Schütteltrauma: Was ist das genau? Wie passiert es? Wie kommen Eltern in die Situation, dass sie ihr Baby schütteln? Was geht in ihnen vor? Fragen, die ich der Kinderärztin Dr. Nikola Klün und der Kinderphysiotherapeutin Maike stellen durfte.

Denn auch bei diesem Thema glaube ich: Es ist wichtig, dass wir darüber sprechen. Dass wir Themen wie diese aus der vermeintlichen Tabuzone holen und Hilfsadressen anbieten. Für Eltern, die diesen Artikel lesen mögen und womöglich denken: „Ich kann auch nicht mehr. Ich habe Angst, dass ich meinem Kind im Affekt etwas antun könnte. Ich brauche jetzt Hilfe.“


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Liebe Maike, liebe Nikola, ihr habt bei Instagram das Thema „Schütteltrauma“ aufgegriffen. Ich habe es gesehen, gedacht „Toll“ und euren Post sofort gelesen. Warum war es euch so wichtig, darüber zu sprechen? Warum war es euch so wichtig, darüber zu sprechen?

Schütteltrauma
Foto: Dr. Nikola Klün

Nikola: Mir war es wichtig, weil ich, als ich anfing mich mit dem Thema zu beschäftigen, merkte, dass auch hier Aufklärungsarbeit geleistet werden muss und dass das Problem größer ist, als man glaubt.

Schütteltrauma
Foto: Maike @kinderphysiotherapiemaike

Maike: Ich erlebe in meinem Praxisalltag immer wieder überlastete Eltern ohne jegliche Hilfe vor Ort, die an den Grenzen ihrer Belastbarkeit angekommen oder sie bereits überschritten haben. Immer wieder erschrecke ich mich, wie viele Eltern dieses in der Anmnese angeben. Daher ist es mir enorm wichtig, über die Gefahren beim Schütteln eines Babys aufzuklären und vorzeitig Hilfen an zu bieten.

Schütteltraunma: zwischen 100 und 200 Säuglinge sind im Jahr betroffen

Nun könnte ich mal forsch und vielleicht auch ein bisschen „naiv“ sagen…eigentlich weiß doch jedes Elternteil, das es sein Kind nicht schütteln darf….Wie sieht die Realität aus? Wie häufig passiert so etwas?

Nikola: Kopfverletzungen durch Misshandlung, zu denen in erster Linie das Schütteltrauma zählt, sind bei Säuglingen und Kleinkindern die häufigste nicht natürliche Todesursache. Jährlich werden schätzungsweise zwischen 100 und 200 Säuglinge und Kleinkinder mit Schütteltraumata in deutsche Kliniken gebracht. Dazu kommt eine große Dunkelziffer, die zum Beispiel eine Studie aus den Niederlande vermuten lässt. Diese hat ergeben, dass ca. 5 Prozent aller Eltern ihr Kind schon einmal geschüttelt haben. Also wirklich nicht zu unterschätzen…

Maike: Ich bin immernoch völlig geschockt über diese hohe (greifbare) Prozentzahl und bin sicher, auch hier ist die Dunkelziffer noch nicht mit einberechnet.

Die Aufklärung der Eltern ist wichtig!

Schütteltrauma – was ist das eigentlich genau? Wie passiert das? Und vor allem: Wie „schnell“ kann so etwas passiereren – so weit ich informiert bin, kann sich ein Säugling schon bei vermeintlich leichtem Kraftaufwand verletzen..

Nikola: Mit Schütteltrauma meint man eine Hirnverletzung, die durch gewaltsames Schütteln entsteht. So ein Trauma braucht ordentliche physikalische Kräfte. Das heißt, typische Alltagssituationen, in denen zum Beispiel man mal vergisst, das Köpfchen zu stabilisieren oder mit dem Kind über Kopfsteinpflaster fährt, führen NICHT zu einem Schütteltrauma. Wenn man einen Säugling aber gewaltsam schüttelt, reichen schon einige Sekunden Schütteln aus, um ein solches Schütteltrauma zu verursachen.

Maike: Immer wieder lese ich besorgte Fragen unsicherer Eltern, die in Foren oder Gruppen Alltagssituationen beschreiben und fragen, ob dieses schädlich sei – auch hier ist Aufklärung gefragt! Die Eltern sollten sich sicher sein können, was sie unbesorgt mit ihren Babys machen können und was eben nicht.

Die Verletzungen können von unterschiedlichem Ausmaß sein.

Und welche Verletzungen kann das Kind davontragen – vielleicht könntet ihr auch schildern, was im schlimmsten Fall passieren kann?

Nikola: 10-30 Prozent der Kinder versterben nach so einem Schütteltrauma, sonst können die Verletzungen im Hirn und an den Augen von unterschiedlichem Ausmaß sein und so eine Bandbreite an Problemen und dauerhaften Schäden auslösen. Typisch sind zum Beispiel Seh- und Sprachstörungen, Lern- und Entwicklungsverzögerungen, Krampfanfälle, schwerste bleibende körperliche und geistige Behinderungen.

Maike: Nikola hat das umfangreich beschrieben. Ich kenne 2 sehr extrem unterschiedliche Patientengeschichten. Das eine Kind hat keinerlei (zu dem Zeitpunkt) sichtbaren Folgen erlitten, ein anderes lebt seit dem Ereignis mit einer Halbseitenlähmung.

Schütteltrauma

Eure Erfahrungen, vielleicht könntet ihr auch einen konkreten Fall schildern: Wie geht es Eltern, die ihr Kind „schütteln“? Was mag da zuhause vorher passiert sein?

Nikola: Diesen Erfahrungsbericht habe ich für Maike geschrieben:


Ich bin Kinderärztin und sozusagen mittlerweile mit allen Wassern gewaschen. Und dann gibt es immer wieder so Fälle, da vergisst man kein Detail und die Kinder gehen einem unter die Haut.

Ein Fall, an den ich oft denke, handelt von einem kleinen 5 Monate alte Jungen, lass ihn uns Tim nennen. Die Eltern beide sympathisch, jung, gebildet. Der Vater hat viel gearbeitet, die Mutter mit einer postnatalen Depression zu kämpfen. Sicher keine leichten Bedingungen. Aber auch nichts Außergewöhnliches, denkt man sich da so als Kinderärztin. Tim hat viel geschrien, so 3 Wochen nach der Geburt wurde es schlimmer. Er schrie vor allem abends und ließ sich einfach durch nichts beruhigen. Wenn die Mutter ihn auf den Arm nahm, drückte Tim sich weg, beim Stillen biss er entweder in die Brust oder schrie diese an.  Die Mutter wurde dabei immer nervöser und das Gefühl, keine rechte Verbindung zu ihrem Baby aufbauen zu können, wurde größer.

Sie sprach nicht über ihre Gefühle.

Sie schämte sich aber für diese Gefühle und sprach mit niemanden darüber, auch nicht mit ihrem Mann. Der Wunsch, nie Mutter geworden zu sein, wurde größer, die Sehnsucht nach ihrem alten Leben stieg.

Eines nachts wollte sie einfach nur, dass das Geschrei aufhörte. Sie wollte einfach nur Ruhe haben, nichts als das. Nach dem Schütteln, als Tim nicht mehr reagierte, erschrak sie sich und fuhr in unsere Klinik. Tim hat das Ereignis überlebt, allerdings mit vielen kleinen Blutungen im Schädel. Noch kann ich nicht sagen, was diese mit Tim eines Tages machen wird. Was ich daraus gelernt habe, ist, dass das Thema Schütteltrauma mehr Aufmerksamkeit braucht und dass diejenigen Eltern, die mit dem Stress nach der Geburt nicht zurechtkommen, unbedingt präventiv Unterstützung bekommen sollten. Ich würde mir wünschen, dass die betroffenen Eltern sich nicht für ihre Gefühle schämen, sondern sie aussprechen dürfen und so die adäquate Hilfe bekommen. Außerdem möchte ich ein Bewusstsein dafür schaffen, wie schnell das Schütteln eines Babies für immer zu Folgeschädigungen oder sogar zum Tod führen kann.“


Wenn die Erwartungen von der Realität abweichen…

An dem Fall sieht man ganz gut, dass viele Aspekte zu der Überforderung der Eltern führen. Zum einen die Kleinfamilie, wo viel an einem einzigen Elternteil hängen bleibt. Es fehlen Tanten, Omas und so weiter, die unterstützen. Dazu kommt eine extreme Erwartungshaltung der Eltern an sich und an das Kind. Die Erwartungen, wie es ist, ein Kind zu haben, weichen oft von der Realität ab und es entsteht Wut und Trauer. Dazu kommt, dass diese Trauer oft alleine verarbeitet wird, dass sich die betroffenen Eltern keine Unterstützung suchen und eines Tages kommt es zur Eskalation.

Maike: Die Fälle ähneln sich alle in einem Punkt: Vor dem Schütteln gibt es eine emotionale Ausnahmesituation, die dann in Schütteln mündet. Die wenigsten wollen ihrem Kind dabei mutwillig schaden. Vielmehr ist es ein Durchbrennen aller Sicherungen, eine absolute Impulshandlung. Häufig hat sich über einen längeren Zeitraum Überforderung angestaut.

Schütteltrauma: der emotionale Schockzustand der Eltern

Und, ich meine: Jede Mama kennt doch sicherlich diesen Moment der völligen Überforderung. Keine Mutter (und kein Vater), davon gehe ich einfach mal aus, möchte dem eigenen Kind weh tun. Wie geht es den Eltern danach?

Nikola: In den Fällen, die ich erlebt habe, waren die Eltern oft in einem emotionalen Schockzustand anzutreffen. Ich habe leider auch einen Fall erlebt, in dem der gewalttätige Vater nicht einsichtig war und sein Verhalten verharmlost hat.

Maike: Ich habe bisher mit keinen Eltern danach gesprochen. Beide meiner Fallbeispiele, die ich im Kopf habe, sind mit ihren Pflegeeltern zur Therapie gekommen.

Wie geht es dann weiter für die Eltern (rechtlich, ärztlich)?

Nikola: Das Kind wird höchstwahrscheinlich erst einmal in Obhut genommen, bis ein Helferkreis bestehend aus Jugendamt, frühen Hilfe, Kinderpsychologen und Ärzten die Situation evaluiert hat. Liegt Verdacht auf Kindswohlgefährung vor, hat natürlich auch rechtliche Konsequenzen wie zum Beispiel den Entzug des Sorgerechts.  

Ärztlich geht es um die Evaluation der Verletzung und auch das Erkennen von weiteren Verletzungen, wenn man zum Beispiel den Verdacht hat, dass das kein Einzelfall war. Wenn das Kind also stabil ist, folgen weitere Untersuchungen wie ein Röntgen des Körpers, um zum Beispiel Brüche zu erkennen.

Maike: Es gibt gleichzeitig auch Eltern, die ihre Kinder wieder zurückbekommen, nachdem geprüft wurde, ob sie dazu in der Lage sind, ihr Kind ohne weitere Eskapaden großzuziehen – natürlich mit Hilfsangeboten!

mögliche Anzeichen für ein Schütteltrauma

Welches sind Anzeichen für ein Schütteltrauma? Gibt es da welche? (Wenn die Eltern vielleicht nicht erzählen, was passiert ist..)

Nikola: Die Anamnese passt nicht zum Verletzungsmuster. Zum Beispiel erzählen die Eltern, dass das Kind vom Sofa gefallen sei, aber man kann keine äußeren Verletzungen erkennen. Andere Verletzungen, wie zum Beispiel Hämatome an den Oberarmen, können auch wegweisend sein.

Maike: Hm.. – und vermutlich auch typische Einblutungen im Gehirn, die im bildgebende Verfahren zum Vorschein kommen und sich als typisch Schütteltrauma erwiesen haben?

Nikola: Genau, es gibt bildgebende Befunde, die relativ typisch sind. Bestimmte Blutungen zwischen Hirnrinde und Schädeldecke können wegweisend sein. Manchmal beobachten wir auch eine Schwellung des Gehirns. Oft unterstützt der augenärztliche Befund noch den Verdacht.

Deeskalation!

Wozu ratet ihr Eltern, die völlig verzweifelt sind. Die am Ende ihrer Kräfte sind und einfach mal Ruhe haben müssen. Wie sieht eure Bremse aus für genau solche Situationen? Damit eben genau das nicht passiert…

Maike: Ich erzähle all den Eltern, die bei mir mit ihren „Schreikindern“ in Behandlung sind, dass sie im Fall der aufkommenden Wut und Überforderung…
1. ihr Kind sicher in einem (Gitter-)Bett oder den Boden ablegen
2. aus dem Raum gehen
3. mehrmals tief durchatmen
4. nach dem Kind schauen
5. sich spätestens jetzt Hilfe holen sollten

Nikola: Diese Gefühle ernst zu nehmen und Unterstützung in die Familie zu bringen. Das kann beginnen mit Familie oder Freunden, die die Eltern entlasten. Ist die Situation schon kritischer, sollte professionelle Hilfe für die Familie, zum Beispiel in Form von Kinderärzten, Schreiambulanzen oder frühen Hilfen, in Anspruch genommen werden.

Aktiv als Kinderärztin das Thema bei den Eltern ansprechen und sehr genau nachfragen, wie es denn zuhause läuft, um die Warnsignale nicht zu verpassen. Den Eltern das Gefühl geben, dass man nicht nur glückliche Gefühle als Eltern haben muss und dass es in Ordnung ist, mal verzweifelt zu sein. Dass man das aussprechen darf und dass man ab und an gemeinsam daran arbeitet, die Situation erträglicher zu gestalten.

Hier gibt es Hilfe:

Und wo finden betroffene Eltern Hilfe?

Nikola: Beim Kinderarzt, beim Elterntelefon (Rufnummer 0800 111 0 550 oder aus dem Ausland: +49 800 111 0 550), im Kinderkrankenhaus, bei den betreuenden Hebammen. Adresse der Wahl sind meistens die Schreiambulanzen.

Maike: Auch die Kollegen der emotionellen ersten Hilfe und der Krisenbegleitung sind adäquate Ansprechpartner.


Ihr möchtet Kontakt zur Kinderärztin Dr. Nikola Klün aufnehmen? Das könnt ihr gerne über ihre Homepage machen. Ansonsten findet ihr sie unter anderem auch hier bei Instagram.

Die Kinderphysiotherapeutin Maike Neele Maier könnt ihr via Instagram kontaktieren.

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