Wo ist eigentlich unsere Wochenbettkultur hin? Ich finde, in den letzten 20 Jahren hat sich massiv etwas im Umgang mit unseren Kindern verändert. Als ich vor 20 Jahren noch mit meiner damals ersten Tochter beim Kinderarzt saß, hatten alle Mütter ihre kranken Kinder mit einem Bilderbuch auf dem Schoß. Heute, mit meiner siebten Tochter, sitzen hochfiebernde Kinder mit einer Dinkelstange auf dem Fußboden, während sich Ihre Mütter am Handy aufhalten. Es macht mich nachdenklich, traurig und ich fange an, unsere Gesellschaft zu überdenken.

Sind wir auf dem Weg zu einer degenerierten „Deppengesellschaft“, die nur noch in der Lage ist, das Handy und den Thermomix zu bedienen?

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Der Sinn für Kultur, Bräuche, Traditionen und auch Umgangsformen geht uns komplett verloren. Ich merke dieses auch immer wieder bei meinen Hausbesuchen. Zu Beginn meiner Tätigkeit habe ich noch viele Familien im Kopf, wo der Hauptteil der Beratungen im Schlafzimmer stattgefunden hat.  Alle waren im Schlafanzug, ich saß mittendrin. Alle waren zufrieden, selten gestresst. Man hat sich mit der Situation beschäftigt und mich als einzige Ratgeberin dazugezogen.

Heute muss ich mich als Hebamme ja häufig neben Google und sämtlichen Netzwerken behaupten. Informationen werden, wenn möglich, nur noch in Kurzform inhaliert. Das Schlafzimmer ist heute oft verschlossen, als Hebamme werde ich im Wohnzimmer empfangen, die Wöchnerin ist meist „ausgehfertig“ gekleidet und nicht selten perfekt geschminkt. Die Wohnung makellos geputzt und dekoriert, je nachdem, mit welchem Klientel ich es zu tun habe. Ich habe das Gefühl, jegliche Form der Unperfektheit wird als Schwäche angesehen, die die Frau nicht zugeben möchte auch oft nicht gegenüber ihrem Partner und dem Rest der Familie. Man will halt funktionieren.

Häufig wird mir die Frage gestellt, wann denn der Bauch wieder „weg“ sei und ob es okay wäre, schon am nächsten Wochenende bei der Hochzeit der besten Freundin zu erscheinen. 5 Tage nach der Geburt muss das doch wohl möglich sein!

Wochenbett: Wie lange geht das doch gleich?

7 Tage im Bett, 7 Tage auf dem Bett, 7 Tage ums Bett? Ein zeitlicher Rahmen, den ich gerne mal verdeutliche, weil er so wichtig für die Regeneration und das Bonding ist.

Ein Vater, den ich vor kurzem im WB angetroffen habe, meinte ernsthaft, jetzt wären 14 Tage nach der Geburt rum, das Wochenbett wäre jetzt vorbei und es wäre doch jetzt sicherlich seiner Frau zumutbar, die Wäschekörbe wieder in den Keller zu tragen. Der Alltag müsste so langsam wieder einkehren, „ER“ könne das alles nicht mehr leisten.

Auf meine Ansage hin, dass das Wochenbett noch lange nicht vorbei sei und ich aber gerne bereit sei, eine Haushaltshilfe zu organisieren, wurde dieses nur lapidar „abgewatscht“! So etwas bräuchte man nicht, das muss die Frau alleine schaffen, das war ja sonst auch immer möglich.

Ich habe auch schon Männer erlebt, die den Antrag auf eine Haushaltshilfe gar nicht erst zur Post gebracht haben, da sie keine fremden Personen im Haushalt wollten.  Meine Frauen haben sehnsüchtig auf die Zusage der Krankenkasse gewartet, die nie kam, weil der Antrag im Sakko des Gatten feststeckte und erst Monate nach der Geburt von der Frau gefunden wurde.

Keine Wochenbettkultur, denn: die Bettruhe wird ignoriert.

10 Tage strikte Bettruhe nach der Geburt, was früher zum Schutz der Frau vor harter Feld- und Hausarbeit, Gang und Gäbe war, wird heute völlig ignoriert. Durch die frühe Mobilisation suggeriert man förmlich: Sie kann ja schon wieder, sie funktioniert ja schon wieder!

Zu diesem Thema sollten wir auch die Medien kritisch ins Visier nehmen. Auch Magazine vermitteln nicht selten, dass es erstrebenswert ist, schnell wieder fit, schlank und funktionstüchtig zu sein. Und insbesondere die sozialen Netzwerke, wie Instagram und Facebook gaukeln einem einen Zustand nach der Geburt vor, der so in den meisten Fällen nicht zutrifft.

Mir persönlich fällt sehr negativ auf, wie die Frauen sich untereinander das Leben schwer machen. Zum Beispiel, wenn sich Bloggerinnen 3 Tage nach der Geburt mit einem straffen „after-baby-body“ im hochdekorierten und durchgestyltem Kinderzimmer selbst fotografieren. Der Zettel neben dem Bett, auf dem früher noch die Stillzeiten protokolliert wurden, wird heute durch sämtliche Apps ersetzt. Ich sehe viele Mütter nur noch am Mini-Bildschirm und nicht mehr wohlig kuschelnd mit dem Baby im Bett.

Ist das nicht schon der „Anfang“ allen „Übels“?

Ich plädiere ganz klar dafür, im Wochenbett öfters mal „offline“ zu sein. Die Zeit, die man dafür investiert, Fotos vom eigenen Spross zu machen, welcher so nett mit Schleife hin drapiert wird, wie ein „Püppchen, Bärchen, haste-nicht-gesehen“, kann man schon wieder intensiv anders nutzen. Die Frage ist auch, wen interessiert es wirklich? Sind wir morgen noch in den Köpfen anderer präsent oder sind wir nicht schon wieder in Vergessenheit geraten, weil auf Instagram schon weitere andere 8999 Babys gepostet worden sind? Besteht unser Leben nur noch aus „Klicks und Likes“? Alles: Bullshit!

Wir brauchen wieder mehr Bewusstsein für das Wichtige im Leben: „Zeit und Inhalte“.
Und das fängt schon im Wochenbett an! Wir können uns bereichern am Wissen anderer Kulturen.

In Asien z.B. sind die Frauen in den ersten 40 Tagen nach der Geburt in Ihrer „Wochenbettstube“.  Werden umsorgt, meist durch die eigene Mutter.  Wie oft kommen die Mütter meiner asiatischen und arabischen Schwangeren extra für viele Wochen angeflogen und kochen Suppe für Suppe für die Zeit nach der Geburt.

Ob nun diese strenge Einhaltung dieses „Hausarrestes“ so sinnvoll ist, sei dahingestellt.
40 Tage keine Haare waschen, keine Spaziergänge an der frischen Luft, da Kälte nicht gut ist.  Dafür Räucher-Zeremonien und Sauna-Gänge (so z.B. in Vietnam).

Wochenbettkultur. Dazu gehört auch, Hilfe anzunehmen.

Für unseren Kulturkreis fast unmöglich nachzuvollziehen. Aber es zeigt Wirkung. Meine asiatischen und arabischen Frauen haben deutlich seltener einen Milchstau, einen ausgeprägten Wochenbett-Blues, Rückbildungsstörungen und selten unruhige und schreiende Kinder. Ich habe das Gefühl, sie ruhen in sich und können gut die Hilfe annehmen, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, da diese Hilfe fest in ihrer Kultur verankert ist. Das Gewissen ist es doch , was unsere Frauen davon abhält, sich Hilfe zu suchen. Andere Leute damit zu „belästigen“, dass sie gerade unpässlich sind.

Viele Frauen sind mit der Situation überfordert, geben dieses aber nur selten gerne zu, sie leiden still vor sich hin und werden nicht selten depressiv. Sie leidet darunter, dass dieses Kind der Grund für ihren beruflichen Karriereknick ist, während ihr Mann sich verwirklichen kann. Alles ist eine extreme Last, alles leidet darunter. Das Kind und auch die Beziehungen, die ich nicht selten als extrem unharmonisch erlebe, wenn ich Monate nach der Geburt noch einen Hausbesuch mache. Es ist oft schon abzusehen, dass es in dieser Beziehungskonstellation nicht mehr lange gut geht.

Die Eltern sollten sich bewusst darüber werden, dass das Wochenbett ein wichtiger Startpunkt in einen neuen Lebensabschnitt ist, der über die Weiterentwicklung einer Familie entscheiden kann. Dafür müssen wir uns Zeit nehmen, müssen uns informieren und in Planung gehen und gelegentlich mal „offline“ sein.


Kerstin Lüking Hebamme siebenfache Mama Großfamilie Expertin Mamablog Mamablogger Kiel MutterkutterKerstin Lüking ist nicht nur Hebamme, sondern auch siebenfache Mama. Auf MutterKutter veröffentlicht sie regelmäßig ihre Hebammentipps – vom Soorbefall bis zur richtig gepackten Wickeltasche bekommt ihr von der Berlinerin Tipps aus erster Hand. Auch über ihr Leben als siebenfache Mama schreibt Kerstin. Unterhaltend. Und, wie immer, schonungslos ehrlich.

Und, übrigens: Kerstin arbeitet in Berlin. Falls ihr eine Hebamme sucht, könnt ihr sie über ihre Homepage kontaktieren (Werbung, da Verlinkung*).

11 Kommentare zum Thema “Wochenbettkultur adé?! „Der Handykonsum zerstört unsere Eltern-Kind-Beziehung. Und das fängt schon im Wochenbett an.“”

  1. Und liebe Hebamme, wie soll man 10 Tage im Wochenbett ruhen, wenn man keine Hebamme gefunden hat und direkt durch die Stadt fahren muss mit dem Spross??? Schließlich sei doch das KH 10 Wochen nach Entbindung zuständig!? Oder die Kinderärzte !? Irgendwie passt alles nicht mehr so ganz zusammen. Und die Muttis sind direkt auf sich allein gestellt.
    Schade!!!

    1. Liebe Leserin, es tut mir sehr sehr leid, dass du genau diese Erfahrung machen musstest. Ich glaube, dass hier ganz einfach 2 Realitäten aufeinander treffen. Einmal die aus der Sicht einer Hebamme – in diesem Fall: der von Kerstin, die uns erzählt, wie sich die Wochenbettkultur verändert hat. Und ich finde es wichtig, was sie zu sagen hat und dass sie uns ihre Sicht auf die Dinge, ihre Erfahrungen, schildert. Denn auch an mir habe ich beobachtet, dass ich mir nicht die Zeit genommen habe, die ich nach den Kaiserschnitten gebraucht hätte. Deine Erfahrung ist nun eine ganz andere. Sie ist echt krass. Keine Hebamme, was das bedeutet, kann ich mir vorstellen. Schrecklich. Und ich wünsche keiner Mama, diese Erfahrung machen zu müssen. Darf ich fragen, wie lange das her ist? Und: Würdest du mir eventuell Fragen zu dem Thema beantworten? Herzliche Grüße von Doro (Herausgeberin MutterKutter).

  2. Genau so ist es!
    Mir ging es im Wochenbett jedoch so, dass ich das Gefühl hatte ich könne Bäume ausreißen, da ich eine unschöne Schwangerschaft hatte(Übelkeit bis zum Schluss, Kreislauf, Schmerzen ect). Wir waren viel unterwegs (die erste Woche noch nicht), es war immer so tolles Wetter. Aber alles ohne Stress. Dennoch würde ich im Nachhinein einiges anders machen und tatsächlich mehr Zeit kuschelnd im Bett verbringen.

  3. Es ist ziemlich einfach zu sagen, die Mutter sei selbst schuld. Was bleibt uns denn manchmal für eine Wahl?
    Kind Nr. 1 war ein Frühchen, hat die ersten (zum Glück nur) zwei Wochen des Lebens auf Intensiv verbracht. Mein Wochenbett bestand also daraus, zwischen zuhause und Krankenhaus zu pendeln, zwischen den Flaschenzeiten alle drei Stunden musste ich raus, saß im Park vor der Klinik rum, bis ich wieder rein durfte. Zuhause angekommen war ich bereits im Modus, alles alleine zu machen und wusste quasi gar nicht, was so ein Wochenbett denn sein soll.
    Bei Kind Nr. 2 hatte ich zumindest meinen Mann, der zwei Wochen zuhause war. Er hat sich allerdings der großen angenommen, hat ab und zu was zu essen gemacht. Nach tagelangem Klinik Aufenthalt hatte ich viel zu waschen und zu putzen und die kleine war eh ein schreikind, mit Liegen war da nicht viel. Nach den zwei Wochen ging er wieder zur Arbeit und ich war 12 Stunden am Tag alleine und musste ihn nachts schlafen lassen, weil er ja zur Arbeit aufstehen musste.
    Zu meiner Mutter habe ich kein gutes Verhältnis und andere verwandte habe ich in der Nähe nicht. Was blieb mir also übrig, das Wochenbett fallen zu lassen? Irgendwie alles schaukeln zwischen Dauerstillen, Kindergarten und Haushalt? Außerdem wollte die große ja auch bespast werden und was unternehmen. Es ist leider nicht so einfach, wie viele es sich vorstellen…
    Viele Grüße
    Wioleta von http://www.busymama.de

    1. Liebe Busymamawio,
      ich bedaure es sehr, dass Du diese Erfahrung machten musstest. Ich glaube, Du darfst Dir meinen Schuh auch nicht anziehen!!
      Du warst nicht selbst Schuld! Aber viele sind wirklich dafür verantwortlich, dass das Wochenbett leider nicht gut verläuft. Die Probleme sind oft hausgemacht und man kann tatsächlich einiges dafür tun, damit es einem gut geht. Wäre ich Deine Hebamme gewesen, hätte ich mich sofort um eine Haushaltshilfe für Dich gekümmert. Es gibt noch weitere Einrichtungen, die Müttern helfen. Viele Frauen wissen aber von diesen Unterstützungsmöglichkeiten nichts, was sehr schade ist.
      Meine letzte Tochter wurde in der Nacht von Freitag auf Samstag geboren, Sonntag um 18 Uhr hat sich mein Mann von mir verabschiedet und musste sich auf den Weg machen, um sein 500 km entferntes Büro aufzusuchen.
      Ich war mit 7 Kindern alleine!! Über Jahre! Ich weiß, wovon ich spreche. Am Anfang habe ich gedacht, ich kann alles alleine.
      Das Ergebnis waren Brustentzündungen ohne Ende und noch vieles mehr. Mit jedem Kind mehr, habe ich mehr auf mich geachtet und mir im Vorfeld alles schon so organisiert, dass dann alles gut gelaufen ist.
      Man schafft alles, aber oft nicht alleine.

  4. Gut gemeinte und wichtige Worte! Kenne auch die andere Seite und hätte mir eine Hebamme, die mir solche Ratschläge gegeben hätte, sehr gewünscht.
    Bin auch Frühchenmama und war heillos überfordert mit meinem Baby und wusste gar nichts mit ihm anzufangen. Weder im KH noch zu Hause hat sich jemand dafür interessiert. Im KH ging es logischerweise nur uns Baby und zu Hause hat die Hebamme in ihren 20 Minuten nur eine kurze Momentaufnahme erblicken können. Oft kam ich mir nur wie eine von vielen vor. Teilweise wusste sie garnicht mehr ob ich stillen wollte oder nicht, hat meine Probleme diesbezüglich nicht richtig ernst genommen oder anderes ins lächerliche gezogen. Hätte ich seitens des KH und meiner Hebamme vorher Infos zum Thema Bonding bekommen, wären mir einige Probleme und vorallem heutige Sorgen erspart geblieben oder zumindest erleichtert worden.
    Meine Hilfe habe ich mir tatsächlich durch viele Tips in Internetforen geholt. Wo hätte ich auch sonst hingehen sollen?

  5. Danke für diesen wundervollen Bericht. Ich hab doch tatsächlich 4 Kinder kriegen „müssen“ um den Zauber des Wochenbettes in der Tiefe erfahren zu dürfen. Alle unsere Kinder sind außerklinisch geboren und wir hatten stets großartige Hebammen als Begleitung.. Danke hier ans Geburtshaus Stuttgart Mitte und alle Hebammen… Ich bewundere, schätze und achte euren Dienst❤️
    Und ja, das, Handy, meins war die meiste Zeit aus… Das war so wichtig und gut.
    Das Thema annehmen und mal nicht zu funktionieren… Stück für Stück lerne ich es. Und es scheint, als ob unsere Gesellschaft verlernt hat solche Ausnahmezustände zu schätzen, zu unterstützen und zu würdigen.
    Ich wünsche jeder Frau und jedem Neugeborenen diesen Schutzraum um den Zauber des Anfangs ins Leben zu weben…

  6. Magst du verraten, wie man mit 7 Kindern ein Wochenbett einhalten kann? Jetzt beim 5. Kind hab ich wirklich gekämpft, aber selbst mit Mann, der 5 Wochen zu Hause war, war es nicht so einfach…

    1. Liebe Claudia,
      meine letzte Tochter ist an einem Samstag in der Nacht geboren worden. Mein Mann hat sich am Sonntag von mir verabschieden müssen, da er in einem anderen Bundesland arbeitet. Ich bin quasi seit 11 Jahren von Mo-Fr alleine und dazu voll berufstätig. So etwas geht nur, wenn man wie eine Bekloppte netzwerkt. Ich habe mich immer rechtzeitig um Haushaltshilfen gekümmert, meine Eltern und Schwiegereltern anreisen lassen. Hilfe von Freunden angenommen. Auch unsere Kinder mussten und müssen helfen. Da ich mir sehr darüber bewusst bin, wie wichtig meine Gesundheit ist, da ohne mich der „Laden“ nicht läuft, habe ich wirklich im Wochenbett die Füße hochgelegt. Jede Unvernunft hätte mir wieder eine Brustentzündung beschert, was ich nicht in Kauf nehmen wollte. Es geht alles, wenn man will und wenn wir Frauen endlich mal lernen zu Delegieren.
      Ganz liebe Grüße Kerstin

  7. Wie soll ich so lange ‚erholungsphase haben, wenn ich die Hebamme nach 10 Tagen nach der Geburt selbst bezahlen muss? Wenn mein Mann Gesetzlich 1 Tag Kinderzeit hat? Wie soll ich mich erholen, wenn ich keine Grosseltern habe, die Zuverlässig helfen könnten? Und das alles obwohl ich zwei horror SS hatte

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