Frauenheilkunde

Vaginismus: Wenn Sex nicht möglich ist!

Unsere MutterKutter-Frauenärztin im Gespräch mit dem Sexualtherapeuten Carsten Müller.

Vaginismus: Was ist das eigentlich genau? Und was können Betroffene tun?

Unsere Frauenärztin Dr. Judith Bildau & Sexual- und Paartherapeut Carsten Müller mit wichtigen Infos für dich.


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Vaginismus – wenn Sex nicht möglich ist

Vaginismus
Dr. Judith Bildau, Frauenärztin & MutterKutter-Crewmitglied

Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie unsicher das Paar mir gegenüber saß. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Männer ihre Frauen zur gynäkologischen Untersuchung begleiten. Doch hier lag die Sache ein wenig anders. Hier ging es ganz offensichtlich nicht um die Frau als Patientin; hier hatte mich das Paar gemeinsam aufgesucht.

“Wir können nicht miteinander schlafen”, brach es aus dem Mann heraus, als ich fragte, was die beiden denn zu mit geführt hatte. Er blickte nervös unter sich und seine Frau versuchte, jeglichen Blickkontakt zu mir zu vermeiden. “Hm, das kann zunächst viele Gründe haben. Möchten Sie mir genauer erklären, warum es ihnen nicht gelingt, miteinander Sex zu haben?” versuchte ich mich vorzutasten. Der Mann wollte gerade antworten, als ihm seine Frau das Wort abschnitt. “Es liegt an mir”, sagte sie, “ICH kann keinen Sex haben. Ich konnte es auch noch nie. Ich liebe meinen Mann und dachte, mit ihm würde es funktionieren. Tut es aber nicht.” Aus ihrem Blick sprach Scham. Ich nickte. “Und warum können Sie keinen Sex haben? Woran liegt es?” hakte ich nach.

„Es ist zu eng, ja, eigentlich wie “zu”“

“Er kann nicht in mich eindringen. Es ist zu eng, ja, eigentlich wie “zu”. Keine Chance.” Sie fing an zu weinen. “Er sagt zwar, dass er Geduld hat und dass er mich liebt. Das weiß ich ja auch. Aber es ändert sich einfach nichts. Und wir möchten doch bald Kinder haben.” Und weiter: “Selbst Tampons einzuführen fällt mir schwer. Wenn überhaupt kann ich nur die kleinste Größe benutzen.“

Ich nickte. “Und würde es Ihnen helfen, wenn ich Ihnen eine Diagnose für dieses, sagen wir mal, “Problem”, nennen würde?” fragte ich. Beide sahen plötzlich auf: “Ja!”“Ich habe Sie noch nicht untersucht, aber schon jetzt habe ich einen Verdacht. Es handelt sich hier vermutlich um eine Form von ‘Vaginismus’. Das ist gar nicht so selten und, nein, damit sind Sie definitiv nicht allein.”

Vaginismus- was ist das?

Vaginismus wird häufig auch mit dem Begriff “Scheidenkrampf” übersetzt. Ganz plastisch beschrieben, handelt es sich hierbei um ein Verkrampfen der Beckenboden- und Scheidenmuskulatur. Diese ganz ganz unterschiedliche Ausprägungen haben; im Zweifel kann sie soweit gehen, dass kein Geschlechtsverkehr möglich ist. In einigen Fällen können auch gynäkologische Untersuchungen und/ oder das Benutzen von Tampons oder auch Menstruationstassen unmöglich sein. Die betroffenen Frauen leiden meist sehr darunter und sind verzweifelt. Die Ursache kann einerseits in einer Muskelfunktionsstörung liegen, andererseits aber auch in einer körperlichen Abwehrhaltung.

Es gibt verschiedene Formen von Vaginismus

Man kann zwei Formen des Vaginismus unterscheiden. Bei der primären Form, so wie es bei meiner Patientin der Fall war, war es bislang noch nie möglich, Geschlechtsverkehr zu haben oder Menstruationsartikel zu benutzen, die in die Scheide eingeführt werden müssen.

Bei der sekundären Form war dies nicht immer der Fall und häufig gibt es ein traumatisches Erlebnis, auf das die Frauen mit einer Form des Vaginismus reagieren. Das können Erlebnisse von sexueller Gewalt sein, ein negativ besetztes Geburtserlebnis oder eine, als sehr unangenehm empfundene, gynäkologische Untersuchung.

Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Der wichtigste Therapiebaustein, das ist meine Erfahrung, ist hier zunächst einmal, dass die Frauen ganz viel Verständnis und ganz viel Empathie erfahren. Ich erlebe es so, dass sie häufig eine sehr lange Leidensgeschichte hinter sich haben und es sie viel Überwindung gekostet hat, sich überhaupt an mich zu wenden.

Je nach Ursache des Vaginismus, gibt es verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Häufig braucht die Therapie allerdings sehr viel Geduld. Gar nicht so selten wird auch eine Kombination von verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten beötigt. Diese können sein:

♥ (psycho-) therapeutische Unterstützung (sowohl für die Frau, als auch für den/ die Partner/in
♥ verschiedene Entspannungsverfahren
♥ Beckenbodentraining
♥ Biofeedback
♥ Vaginaldilatatoren

„Solche Erlebnisse sind für mich als Frauenärztin ein wahnsinnig großes Geschenk.“

Meiner Patientin half ebenfalls eine Kombinationstherapie. Mit psychotherapeutischer Hilfe gelang es ihr, an den “Kern” ihrer Abwehrhaltung zu gelangen. Begleitend zu dieser Therapie fingen wir mit einer mechanischen Dehnung an. Dafür benutze sie über Monaten hinweg zunächst sehr kleine, im Verlauf immer größere Vaginaldilatatoren. Die Behandlung war von vielen Auf und Abs begleitet. Letztendlich hat sich die Geduld, aber auch das Vertrauen der Patientin in diese Therapie, gelohnt. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass ihr schließlich auch die vaginale Geburt ihres so ersehnten Kindes möglich war. Solche Erlebnisse sind für mich als Frauenärztin ein wahnsinnig großes Geschenk.

♥ Mehr über unsere Frauenärztin Dr. Judith Bildau erfährst du unter Crew

Um euch noch mehr Informationen zum Thema an die Hand geben zu können, habe ich den Paar- und Sexualtherapeuten Carsten Müller interviewt. Vaginismus ist etwas, das auch ihm öfter in seiner Praxis begegnet.

„Ich habe Frauen erlebt, die über Jahre die Schmerzen ausgehalten haben.“

Carsten Müller, Sexual- und Paartherapeut

Lieber Carsten, Vaginismus- ein ziemlich komplexes Thema. Was ist deine Einschätzung, wie viele Frauen leiden darunter?

Carsten Müller, Sexual- und Paartherapeut I Credit: Immo Fuchs

Das ist gar nicht so einfach zu sagen, weil die „Dunkelziffer“ aus meinem Blickwinkel heraus sehr groß ist. Dieses wiederum hat oft mit Scham und der damit verbundenen Sprachlosigkeit in Bezug auf Sexualität zu tun. Das vermeintliche „Nicht-Funktionieren“ tut sein Übriges dazu, so dass die Hemmschwelle, sich anzuvertrauen oder Hilfe zu holen, leider oft sehr groß ist. Ich habe Frauen erlebt, die über Jahre die Schmerzen ausgehalten haben. Daran merkt man noch einmal, wie groß die angesprochene Schwelle bei diesen Menschen gewesen sein muss. Dass das dann wiederum die Schwierigkeiten verstärkt, muss ich keinem erzählen. Aus meiner Erfahrung heraus würde ich sagen, dass ungefähr jede zehnte Frau mit sexuellen Problemen im Sinne von Schmerzen beim Penetrations-Sex klagt.

Gründe für Vaginismus: „Leistungs- und Perfomensdruck sind dabei genauso zu nennen, wie kein oder ein sehr schlechtes Körpergefühl.“

Lassen wir zunächst einmal organische Ursachen wie Muskelfunktionsstörungen beiseite. Welche psychischen Ursachen kann ein Vaginismus haben?

Die Gründe können sehr unterschiedlich sein. Auslöser aus dem nicht organischen Bereich sind z.B schwere traumatische Erlebnisse wie das Erleben von Gewalt und oftmals speziell auch sexualisierter Gewalt. Genauso können aber auch andere traumatische Erlebnisse wie z.B. ein Geburtstrauma zu Vaginismus führen. Aber auch andere Themen können auslösend sein, wie z.B. schlechte Erfahrungen mit gynäkologischen Untersuchungen, wiederholte ungewollte Schmerzerlebnisse in gelebter Sexualität. Leistungs- und Perfomensdruck sind dabei genauso zu nennen, wie kein oder ein sehr schlechtes Körpergefühl. Die psychischen Faktoren treten oft nicht einzeln auf, sondern es ist eine Kombinationen von mehreren Faktoren, die aufeinander und miteinander wirken.

„Der Kopf braucht positive gemeinsame Erlebnisse.“

Wo setzt deine Arbeit hier an? Wie versuchst du, den Frauen zu helfen?

Für mich steht als erstes immer die medizinische Abklärung gemeinsam mit dem*der behandelnden Gynäkologen*in. Das läuft oft auch über eine Schweigepflichtsentbindung und kann dann sehr zeitnah erfolgen. Im zweiten Schritt geht es dann um eine gute Anamnese und eine Entwicklung von Zielen. Hierbei hilft es oft schon darüber ins Gespräch zu kommen, was denn überhaupt gelungene Sexualität heißt und wie wichtige Penetration-Sex in dieser Vorstellung ist. Hierbei ist es vor allem in bestehenden Partnerschaften wichtig, die andere Person mit einzubeziehen. Nur dann kann aus der aktuellen Situation der Leidensdruck rausgekommen werden.

Oft vereinbare ich mit den Paaren ein „Penetrationsverbot“ damit es nicht weiterhin schmerzvoll geprägte sexuelle Momente gibt. Der Kopf braucht positive gemeinsame Erlebnisse damit sich auch so ein Gefühl wie Lust wieder aufbauen kann. Im Konkreten kann und wird meistens auch die Arbeit durch Vaginaldilatoren, Beckbodentraining und Durchführung von individuellen Körperübungen ergänzt.

„Habt keinen Sex, wenn ihr Schmerzen habt!“

Lass‘ uns bitte einmal an deinen Erfahrungen teilhaben: Wie hoch ist die Chance, dass den Frauen, auch langfristig, geholfen werden kann?

Die Chancen stehen gut, eine für sich zufriedenstellend Sexualität zu entwicklen. Egal, wie diese dann aussieht, der Fokus liegt da auf Selbstbestimmung, Lust und gute Momente abseits von Schmerzen.

Was möchtest du den Frauen, die das ITV hier gerade lesen und denken „Oha, genau das ist mein Problem!“, mit auf ihren Weg geben?

Habt keinen Sex, wenn ihr Schmerzen habt! Ihr müsst ‚durch nichts durch‘! Sprecht darüber und holt euch ggf. Hilfe.

Mehr über den Sexual- und Paartherapeuten Carsten Müller erfährst du hier:

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