Elternsein

Selbstfürsorge? „#stayathome fühlte sich an wie ein High Need Baby!“

Pädagogin Inke Hummel erklärt, wie wir Eltern nun unsere Akkus aufladen können. Autorin: Dorothee Dahinden

Selbstfürsorge: Darum ist sie für das gesamte Familiengefüge so wichtig.Gerade jetzt – nach der ersten strikten Corona-Phase. Die Pädagogin und Familienbegleiterin Inke Hummel erklärt in diesem Interview, inwiefern wir Eltern zu kurz gekommen sind und warum miteinander Reden in diesen Zeiten so wichtig ist.


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Liebe Inke, du bist ja beruflich im Gespräch mit vielen Eltern. Schauen wir mal auf die Corona-Zeit und das Thema Selbstfürsorge. Passt ja schon beim Aussprechen ähnlich zusammen wie Feuer und Wasser, finde ich. Welche Erfahrungen hast du gemacht: Wieviel Raum war wirklich für unsere Selbstfürsorge? Oder andersherum: Inwiefern kamen wir Eltern zu kurz?

Selbstfürsorge
Inke Hummel, Coach mit entwicklungspsychologischer und bindungstheoretischer Ausrichtung; Foto: Inke Hummel

Selbst Eltern, die beste Voraussetzungen wie großes Haus, Garten, Homeoffice ohne Termindruck, zu zweit sein, einer vielleicht sogar in Elternzeit usw., sind irgendwann an Grenzen gestoßen. Keine echte Pause, innere Angespanntheit, keine anderen Orte durch Hobbys und keine Strukturen, die es sonst gibt. Begleitung nervöser Kinder, keine Freunde sehen, Schulsachen erklären – das ist alles nicht vergleichbar mit 3 oder 6 Wochen Sommerferien, wie es teilweise behauptet wurde.

Selbstfürsorge war nur möglich, wenn die Partner sich gegenseitig entlasten konnten, aber selbst dann nur kurzfristig. Der Kopf war immer an, irgendwer stand immer wieder sofort vor der Tür.

Selbstfürsorge: Alleinerziehende sind besonders betroffen

Dementsprechend war (oder ist es natürlich immer noch) für Familien mit weniger Privilegien extrem viel heftiger. In den Beratungen waren besonders Alleinerziehende, die im Alltag vor Corona ein gutes Netz auch für anspruchsvolle Kinder hatten, und dabei schon wenig Raum für Selbstfürsorge fanden – nun haben sie gar keinen mehr. Und das ist ja nicht vorbei.

Eine Freundin von mir hat die Zeit kommentiert mit „Man kann uns Mütter nun kollektiv in den Urlaub schicken“. Unterschreibst du das so? Wenn ja – welche Probleme, Gefühle, Situationen sind für viele Eltern entstanden, weil wir in den letzten Wochen zu wenig Zeit für uns selbst hatten?

Ja, es waren definitiv vor allem die Mütter, die die Mehrfachbelastung geleistet haben. Egal, welche Mama ich frage, sie wünscht sich nur mal einen Tag Pause. Vor sich hinstarren, nichts denken und hören oder auch einfach nur mal einen Gedanken zu Ende denken, ohne dass die Chance besteht, unterbrochen zu werden. #stayathome fühlte sich an wie ein High Need Baby, das nicht vom Arm will. Immer dabei, immer präsent.

Gefühle während Corona: kontinuierliche Angespanntheit und Verunsicherung

Insgesamt waren die Gefühle sicher vermischt: „Ich fehle mir“ und zusätzlich spürten wir Erwachsenen Ängste um Großeltern, Kinder, Freunde, Jobs, Rechnungen und irgendwie ja auch um die ganze Welt. Es gab (und gibt) Familien in Kurzarbeit, andere mit Verlust des Arbeitsplatzes, wieder andere, die ihre Selbständigkeit trotz finanzieller Hilfen aufgeben mussten – und das alles innerhalb von wenigen Wochen, sowie vor allem ohne klares Enddatum.

Kurz gesagt: kontinuierliche Angespanntheit und Verunsicherung waren sicher die bestimmenden Gefühle, ohne Zeit zu haben, sich damit auseinanderzusetzen.

Selbstfürsorge – darum ist sie so wichtig!

Warum ist es denn überhaupt so wichtig, dass wir uns um uns selbst kümmern? Welche Gefahren siehst du, wenn wir es nicht tun?

Selbstfürsorge ist die Basis für einen bedürfnis- und beziehungsorientierten Umgang mit unseren Kindern. Im Babyjahr und ein wenig darüber hinaus können wir uns meist gut zurücknehmen, aber dann wird es wichtig, unsere eigenen Bedürfnisse zu spüren, zu äußern und in Kompromissen mit denen der Kinder zu leben. Sonst fehlen uns Kraft und Gelassenheit. Wir schreien, weinen, verzweifeln schneller – fatal für das ganze Familiengefüge.

Was ist dein Rat an alle Eltern, die jetzt merken: Meine Akkus sind total leer. Wie können wir uns nun Raum nehmen? Auch gerade jetzt, wo wir noch ein ganzes Stück von dem „alten Alltag“ und einer regelmäßigen Betreuung der Kinder entfernt sind?

Mit einigen Beratungsfamilien habe ich entschieden: komplettes Social Distancing geht nicht mehr. Die Eltern sind durch, die Kinder zeigen Auffälligkeiten – meistens Regressionen: z.B. eigentlichtrocken gewesen, nun wieder einnässen (3j), zurück zum Schnuller (4j), zurück zur Einschlafbegleitung (9j). Sie schaffen nun soziales Netz: Babysitting im Wechsel mit einer zweiten Familie, Organisation eines festen Babysitters, der ein oder mehrere Kinder mal aus der Familie rausnimmt, Hilfe durch nicht gesundheitlich gefährdete Verwandtschaft.

„Redet, sucht Austausch und Hilfe!“

Relevant ist außerdem die Partnerarbeit, wenn ein Partner da ist: Eltern müssen sich klar abstimmen, wer wann was macht und wer was braucht. Miteinander reden und ggf. auch ruhig klare Pläne erstellen, ist mein Tipp. Man ist so angespannt, wenn nie klar ist, wer reagieren muss, wenn ein Kind ruft. Stellt vorher klar, wer Kinderzeit hat und wer etwas anderes tun darf, wechselt ab, haltet euch dran und lebt das auch den Kindern so vor. Beide Eltern sind in der Regel gute Bezugspersonen. Und auch wenn das Kind immer nach der Mama verlangt, ist es okay, wenn der Papa übernimmt.

Insgesamt ist das Wichtigste: redet, sucht Austausch und Hilfe. Manche Eltern waren am Telefon schon so erleichtert, weil einfach mal jemand zugehört hat.

„Gesamtgesellschaftlich ist es eine unglaubliche Herausforderung.“

Und, liebe Inke – einen Gedanken habe ich auch noch….Ich finde, wir sollten den Blick am Ende noch auf das Gute legen. Ich glaube, dass wir auch viel lernen konnten in dieser Zeit. Gerade von unseren Kindern. Wenn wir all den Druck, die finanziellen Sorgen, den Spagat zwischen Homeoffice, Homeschooling und Kinderbeschäftigung einmal aktiv beiseite packen….Mir ist noch einmal mehr klargeworden, dass ich mehr im Moment sein möchte – so wie meine Töchter. Am Ende des Lebens zählt doch, so pathetisch es auch klingt: die Gesundheit. Was nimmst du persönlich aus der Zeit mit? Und hast du vielleicht auch schöne andere Eltern-Blickwinkel mitbekommen.

Ja, definitiv hab ich die bekommen. Viele Familien berichten von positiven Seiten: Entschleunigung, hören können auf die innere Uhr, gemeinsames Essen und Tun, den Wald entdecken, Gespräche führen und vieles mehr. Die Eltern sehen, wie viel die Kinder an Kooperation leisten können, wenn es sein muss, und sie erkennen oft auch, wie viele Kooperationsbitten im normalen Alltag eigentlich nicht notwendig waren und sparen nun daran.

Ich persönlich kann es zum Glück ganz ähnlich sehen. Mir fehlt zwar auch mal Ich-Zeit, aber v.a. erlebe ich starke Kinder und uns fünf als starke Gemeinschaft. Aber ich weiß auch zu schätzen, dass es hier nur so gut laufen kann auf Grund etlicher Privilegien. Gesamtgesellschaftlich ist es eine unglaubliche Herausforderung, gerade auch für Familien. Ich hoffe, das findet politisch noch mehr Beachtung.

Lieben Dank dir für das Interview, Inke!

Inke Hummel ist Mama von drei Kindern. Als Coach und Pädagogin begleitet sie Familien vom Babyjahr bis zur Pubertät. Inke steht sehr oft Eltern mit gefühlsstarken Kindern zur Seite. Dazu ist sie Bloggerin und Buchautorin.

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