Nora Imlau hat mich inspiriert. Sie hat mich erreicht. Mich berürt. Zum Nachdenken gebracht. Über mich. Meinen Anspruch an mich als Mama, Ehefrau, Doro.

Was möchte ich? Wie sehe ich meine Rolle als Mama? Woher kommt meine Wut in manchen Situationen? Und wie komme ich da wieder raus?

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Credit: Nora Imlau

Ich freue mich, dass ich Nora Imlau, die Speakerin für Familienthemen im Kieler Haus der Familie persönlich kennenlernen durfte. Dort hat sie einen  Vortrag gehalten. Eine Frau, die mir die letzten Monate immer wieder über den Weg gelaufen ist. Deren Erziehungsansatz ich cool finde. Nicht aufdringlich. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Aus dem Leben gegriffen. Ehrlich. Liebevoll. Natürlich. Und, ja, sie füllt den Raum mit guter Energie!

Die Dreifachmama & Buchautorin passt perfekt in meine 40-Tages-Challenge #nomeckermutti. Wie kann ich gleichzeitig eine gute Mutter sein und trotzdem für mich sorgen? Diese und andere Antworten von Nora rund um das Thema „bedürfnisorientierte Elternschaft“ bekommt ihr hier:

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https://www.youtube.com/watch?v=PRfe2v5IQ6Q

 

Ihr wollt ganze Interview mit Nora lesen? Dann geht es hier weiter:

Nora, ich bin ganz ehrlich. Bei dem Wort „bedürfnisorientiert“ habe ich in letzter Zeit gedacht: Irgendwie hängt mir das zum Hals raus. Ich habe manchmal das Gefühl: In der Diskussion geht es nur um die Kinder und nicht um mich (als Mama). Kannst du diese Gedanken nachvollziehen? Kommen sie dir irgendwie bekannt vor in dieser ganzen Debatte um das Thema bedürfnisorientierte Erziehung?

Ich kann das total nachvollziehen, wie dieser Eindruck entstehen kann. Es ist ja so, dass diese bedürfnisorientiere Bewegung noch relativ jung ist in Deutschland. Und die ist so aus den USA nach Deutschland geschwappt. Und so im Zuge des – kulturellen Verschiebens sozusagen – sind manche Dinge aus meiner Sicht auch nicht so richtig mittransportiert worden. Also, die bindungsorientierte und bedürfnisorientierte Elternschaft, die ja auf das amerikanische Attachment Parenting zurückgeht, hatte eben von Anfang an auch ganz klar dieses Element dabei: „Balance“ & „Boundaries“, also eine Balance der Bedürfnisse, eine gesunde Balance elterlicher und kindlicher Bedürfnisse und klare Grenzen.

Gefahr der Erschöpfungsfalle

Und in Deutschland ist davon oft nur angekommen: Stillen, Tragen, Familienbett. So viel wie das Kind will. Wie es den Eltern dabei geht, ist dabei eigentlich relativ egal, denn diese kindlichen Bedürfnisse sind eben nicht verhandelbar.

Und ich glaube, dass das wirklich ein Missverständnis ist und dass das natürlich auch ein Problem darstellt, weil: Wenn Familien dann so einen Weg gehen und dann in so einer Erschöpfungsfalle landen und zu dem Schluss kommen: Bedürfnisorientierte Elternschaft funktioniert nicht, es macht alle fertig. Dann bringt das eine eigentlich sehr sehr gute Idee in Verruf.

Wie ist denn dein Bild von einer bedürfnisorientierten Elternschaft? Also einer Familie, die bedürfnisorientiert lebt, sage ich mal.

Ich übersetze bedürfnisorientierte Elternschaft für mich immer als eine Haltung konsequenter Fürsorge für meine Kinder und deren Bedürfnisse und für mich und meine Bedürfnisse. Und diese Bedürfnisse müssen sich sozusagen in einer Waage halten.

Wir haben alle die gleichen Bedürfnisse.

Und ich bin davon überzeugt, dass wir Menschen im Grunde genommen alle dieselben Bedürfnisse haben.

Wir alle sehnen uns einerseits nach Geborgenheit, Anerkennug, Sicherheit und Nähe. Wir sehen uns aber auch nach Selbstbestimmtheit, Autonomie und Freiheit und es gibt noch ein paar andere Bedürfnisse, die wir auch alle teilen. Ob wir drei Wochen alt sind oder 30 Jahre. Und natürlich äußern sich diese Bedürfnisse auf unterschiedliche Weisen und wir brauchen unterschiedliche Strategien, die haben wir auch in unserem Leben entwickelt, um die sozusagen zu erfüllen.

Aber ich glaube, wenn wir uns daran erinnern, dass wir im Grunde genommen alle die gleichen Bedürfnisse haben, dann können wir auch dahin kommen in einem Familienleben, da eine Balance herzustellen. Wo dann wirklich jeder gesehen wird in seinen Bedürfnissen und wo alle sozusagen zu ihrem Recht kommen und wo alle Menschen gleichwertig nebeneinander stehen und jeden Tag aufs Neue versucht wird, da ein bestmögliches Miteinander zu gestalten.

Die verschiedenen Bedürfnisse sind universal.

Was sind denn die Bedürfnisse, die Eltern und Kinder eigentlich teilen?

(lacht) Naja, das sind im Prinzip diese neun Grundbedürfnisse, die Rosenberg festgestellt hat, die alle Menschen haben.

Alle Menschen haben das Bedürfnis nach körperlicher Sicherheit.

Alle Menschen haben das Bedürfnis nach Geborgenheit und Nähe.

Alle Menschen haben aber auch das Bedürfnis nach Spiel und Spaß und Erholungszeiten.

Alle Menschen haben das Bedürfnis nach Anerkennung, einen Sinn im Leben zu erfahren. Also sozusagen: Ich habe eine Aufgabe, ich gehöre hierhin.

Freiheit und Selbstbestimmung ist ein wichtiger Wert. Kreativität, kreativ sein, selbstwirksam sein.

Es gibt da verschiedene Bedürfnisse und die sind tatsächlich universal.

Was ich von vielen Müttern höre, ist, dass wir ja alle an unsere Grenzen kommen. Wenig Schlaf, sage ich mal, wir sind dann selber am Nörgeln, die Kinder nörgeln ebenso. Die Müdigkeit fordert gepaart mit anderen Faktoren manchmal seinen Tribut. Jetzt mal eine ganz persönliche Frage an dich. Kennst du das eigentlich selber, dass es mal so Punkte gibt, wo auch bei dir die Lunte kurz ist? Wo auch du mal explodierst, so wie ich, oder bist du eher so eine Mutter, die sehr sehr gelassen bleiben kann. Auch in Stresssituationen?

(lacht). Also: Ich bin ein Mensch, kein Roboter. Natürlich bin ich manchmal gestresst. Natürlich bin ich auch mal genervt oder habe einen unfreundlicheren Ton oder werde laut, weil ich auch mal am Ende meiner Kräfte bin. Das finde ich auch ganz normal.

„Es gab eine Zeit, wo ich gemerkt habe: Meine Lunte ist wirklich sehr kurz.“

Was ich schon sagen kann – ich bin ja jetzt schon seit fast 12 Jahren Mutter, also schon eine ganze Zeit – dass ich wirklich durch unterschiedliche Phasen gegangen bin.

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Credit: Nora Imlau

Es gab eine Zeit, wo ich gemerkt habe: Meine Lunte ist wirklich sehr kurz, ich fange sehr schnell an zu meckern.  Das hat mich natürlich durchaus auch in Gewissenskonflikte gestürzt. Weil ich dachte: Ich vertrete immer überall diese bedürfnisorientierte Elternschaft und ich kriege es  selber zuhause nicht mal mehr hin, einen Nachmittag mit meinen Kindern zu verbringen, ohne irgendwann rumzuschreien. Und dann habe ich schon für mich gedacht: OK, ich muss neue Strategien finden.

In der Babyzeit musste ich Strategien finden, um mit diesem immensen Nähebedürfnis meiner Kinder umzugehen und trotzdem gut für mich selbst zu sorgen.

Jetzt werden meine Kinder älter, das birgt neue Herausforderungen für mich. Jetzt muss ich wieder neue Strategien entwickeln, wie ich mit eben auch mit diesem Stresslevel umgehen kann. Auch mit dieser Aggressivität, die die Kinder teilweise selber ins Familienleben tragen. Wo sie einen anschreien und was macht man denn dann? Der Impuls ist ja dann einfach zurückzuschreien, wenn man so angeschrien wird „Du bist ´ne blöde Mama!“ – wie reagiert man denn da?

Ich wollte keine engelsweiche Säuselstimme auflegen.

Und ich wusste schnell: Ich möchte authentisch bleiben. Also, dann einfach so eine engelsweiche Säuselstimme aufzulegen und zu sagen – „Ja, mein Schatz, alles ist gut.“ – das hätte sich nicht authentisch und auch nicht bedürfnisorientiert angefühlt, sondern einfach nur nach einer geschauspielerten Rolle. Das wollte ich auf keinen Fall.

Was mein Weg dann war, war tatsächlich zu sagen: Ich muss da sozusagen an den Kern gehen. Was rührt mich da so an? Warum kann ich damit so schlecht umgehen, wenn meine Kinder so aggressiv sind. Ich hatte dann auch mal versucht, dann so eine Nichtmecker-Challenge zu machen. Und ich bin an Tag 2 gescheitert. Weil ich einfach gemerkt habe: Ich kann mir das noch so sehr vornehmen, wenn ich in diesen Punkt berührt bin, dass mir jemand das Gefühl gibt, ich werde hier respektlos behandelt, dann…dann…dann sehe ich rot.

Wie kann ich aus dieser Wutspirale aussteigen?

Und dann habe ich für mich gedacht: OK, das ist nicht die Verantwortung von meinem Kind, das mir da gegenübersitzt und vier Jahre alt ist. Und grade sauer ist. Sondern: Das muss was mit mir zu tun haben. Und ich habe dann ganz ganz viel mich darum gekümmert zu sagen: Was sind da auch meine eigenen Themen? Was kann ich tun, um frühzeitig zu erkennen, wenn ich an diesen Punkt komme, dass ich so wütend werde? Und wie kann ich aus dieser Wutspirale dann in gewisser Weise aussteigen?

Mittlerweile ist das für mich tatsächlich eine neue Routine geworden, dass ich praktisch   innerlich mich immer wieder frage: Auf einer emotionalen Skala: Bin ich im grünen Bereich, im orangenen, im roten? Und wenn ich merke, ich rutsche grad so in den orangenen Bereich, dann sage ich auch zu meinen Kindern: So, Kinder, ich muss mich jetzt mal einen kleinen Moment um mich selber kümmern und mich mal wieder erden. Danach kann ich auch wieder was mit euch tun.

Selbsfürsorgetechnik: Ich verliere nur noch sehr sehr selten die Kontrolle über mich.

Seit ich da so diese Selbstfürsorgetechniken in gewisser Weise entwickelt habe, über Jahre, bin ich tatsächlich mittlerweile an einem Punkt, wo ich nur noch sehr sehr selten sozusagen die Kontrolle über mich verliere. Sondern, wo ich es wirklich schaffe – in diesem mütterlichen Selbst, in dem ich auch sein will – wo ich eine Haltung einnehme von Freundlichkeit und Wertschätzung meinen Kindern und mir selbst gegenüber.

Und das merke ich jetzt vor allem aber auch im Vergleich. Mein drittes Kind kommt ja jetzt gerade in die Autonomiephase. Und ich empfand das bei meinen ersten beiden Kindern als eine unglaublich herausfordernde Zeit, wo ich auch oft mit den Nerven ziemlich am Ende war. Und jetzt merke ich so, wie einfach die Autonomiephase sein kann, wenn man mit sich selber wirklich im Reinen ist. Und wenn man Strategien hat zum Umgang mit der eigenen Wut und der eigenen Verletzlichkeit. Dann ist das eigentlich total schön, diese Autonomiebestrebungen zu begleiten. Das habe ich beim ersten Kind und beim zweiten Kind lange nicht so empfunden.

Kinder spüren intuitiv, wo unsere wunden Punkte liegen.

Ich finde es total schön, was du da sagst. Weil es so echt ist, was du erzählst. Weil ich immer denke: Oh Gott, Menschen, die diese Ratgeberbücher schreiben, Frauen wie du, die über diese Familienthemen sprechen, die sind bestimmt gar nicht so wie ich..Also, dass sie auch mal meckern…Was ich festgestellt habe, in Bezug auf die Kinder. Sie spiegeln nicht nur das eigene Verhalten wider, sondern manchmal glaube ich, meine Tochter weiß, wie es mir geht, bevor ich es selber weiß. Wie sind da deine Erfahrungen?

Ich bin wirklich überzeugt davon, dass Kinder intuitiv auch spüren, wo unsere wunden Punkte liegen. Wo die Themen liegen, wo wir unsicher sind. Und dass sie uns in gewisser Weise einen Gefallen tun, indem sie uns darauf aufmerksam machen. Aber sie tun es oft auf eine Weise, die für uns sehr unangenehm ist. Also, ob wir wollen oder nicht, als würden wir von unseren Kindern in eine Art Psychotherapie gezwungen, wo ein Therapeut uns hinweist auf unsere inneren Verletzungen. Und wir müssen uns damit auseinandersetzen, ob wir wollen oder nicht.

Kooperation kann auch bedeuten uns darauf hinzuweisen: Hier ist was.  

Und für viele Eltern fühlt sich das sehr sehr schlimm an. Als würde wirklich ihr Kind einen Hammer nehmen und jeden einzelnen Tag auf ihre wunden Punkte draufhauen. Und man denkt so: Wie kann das sein? Ich bin so liebevoll zu meinem Kind? Ich wollte es von Anfang an bedürfnisorientiert begleiten und jetzt tut es mir weh. Jeden einzelnen Tag tut das Kind mir weh.

Und dann sich aber klar zu machen: Unsere Kinder wollen mit uns kooperieren. Immer. Aber Kooperation kann auch bedeuten uns darauf hinzuweisen: Hier ist was. Ich spüre, hier ist irgendwas bei meiner Mama, das ist anders als andere Punkte. Und wenn ich zu  meiner Mama sage „Du bist eine blöde Mama!“, dann passiert was mit ihr, was sonst nie passiert. Und jezt will ich wissen, was dahinter steckt. Und dann probieren die das aus. Wieder und wieder. Was passiert? Warum hat Mama so eine Angst, eine blöde Mama zu sein? Und das ist in gewisser Weise, glaube ich, so eine intrinsische Motivation bei den Kindern zu sagen: Da ist irgendwas. Das spüre ich. Da steckt was dahinter.

Jedes Kind hat für mich eine Lektion mitgebracht.

Und wenn wir das als Chance begreifen und wirklich sagen; Unsere Kinder weisen uns da auf Verletzungen hin, die wir uns mal angucken sollten. Dann kann das eine Chance sein, total zu wachsen. An sich und am Kind. Und dann kann man wirklich nachher sagen: Jedes Kind hat für mich eine Lektion mitgebracht. Ich kann das wirklich ganz persönlich sagen.

Ich habe von meinem ersten Kind gelernt, mit meiner Wut umzugehen und zu verstehen, woher sie kommt.

Ich habe von meinem zweiten Kind Geduld gelernt. Ich habe gelernt, dass man manchmal Zeit verlieren muss, um Zeit zu gewinnen.

Und mein dritter Sohn, da bin ich mir sicher, hält nochmal eine neue Lektion bereit. Wieder ein Thema, das sich jetzt so in der Autonomiephase zeigen wird, wo ich mich dann weiterentwickeln kann.

Was ich ganz ganz toll bisher fand, an meiner 40-Tages-Challenge #nomeckermutti war das Feedback der anderen Frauen. Denn da wurde mir klar: Viele von uns fühlen gleich. Ich habe manchmal das Gefühl, bei uns steht oft dieses Bild der perfekten Mutter im Raum, was mit dem Anspruch einhergeht: Ich möchte arbeiten. Ich möchte einen tollen Job. Ich möchte eine gute Mutter sein. Einen perfekten Haushalt führen. Ganz ehrlich, Nora. Ich scheitere daran.

Hmmm. Ich auch…

Eltern unter Druck.

Ist das sowas, was bei uns in der Generation irgendwie grad vorhanden ist, also zu sagen: Ich möchte die perfekte Frau, Mutter, Freundin, Sportlerin sein. Also…Kennst du das irgendwoher?

Total. Ja. Ich glaube, wir sind eine Generation, die auch sehr stark auf Selbstoptimierung  ausgelegt ist. Also, ich sehe das immer bei meinem Mann, der hat so verschiedene Business-Magazine zuhause rumliegen – und da steht drin: „Wie sie ihre Zeit noch effizienter nutzen. Sie könnten ja die drei Minuten, die sie in der Küche stehen und ihren Kaffee trinken, ja auch noch nutzen, um noch Sportübungen zu machen.“ Das ist so ein Wahn im Moment. In unserer Zeit, glaube ich auch. Dass man so denkt: Durch absolut effektives Zeitmanagement kann man so das Maximum in ein einzelnes Leben reinquetschen. Und ich halte das für keinen Zufall, dass in diesem Zeitalter der Selbstoptimierung auch die Zahl der Burnout-Kranken ganz stark nach oben geht, weil uns einfach diese Ruhe, dieser Müßiggang, dieses einen Gang runterschalten, total fehlt.

Das ist, glaube ich, ein gesellschaftliches Thema, nicht nur in der Elternschaft. Aber das spiegelt sich auch in der Elternschaft wider.

Es ist eine kolossale Überforderung, in die viele da hineinsteuern.

Wir haben bei der Zeitschrift Eltern vor ein paar Jahren eine Studie gemacht zum Lebensgefühl junger Eltern. Und die Studie hieß am Ende: Eltern unter Druck. Weil es einfach darum ging, dass das das Hauptphänomen war. Dass wir festgestellt haben in dieser Studie, dass junge Eltern sich mehr unter Druck fühlen denn je. Und zwar von allen Seiten.

Ohne unterstützenden Clan im Rücken ist der direkte Weg ins Mütter-Burnout.

Wie du gesagt hast: Sie haben unglaublich hohe Ansprüche an sich selbst. Höher als jede Generation vor ihnen. Sie haben ganz große Ideale, an denen sie ständig  gefühlt scheitern. Obwohl sie immer versuchen noch besser zu werden. Sie wollen perfekt aussehen. Sie wollen im Job perfekt sein. Sie wollen eine tolle Beziehung führen. Sie wollen Kontakte pflegen. Sie wollen sich gut um ihre alternden Eltern kümmern. Sozusagen: dieses töcherliche Sich-Kümmern-Wollen. Und es ist eine kolossale Überforderung, in die viele da hineinsteuern.

Dann ist das Thema „Burnout bei Mamas“ ja eigentlich auch kein Witz, oder?

Nee. Überhaupt nicht. Meine hochgeschätzte Kollegin Nicola Schmidt hat mal gesagt: Im Attachment Parenting, ohne unterstützenden Clan im Rücken ist der direkte Weg ins Mütter-Burnout.

Und das würde ich auch wirklich so unterschreiben. Ich bin eine wirklich große Verfechterin bedürfnisorientierter Elternschaft. Aber wir müssen uns klarmachen, dass diese Strategien, die wir damit auch so oft verbinden: das Tragen von Babys, das permantente Stillen, das gemeinsame Schlafen. Dass das Strategien sind, die unseren Vorfahren geholfen haben im Leben mit ihren Kindern. Die auch artgerecht sind für Menschenkinder. Aber die sozusagen vorgesehen waren in einem Clan, in dem mehrere Menschen sich verantwortlich gefühlt haben für ein Kind.

In einem Clan hatte ein Kind 5 soziale Mütter.

Und wir wissen aus ethnologischen Studien, dass in solchen Clans ein Kind bis zu fünf soziale Mütter hat, die sich alle verantwortlich fühlen  für die Bedürfnisse eines Kindes. Und wenn eine schlafen muss, dann übernimmt die nächste. Inklusive Stillen. Und wenn wir uns das klarmachen, dass das sozusagen artgerecht wäre für Menschen: fünf Erwachsene kümmern sich um ein Kind. Dann ist es kein Wunder, dass, wenn wir Eltern versuchen, diesen sehr körperlichen, sehr zugewandten Umgang mit unseren Kindern zu pflegen. Ohne so einen Clan im Rücken. Im Alleingang. 12 Stunden am Tag. Eine Mutter mit einem Baby. Dass das in die absolute Überforderung ganz schnell führt – das ist überhaupt nicht erstaunlich.

Ich möchte eine gute Mutter sein. Was heißt das eigentlich für dich?

Ich kenne dieses Thema auch. Ich tue mein Bestes und ich möchte nichts lieber als meinen Kindern eine gute Mutter sein und trotzdem frage ich mich immer wieder: Bin ich es auch? Werden meine Kinder später zurückblicken und glücklich sein mit ihrer Kindheit? Und diese Frage kann mir keiner beantworten.

Entscheidend ist letztlich das, was unsere Kinder fühlen.
Nora Imlau Erziehung bedürfnisorientierte Elternschaft bedürfnisorientiert Familienleben Attachment Parenting Mamablog Mama Mamablogger Interview MutterKutter
Credit: Nora Imlau

Was ich feststelle ist, dass sehr viele Frauen diese Frage umtreibt. Und dass das dann auch dazu führt, dass alle meinen sich das dann gegenseitig aussprechen zu müssen. Dass es dann ganz viele Blogbeiträge gibt: „Warum jede Mutter eine gute Mutter ist.“ – und ich kann dieses Bedürfnis dahinter auch verstehen und gleichzeitig denke ich immer so: Letztlich können wir uns das gegenseitig spiegeln. Jeder macht, was er kann. Das finde ich auch. Aber entscheidend ist letztlich das, was unsere Kinder fühlen. Was bei unseren Kindern ankommt. Jetzt und auch in Zukunft.

Und wenn mir eine Bloggerin sagt: „Jede kann eine gute Mutter sein“ – ja, trotzdem gibt es erwachsene Menschen, die dann sagen: „Meine Mutter habe ich nicht so erlebt, wie ich es mir gewünscht habe.“ Das ist auch ein bisschen ein beängstigender Gedanke, denn es kann auch sein, dass meine Kinder später auch mal sagen: „Du warst uns zu kümmernd. Du warst uns zu zuzugewandt. Du hast uns nichts zugemutet.“ Das kann ja alles sein.

Man kann in den Gesichtern von Kindern so viel ablesen. Und manchmal ist das auch schmerzhaft.

Aber ich denke: Wenn letztlich für die Frage „Bin ich eine gute Mutter oder nicht?“ nicht die Gesellschaft entscheidend ist oder das, was andere Menschen denken, sondern wenn es letztendlich eine persönliche Frage ist zwischen mir und meinen Kindern, dann muss ich auf der Suche nach Antworten auch bei meinen Kindern anfangen. Und muss sie angucken. Auch im Hier und Jetzt. Und schauen: Sehen meine Kinder aus, als würde es ihnen gut gehen? Und das ist eine ganz ehrlich gemeinte Frage.

Man kann in den Gesichtern von Kindern so viel ablesen. Und manchmal ist das auch schmerzhaft. Ich habe manches Mal schon in die Gesichter meiner Kinder geschaut und gedacht: „Denen geht es jetzt nicht gut.“ Und dann bin ich auch mit dreijährigen oder mit fünfjährigen oder mit achtjährigen Kindern ins Gespräch gegangen. Auf Augenhöhe, wie mit einem Erwachsenen: „Geht es dir in unsere Beziehung grad nicht gut? Fehlt dir was?“

Und dann war das manchmal auch ganz erstaunlich, dass sie dann auch etwas formuliert haben, was ihnen jetzt wichtig wäre, was ich jetzt überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Und gleichzeitig andere Dinge, wo ich dachte, die wären unglaublich wichtig für sie… waren gar nicht so wichtig für sie.

„Was brauchst du von mir als Mutter?“ 

Und ich glaube, dass wir tatsächlich mit unseren Kindern jetzt schon in einem Dialog sein können: „Was brauchst du von mir als Mutter?“ Und ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass meine drei Kinder, die alle sehr unterschiedlich sind, auch eine ganz unterschiedliche Mutter brauchen. Jedes braucht seine eigene gute Mutter.

Manchmal schaffe ich es nicht, für jedes Kind diese gute Mutter zu sein. Aber ich glaube auch, dass es auch wertvoll sein kann, den Kindern gegenüber immer wieder das Gespräch zu suchen und zu sagen: „Ich versuche dir die Mutter zu sein, die ich sein kann.“ Aber auch zu benennen: „Ich wäre heute gerne geduldiger gewesen. Ich wäre heute gerne für dich da gewesen in diesen Punkten. Mir war bewusst, dass du es gebraucht hättest. Ich konnte es heute nicht leisten. Ich versuche es morgen wieder.“

Ich glaube: Das ist alles, was wir tun können. Und ich glaube, wenn wir unseren Kindern vorleben, dass sie nicht perfekt sein müssen und sich unsere Beziehung sozusagen immer wandeln kann, dann hoffe ich, dass sie auch, wenn sie mal Erwachsen sind und zurückblicken und manche Dinge auch kritisch betrachten, dass wir dann in einer Beziehung zueinander stehen, wo wir dann auch, wenn wir beide erwachsen sind, uns gegenüber sitzen können und sagen:

„OK, wenn da was nicht gut war, ich kann dir immer noch eine gute Mutter sein. Das ist ja nicht vorbei. Wir können ja immer noch an der Beziehung arbeiten. Auch jetzt noch.“

Liebe Nora, herzlichen Dank für dieses ehrliche und ausführliche Interview. Es war schön mit dir!

Und falls ihr mehr über Nora Imlau erfahren möchtet oder wissen wollt, welche Bücher sie geschrieben hat, dann  schaut doch mal auf ihrer Webseite vorbei. Ihr findet sie ansonsten u.a. auch noch bei Facebook, Twitter & Instagram.

Vielen Dank auch an das Haus der Familie und alle Teilnehmer dafür, dass ich so kurzfristig drehen durfte!


Übrigens: Meine persönliche Challenge #nomeckermutti läuft noch bis zum 5. April. Verfolgen könnt ihr sie auf Instagram. Einen weiteren Gastbeitrag zum Thema „Kindern auf Augenhöhe begegnen“ findet ihr hier.

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