer fortgeschrittener Mangel. Also keine Anämie, sondern ein Eisenmangel, der auch schon latent da sein kann, der durch einen erniedrigten Eisenspeicher Beschwerden machen kann.

Aber ist Eisenmangel denn etwas, was vor allem auch Frauen  betrifft?

Ja, auch. Es gibt leider sehr viele Gruppen, die es betreffen kann. Kinder durch das Wachstum. Ältere Menschen durch Medikamente, die sie nehmen, zum Beispiel Blutverdünner, und auch Leistungssportler. Aber vor allem Frauen. 80 Prozent der Anämien werden bei jungen Frauen diagnostiziert.

Wofür sorgt Eisen im Körper?

Es befindet sich in jeder Zelle des Körpers, um „Lebensenergie“  herzustellen. Die bekannteste Funktion ist, dass die roten Blutkörperchen in ihrem Kern, der Zelle, Eisen haben, um den Sauerstoff von der Lunge ins Gewebe zu transportieren. Wenn dieser Kreislauf nicht funktioniert, kann man sich leicht vorstellen, dass man Symptome wie Leistungsminderung bekommt.
Und dann sorgt Eisen natürlich noch für viele andere Prozesse.
Für welche denn?

Zum Beispiel für das Immunsystem, das zentrale Nervensystem, Haut und Haare, die Bildung von wichtigen Hormonen, die für die Regulation der Psyche, der Schilddrüse oder des Schlafens verantwortlich sind.

Es verbessert aber auch die Muskelkraft der Herzzellen. Da gibt es so viele interessante Untersuchungen zu, dass die Herzspezialisten sich dazu entschieden haben, ein Screening auf latenten Eisenmangel bei schwerer Herzschwäche in ihre Leitlinien zu übernehmen. Die Studien weisen darauf hin, dass wenn die Eisenspeicher nicht gut aufgefüllt sind, die Patienten von Eisengaben als Infusion sehr profitieren können. Als ich vor einigen Jahren in der Herzklinik gearbeitet hatte, konnte ich bereits sehen, dass das leider gar nicht so selten der Fall ist. Da es sich bei uns um eine Uniklinik gehandelt hatte, haben wir besonders viele schwer kranke Herzpatienten betreut und daher auch öfter Eiseninfusionen verabreicht.

Als Hausarzt habe ich leider auch gesehen, wie schwer es ist, das außerhalb eines Krankenhauses fortzusetzen. Kaum ein Hausarzt gibt Eiseninfusionen.

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Warum?

Ich denke, da es zu selten vorkommt, dass ein Herzpatient in diese Kategorie fällt, haben zu wenig Ärzte Erfahrung damit sammeln können. Man muss wissen, welche Eisenverbindung man genau geben sollte, in welcher Dosis und wie oft. Das ist ein sehr komplexes Thema, dass ich hierzu sogar einen Kurs in der Schweiz gemacht habe.

Welche Symptome bringt denn der Eisenmangel mit sich?

Eisenmangel führt meist zu Erschöpfungssymptomen wie schnelle Ermüdbarkeit, Leistungsminderung und Konzentrationsschwierigkeiten. Das kann sogar bis zu Depressionen führen.
Dann gibt es auch die klassischen Eisenmangelsymptome, die man so kennt: eingerissene Mundwinkel, blasse Haut etc. Das kennen ja die meisten. Manchmal kann es aber auch zu Haarausfall, Nackenverspannungen und Verdauungsbeschwerden führen. Aber es können auch Symptome wie trockene Haut oder sogar eine Neurodermitis auftreten. Bei älteren Menschen kann es auch zu Pilzinfektionen führen.

Krass, das heißt also: Es kann sein, dass manche Menschen, die einen unerkannten Eisenmangel haben, zum Psychologen gehen und es ihnen nach der Behandlung gar nicht besser geht, weil sie keine Depressionen, sondern einen Eisenmangel haben. Ernsthaft?

Ja!  Aber jeder reagiert da etwas anders. Also es nicht so, dass jeder, der einen latenten Eisenmangel hat, gleich starke Symptome hat. Das variiert meiner Erfahrung nach. Die einen sind mehr psychisch, die anderen sind mehr körperlich betroffen. Das ist ganz unterschiedlich.

Da sind ja Symptome dabei, von denen ich sagen würde: Die klassischen Symptome einer Mutter…

Ja, das stimmt leider. Das wird manchmal dann einfach hingenommen oder falsch interpretiert. Hinzu kommt, dass man dann weniger leistungsfähig ist und gestresster sein kann. Wenn man sich dazu dann nicht gut ernährt oder zu viel Stress hat, nimmt der Körper schlechter Nährstoffe auf, das kann dann sogar den Eisenmangel verstärken.

Mütter sind ja relativ oft unausgeschlafen und denken, man ist erschöpft aufgrund von Schlafmangel. Die nehmen das meiner Erfahrung nach oft einfach so hin, deshalb geht der Eisenmangel oft unter. Da denkt Frau leider zu oft: das ist normal.

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Was ich ja total spannend fand und weswegen ich auch gesagt habe, das Interview muss ich machen, ist, dass so Symptome wie Müdigkeit, Gereiztheit, dass das alles so Symptome sind, die ich persönlich auf 2 Kinder, wenig Schlaf, gerade Geburt hinter mir mitsamt Kaiserschnitt geschoben habe. Und niemals auf einen Eisenmangel…

Es ist bei jedem auch etwas anders. Die einen können mit niedrigen Eisenspeichern ganz gut leben, andere wiederum sind da sensibler und reagieren dann auch mit unterschiedlichen Symptomen. Die Spannweite ist sehr groß.
Deshalb sollte man die Laborwerte nicht isoliert anschauen, sondern im Zusammenhang mit den Symptomen interpretieren. Es gibt zudem auch eine Vielzahl an Ursachen für den Eisenmangel. Hier bedarf es einer sehr gründlichen und individuellen Diagnostik.
Viele gehen ja auch nicht zum Arzt, wenn sie sich müde und schlapp fühlen und denken: das ist normal oder geht von alleine weg. Außerdem beobachte ich, dass die jungen Mütter denken, es sei normal, da ihre Leidensgenossinnen aus der Krippe oder dem Freundeskreis über die gleichen Symptome klagen.

Ich rate aber jedem von einer Selbstdiagnostik oder einer Nahrungsergänzung mit Eisen ab. Es gibt leider gibt viele Erkrankungen, die zu ähnlichen Symptomen wie die des Eisenmangels führen können: Bestes und häufigstes Beispiel ist die Schilddrüsenunterfunktion.

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https://www.youtube.com/watch?v=_2KXAMFMZkw

Also würden Sie meinen Leserinnen dazu raten: Wenn sie Symptome haben, wie Müdigkeit, Erschöpfung, den Eisenwert mal checken zu lassen?

Ja, ganz klarer Fall. Solche Symptome sollte man nicht einfach so hinnehmen. Auch wenn Erschöpfungssymptome in unserer Gesellschaft schon normal zu sein scheinen.
Als Osteopath habe ich viel mit eher gesundheitsbewussten Frauen zu tun. Ich beobachte aber, dass viele sich daher vegetarisch ernähren und das kommt dann nochmal oben drauf – mit dem Stress zusammen, dann nimmt man schlechter Eisen auf. Das ist dann so eine ganze Kaskade, die da eine Rolle spielt.
Vor allem empfehle ich es Frauen, etwas hellhöriger (sich selbst gegenüber) zu sein und noch früher zum Arzt zu gehen, wenn sie starke Regelblutungen haben, sich vegetarisch ernähren oder viel Sport treiben oder sogar noch dazu viel Stress haben. Diese haben meiner Erfahrung nach noch häufiger Eisenmangel.

Warum ist dieses Thema denn für Sie so eine Herzensangelegenheit, dass sie sagen: Ich möchte gerne aufklären.

Weil es hier einen riesigen Aufklärungsbedarf gibt. Ich kannte das Ausmaß und die Folgen für unser Gesundheitssystem früher selber nicht. In meinem Studium war das leider kein Thema. Laut WHO waren über 500 Millionen Frauen im Jahre 2011 von einer Anämie betroffen. Zum Glück hat sich die WHO auf die Agenda gesetzt bis 2025 den weltweiten Eisenmangel um 50% zu reduzieren. Und zudem sehe ich das Problem sogar als junger Vater in meinem privaten Umfeld bei vielen jungen Müttern.

Wie ist denn jetzt der Stand der Dinge bei mir? Ich habe ja auch einen Eisenmangel. Wie ist das Ergebnis bei mir?

Bei Ihnen handelt es sich ebenfalls um einen latenten bzw. prälatenten Eisenmangel. Das sieht man vor allem an dem erniedrigten Wert des Speichereisens, dem sogenannten Ferritin. Sie haben aber keine Anämie, da der rote Blutfarbstoff, das sogenannte Hämoglobin noch im Normbereich liegt.

Ich muss hierzu aber noch anmerken, dass der Eisenspeicherwert, im Laborbefund so aussieht, als wenn alles im grünen Bereich wäre. Der Wert ist von 10-300 als normal eingestuft. Bei Ihnen liegt der Wert bei 37. Also recht niedrig. Daran sieht man, dass die Speicher schon ziemlich aufgebraucht sind. Bei den meisten Männern liegen diese Werte laut meiner Erfahrung um die 150, ab einem Wert unter 50 sprechen die meisten Experten von einem latentem Eisenmangel. Die Empfehlung lautet oft sogar, den Wert auf über 100 zu bringen.

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Wie äußert der sich gerade bei mir?

Durch Leistungsminderung, denke ich mal. Müdigkeit, erhöhte Reizbarkeit. Es kann auch eine emotionale Komponente dabei sein, Stimmungsschwankungen können dazukommen.
Ja, stimmt.
Und natürlich hat man, wenn man das Kind trägt, auch mal Nacken- oder Schulterverspannungen, aber die könnten ohne Eisenmangel weniger ausgeprägt sein.
Wie lange dauert es denn, bis ich den Eisenspeicher wieder aufgefüllt habe?
Das kann so ca. 3 bis 6 Monate dauern. Je nachdem, was die Ursache ist. Wie gut die Eisen-Tabletten wirken, ob sie die nicht vielleicht wechseln müssen. Das sind halt sehr sehr viele Faktoren, da ss kann man nicht so genau sagen.
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Zu wem sollten die Leserinnen gehen, welcher Arzt macht das? Denn ich wurde vorher nie darauf angesprochen…

Die erste Anlaufstelle sollte zunächst der Hausarzt sein. Wenn der keine anderen Ursachen für die Symptome findet, aber keine weitere Diagnostik in Richtung latenten Eisenmangel vornimmt, kann man sich zum Internisten überweisen lassen oder ihn darauf hinweisen, dass man den Ferritin-Wert gerne bestimmt haben möchte. Das ist dann meist eine Selbstzahler-Leistung von ca. 20 Euro.
Aber es gibt in jeder größeren Stadt sogenannte Eisenzentren. Ein Verzeichnis hierzu findet man auf der Internetseite der SIHO. Das ist eine Schweizer Eisengesellschaft, da habe ich mich auch zu dem Thema fortgebildet.
Man kann auch ganz normal zu seinem Hausarzt gehen und sagen: Ich habe die und die Symptome, kann das auch am Eisenmangel liegen – und dann müsste man aber darauf bestehen, dass man den Ferritinwert, den Speichereisenwert bestimmen lässt, weil die meisten Hausärzte nur den Hämoglobinwert bestimmen und sagen: Es ist alles in Ordnung.
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Was kann ich selber tun, um meinen Eisenspeicher aufzufüllen?

Wenn man die Ursache für den Mangel gefunden hat, sollte man diese natürlich so gut wie möglich beheben. Parallel sollten Sie die Eisenzufuhr zum Beispiel durch Ernährung erhöhen. Parallel sollte man aber auch darauf achten, dass die Eisenaufnahme nicht gehemmt wird. Kaffe und schwarzer Tee hemmen die Eisenaufnahme zum Beispiel sehr stark.

Man kann auf mehr Frischkost achten, es enthält viel Vitamin C – das fördert die Aufnahme.

Wenn Sie sich nicht vegetarisch ernähren, dann geht es am besten, in dem man mehr Fleisch ist. Das tierische Eisen wird vom Körper viel leichter aufgenommen. Aber bitte achten Sie bei Fleisch auf gute und regionale Bioqualität. Den größten Eisengehalt hat Leber.

Und wenn ich Vegetarier bin?
Dann sollten Sie vermehrt auf eisenhaltige Getreideprodukte, Nüsse und Samen achten. Zum Beispiel Amaranth. Das kann man als Müsli essen oder wie Reis kochen. Man kann es auch zwischendurch essen. Hirse hat viel Eisen, Haferflocken. Wenn man einfach mal eisenhaltige Nahrungsmittel googelt, dann findet man ziemlich leicht viele verlässliche Tabellen hierzu.
Man sollte vor allem schauen wie man die eisenhaltigen Nahrungsmittel in den Alltag integrieren kann. Eine kleine Dose mit Nüssen auf dem Schreibtisch oder in der Handtasche für den kleinen Hunger zwischendurch, kann langfristig etwas bewirken…Da sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.

Herzlichen Dank für das Interview!

Musik: Finn Seliger!

Mehr rund um das Thema könnt ihr hier auf der Homepage von Dr. Teichgräber erfahren. Kontaktieren könnt ihr ihn auch über Facebook.


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