BeziehungMamasein

Die Patchwork-WG: „Es ist mehr Liebe im Raum.“

Maike, Nils & Paul leben Patchwork ohne Konkurrenz. Mit viel Liebe. Als eine Art WG. Autorin: Dorothee Dahinden

Patchwork-Probleme? Kennen die Eltern und inzwischen getrennten Instagrammer Maike und Nils nicht. Im Gegenteil. Sie leben ein Familienmodell, das für mich außergewöhnlich ist. Die Familie ist geblieben. Der Respekt auch. Dafür hat sich die Liebe durch Paul vergrößert. Und heute leben sie gemeinsam in einer Art WG! Dazu gleich mehr.

Einige von euch kennen Maike und Nils vielleicht noch. Denn viele von euch haben das Interview mit ihnen im Oktober 2018 gelesen. Sie haben über den Krebstod ihrer Tochter gesprochen. Es ist immer noch das berührendste Interview-Gespräch in meiner bisherigen Reporter-Laufzeit. So viel Liebe. So eine liebevoller Blickwinkel auf das Thema Tod. So viel Kraft. Der Artikel ging viral. Er hatte es sogar bis in den Newsletter der Süddeutschen Zeitung geschafft. Und danach kamen viele Anfragen, zum Teil von großen Medienhäusern. Die Maike und Nils abgelehnt hatten. Sie haben mir ihr Vertrauen geschenkt. Und dafür bin ich ihnen bis heute dankbar.

Die Patchwork-WG: das Interview

Ja, Maike und Nils empfinde ich als besonders. Und genauso habe ich sie auch jetzt – bei unserem zweiten Treffen – wieder erlebt. Inzwischen leben sie in einer Art Patchwork-WG mit Paul. Wie die aussieht – das erzählen sie euch in diesem Interiew!

Können wir als erstes Mal einen Schritt zurückspringen. Ich empfand es damals als absolut nicht selbstverständlich, dass ihr mir das Interview gegeben habt. Ich war so berührt. Wie ging es euch danach und was ist dann passiert?

Maike: Ich weiß noch, dass wir auf der Rückfahrt von hier gesagt haben: „Das war die richtige Entscheidung.“ Und ich war begeistert. Einmal, nachdem wir hier zusammen saßen. Und dann nochmal, als das Interview erschienen ist. Weil wir wirklich die Möglichkeit hatten, zu sprechen ohne Dinge zu sagen, die wir nicht sagen wollen. Wir konnten ein bisschen über uns selber, aber ganz viel über Tod, Trauer und die Verarbeitung sprechen.

Krebstod Tod Tochter Leben Elternsein Eltern Liebe Dankeaberichmachdasanders Instagram Youtube MutterKutter
Foto: MutterKutter (Sommer 2018)

Wir waren positiv überrollt von so viel tollem Feedback!

Auf einmal kamen so viele Menschen auf uns zu, das Interview wurde so oft geliked, geteilt und rumgeschickt, dass ich dachte: WAHNSINN. Und wenn jetzt von den vielen Menschen, die es gelesen haben, nur ein paar verstanden haben, dass Tod und Trauer ganz unterschiedliche Perspektiven haben können, dann haben wir mehr erreicht als wir eigentlich erreichen wollten.

Es wurde ja sogar im Newsletter der Süddeutschen Zeitung verbreitet damals…Wie war das für euch?

Nils: Ja, das war total krass. Die Resonanz so mitzubekommen. Ich hätte nicht gedacht, dass es so abgeht.

Maike: Eine Freundin hat uns geschrieben: „Äh, da ist was über euch in der Süddeutschen.“ Ich habe zuerst gedacht, das wäre ein Scherz.

Die Patchwork-WG! So leben Maike und Nils heute!

Patchwork
Nils, Maike & Paul (von links). Foto: MutterKutter

Und nun sitzen wir hier wieder zusammen am Strand. Mehr als 1,5 Jahre später. Und ihr seid nicht mehr zu dritt hier, sprich Maike, Nils und ihr kleiner Held – ihr seid zu viert. Nun ist auch Paul dabei. Maike und Paul – ihr seid inzwischen sogar verlobt. Ich habe vor einiger Zeit ein Foto gesehen auf Instagram, auf dem ihr Paul euren Followern gezeigt habt und ihr ganz klar gemacht habt: Nils geht diese Liebe mit. Könnt ihr alle mal erzählen: Was ist passiert in dieser Zeit?

Paul: Ich habe Maike auf der Arbeit kennengelernt. Es war tatsächlich Liebe auf den ersten Blick. Ich war auch relativ schnell bei denen zu Hause und habe Nils – als ich das zweite Mal da war – direkt getroffen. Und es war völlig entspannt und total schön.

Patchwork & Liebe: „Es ist mehr Liebe im Raum.“

Patchwork
Quelle: Instagram @dankeaberichmachdasanders

Nils, auf dem Foto bei Instagram wurde klar, dass du die neue Liebe von Maike mit trägst. Ich fühle viel Liebe bei euch. Von allen…

Patchwork
Quelle: Instagram @dankeaberichmachdasanders

Nils: Das macht mich glücklich, wenn die beiden glücklich sind. Es ist nochmal einer mehr dazugekommen. Es ist nicht so, dass was fehlt. Es ist mehr Liebe im Raum. Das kann man tatsächlich sagen. Ich habe nichts verloren, sondern dazugewonnen. Deswegen muss ich da nichts tragen. Ich habe mich halt gefreut, dass ich das Foto von dem Moment machen konnte.

Patchwork: Wir wollten zusammen wohnen bleiben!

Wann habt ihr euch getrennt?

Maike: Wir haben uns vor über einem Jahr getrennt. Aber nicht räumlich. Sehr bewusst haben wir uns als Paar getrennt. Wir haben aber für uns beschlossen, dass wir zusammen wohnen bleiben möchten. Als wir gemerkt haben – das funktioniert ganz gut – ich musste aber jobmäßig umziehen, haben wir uns dann überlegt, dass wir weiterhin zusammen wohnen bleiben wollen und zusammen auch umziehen wollen. Wir haben nicht geplant, dass irgendwann nochmal Partner bei uns beiden dazukommen.

Patchwork
Foto: MutterKutter

…und dann kam Paul…

Maike: Ja, genau. Ich war zufrieden mit der Situation. Und dann kam Paul….

Liebe auf den ersten Blick!

…dann habt ihr euch bei der Arbeit kennengelernt und dann war die Sache geritzt?

Maike: Das war klar vom ersten Augenblick an.

Wie war dieser erste Abend, der erste Eindruck zwischen euch Männern? Der Klassiker wäre ja erst einmal so – zumindest nach Hollywood-Regie: „Oh Gott, da kommt der Rivale!“ Wie war der erste Eindruck zwischen euch?

Paul: Ich war draußen auf der Terrasse.

Nils: Ich habe was gemacht am Haus und dann haben wir ein Bier getrunken, geschnackt und uns erstmal kurz kennengelernt. Man muss sich ja erst einmal ein bisschen beschnuppern.

Patchwork
Nils @dankeaberichmachdasanders. Foto: MutterKutter

Maike: So etwas wie Rivalität stand nie im Raum, glaube ich, oder?

Der „SKURRIL-Moment“

Paul und Nils: Nee!

Maike: Ich kenne Nils seit 14 Jahren und mir war klar, dass Rivalität kein Thema ist. Ich kenne einfach seine Stärken. Ich weiß, dass Rivalität etwas ist, das bei ihm nie vorkommt. Und ich weiß, wie er auf Menschen zugeht. Trotz alle dem hatte auch ich einen ersten „SKURRIL -Moment“. Das sind so Situationen, wo wir selber sagen: „OK, das ist jetzt ein bisschen seltsam.“ Oder: „Das ist too much!“ Einer von uns sagt dann: „Das ist skurril.“ Das entzerrt die Situation.

Zum Beispiel?

Paul: Das erste Mal, als wir tatsächlich alle zusammen im Schlafzimmer auf dem Bett morgens Kaffee getrunken haben. Nils saß am Fußende, wir haben am Kopf gesessen…

Patchwork
Foto: MutterKutter

Patchwork unter einem Dach!

Maike: Unser Sohn in der Mitte. Morgens vor der Arbeit und alle mit einem Pott Kaffee im Schlafanzug im Familienbett. Und dann haben wir so erzählt und erzählt und ich habe in die Runde geguckt und gedacht: skurril. Dann habe ich das ausgesprochen und seitdem handhaben wir es so…irgendjemand hebt zwischendurch die Hand und sagt: „S K U R R I L!“

Und dann habt ihr erstmal zusammen gewohnt oder wie war das?

Nils: Relativ flexibel. Es gibt halt zwei Häuser und je nachdem, wer wie Dienst hat, hat dann halt da geschlafen, wo es nötig war. Unser Sohn hatte noch seine Homebase und dementsprechend war Maike oft da, dadurch auch Paul. Dann haben wir das räumlich aufgetrennt.

Maike: Immer gekoppelt daran, wie es mit unserem Sohn ist. Einer von uns hat immer das Kind. In der Regel der, der zuhause ist. Die anderen beiden sind dann meistens in der Zeit arbeiten. Und so können wir uns ganz schön aufteilen.

Unser Sohn weiß, dass bei uns nichts dazwischen kommt!

Patchwork
Foto: MutterKutter

Und wie hat euer Sohn reagiert?

Maike: Ganz entspannt. Darüber hinaus, dass wir beide immer Eltern bleiben werden,  sind wir Freunde. Und da ist auch nichts dran zu rütteln. Wir sind ganz ganz viele Jahre zusammen durchs Leben gegangen. Wir sind richtig tief zusammen durch die Scheiße gegangen. Und da kommt auch nichts mehr dazwischen. Das weiß nicht nur unser Umfeld, das weiß vor allem unser Kind.

Und dadurch, dass die Wohnsituation sich auch erstmal sich geändert hat, war das für ihn auch so ein schrittweise Begreifen. Natürlich in dem Alter erst einmal verstehen lernen: Was ist Liebe, was ist Freundschaft, was trennt eigentlich Liebe von Freundschaft? Ich weiß, dass er gesagt hat, dass er weiß, dass wir uns immer lieben. Und das würden wir auch immer so unterschreiben. Das ändert sich auch nicht. Nur diese romantische Beziehung – die gehört nicht mehr dazu.

Patchwork: Wir wollen flexibel bleiben!

Und du hast noch einen Sohn dazugewonnen, oder?

Paul: Ja, das war spannend. Ich habe mich erst sehr zurückgehalten. Ich habe ihn kommen lassen. Und er ist dann tatsächlich auch gekommen.

Wie lebt ihr heute? Wie teilt ihr das auf?

Nils: Aktuell sind wir räumlich getrennt. Es gibt ja zwei Häuser. Der kleine Held lebt bei Maike und Paul, ist aber unter der Woche jeden Tag bei mir. Weil wir das durch die Schulbetreuung so machen. Und so wird es auch immer sein. Ganz flexibel.

Maike: Auch so, wie seine Vorlieben sind. Ich bringe ihn in die Schule. Papa holt ihn ab aus der Schule. Dann hat er den Nachmittag mit Papa. Den hat er entweder in der Waldhütte, wo Nils wohnt. Oder Nils und der kleine Held kommen schon am Nachmittag zu uns. So, wie es passt.

Patchwork: Wir achten auf unsere Bedürfnisse!

Nils: Das A und O ist, wo unser Sohn sein möchte. Wenn er sagt: „Heute Abend möchte ich da sein…“ Dann setzen wir uns ins Auto und fahren.

Maike: Jeder von uns hat so seine Bedürfnisse. Und der kleine Held gehört da genauso zu. Als genauso vollwertiges Mitglied und kann sie aber noch nicht so umsetzen, wie wir das können. Ich kann mich abends ins Auto setzen und überall anders hinfahren. Und er braucht unseren Support dafür. Ich weiß, dass wenn mir mein Sohn sagt..ich will zu Papa…dann heißt das nicht: Du bist schlecht, du hast was falsch gemacht oder deine Mutterrolle falsch ausgefüllt. Sondern: das ist grad einfach sein Bedürfnis.

Schwarz-Weiß-Denken adé!

Was hast du früher mit dem Wort Pachtwork in Verbindung gebracht?

Maike: Bei mir war Patchwork total negativ belegt. In meiner Vorstellung waren da nur Beziehungskonflikte auf unterschiedlichen Ebenen und hatte da so überhaupt keinen Bock drauf. Nils war da schon immer total tiefenentspannt und sagte immer: „Lass das doch immer mal auf dich zukommen, dann lernst du irgendwann einen Mann kennen.“ Ich habe gesagt: „Du bist ein Schnacker. Stimmt überhaupt gar nicht.“ Und als ich Paul kennengelernt habe, dann gab es nicht so den Unterschied zwischen Patchwork und Familie. Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich verstanden habe: „Das ist für Paul ganz natürlich.“

Nils: Meistens kriege ich jetzt mitleidige Blicke, weil es für die Leute sehr schwer ist zu verstehen, dass ich jetzt nicht der arme verlassene Mann bin, der jetzt mal eine Stunde Zeit mit seinem Kind verbringt. Es gibt dieses Schwarz-Weiß-Denken. Entweder ist sie die Bitch, die ihn betrogen hat oder er ist halt der, der mit seiner Sekretärin durchgebrannt ist. Und irgendwas dazwischen gibt es nie – dass es auch ohne verletzte Gefühle geht.

Auch Freunde & Familie mussten sich an die Situation gewöhnen.

Maike: Genau. Trennung ist ganz oft etwas, wo einer von beiden als Opfer rausgehen muss, weil Trennung von Außen sonst nicht verstanden wird. Sonst kriegt man doch immer zu hören: „Das wird doch wieder. Ihr kommt doch wieder zusammen.“

Nils: Oder – „Das kann doch gar nicht funktionieren.“

Maike: Ich werde ganz komisch angeguckt, wenn ich im Sportverein gefragt werde: Wer ist denn jetzt der Vater von dem Jungen? Und ich antworte: Das ist der Vater des Kindes, das ist mein Freund. Wir teilen uns das hier aber so. Ich glaube tatsächlich, auch Freunde und Familie mussten sich daran gewöhnen.

Familie sind die Menschen, mit denen du glücklich bist.

Hast du das auch erlebt, Paul?

Patchwork
Quelle: Instagram @dankeaberichmachdasanders

Paul: Eine merkwürdige Frage hatte ich bisher: Ob wir mittlerweile eine Dreiecksbeziehung führen. Weil Nils und ich auch viel zusammen machen. Ich lache darüber und habe dann die Situation nochmal erklärt und gesagt, dass Nils für mich ein sehr wichtiger Freund geworden ist.

Wie hat sich der Begriff Familie für euch verändert?

Nils: Irgendwann sucht man sich halt seine Leute aus, mit denen man glücklich ist. Und das ist dann Familie.

#getrenntzusammenwachsen

Maike: Familie ist so ein Ort, an dem Gefühle nicht hinterfragt werden, sondern so angenommen werden. Das ist ganz enorm wichtig. Unser Hashtag ist grad: #getrenntzusammenwachsen. Auf der einen Seite wachsen wir wieder zusammen, aber wir wachsen auch an dieser Situation und ich habe diese Trennung als unglaublich bereichernd für die Beziehung zwischen Nils und mir empfunden. Ich habe das Gefühl: Wir haben uns beide so positiv verändert.Wir haben mehr Raum in unser Leben gelassen für Dinge, die im Alltag kaputt gegangen sind. Und dadurch war auch Raum für andere Menschen da, die unser Leben unglaublich bereichern. Unsere Beziehung hat eine andere Qualität bekommen und wir müssen noch weniger Gefühle hinterfragen.

Nils: Ja, das Team bleibt so. Da kommt nichts zwischen.

Maike: Wenn diese Base so da ist, dann kann man auch Menschen einladen, da mit dabei zu sein. Für mich ist es unglaublich wichtig, dass ich diese Freundschaft zu Nils haben kann und trotzdem verliebt sein und das auch leben darf.

Übrigens werden Maike und Paul dieses Jahr heiraten!

Maike & Paul. Foto: MutterKutter

Liebe Maike, lieber Nils und lieber Paul! Danke für dieses Interview! Danke für euer erneutes Vertrauen!

Ihr findet die Familie hier:

Instagram

YouTube


Und hier bleibt ihr auf dem Laufenden!

Ihr möchtet erfahren, wenn neue MutterKutter-Artikel online gehen? Dann folgt uns doch in den sozialen Medien. MutterKutter findet ihr auf Instagram, Facebook und Pinterest.

Auf Pinterest gibt es immer wieder Filme zu verschiedenen Themen.

Ihr möchtet ihr wissen, wer hinter MutterKutter steckt und welche Themen wir hier behandeln? Dann lest gerne unter Crew und Ahoi! weiter.

Schlagworte

Ähnliche Beiträge

ein Kommentar

  1. Hallo ihr,

    danke für den tollen Beitrag.
    Wie geht ihr mit Menschen um, die sich nicht offensiv negativ äußern sondern von denen ihr vermutet, das sie nicht verstehen wie euer Entwurf funktioniert?
    Geht ihr auf die zu o sperrt ihr die bewusst aus?

    Ich bin ebenfalls Teil eines liebenden Groß-Patchworks (4 Große- und 5 kleine Heldinnen) und häufig unsicher ob ich richtig einschätze wer offensiv dagegen o unverständig ist u von wem ich das nur (vielleicht unbewusst) annehme ?
    Ich habe hierzu vor einiger Zeit mit einer Freundin gesprochen, die aus dem sozialarbeiterischen Feld kommt und bin seid dem etwas unsicher.

    Meint ihr Menschen in unserer Situation sollten mehr erklären u offener sein? O ist mit so großen geistigen Hürden zu rechnen das man sich aufreibt? Ist es unsere Aufgabe der Welt zu zeigen das es nicht nur schwarz u weiß gibt?
    Was sind eure Erfahrungen?

    Danke für eure Offenheit.
    J

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich akzeptiere.

Back to top button
Close