Beziehung

Keinen Sex mehr? „Die Funkstille im Bett ist selten das Hauptthema.“

Paarcoach Sascha Schmidt mit Impulsen für Eltern ohne Sex. Autorin: Dorothee Dahinden

Hast du in deiner Beziehung keinen Sex mehr? Paarcoach Sascha Schmidt gibt Antworten auf wichtige Fragen.


Lieber Sascha, ich höre immer wieder von Beziehungen, Eltern, die keinen Sex mehr miteinander haben. In meinem direkten Umfeld habe ich das so noch nicht erfahren, aber über Ecken gehört, dass manchmal nicht nur Monate, sondern Jahre Funkstille im Bett herrscht. Wie häufig bist als Paarcoach mit dem Thema „konfrontiert“? 

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Sascha Schmidt, Paarcoach & familylab-Berater

Über 80-zig Prozent meiner Klienten haben Flaute im Bett. Aber nicht nur dort. Zärtliche Umarmungen, liebevolle Küsse, Schmusen auf dem Sofa sind oft eingeschlafen. Wobei dies typische Nebenwirkungen einer Beziehung im Krisenmodus sind. Das erfahre ich nebenbei in der Beratung. Zu mir kommen die Paare, um Konflikte zu lösen oder der Beziehung eine neue Perspektive zu geben.

Keinen Sex mehr? „Die Funkstille im Bett ist selten das Hauptthema.“

Der Fokus meiner Beratung liegt auf der Kommunikation, erlebte Verletzungen, Überforderungen mit Kids und Job. Die Funkstille im Bett ist selten das Hauptthema. Liegt vielleicht auch daran, dass ich explizit kein Sexualberater bin. Viele meiner Kollegen bieten ja Paarberatung und Sexualtherapie als Kombi an. Ich höre oft, dass meine Klienten bewußt keine Sexualberatung wünschen. Sprich Körperlichkeiten und Sex ist kein Probelm, wenn das eigentliche Beziehungsthema geklärt wird.

Ich stelle mir vor, dass das ein Prozess ist…erst wenig Sex, dann noch weniger, irgendwann keinen mehr. Liege ich da richtig? Wenn ja: Was sind häufige Gründe deiner Klienten? Finden sie ihre*n Partner*in nicht mehr sexy, sind es die Kinder, ist es die Müdigkeit? 

Nun, zu mir kommen haputsächlich Elternpaare. Also Kinder sind im Spiel mit allem was das bedeutet: Müdigkeit, Erschöpfung, Überlastung, Zweifel und natürlich viel Lebensfreude. Die Familie steht im Mittelpunkt; der Mann und die Frau als Individuum mit eigenen körperlichen Bedürfnissen pausieren. Ich beobachte, dass die Pause den Frauen deutlich einfacher zu fallen scheint als den Männern.

„Sexy finden sich die Paare oft noch.“

Mein „Guru“ der dänische Familientherapeut Jesper Juul empfahl den Männern die Rolle des Liebesministers einzunehmen. Also nicht darauf zu warten, dass die Frau wieder Lust hat auf einen romantischen und erotischen Abenteuer, sondern aktiv den kinderfreien Abend oder das Wochenende zu organisieren. Denn sexy finden sich die Paare oft noch. Sie kommen nur nicht mehr dazu, dass zu sagen und zu zeigen, wenn Baby-Windeln oder Hausaufgaben den Beziehungs-Alltag bestimmen.

Du redest von Frauen, die keine Lust haben. Ist das denn nicht so ein Klischee? Ich höre auch von Frauen, die sich genau über den Punkt aufregen und sagen: Ich könnte drei Mal die Woche, mein Mann will das nicht…Was denkst du? 

Ja, das stimmt. Doch dies erlebe ich in meiner Beratungspraxis prozentual deutlich weniger. Wenn die Libido beim Mann runtergfahren ist, dann spielt of Stress und Druck im Job eine Rolle. Manchmal jedoch auch – und das tut weh – ist bereits eine andere Frau im Spiel. Und es gibt die Gretchenfrage für Männer: Sex mit meiner schwangeren Frau: Ja oder Nein? Da gibt es Facetten von individuellen Antworten in Männerrunden. Bevor jetzt jedoch ein Aufschrei losgeht: Bitte, dies ist keine Verallgemeinerung sondern nur meine Erfahrung auf Basis meiner Paarberatung seit 2016.

Keinen Sex mehr? Überredung ist ein Balanceakt!

Persönlich kann ich sagen, dass es auch bei mir Momente und Phasen gibt, wo ich als Mann einfach keine Lust habe. Manchmal ist es dann bei meiner Frau jedoch gerade anders. Dann haben wir einen Konflikt. Der läßt sich jedoch oft auflösen mit herzlicher Akzeptanz oder liebevoller Überredung – zumindest bei mir. Das ist sehr individuell und ein Balanceakt. Je besser die Paare in Kontakt sind und über ihre Bedürfnisse sprechen können, umso weniger Frustpotential hat dieser Konflikt.

Wie schwierig ist der Weg da raus? Oder anders gefragt: Wie stehen die Chancen einer erneuten Annäherung nach langer Flaute im Bett, wenn die Luft erst einmal raus ist? Und wie könnte die dann aussehen? Ein erster Schritt wäre für mich: drüber sprechen… 

Ups, eine oft weibliche Sicht „Lass uns drüber reden“, während der Mann denkt „Können wir nicht einfach vögeln?“ Klingt klischeehaft – höre ich zugleich oft. Beides ergibt Sinn. Also gemeinsam feststellen, dass uns etwas fehlt. Manchmal leidet nämlich nur ein Partner unter der Sex-Flaute. Auch das gilt es erteinmal anzuerkennen. Der amerikanische Paar- und Sexualtherapeut David Schnarch – bitte nicht lachen – hat lange hierzu geforscht. Sein Fazit: Der Partner, der weniger Lust auf Sex hat, bestimmt das Sexleben in der Beziehung. Da hat jemand also Macht. Da kann jemand Signale aussenden alá „Sex nur, wenn du dich vorher richtig verhalten hast“ oder „Sex nur, wenn es so läuft, wie ich es will“ oder „Sex nur, wenn alles drumherum zu 100 Prozent stimmt“. Die Liste lässt sich beliebig weiter führen.

„Drüber reden hilft, wenn nicht schon eine Sprachlosigkeit Einzug erhalten hat.“

Die Erkenntnis und Annahme dieser Macht ist für mich ein wichtiger Baustein, für eine neue Basis in der Beziehung. Wenn ich als Frau oder Mann diese Macht annheme, dann kann ich damit ja verantwortlich umgehen. Leider kann diese Macht auch genutzt werden, dem Partner eins auszuwischen oder unterschwellig auf andere Probleme hinzuweisen. Dann denkt zum Beispiel der Mann, er habe kein Sex mehr, da seine Frau nur noch die Kinder im Kopf habe und die Frau fühlt, solange die Familienlast auf meinen Schultern ruht, habe und spüre ich einfach keine Lust. Dann hilft darüber reden, wenn nicht schon eine Sprachlosigkeit Einzug erhalten hat.

Welche Modelle leben deiner Erfahrung nach viele Eltern heute, die keine Lust mehr aufeinander haben? Trennung, Fremdgehen per Tinder oder offene Beziehung? 

Viele leiden und suchen dann Ablenkung in Richtung Pornos und sonstiger digitaler Angebote. Der nächste Schritt ist Fremdgehen bis hin zur Affäre oder Zweitbeziehung. Offene Beziehungen erlebe ich in den Beratungen kaum. Das scheint mir eher ein Medien- und Nischenphänomen zu sein. Ich bin 1969 geboren, hatte junge Eltern, die in der 68er-Szene mehr oder weniger offene Beziehungen lebten. Ich habe da als Kind viel Leid in Richtung Beziehungslosigkeit erfahren.

Keinen Sex mehr? „Das Paarleben steckt voller Überraschungen.“

Wozu rätst du unseren Leser*innen, wenn sie jetzt denken. Das ist unser Thema, ich muss etwas tun… 

Sich seinen Partner liebevoll schnappen, an die Hand nehmen und sagen: Ich möchte mein Sexleben reanimieren und zwar mit Dir! Dann auf die Reaktion warten. Eventuell besteht Redebedarf und man muss sich austauschen. Es kann aber auch sein, dass wie aus dem Nichts eine Böe aufkommt und man im Bett, Sofa oder auf dem Küchentisch landet. Das Paarleben steckt voller Überraschungen.

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