Hebammenwissen

Induzierte Laktation: WHAT? Kann jede*r einfach so stillen?

Was ist eine induzierte Laktation genau? Und wie funktioniert das? Autorinnen: Dorothee Dahinden, Dr. Judith Bildau & Kerstin Lüking

Induzierte Laktation: Unsere Hebamme Kerstin Lüking und Frauenärztin Dr. Judith Bildau erklären dir, ob jede*r wirklich einfach so stillen kann.


Induzierte Laktation: easy erklärt!

Induzierte Laktation
Dorothee Dahinden, Illustration: Verena Potthast, www.rundfux.de

Doro: So, Mädels: Butter bei die Fische. Wir hatten vor einiger Zeit ein Gespräch am Esstisch, bei dem eine Verwandte sagte, dass wir Frauen Milch geben könnten, selbst wenn wir grad kein Baby bekommen hätten. Ich so: „Verrückt. Selbst wenn ich aus dem Stillen ewig raus bin soll das gehen? Ich soll also wieder stillen können?“ Was ist dran an dieser Geschichte? Wie heißt das Ganze und wie funktioniert das genau?  

induzierte Laktation
Hebamme Kerstin Lüking; Illustration: Verena Potthast, www.rundfux.de

Kerstin: Wir müssen hier mal ein wenig differenzieren! Wenn eine Frau noch kein Kind geboren hat und trotzdem stillen möchte, z.B. eine Adoptivmutter, sprechen wir von einer induzierten  Laktation.

Induzierte Laktation: Milchbildung ohne hormonelles Einwirken

Dabei wird die Brust mechanisch stimuliert. Das kann erfolgen, indem man regelmäßig alle 3-4 Stunden für 20 Minuten eine Milchpumpe  benutzt und/ oder regelmäßig das Baby mit einem Brusternährungsset an der Brust anlegt. Durch dieses Set erhält das Baby quasi seine Belohnung für sein Saugen, indem es Milch über ein Schlauchsystem zu trinken bekommt, welches an der mütterlichen Brust festgeklebt ist. Man kommt dadurch in die Milchbildung ohne hormonelles Einwirken. Die Milchmenge fällt in der Regel viel geringer aus als bei einer Frau, die ein Kind geboren hat und stillt. Insgesamt ist das ganze sehr zeitaufwendig und es bedarf einer ganzen Menge Geduld.

Hat eine Frau ein Kind geboren, gestillt und merkt nach dem Abstillen, dass es vielleicht doch eine zu frühe Entscheidung war, kann sie es mit einer Relaktation probieren. Auch dieser Prozess ist sehr zeitaufwendig und bedarf viel Unterstützung. Es kann Wochen bis Monate dauern, bis die Milch wieder fließt. Ist der Abstand vom Abstillen bis zum Relaktationsversuch noch nicht allzu lange her, ist die Chance größer, dass es wieder funktioniert.

Und wie funktioniert diese „induzierte Laktation“ genau?

Frauenärztin Dr. Judith Bildau; Illustration: Verena Potthast, www.rundfux.de

Judith: Wie Kerstin bereits erwähnt hat, häufig meist mit Unterstützung einer Milchpumpe. Theoretisch braucht es für eine „induzierte Laktation“ aber nicht zwingend eine solche. Wichtig ist, dass die Brustwarzen regelmäßig und eben „saugähnlich“, mehrfach am Tag und meist über mehrere Wochen lang, stimuliert werden. So wird der Körper dazu angeregt, das Hormon Prolaktin auszuschütten und die körpereigene Milchbildung in Gang zu setzen. Theoretisch gibt es auch die Möglichkeit, diese Prolaktinausschüttung medikamentös zu unterstützen. Ich sage hier immer wieder ganz bewusst „theoretisch“, weil es tatsächlich ein sehr zeitaufwendiges und nervenzehrendes Unterfangen ist. Ohne jemals schwanger gewesen zu sein oder gestillt zu haben, gleicht die Milchbildung übrigens in der Regel anschließend nicht der einer natürlich stillenden Brust.

Doro: Habt ihr das in der Praxis schon erlebt bzw. Frauen betreut, bei denen das funktioniert hat? 

Kerstin: Meine persönlichen Erfahrungen mit Adoptivmüttern, die das Stillen probiert haben, war leider eher erfolglos. Die Frauen haben doch in letzter Konsequenz wieder aufgegeben, weil der Alltag mit Baby schon sehr aufregend und zeitintensiv war. Jedoch hat jede Mutter unisono berichtet, dass es die Bindung zum Kind deutlich gefördert hat

Doro: Kann wirklich jede Frau stillen, selbst mit 70 oder auch Frauen, die keine Kinder haben?

Kerstin: Ich vermute, dass wir auch in Zukunft keine 70jährigen Frauen stillend im Stadtbild entdecken werden. Da unsere Prolaktinrezeptoren, die für eine ausreichende und langfristige Milchproduktion ausschlaggebend sind, auch einem Alterungsprozess unterstehen, wird Stillen schon gelegentlich ab dem 40. Lebensjahr zu einer Herausforderung. Ab diesem Alter muss man sich leider ein wenig darauf einstellen, dass eventuell die Prozesse schon nicht mehr so rund laufen und es zu einer verminderten Milchproduktion kommt.

Induzierte Laktation: Bei dieser Familie wollte der Mann es mit dem Stillen versuchen.

Judith: Im Grunde habe ich die gleichen Erfahrungen in meiner Praxis gemacht wie Kerstin. Ein komplett „volles“ Stillen habe auch ich noch nicht bei Frauen erlebt, die nicht schwanger waren und nicht selbst geboren haben. Aber eben eine sehr erfüllende Erfahrung für die Mamas, die durch das Anlegen und das Saugen des Babys eine sehr intensive Bindung zu ihren Kindern aufbauen konnten. Ich denke, deswegen ist es wichtig, den Frauen das von Anfang an, genau so zu erklären, damit es keine Enttäuschungen gibt und das Ganze nicht zu „verkrampft“ angegangen wird. Eine sogenannte „Relaktation“ dagegen, erlebe ich öfter.

Doro: Warum gewinnt das Thema aktuell an Bedeutung? Judith, du hast dazu neulich erst ein Interview gegeben…

Judith: Ich denke, es liegt daran, dass die Familienkonstellationen insgesamt „bunter“ werden. In meiner Praxis äußern nicht nur Adoptivmütter den Wunsch, stillen zu wollen, sondern zum Beispiel auch Partnerinnen der Frauen, die ein Kind geboren haben. Übrigens wurde ich auch schon von Männern gefragt, ob es für sie eine Möglichkeit gäbe, stillen zu können. Das Überraschende: Ja, tatsächlich können auch Männer Milch abgegeben, denn auch sie haben Brustdrüsen, Milchgänge und schütten Prolaktin aus. Allerdings gestaltet sich das Ganze hier noch etwas schwieriger. Männer haben nämlich deutlich weniger Brustdrüsengewebe und deutlich weniger Milchgänge. Kurzum: In der Wissenschaft sind tatsächlich Fälle beschrieben, in der Männer ihren Kindern Milch gegeben haben, ich persönlich habe so etwas aber noch nicht erlebt.

Kerstin: Ich habe mal eine Familie betreut, wo der Mann unbedingt stillen wollte. Wir haben das dann auch mit dem Brusternährungsset und Stillhütchen versucht. Der Vater war total von den Socken, als er gemerkt hat, dass das doch auch ganz schön schmerzhaft ist. Er hat zwar nach ein paar Tagen aufgegeben, hat aber seiner Frau höchsten Respekt gezollt. Das Kind war erfreulicherweise, trotz Stillhütchen und Co., nicht saugverwirrt.

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