Hochsensibilität: Jede*r Fünfte von uns ist hochsensibel. Aber wie fühlen sich Hochsensible überhaupt? Was geht in ihnen vor? Inwiefern ist diese Charaktereigenschaft besonders? Medizinstudentin, Bloggerin & Influencerin Jule @juleunddiemedizin über ihr Leben als Hochsensible. Einfühlsam. Und berührend.


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„Hallo Hochsensibilität!“
Ein Gastartikel von Jule @juleunddiemedizin über ihr Leben als Hochsensible.

„Na, möchtest Du heute Abend mit feiern kommen?“ Während ich in Gedanken adäquate Ausreden durchgehe, habe ich mich schon längst für eine Antwort entschieden. „Oh mhm, heute geht’s nicht, ich muss morgen wirklich früh raus!“ Muss ich (manchmal) gar nicht.

Hochsensibilität
Foto: @juleunddiemedizin

Doch den Gedanken abends nochmal rauszugehen, mit zu vielen Menschen in einem zu kleinen Club bei zu lauter Musik und zu vielen Drinks, ertrage ich einfach nicht. Nicht spontan, ohne Vorlaufzeit, um mich darauf einstellen zu können. Sodass ich es am Ende lieber riskiere, andere zu verärgern als mitzukommen.

Hallo Hochsensibilität.

Hochsensibilität: Ich habe manchmal das Gefühl an meinen Gefühlen zu zerbrechen!
Hochsensibilität
Foto: @juleunddiemedizin

In diesem doch relativ neuen, aber derzeit sehr präsenten Begriff, habe ich mich direkt erkannt. So empfinde ich um Beispiel Nebengeräusche als sehr störend. Neben jemandem zu sitzen, der isst, während es sonst nur still ist, kann ich kaum ertragen. Jedes Gefühl, das ich empfinde, fühle ich dermaßen intensiv, dass ich manchmal das Gefühl habe, darunter zu zerbrechen.

Das gilt für Freude oder Dankbarkeit. Genau wie für Enttäuschung oder Traurigkeit. Und oft habe ich das Gefühl, dass mich niemand versteht. „Stell Dich doch nicht so an.“ „Das ist jetzt aber doch wirklich kein Grund zu Heulen.“ Für mich ist es das aber meistens. Und ich begann zu glauben, dass irgendetwas an mir nicht richtig sei. Ich zu schwach wäre, mich nicht zusammenreißen könnte und viel zu nah am Wasser gebaut sei.

Jeder fünfte Mensch soll hochsensible Tendenzen haben!

Erst vor kurzem habe ich – endlich – diesen Begriff gefunden, in dem ich mich mehr als wiedergefunden habe: Ich bin hochsensibel. Und noch viel wichtiger: So geht es vielen. Tatsächlich vermutet man aktuell, dass ungefähr jeder fünfte Mensch hochsensible Tendenzen hat. Zeichen dafür, dass auch du hochsensibel bist.

Durch Zufall habe ich einen Artikel gelesen, in dem ich mich in beinahe jedem Wort wiedererkannte. Die liebe Anna beschrieb, wie sich bei ihr die Hochsensibilität bemerkbar machte. Und mir waren all diese Dinge so bekannt! Und trotz aller Selbsttests und Beschreibungen zur Hochsensibilität, hat mich erst dieser eine Beitrag darauf gebracht, dass das vielleicht auch ein Thema für mich sein könnte.

Was mir nämlich lange nicht bewusst war: Nicht auf jeden treffen alle Punkte zu. Jeder empfindet anders. Und auch auf mich trifft nicht alles zu, was mir bisher bei meinen Recherchen so begegnet ist oder was der eine oder andere Persönlichkeitstest ausgespuckt hat.

Aber was bedeutet eigentlich „hochsensibel“?
Hochsensibilität
Foto: @juleunddiemedizin

Ganz allgemein ausgedrückt beschreibt Hochsensibilität die Eigenschaft des Gehirns, beinahe alle erlebten Reize aufzunehmen und zu verarbeiten. Der Filter fehlt. Visuelle oder auditive Reize werden sehr detailreich aufgenommen und verarbeitet, (Neben-) Geräusche können zum Beispiel nur schwer ausgeblendet werden. Durch das permanente Aufnehmen und Verarbeiten der intensivierten Umgebungsreize werden auch Gefühle und Emotionen anderer Personen, jedoch auch die eigenen, deutlich verstärkt auf- und wahrgenommen und erlebt. Auf Dauer? Ziemlich anstrengend.

Trotz der Individualität gibt es einige Eigenschaften, die gehäuft bei hochsensiblen Personen auftreten. Dazu gehören eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber gewissen Substanzen (Alkohol, Nikotin, Koffein, teilweise auch Zucker). Eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit. Die Neigung zu Perfektionismus und harter Selbstkritik. Ein sehr detailreiches Erinnerungsvermögen und eine ausgeprägte Fantasie.

Hochsensible sind außerdem häufig vielseitig interessiert, sehr begeisterungsfähig, harmoniebedürftig und leidenschaftlich. Sie legen viel Wert auf die eigene Selbstverwirklichung, übernehmen oft Verantwortung (auch für andere) und haben einen stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

Die Hochsensibilität ist trotz allem so individuell wie jede*r von uns!

Viele dieser Dinge treffen auf mich zu; mit Ungerechtigkeiten kann ich zum Beispiel wirklich überhaupt nicht umgehen. Ich vertrage kaum Alkohol. Und nach dem zweiten Kaffee am Tag kann ich abends nicht einschlafen. Ich bin ein klassischer Tagträumer und nur selten spielt sich nicht gerade irgendein Film in meinem Kopf ab.

Aber: Auch auf mich treffen nicht alle genannten Punkte zu (ich bin bei Schmerzen zum Beispiel sehr unempfindlich). Trotzdem würde ich mich selbst als hochsensible Person beschreiben. Wir alle sind eben verschieden, sehr individuell. Und das gilt auch für unsere Hochsensibilität!

Eigentlich klingt das ja alles gar nicht so schlecht, aber: Hochsensibel zu sein ist die meiste Zeit ziemlich anstrengend. Trotzdem möchte ich diesen Charakterzug an mir definitiv nicht missen und niemals eintauschen wollen! Ich empfinde meine eigenen Emotionen als sehr intensiv. Und, wie bereits angedeutet, gilt das sowohl für positive als auch für negative.

Diese starke Wahrnehmung und Empfindung erlaubt es mir aber auch, sehr intensive und tiefe Beziehungen einzugehen. Zu meiner Familie, meinen Freunden und auch in der Partnerschaft. Vielleicht macht mich das verletzlich und leicht angreifbar – dennoch ist es für mich ein Privileg, so tief lieben zu können, wie ich es tue.

Hochsensibilität: Wir nehmen alle Gefühle stark wahr!

Ich habe auch nur wenige „Bekannte“. Wenn ich einen Menschen mag, gibt es bei mir nur ganz oder gar nicht. Und meist öffne ich mich anderen gegenüber sehr schnell, wenn es von meiner Seite aus passt. So bin ich eben. Und auch wenn das sehr leicht ausgenutzt werden kann, möchte ich mich nicht ändern und verschließen, denn das macht mich eben aus. Doch nicht nur die eigenen Emotionen nimmt man als hochsensible Person verstärkt wahr. Das Gleiche gilt ebenso für die Gefühle des Gegenübers, auch, wenn das am Ende des Tages natürlich häufig trotzdem eine Interpretationsfrage bleibt.

Hochsensibilität
Foto: @juleunddiemedizin

Ich sehe zum Beispiel, wenn sich jemand unwohl fühlt oder traurig ist, kann am Ende aber nicht sagen, ob das gerade an mir liegt oder an etwas oder jemand anderem. Darauf bin ich stolz; auf mein ausgeprägtes Mitgefühl und meine Empathie anderen gegenüber. Ganz typisch für Hochsensible ist es übrigens auch, schnell „bewegt“ oder gerührt zu sein, zum Beispiel bei Filmen, besonders schöner Musik oder – der Klassiker bei mir – von emotionalen Ereignissen wie Hochzeiten (da laufen bei mir früher oder später IMMER die Tränen, weil es mich so sehr berührt).

Ich habe mich lange unverstanden gefühlt!

Es hat lange gedauert, bis ich diese positiven Seiten meiner Hochsensibilität entdeckt habe. Und für eine lange Zeit habe ich sie vor allem als sehr belastend und anstrengend empfunden, was auch teilweise daran lag, dass ich mich sehr unverstanden gefühlt habe. Lange habe ich angenommen, dass alle anderen genau das fühlen, was ich fühle und ich konnte daher einfach nicht verstehen, wieso ich immer so stark unter Dingen gelitten habe, die andere kalt ließen.

Jetzt weiß ich, warum: Viele Dinge spielen sich nur in meinem Kopf hab (Kopfkino und so). Manche Situationen oder Gespräche mit anderen Personen habe ich so lange in meinem Kopf durchgespielt, bis ich mir am Ende sicher war, dass die zweite Person auch wirklich so reagieren würde, wie ich es mir (meist im maximal negativen Szenario) vorgestellt habe. Das entspricht nicht der Realität, doch für mich ist es manchmal fast, als ob es so wäre.

Ich nehme zu viel persönlich!

Unangenehme Situationen oder Probleme „zerdenke“ ich dann so lange, bis sich das Gedankenkarussell so schnell dreht, dass ein Ausstieg unmöglich erscheint. Was mich am meisten belastet, ist die Tatsache, dass ich mich selbst sehr kritisch sehe. Ich suche ständig nach Fehlern, und warte eigentlich nur darauf, dass irgendjemand etwas zu mir sagt, dass meist nicht mal böse gemeint ist, nur um es möglichst negativ zu interpretieren und diese Sätze, die die andere Person nach drei Sekunden schon wieder vergessen hatte, noch wochenlang mit mir herumzutragen.

Jede Handlung, jede Äußerung einer anderen Person beziehe ich – fälschlicherweise – auf mich, nehme zu viel persönlich. Ich spiele solche Situationen gedanklich immer und immer wieder durch, nur um weitere Dinge zu finden, die ich vielleicht falsch gemacht haben könnte. Dabei möchte ich es „immer allen Recht machen“ und kann nur schwer nein sagen, auch, wenn ich es eigentlich gern würde.

Ich bin froh, dass ich einen Begriff gefunden habe!

Ständig überdenke ich mein Verhalten, was ich gesagt habe oder vielleicht gern sagen würde und frage mich, was mein Gegenüber von mir denkt. In meinem Kopf herrscht dann ein riesiges Chaos, das ich weder selbst verstehen noch anderen erklären kann – da ist der Frust dann meist nicht weit und die Überforderung mit mir selbst groß.

Doch seitdem ich einen Begriff für das habe, was ich so oft empfinde, kann ich sehr viel besser damit umgehen. Ich mache mir ständig bewusst, dass diese ganze Nachdenkerei und Kritik vor allem in meinem Kopf vorgeht – nicht in der Realität! Der Großteil der Menschheit verschwendet sicherlich nicht so dermaßen viele Gedanken daran, sich zu überlegen ob sie den einen oder anderen Satz von mir vielleicht blöd fanden – das tue nur ich.

Nach einer Party brauche ich definitiv Zeit für mich!

Sätze wie „Na, möchtest Du heute Abend mit feiern kommen?“ stürzen mich aber auch jetzt noch in einen großen Zwiespalt: Ich möchte es der anderen Person recht machen und kann schlecht nein sagen. Außerdem möchte ich nicht so wirken als wäre ich irgendwie „anti-sozial“. Und meistens wünschte ich mir sogar, dass ich Lust hätte mit auszugehen, denn die fragende Person habe ich ja eigentlich gern!

Trotzdem weiß ich ganz genau, dass ich nicht einfach so spontan mitkommen werde und dabei Spaß habe. Schon gar nicht, wenn die vorhergehenden Tage sehr anstrengend und stressig waren. Mit genügend Vorlaufzeit ist das was ganz anderes, denn dann gehe ich gern auch mit auf die ein oder andere Party – am nächsten Tag brauche ich dann aber definitiv Zeit für mich.

Wahrscheinlich (oder spielt mit da nur wieder mein Kopfkino einen Streich?) denke ich auch deswegen immer, dass ich eine extrem anstrengende Person bin. Oft trage ich innere Konflikte mit mir rum, die ich aber auch häufig kommuniziere – denn hochsensibel heißt nicht gleich introvertiert! Ich bin tatsächlich in vielen Situationen eher extrovertiert, und kann nur schwer Dinge für mich behalten, selbst wenn ich mir explizit vorgenommen habe, diesmal nichts zu sagen.

Ich hoffe, ich kann euch mit meinen Zeilen über mich helfen!

Daher rede ich viel, und rede auch viel über die Dinge, die mich den ganzen Tag beschäftigen und vielleicht sogar mehr beschäftigen als es rational angebracht wäre. Ich weiß das und ich arbeite dran, denn wahrscheinlich wirkt es so, als ob ich der Meinung wäre, die Sonne würde sich den ganzen Tag nur um mich drehen. Stattdessen ist es lediglich der verzweifelte Versuch, etwas von dem Chaos das sich manchmal in meinem Kopf abspielt zu kommunizieren und zu ordnen.

Hochsensibilität hat also nichts damit zu tun, ob man eher introvertiert oder extrovertiert ist! Damit bin ich am Ende mit diesen sehr persönlichen Worten und tatsächlich bin ich jetzt, nach dem Schreiben dieses Artikels, irgendwie erleichtert.

Warum ich das alles mit euch teilen wollte? Weil ich weiß ich, dass sich jede*r Fünfte von euch wieder erkennen wird, in dem ein oder anderen Satz und sehr hoffe dass es euch genauso helfen wird wie mir, zu wissen, dass Ihr nicht alleine mit solchen Empfindungen seid! Ich habe euch einen sehr privaten Einblick in meine Gefühlswelt gegeben. Ich hoffe, dass uns das alle ein bisschen weiterbringt.

Hochsensibilität ist KEINE Schwäche!

Vielleicht erkennst Du Dich in meinen Worten wieder, obwohl jeder Selbsttest gesagt hast, du seist nicht hochsensibel. Vielleicht hilft es dir aber auch beim Umgang mit Personen aus deinem Umfeld, denen es ähnlich geht wie mir.

Und nicht vergessen: Hochsensibilität ist keine Schwäche, keine Krankheit. Es ist eine Charaktereigenschaft, die uns besonders macht. Unsere ganz persönliche Superkraft.


Herzlichen Dank, liebe Jule – für diesen tiefgehenden und schönen Gastartikel! Wir freuen uns sehr, dass wir dich in diesem Jahr kennenlernen durften! Mach´ weiter so: so stark, fühlend und voller Power!

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One thought on “Hochsensibilität: „Eine Charaktereigenschaft, die uns besonders macht.“”

  1. Zunächst einmal ein gelungener Beitrag.

    Erwähnenswert diesbezüglich ist möglicherweise die psychologische Forschung zu eben diesem Thema und damit einhergehend auch die Einschränkung bzw. Vorsicht, wie man eben „Hochsensiblität“ verstehn kann oder soll. Aron (1997) beschreiben eben dies als erstes, aber die genau Grundlage bzw das Postulat, dass es neurologische/physiologische Unterschiede gibt ist noch nicht ausreichend bewiesen. Wie wird Hochsensiblität eigentlich erfasst? Selbstbericht. Dieser erklärt dann aber nicht die Ursache und auch wer nun genau unter hochsensibel fällt ist auch nie wirklich definiert – wie viele Bereiche der sensorischen Sensibilität müssen vorliegen?
    Auch der Zusammensgang zwischen vielerlei Merkmalen ist noch total am Anfang und es zeigte sich eben, dass die Annahme, dass Hochbegabte eher hochsensibel sein, gar nicht zutreffe.
    Ums kurz zu fassen: ich glaube man muss mit solchen Dingen etwas vorsichtiger umgehen. Heutzutage geraten viele Begriffe sehr schnell in den Mainstream („Entwicklungstrauma“, „Trauma“, Burnout, OCD usw.).

    Dennoch danke an Jule für den Einblick und der Kommentar soll in keinster Weise abwertend gegenüber den Empfindungen sein. Es ist schön, dass man einen Begriff hat, mit dem man sich uns seine Welt beschreiben kann :)

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