Erziehung

Cybergrooming: Das sollten Eltern wissen!

Die digitale Expertin Leonie Lutz mit Tipps und Hintergrundwissen. Autorin: Dorothee Dahinden

Cybergrooming: Leonie Lutz im Aufklärungsinterview. Ich spreche mit der digitalen Expertin über potentielle Gefahren und Opferschutz!

Leonie ist Journalistin und steht hinter der Plattform „Kinder digital begleiten“. Hier bekommen wir Eltern fundierte Informationen rund um die Medienerziehung! Auch in unserer neuen Podcastfolge von „HEY Familie“ sprechen wir mit Leonie ausführlich zu dem Thema. Alle Links findest du nach dem Interview!


Anmerkung der Redaktion: Wir verlinken auf den Podcast von dm glückskind. Aber wir haben für die Verlinkung kein Geld bekommen. Deshalb ist die Verlinkung unbeauftragte Werbung*. Genauso verlinken wir zu Leonie Lutz und ihrem Angebot – auch hier wurden wir nicht bezahlt!


Cybergrooming:

Jede Anzeige ist produktiver Opferschutz!“

Leonie Lutz, Journalistin & digitale Expertin

Liebe Leonie, Cybergrooming – das ist ja ein Wort, mit dem wir als Eltern beim ersten Hören vielleicht erstmal gar nichts anfangen können. Kannst du uns kurz erklären, was damit gemeint ist?

Cybergrooming
Foto: Bina Terré Photography

Unter Cybergrooming versteht man, wenn Erwachsene Kinder über Apps, soziale Netzwerke oder Onlinegames kontaktieren und versuchen, sie zu einer sexuellen Handlung zu animieren und/oder Nacktbilder zu tauschen. Teilweise ist das Ziel irgendwann auch, die Kinder real zu treffen und sexuelle Übergriffe zu begehen.

Wo laufen unsere Kinder genau Gefahr, Opfer von Cybergrooming zu werden?

Im Prinzip kann das in allen Apps passieren, in denen es eine Chatfunktion gibt. Also nicht nur soziale Netzwerke, sondern auch und vor allem in Onlinegames, also Spielen. Teilweise sind das Apps, die sind sehr liebevoll gestaltet, haben eine Altersfreigabe von 4 Jahren, wie zum Beispiel Movie Star Planet. Aber genau da sind eben nicht nur Kinder, sondern auch Täter. Innerhalb weniger Sekunden wird man dort angeschrieben, und es wird direkt versucht, die Plattform zu wechseln. Ziel ist immer eine Plattform, auf der man Fotos und Videos tauschen kann. Täter*innen fragen dann ganz gezielt, ob man auch Instagram, Snapchat oder WhatsApp hat.

„Teilweise wird den Kindern auch „Taschengeld“ angeboten.“

Allerdings gibt es auch andere Mechanismen beim Cybergrooming. Manche Täter*innen nutzen das gemeinsame, anonyme Spiel erst einmal, um das Vertrauen des Kindes zu erlangen. Dann wird parallel in Chats viel geschrieben, das Opfer wird umgarnt, es wird Verständnis gezeigt, viel gelobt, viele Komplimente. Und teilweise wird den Kindern auch „Taschengeld“ angeboten, wenn sie sexualisierte Fotos oder Videos schicken.

Welche Straftat verbirgt sich genau dahinter? Und was für Menschen sind das, die unsere Kinder in dieser Form angreifen?

Cybergrooming ist als besondere Begehungsform des sexuellen Missbrauchs nach Strafgesetzbuch § 176 strafbar. Übrigens auch der Versuch des Cybergroomings. In Österreich ist es ebenfalls strafbar, gemäß § 208a „Anbahnung von Sexualkontakten zu Unmündigen“. Über die Täter weiß man, denke ich, nicht genug. Cybergroomer können ältere Täter sein, die sich an Minderjährige ranmachen. Cybergroomer können aber auch Menschen sein, die sogenanntes Genderswapping machen. Heißt also: Der Täter gibt sich möglicherweise als gleichaltriger/es Junge oder Mädchen aus, ist aber in Wahrheit erheblich älter und männlich.

Cybergrooming: „Die Dunkelziffer dürfte enorm hoch liegen.

Laut polizeilicher Kriminalstatistik aus 2018 sind 95 Prozent der tatverdächtigen Cybergroomer Männer, zwei Drittel sind unter 30 Jahre alt. Allerdings sind das ja nur gemeldete Fälle, die hier Berücksichtigung finden. Also Cybergrooming, das zur Anzeige gebracht wurde. Die Dunkelziffer dürfte enorm hoch liegen.

Welche Cybergrooming-Geschichten kennst du? Würdest du uns einen Einblick geben?

Ich habe von Dezember 2018 bis Spätsommer 2019 als Kind im Netz recherchiert, weil ich selbst wissen wollte, wie genau das abläuft. Also habe ich Kinderapps gespielt, in Knuddels gechattet und hatte in den sozialen Netzwerken Kinder-Accounts. Mein Nutzername war stets so, dass klar werden sollte. Das ist ein Kind. Als Nina12cologne war also direkt klar, wie ich heiße, wie alt ich bin und woher ich komme. Die Anfragen waren massiv. Manches lief hochsexualisiert und super direkt, a là „Willst du Sex?“ oder „Willst du ficken?“, anderes eher subtil: „Hey Süße, gar kein Profilbild, willst du mal ein Foto schicken, irgendwie wirkst du total sympathisch“ und ich habe immer geantwortet, dass ich das nicht dürfe, ich noch ein Kind sei. Das hat keinen interessiert. Ich habe viele Penisfotos erhalten und ein Masturbationsvideo. Also Dinge, die ich zur Anzeige bringen musste. Und Kinder sollten das nicht sehen müssen. Und ansonsten kenne ich natürlich viele Erlebnisse von Familien, die mir bei Instagram ihr Herz ausschütten. 

Das wichtigste ist, Screenshots zu machen.“

Wozu rätst du: Was können wir tun, wenn unsere Kinder Opfer werden? Wie können wir uns wehren? Welche rechtliche Handhabe haben wir?

Das Wichtigste ist, Screenshots zu machen, Name der App, Nutzername des Täters, Uhrzeit und Nutzername des Kindes zu notieren, bevor man den Täter blockiert oder so. Und dann zur Polizei zu gehen oder über die Onlinewachen Anzeige erstatten. Natürlich kann man aber auch bei jeder eine Polizeidienststelle Anzeige aufgeben. Dann ist immer noch wichtig, den Täter nicht zu blockieren, das könnte ihn unter Umständen warnen. Und dann würde ich das mit dem Kind aufarbeiten, je nach Schwere des Falls. Und eine Beratungsstelle hinzuziehen. Ich schreibe mal ein paar auf, die kannst du unter diesem Beitrag verlinken.

Wie können wir unsere Kinder virtuell schützen und stark machen?

Erstmal muss Cybergrooming bekannter werden. Je mehr Eltern davon wissen, desto mehr Eltern können ihre Kinder sensibilisieren. Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger bringt immer ein sehr treffendes Beispiel. Er sagt: „Wenn ein Kind auf dem Spielplatz von einem älteren, fremden Mann angesprochen wird, wird jeder sofort hellhörig. Im Internet allerdings passiert genau das.“ Und niemand wird hellhörig.

Schutz vor Cybergrooming: Bitte sprecht mit euren Kindern!

Häufig erzählen Kinder es auch den Eltern nicht. Aus Scham oder der Sorge, die Eltern würden ihnen dann das Smartphone wegnehmen. Es ist daher wichtig mit Kindern darüber zu sprechen, bevor etwas passiert. Wenn sie durch die Eltern auch in Bezug auf Risiken aufgeklärt wurden, sind sie vorsichtiger und nehmen ihre Eltern auch im Digitalen als Ansprechpartner wahr. Zudem ist es wichtig, technische Vorkehrungen zu treffen: Chats womöglich deaktivieren, Nutzernamen aus denen weder Geschlecht, noch Alter oder Ort hervorgeht. Standort-Daten deaktivieren. Und private Accounts, die öffentlich nicht einsehbar sind.

Du hast mir geschrieben, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik allein von 2019 auf 2020 einen Zuwachs von 50 Prozent verzeichnet hat. Das klingt irre viel. Wie schätzt du die Zahlen ein und warum sind die Zahlen so gestiegen?

Ich bin keine Kriminologin aber ich interpretiere es so, dass es vermehrt zu Anzeigen kommt, das ist per se gut. Jede Anzeige ist produktiver Opferschutz! Und je mehr Apps für Kinder mit Chatfunktion auf dem Markt sind, desto mehr Fälle wird es geben.

„Prävention und Aufklärung sind super wichtig.

Wie wichtig ist bei dem Thema Aufklärung?

Prävention und Aufklärung sind super wichtig. Ich würde mir wünschen, dass Cybergrooming auch in den Schulen besprochen wird, denn an keinem anderen Ort kann man alle Kinder gleichermaßen erreichen. Kinder müssen wissen, dass es das gibt, sobald sie ein eigenes Smartphone haben. Es gibt dazu auch ein Video von ZDF logo!

Wenn Kinder schon etwas älter sind, also so ab 13 Jahren, kann ich den YouTube-Kanal von Handysektor empfehlen, die erklären Jugendlichen diverse digitale Risiken. 

Und wie hilfst du mit „Kinder digital begleiten“ uns Eltern bei dem Thema weiter?

In meinen Online-Kursen nehme ich Eltern mit in die digitale Lebensrealität ihrer Kinder. Ich erkläre die ganzen Apps und Tools, zeige positive Alternativen und stelle gute Inhalte im Netz vor. Außerdem beschreibe ich dort alle Gefahren und Risiken, und an wen sich Eltern wenden können, wenn ihr Kind betroffen ist. Dabei ist es mir besonders wichtig, dass Eltern nicht per se mit Verboten arbeiten weil sie Ängste vor digitalen Medien haben. Sondern ihre Kinder digital begleiten. Eltern finden mich unter meiner Website oder bei Instagram unter @kinderdigitalbegleiten. 

Mehr von Leonie Lutz:

Website:

Online-Kurse

Workbook „Schüler*innen digital begleiten“

Blog

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Beratungsstellen: 


Hilfetelefon Sexueller Missbrauch (bundesweit, kostenfrei und anonym): 0800 22 55 530
Save me online (für Jugendliche): www.save-me-online.de
Juuuport (für Jugendliche): www.juuuport.de
Krisenchat (für Jugendliche): www.krisenchat.de
Jugend Support (für Jugendliche): www.jugend.support

Doro & Kerstin im Gespräch mit Leonie bei HEY Familie – unserem Podcast bei dm glückskind! 

agentur

Kinder digital begleiten: Tipps für den kompetenten Medienumgang


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