persönliche Gedanken

„Entschuldigung!“ Weg mit dem inflationären SORRY!

Wieso entschuldige ich mich eigentlich so oft für die normalsten Dinge der Welt? Eine Antwort. Autorin: Dorothee Dahinden

Mal ehrlich: Inzwischen habe ich das Gefühl, dass das Wort Entschuldigung! mein inflationär gebrauchtes „Scheiße!“ überholt hat.

Entschuldigung Schnullerfee Crew Apfelessig Energievampire
Herausgeberin: Dorothee Dahinden
Foto: www.anneseliger.de

Mir ist aufgefallen, dass ich mich ständig entschuldige. Scheinbar bei jedem. Überall. In jeder noch so unpassenden Situation. Völlig unangebracht. Bei meiner Familie, bei meinen Freund*innen und Bekannten, bei den Verkäufer*innen im Supermarkt, beim Universum, bei der Katze unseres Nachbarn, bald wahrscheinlich noch bei jedem einzelnen Grashalm in meiner Umgebung. „Entschuldigung!“ – dröhnt es gefühlt 20 Mal am Tag aus meiner Richtung. Ich entschuldige mich für die normalsten Dinge der Welt.

Entschuldigung – ein paar Highlights:

♥ Ich habe das Gefühl, in Corona-Zeiten nicht schnell genug an der Supermarktkasse zu sein. Meine Sachen sind nicht innerhalb von 5 Sekunden im Einkaufsbeutel – die Abstandsschlange wird gefährlich lang…Was sage ich zur Verkäuferin? Richtig!

♥ Ich habe mich innerhalb von 24 Stunden nicht auf eine SMS zurückgemeldet, weil ich es partout nicht geschafft habe – was schreibe ich? Genau!

♥ Ich möchte den Monolog meines Gegenübers mit einer Idee unterbrechen, versuche etwas zu sagen, scheitere allerdings an der Wort-Einbahnstraße meines Gesprächspartners und werfe dann nur noch ein kurzes „Entschuldigung“ ein, weil ich unterbrochen habe – aber eigentlich an der Reihe war.

Entschuldigung = Harmonie ?

Boah! Leute, bei mir hat das Ausmaße angenommen. Das Entschuldigen hat den ursprünglichen Sinn verloren. Ich möchte nicht um Verzeihung bitten oder einen Fehler eingestehen, ich möchte damit Harmonie herstellen. Ist das ständige Entschuldigen von heute der Versuch, endlich Weltfrieden herzustellen?

Inzwischen habe auch schon mit einem Entschuldigungsreflex reagiert, als ich zu Unrecht wegen irgendeiner Banalität angepöbelt wurde. Was ist dann eigentlich die Steigerung von „Entschuldigung!“? – sich einfach in Luft auflösen oder geräuschlos durch die Gegend schweben?

Dann hat mich eine Freundin ermahnt:

Mit der Nase auf meinen Entschuldigungstick hat mich übrigens meine Freundin Alke gestoßen – auch bei ihr habe ich mich schon mit „Sorry, ich habe grad einfach keine Zeit“ oder „Ich bin zu müde, um ein Bier zu trinken“ entschuldigt. Ihre Antwort: „Doro, hör mal auf, die ständig zu entschuldigen. Alles ist gut. Du bist gut“, hat sie gesagt. Danke, Alke! Für die Worte und die Erkenntnis! Alke mich damit nicht nur aufmerksam auf mein „Problem“ gemacht, sondern auch darauf, dass ich damit nicht alleine bin. Ständig entschuldigen sich Frauen in meinem Umfeld für irgendetwas. Genauso inflationär wie ich. Für Dinge, die ganz normal sind. Als ob wir alle „nicht genug“ wären – oder eben „unpassend“ im System.

Warum entschuldigen wir Frauen uns so oft?

Selbst bei unserer Bord-Hebamme Kerstin ist es mir aufgefallen. Auch sie entschuldigt sich manchmal schnappreflexartig, ohne es zu merken. Zum Beispiel, wenn sie mir nicht ins Gesicht sagen will, dass ich grad dramatisiere. Dann leitet sie mit einem „Entschuldige!“ ein, um mich nicht zu verletzen – oder auch, wenn sie einen aus Versehen unterbricht. Ich fand das erstaunlich, weil Kerstin eine Frau mit liebevollem Kawumms ist und ein Selbstbewusstsein hat, von dem ich mir gerne eine Scheibe abschneide.

Aber: Ist das nun vor allem ein Frauenproblem? Es betrifft mehr Frauen, denke ich. Ich höre das in dieser Häufigkeit und in solch typischen Sorry-Situationen seltener von Männern. Die Waterloo-Universität in Ontario hat 2011 übrigens in zwei Studien herausgefunden, dass Männer sich weniger entschuldigen als Frauen, weil die Grenze bei ihnen höher ist, bei der sie etwas als unangebracht oder beleidigend empfinden.

Entschuldigung für Entschuldigung macht in der Summe ja wahrscheinlich schon was mit uns: wir machen uns kleiner als wir sind.

Raus da!

Kommt: lasst uns raus aus der Sorry-Dauerscheife! Zum Beispiel dann, wenn wir sagen:

„Entschuldigung, ist da noch frei?“Das ist doch eine ganz normale Frage. Höflich gefragt braucht sie kein Sorry.

„Entschuldigen Sie, könnten Sie mir kurz die Tür aufhalten?“ Es ist doch keine Schande, jemanden um etwas zu bitten.

♥ „Entschuldigung, aber ich muss noch kurz in das Meeting!“ Du machst doch deinen Job! Gut so! Tschüß Sorry!

„Verzeihen Sie, dasss ich störe, aber…“…z.B. bei einer dringenden Bitte bei der Chefin oder dem Chef. Damit spielst du eventuell dein wichtiges Anliegen herunter.

…oder….

♥ … du dich dafür entschuldigst, dass Milch an deiner Bluse klebt, du ungeschminkt bist oder nicht mehr in den Spiegel geschaut hast und in deinen Mundecken noch Zahnpasta hängt. Na und? That´s life!

♥ … wenn du als Mama endlich mal wieder zwei Stunden für dich alleine brauchst – entschuldige dich nicht dafür. Das braucht jede*r und ist das Normalste der Welt!

Die neue Formel: weniger Sorry gleich mehr „für sich einstehen“. Zum Beispiel auch bei der Frage nach Gehaltsverhandlungen oder wenn du jemanden daran erinnerst, dass du noch Geld von ihm* ihr bekommst. Weniger ist mehr, denke ich heute. Natürlich ist ein echtes Verzeih mir (das von Herzen kommt) wichtig, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Nur bei einem inflationären Gebrauch verliert das Entschuldigung leider die Wirkung. Überspitzt gesagt: Wir verramschen uns damit schon ein bisschen selbst!


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