Unerfüllter Kinderwunsch – ein Herzensthema von uns. Ein Thema, mit dem wir nach draußen gehen und helfen möchten. Wir wissen, wie viele Frauen bzw. Paare davon betroffen sind, wieviele darunter leiden. Wir möchten eine Art Hilfestellung geben. Mit Erfahrungsberichten und medizinischen und alternativmedizinischen Möglichkeiten.

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Dr. Judith Bildau, Frauenärztin & MutterKutter-Autorin

Den Auftakt zu unserer Kinderwunsch-Reihe macht Frauenärztin Dr. Judith Bildau mit einem Erfahrungsbericht und einem Interview. Sie hat nicht nur eine Geschichte beschrieben, wie sie sie alltäglich in ihrer Praxis erlebt hat, sondern auch mit dem Kinderwunsch-Experten Prof. Dr. Kai Joachim Bühling über die medizinischen Möglichkeiten gesprochen.


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Unerfüllter Kinderwunsch- Anne, Karl und das Baby, das auf sich warten lässt

Da saß sie nun wieder zwischen ihren Freundinnen, die ein stillte gerade ihr Baby, die andere streichelte sich sanft über den kugelrunden Bauch. Anne* wusste nicht so recht, wo sie hinschauen sollte. Immer wieder biss sie sich auf die Lippe, wenn sie spürte, dass die Tränen aufstiegen. Sie fühlte sich fehl am Platz. War verwirrt, traurig und auch wütend. Warum wollte ihr das, was scheinbar bei allen anderen mühelos klappt, einfach nicht gelingen? Schwanger zu werden.

Für sie war das irgendwie nie eine Frage gewesen. Ihr war immer klar, dass sie Mutter werden möchte. Mindestens ein Kind, besser zwei, waren geplant. Ob Junge oder Mädchen- völlig egal. Auch Karl*, mit dem sie jetzt seit fast 10 Jahren zusammen war, wusste das. Sie hatte es ihm direkt gesagt, als sie sich kennen gelernt hatten. Dass sie irgendwann eine Familie haben möchte und Kinder zu ihrem Lebensentwurf unbedingt dazu gehörten. Es war nicht jeden Tag Thema gewesen, aber hin und wieder sprachen sie über den richtigen Zeitpunkt. Als Anne dann ihr Referendariat abgeschlossen hatte,
dann das Glück hatte, verbeamtet zu werden, gerade ihren 32.Geburtstag gefeiert hatte und sie auch noch geheiratet hatten, entschlossen sie gemeinsam, dass Anne nun die Pille absetzen sollte.

Sie spürte, dass sie unruhiger wurde. 

Statt der Pille nahm sie nun Folsäure ein. Zunächst war ihr Zyklus unregelmäßig. Kein Wunder, dachte Anne, solange wie sie die Pille eingenommen hatte! Sie lies sich in der Apotheke beraten. Dort gab man ihr Mönchspfeffer, ein pflanzliches Präparat zur Zyklusregulation. Auch das nahm sie sehr gewissenhaft ein. Der Zyklus wurde tatsächlich etwas regelmäßiger, mehr aber auch nicht, die Enttäuschung bei jedem Einsetzen der Periode immer größer. Mittlerweile waren fünf Monate seit dem Absetzen der Pille vergangen. Sie spürte, dass sie unruhiger wurde. Und sich dabei selbst blöd fand. Mit jemandem sprechen, das wollte sie nicht. Um sie herum wurden alle schwanger, das war ihr Gefühl. Irgendwann saß sie mit ihrer großen Schwester zusammen.

Diese ‚Ovulationstests‘ versteckte sie erst einmal im Badezimmerschrank.

Sabine* hatte mittlerweile drei Kinder, drei Mädchen, eine süßer, als die andere. Anne wagte den Vorstoß und fragte, wie lange es denn bei Sabine gedauert hätte, bis sie schwanger geworden wäre. Sabine grinste und sagte, dass sie ‚nur vom Hingucken‘ schwanger werden würde und ehrlich gesagt, die letzte Tochter gar nicht geplant gewesen sei. Anne schluckte. Bei der Verabschiedung flüsterte Sabine Anne ins Ohr, dass es auch so etwas wie ‚Eissprungtests‘ in der Apotheke geben würde, da könnte man die fruchtbaren Tage noch besser abpassen. Kaum zu Hause angekommen, kaufte sich Anne in der nächsten Apotheke diese ‚Ovulationstests‘. Die versteckte sie erst einmal im Badezimmerschrank. Auf keinen Fall wollte sie, dass Karl denken würde, sie wäre irgendwie fixiert oder so etwas.

Lachend hatte er neulich zu ihr gesagt, dass er sich manchmal schon ‚benutzt‘ fühlte.

Sie hatte eh schon das Gefühl, dass er es albern fand, dass sie vor allem dann mit ihm schlafen wollte, wenn sie nach ihrer Rechnung gerade ihre fruchtbaren Tage hatte. Lachend hatte er neulich zu ihr gesagt, dass er sich manchmal schon ‚benutzt‘ fühlte. Das hatte gesessen. Als Anne wieder einen regulären Frauenarzttermin zur Vorsorge hatte, sprach sie, nachdem sie all ihren Mut zusammen genommen hatte, ihre Frauenärztin darauf an. Sie erzählte ihr, dass sie seit mittlerweile seit über einem halben Jahr versuchte, schwanger zu werden. Die hörte ihr zu, versuchte sie zu beruhigen und besprach mit ihr, dass sie sich wieder vorstellen sollte, wenn sich nach insgesamt einem Jahr keine Schwangerschaft spontan eingestellt haben sollte.

Nächster Schritt: Ovulationstests.

Bei Verlassen des Arztzimmers, drückte sie ihre Hand und riet ihr ‚sich nicht so sehr unter Druck zu setzen‘. Anne lächelte müde. Jetzt würde sie diese ‚Ovulationstest‘ ausprobieren, das war ihr klar.Doch aus denen wurde sie irgendwie nicht schlau. An den Tagen um ihren Eisprung, sollte ein lachender Smiley aufleuchten. Bei ihr leuchtete der nicht auf. Überhaupt nicht. Insgesamt drei Zyklen versuchte sie es, kein lachendes Gesicht erschien.

Anne wollte keine glücklichen Gespräche mehr über Babys hören.

Mittlerweile war Anne immer lustloser. Von ihren Freundinnen zog sie sich zurück. Sie konnte die Gespräche über Schwangerschaftsübelkeit, seltsame Gelüste und wunde Babypopos nicht mehr hören. Neulich wurde sie allen Ernstes in einer großenRunde gefragt, wann es denn bei ihr endlich soweit sei. Bevor sie irgendetwas Sinnvolles antworten konnte, meinte Betty*, eine ihrer ältesten Freundinnen, dass Anne wahrscheinlich gar keine Kinder wollte, sie würde schließlich in ihrer Rolle als Grundschullehrerin so aufgehen, dass sie gar keine eigenen Kinder bräuchte. Anne wusste nicht, wie ihr geschah. Im weiteren Verlauf des Nachmittags täuschte sie starke Kopfschmerzen vor, um früher nach Hause gehen zu können. Und wie sie eigene Kinder wollte! Sie war unfassbar wütend.

Sie war doch gesund…

Karl war in den nächsten Wochen sehr lieb zu ihr. Er versuchte sie aufzumuntern, wenn wieder eine Menstruationsblutung einsetzte. Ganz bewusst überredete er sie an diesen Tagen, ins Kino oder ins Theater zu gehen. Anne spürte, dass ihr das gut tat. Aber es löste ihr Grundproblem nicht. Als sie vierzehn Monate nach Absetzen der Pille immer noch nicht schwanger war, suchte sie erneut ihre Frauenärztin auf. Diese untersuchte sie sehr gründlich, befragte sie ausführlich über mögliche Grunderkrankungen und Medikamenteneinnahmen. All das verneinte Anne, sie war gesund und nahm, außer Mönchspfeffer und Folsäure, keine Tabletten ein.

Schließlich besprach die Ärztin mit ihr eine Hormonanalyse, die in einem bestimmten Zeitraum ihres Zyklus’ durchgeführt werden sollte. Sie erklärte außerdem, dass sich Karl einen Termin beim Urologen geben lassen sollte, damit bei ihm ein Spermiogramm durchgeführt werden konnte. Für Karl war das überhaupt kein Problem.

‚Also muss es an mir liegen.‘
Zum Glück bekam er auch rasch einen Termin bei einem befreundeten Urologen. Die Ergebnisse des Spermiogramms waren früher fertig, als Annes Hormonergebnisse. Bei Karl war alles in bester Ordnung. ‚Also muss es an mir liegen‘, dachte Anne. Zu dem Gespräch bei Frauenärztin gingen sie gemeinsam. Anne war froh, dass Karl dabei war. Sie spürte, dass sie anfing zu zittern, als die Ärztin etwas von ‚Follikelreifungsstörung‘ und ‚etwas benötigter Hilfe zum Schwangerwerden‘ sagte.
Karl hörte aufmerksam zu, nickte immer wieder, machte sich Notizen. Anne wusste nicht, was sie fühlen sollte. Einerseits war sie todunglücklich darüber, dass es nun wirklich ‚an ihr lag‘, dass sie nicht einfach ein Baby bekommen konnten, andererseits spürte sie auch eine Form der Erleichterung, dass endlich ein Grund dafür gefunden worden war.
Die Frauenärztin erklärte den beiden, dass eine so genannte ‚Stimulationsbehandlung‘ sinnvoll sei. Anne müsste insgesamt fünf Tage ein Präparat einnehmen, dass eine Eizelle heran reifen lassen würde, dann müsste sie zur Ultraschallkontrolle zu ihr in die Praxis kommen und wenn die Eizelle groß genug wäre und auch die Gebärmutterschleimhaut gut aussähe, dann bekäme sie eine Spritze, um einen Eisprung auszulösen. Im Anschluss daran müssten Anne und Karl dann miteinander schlafen. ‚Ganz schön mechanisch alles‘, sagte Karl. ‚Egal, so machen wir es‘, sagte Anne. Als die Ärztin mögliche Nebenwirkungen der Therapie aufzählte, wurde es Anne doch etwas mulmig. Stimmungsschwankungen, Schwitzen, Unruhe, Unterbauchschmerzen, Überstimulation, Mehrlingsschwangerschaften… Sie schluckte. Und trotzdem, dachte sie, ich will das.
Nicht schwanger.
Eigentlich vertrug Anne die Therapie gut. Zwar war sie insgesamt noch dünnhäutiger und sie schlief auch schlecht, aber irgendwie war sie auch euphorisch. Das Wunschkind schien ihr zum Greifen nah. Bei der Ultraschalluntersuchung nickte die Ärztin zufrieden und injizierte Anne die Spritze, die den Eissprung auslösen sollte. Anne jubelte. Doch nach zwei Wochen bekam sie ihre Tage. Wie immer. Und da saß sie nun. Neben ihren Freundinnen, die Kinder stillten oder sie über die Bauchdecke streichelten. Und sie war wieder nicht schwanger.
* Namen fiktiv

Diese Geschichte ist keine wahre, aber auch keine erfundene. Denn so oder so ähnlich erleben viele Frauen die Zeit ihres unerfüllten Kinderwunsches. Regelmäßig besuchten mich Frauen wie Anne in meiner Praxis und berichteten über die Traurigkeit und auch die Verzweiflung, die mitunter nach und nach alle Bereiche ihres Lebens betrafen.

Kinderwunsch Kinderwunschexperte schwanger werden Fruchtbarkeit Mamablog Frauenärztin Mamablog Kiel Hamburg MutterKutterLangjährige Freundschaften erschienen auf einmal belastet, wenn Freundinnen schwanger wurden, auch Beziehungen unter Schwestern litten unter dem unerfüllten Kinderwunsch der einen, während die andere scheinbar mühelos schwanger wurde. Ganz zu schweigen von Partnerschaften, die zunehmend unter Druck gerieten, wenn das gemeinsame Projekt ‚Wunschkind‘ sich schwieriger gestaltete, als zunächst vermutet.


Liebe Judith, du beschreibst einen Fall, der unter die Haut geht. Eine Geschichte, die bestimmt – so wie du sagst, viele Frauen/ Familien betrifft. Mich, Doro, würde interessieren: Wie ergriffen bist du als Frauenärztin davon?

Mich persönlich treffen diese Geschichten sehr, als Frauenärztin, als Mensch und auch als Frau. Wenn Frauen oder Paare vor mir sitzen und derart verzweifelt sind, haben sie mein vollstes und tiefstes Mitgefühl. Das Thema ‚Kinderwunsch’ ist ja quasi ein Lebenstraum, ein Lebensentwurf. Und wenn es schwierig ist oder nicht gelingt, diesen zu erfüllen, stürzt meist erst einmal eine Welt für die Betroffenen zusammen.

Der Kinderwunsch kann am Selbstverständnis einer Frau kratzen.

Das stellt ja auch sehr viel in Frage und kratzt an dem Selbstverständnis einer Frau. Aus diesem Grund ist es möglich, dass durch einen unerfüllten Kinderwunsch eine Art Krisensituation entsteht- für die Frau mit sich selbst, aber auch in der Partnerschaft.

Ich bin selbst Mutter von 3 Töchtern und 2 geschenkten und für mich war immer klar, dass ich Mutter sein möchte. Ein Leben ohne Kinder wäre für mich sehr schwer vorstellbar gewesen. Von daher kann ich diesen Wunsch absolut nachvollziehen und deshalb gehen mir diese Geschichten sehr unter die Haut.

Was sagst du: Wie sollte deinem Ermessen nach eine Frauenärztin/ ein Frauenarzt mit den Patientinnen umgehen? Ich habe persönlich auch schon davon gehört, dass sich so manche Frau nicht ernst genommen gefühlt hat…Was denkst du, wenn du das hörst?

Das tut mir sehr, sehr leid und ist für mich nicht nachvollziehbar. Auch wenn in einer Frauenarztpraxis die Zeit oft knapp ist, darf es nie an Verständnis oder Mitgefühl mangeln.

Trotz allem ist es natürlich eine Gradwanderung: Ist eine Frau bereits nach einem Vierteljahr völlig verzweifelt, weil sie noch nicht schwanger ist, ist es wichtig, dass der Arzt/ die Ärztin Ruhe bewahrt und erst einmal beruhigend auf die Patientin einwirkt und noch nicht von ‚Sterilität‘ o.ä. spricht.

Manchmal fühlen sich Patientinnen dann nicht ernst genommen, was aber gar nicht der Fall ist, vielmehr haben wir Frauenärzte/ Frauenärztinnen auch ein gewisses Vertrauen in die Natur und die lässt sich nicht ‚bestellen‘ oder zeitlich unter Druck setzen.

Wie schwer ist es für die betroffenen Frauen, in einem Umfeld zu leben, in dem Kinder geboren werden?

Das ist natürlich für die Frauen und Paare oft eine ganz schwierige Situation. Da wird einem ja quasi ‚vorgeführt‘, was einem selbst fehlt und was man sich so sehr wünscht. Das tut weh.

Das Umfeld: Offenheit und den Mut zum offenen Gespräch.

Welche Hilfestellung kann das Umfeld deiner Meinung nach geben? Wie sollten gerade wir Mamas damit umgehen, wenn eine Freundin unter einem unerfüllten Kinderwunsch leidet?

Ich plädiere hier für ganz viel Offenheit und den Mut zum offenen Gespräch. Jede Frau ist unterschiedlich! Für die eine ist es eine Art Trost, Zeit mit dem Baby oder Kind der Freundin verbringen zu dürfen, für die andere gleicht es einem Alptraum. Darüber sollte gesprochen werden. Und auch darüber, wie man sich zum Beispiel als Freundin oder Familienmitglied nach einem erneuten Zyklus ohne eingetretene Schwangerschaft verhalten soll- wird Ruhe gewünscht oder Ablenkung?

Was hältst du von alternativen Methoden? Zum Beispiel von Heilung oder Akupunktur?

Ich habe zu diesem Thema eine ganz klare Haltung: Alles, was gut tut, kann helfen! Einfach, um Stress zu bewältigen, etwas Ruhe in sich und das Thema reinzukommen. Das sehe ich definitiv nicht ‚rein schulmedizinisch‘.

Rein von der wissenschaftlichen Studienlage betrachtet, gibt es dazu bislang keine eindeutigen Ergebnisse, allerdings Tendenzen, dass zum Beispiel Akupunktur einen positiven Einfluss auf die Schwangerschaftsrate bei künstlicher Befruchtung hat. Deshalb wird dies mittlerweile in vielen Kinderwunschzentren zusätzlich angeboten.

Alles, was der Frau und ihrem Partner hilft, Stress zu reduzieren und eine positive Einstellung zu gewinnen, ist gut!

Das Problem bei dieser Art von Studien ist unter anderem, dass die untersuchten Gruppen sehr inhomogen sind was z.B. das Alter der Frauen betrifft, die Ursache für den unerfüllten Kinderwunsch und auch die medizinische Vorgeschichte der Frau und ihres Partners. Wichtig ist meiner Meinung nach, zunächst festzustellen, ob es medizinische Ursachen gibt, die im Zweifel zügig und zuverlässig behandelbar sind, ich denke da z.B. an die Behandlung einer Schilddrüsenunterfunktion. Ansonsten: Alles, was der Frau und ihrem Partner hilft, Stress zu reduzieren und eine positive Einstellung zu gewinnen, ist gut!

Hast du Literaturtipps rund um das Thema unerfüllter Kinderwunsch? Oder sonstige Adressen, an die sich Frauen/ Paare wenden können?

Ich rate den Frauen in solchen Fällen sich professionelle Untestützung zu holen, einfach, um selbst mit jemadnem sprechen und sich erleichtern zu können. Und auch über die Partnerschaft reden zu können. Hilfe bekommen Frauen/ Paare zum Beispiel über das Beratungsnetzwerk Kinderwunsch. Eine Buchtipp wäre auch noch: „Kinderwunsch: ganzheitliche und schulmedizinische Wege„.

Und außerdem hat der Kinderwunsch-Experte Prof. Dr. Kai Bühlung, Literatur dazu herausgebracht. Im Folgenden habe ich ihn für euch interviewt.


Judiths Interview mit dem Kinderwunsch-Experten

Ich habe mit Prof. Dr. med. Kai Joachim Bühling, Kinderwunsch-Experte aus Hamburg, gesprochen und ihn darum gebeten, uns hier auf dem ‚Mutterkutter‘ die wichtigsten Fragen zum Thema ‚unerfüllter Kinderwunsch‘ zu beantworten. Danke, Kai, für deine Unterstützung!


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Prof. Dr. Kai Joachim Bühling, Kinderwunsch-Experte

Lieber Kai, erst einmal ganz allgemein: Ab wann spricht man medizinisch wirklich von ‚unerfülltem Kinderwunsch‘?

Von Sterilität oder Infertilität spricht man im Allgemeinen, wenn ein Paar innerhalb eines Jahres – trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs – keine Schwangerschaft gezeugt hat. Dies betrifft etwa 5-10% aller Paare.

Das Gefühl eines unerfüllten Kinderwunsches ist aber sicherlich häufiger, denn wie Du ja in Deinem Beitrag ausführst, kann sich eine gewisse Frustration, wenn es nicht gleich klappt, auch nach deutlich kürzerer Zeit einstellen.

Einer Reagenzglasbefruchtung unterziehen sich in Deutschland jährlich etwa 60.000 Frauen.
Gibt es Zahlen darüber, wie viele Frauen in Deutschland unter dem Thema ‚unerfüllter Kinderwunsch‘ leiden bzw. Wie viele Frauen sich in Kinderwunschbehandlung befinden?
Einer Reagenzglasbefruchtung unterziehen sich in Deutschland jährlich etwa 60.000 Frauen, aus diesen Behandlungen werden jährlich 20.000 Kinder geboren. Für die einfacheren Stimulationsbehandlungen und auch die Inseminationen gibt es leider keine Zahlenangaben, aber ich würde annehmen, dass die Anzahl noch mal so groß ist.
Was sind die häufigsten Ursachen dafür, dass Frauen nicht spontan schwanger werden können?
Das Alter ist nach wie vor die häufigste Ursache, auch jetzt steigt das Alter der Frau bei der ersten Schwangerschaft immer weiter an. Inzwischen werden 4% aller Kinder von Frauen über 40 Jahren geboren. Während die monatliche Chance auf eine Schwangerschaft im Alter von 20 Jahren bei etwa 60% liegt, sinkt sie bei einer 40-jährigen auf etwa 3-5%. Weitere Gründe sind der Verschluss der Eileiter nach einer Chlamydieninfektion und natürlich eine Einschränkung der Spermienqualität.

Ein grober Überblick- welche Verfahren gibt es in der Kinderwunschbehandlung? Und wie sind deren ‚Erfolgsaussichten‘?

Zunächst besteht natürlich die Möglichkeit einer Optimierung aller Begleitfaktoren. Das sind zum einen natürlich der Lebensstil (Rauchverzicht, Alkohlkonsum einschränken, Gewichtsoptimierung), zum anderen kann man durch eine entsprechende Diagnostik bestimmte Erkrankungen, wie z.B. eine Schilddrüsenunterfunktion, als möglichen Faktor ausschließen. Dabei empfielt sich ein sogenanntes Zyklusmonitoring, bei dem man durch eine Blutentnahme in der zweiten Zyklushälfte untersucht, ob ein Eisprung stattgefunden hat und auch sieht, ob dieser qualitativ gut war.

Der nächste Schritt wäre eine Stimulationsbehandlung mit Tabletten oder Injektionen. Dabei empfiehlt sich auch immer ein Zyklusmonitoring wie oben beschrieben. Ergänzend kann bei einem leicht eingeschränkten Spermiogramm oder einer Verengung des Gebärmutterhalskanals eine Insemination durchgeführt werden. Hierbei wird das vom Mann gewonnene Sperma im Brutschrank aufbereitet und dann der Frau in die Gebärmutterhöhle injiziert.

Für Reagenzglasbefruchtungen haben wir zu den Erfolgschancen ganz gute Zahlen.

Die aufwändigste Behandlung ist die Reagenzglasbefruchtung, bei der die Eizelle und die Spermien außerhalb des Körpers befruchtet werden und dann wieder in die Gebärmutter eingesetzt werden. Je nach Indikation wird diese auch durch eine „ICSI“ ergänzt, wobei die Eizelle direkt mit dem Spermium befruchtet wird.

Für Reagenzglasbefruchtungen haben wir zu den Erfolgschancen ganz gute Zahlen, da die Daten alle gesammelt werden. So liegt die Chance auf eine Schwangerschaft zwischen 30-40%, je nach Zentrum. Aber auch hier spielt natürlich das Alter der Patientin rein. Eine 35-jährige hat eine Chance von 27%, mit einer Behandlung ein Baby mit nach Hause zu nehmen, die 40-jährige von 15%.

Bei allen anderen Behandlungen hängt es natürlich von den begleitenden Faktoren und auch den Ursachen ab. Hat eine Frau einen unregelmäßigen Zyklus, kann man diesen hormonell regulieren, wodurch die Schwangerschaftsrate auf selbige einer gleichaltrigen Frau mit regelmäßigen Zyklen steigt.

Welche Risiken und Nebenwirkungen einer Kinderwunschbehandlung gibt es?

Früher war das Mehrlingsrisiko durch eine zum Teil unkontrollierte Stimulation deutlich erhöht, zudem wurden häufig 2-3 Embryonen zurückgesetzt. Dies konnte man inzwischen deutlich reduzieren, es wird mehr auf qualitativ hochwerte Embryonen Wert gelegt, als auf die Menge. Die Möglichkeiten der Kryokonservierung, also des Einfrierens, sind auch besser geworden, so dass man lieber einen weiteren Zyklus mit aufgetauten Embryonen macht.

Auch die Rate an Überstimulationssyndromen, einer durchaus bedrohlichen Situation durch eine zu starke Stimulation der Eizellen, ist durch Therapieregime gesunken.

Viele Frauen zweifeln an ihrer Weiblichkeit.

Aus deiner Erfahrung als betreuender Frauenarzt heraus: Was macht einen unerfüllten Kinderwunsch psychisch so belastend und schmerzlich für die Frauen und ggf. auch die Paare?

Das Problem dabei ist sicherlich, dass wir uns daran gewöhnt haben, Dinge planen zu können. Nach Berufsausbildung und Karriere kommt dann irgendwann der Wunsch nach Nachwuchs. Und man erwartet natürlich, dass dieser sich dann auch entsprechend schnell einstellt – eben so, wie man auch dies geplant hat. Umso größer ist die Enttäuschung, wenn sich dann keine Schwangerschaft einstellt.

Viele Frauen zweifeln schließlich an ihrer Weiblichkeit, sehen das Zeitintervall als eigenes Unvermögen, häufig wirkt sich dies auch negativ auf die Partnerschaft aus, da Frauen durch diese Situation mehr betroffen sind als Männer. Somit sind Konflikte in der Situation des Kinderwunschs häufig. Ich erkläre den Paaren immer dieses Risiko und empfehle, frühzeitig darüber zu sprechen und auch rechtzeitig eine Therapie in Anspruch zu nehmen.

Gibt es vom Lebensstil bzw. ernährungstechnisch irgendwelche Möglichkeiten, die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen?

Eine gesunde Ernährung bei einem normalen Körpergewicht bietet die größten Chancen auf eine Schwangerschaft. Alkohol sollte nur in Maßen getrunken werden, auf Nikotin sollten beide Partner verzichten.

Es gibt Möglichkeiten, die Fertilität zu steigern.

Aber auch abseits dieser Lifestyle-Empfehlungen gibt es durchaus Möglichkeiten, die Fertilität zu steigern. Frauen sollten auf jeden Fall mindestens 6 Wochen vor dem Eintritt der Schwangerschaft 400 μg Folsäure täglich einnehmen, dies schon, um das Risiko für
Fehlbildungen bei Ungeborenen abzusenken. Aber auch höhere Schwangerschaftsraten sind durch die Folsäuregabe zu erwarten. Zink und Selen helfen, neben Jodid, die Schilddrüsenfunktion der Frau zu optimieren, dies ist auch ein wesentlicher Faktor.

Darüber hinaus erhöhen Omega-3-Fettsäuren die embryonale Qualität und sollten daher
bereits bei Kinderwunsch eingenommen werden. Auch für Vitamin D gibt es Studien, die eine gute Versorgung auch im Hinblick auf die Fruchtbarkeit nahe legen. Hier sind 20 μg täglich die derzeitige Empfehlung.

Es gibt nie einen guten Zeitpunkt für eine Schwangerschaft.

Gibt es einen Rat, den du für betroffene Frauen und Paare hast?

Erfahrungsgemäß gibt es zwei Extreme: den jüngeren, etwas 30-jährigen Frauen möchte ich mitteilen, dass sie sich möglichst entspannen sollten. Ich empfehle auch nicht die Verwendung der technischen Hilfsmittel, wie Ovulationstests, da die den ganzen Vorgang
nur unnötig „technisieren“. Das braucht es glücklicherweise meistens nicht. Wichtig ist hier etwas Geduld.

Der Enddreißigerin empfehle ich, den Kinderwunsch bald anzugehen. Ich habe durchaus immer wieder mal Frauen in meiner Sprechstunde, die mir mit Mitte 40 erklären, dass sie jetzt bereits für ein Kind seien. Da muss ich dann leider vorsichtig erklären, dass es dafür schon recht spät ist und die Chancen einfach reduziert.

Kurzum, eigentlich gibt es nie einen guten Zeitpunkt für eine Schwangerschaft, immer gibt es andere Dinge, die man dem vorziehen kann. Medizinisch besser ist aber ein frühzeitige Umsetzung.


Übrigens: Auch ich, Doro (die Herausgeberin des MutterKutters) dachte lange, dass ich keine Kinder aufgrund einer Endometriose bekommen könnte. Ich bin einen alternativen Weg gegangen. Welchen – das erfahrt ihr hier, in meinem Archivartikel. Ihr könnt diesen übrigens auch hören.

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