„Mama ist tot. Und jetzt?“ – Als ich gesehen habe, dass meine alte TV-Kollegin Anna Funck ein Buch mit diesem Titel geschrieben hat, musste ich erst einmal scharf einatmen. Mit zusammengebissenen Zähnen. Denn: Mamas Tod. Darüber möchte ich eigentlich gar nicht nachdenken. Allein beim Tippen dieser Zeilen schießen mir die Tränen in die Augen.

Meine Mutter – sie ist mein Halt. Mein Rückzugsort. Meine Ratgeberin. Der Mensch, der mich in- und auswendig kennt. Der mich lesen kann. Der weiß, dass was los ist, wenn was los ist. Über hundert Kilometer Entfernung. Selbst wenn ich nichts gesagt habe. Das nenne ich Intuition. Liebe. Verbundenheit.

Und nachdem ich schwer geschluckt hatte, habe ich gedacht: Anna, du bist großartig. Ich finde es bewundernswert, dass du diesen Weg gegangen bist. Dass du mit diesem Buch anderen, die einen geliebten Menschen verlieren, helfen möchtest. Und ja, ich möchte es lesen. Weil dieser Moment auch für mich irgendwann kommen wird. Und ich dann Hilfe brauche.

Und ja, Anna hilft mit ihren Zeilen. Aus einem für mich ganz neuen Blickwinkel. Unterhaltsam. Und schonungslos ehrlich schreibt sie. Und trotzdem sehr gefühlvoll. Anna eben, so wie ich sei kenne.

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Ich habe mit Anna über den Tod ihrer Mutter gesprochen. Und nicht nur darüber: Wie hast du ihn deiner Tochter erklärt? Auch darauf hat sie mir eine Antwort gegeben und mir von Glühbirnen erzählt, die seit dem Tod ihrer Mama immer wieder bei ihr Zuhause durchknallen…

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Liebe Anna, wir haben uns ja ewig nicht gesehen. Zuletzt vor rund zehn Jahren. Verrückt, es fühlt sich irgendwie so an, als ob ich dich gestern erst bei RTL Nord getroffen hätte. Wie geht es dir, wie lebst du heute und für wen arbeitest du inzwsichen?

Witzig! Genau das habe ich auch gedacht! Dabei sind es tatsächlich fast genau 10 Jahre, denn 2008 bin ich zum MDR Fernsehen gegangen. Für mich ein toller Schritt, denn ich konnte viele spannende Sondersendungen, die Abendnachrichten und vom Roten Teppich des Dresdner Semperopernballs moderieren. Und alles live. Das war großartig.

Und dann kam plötzlich ein großer Autobauer und hat eine Moderatorin für ein Welt-Format gesucht. Also bin ich um die ganze Welt gereist: Alle zwei Wochen für 2-3 Tage nach Dubai, Neu-Delhi oder Istanbul. Das Tolle war: Ich habe nur ein paar Tage im Monat gearbeitet und hatte unendlich viel Zeit für meine Tochter Karlotta.

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Fotocredit: Audi

Dann kam Baby Theresa- und jetzt arbeite ich gerade als Buch-Autorin und moderiere Events und Gala-Veranstaltungen für die Wirtschaft. Perfekt mit zwei Kindern!

Du bist ja auch Buchautorin. 2 Werke hast du bis heute auf den Markt gebracht. Allein der Titel „Mama ist tot. Und jetzt?“ hat mich dazu bewegt, dich um ein Interview zu bitten. Ich wollte mehr wissen, unbedingt mehr erfahren über dieses Buch und die Beweggründe. Für mich  hast du mit diesem Thema ins Schwarze getroffen. Du hast mich erreicht – und bestimmt auch viele andere Menschen, oder? Welche Reaktionen hast du bisher erhalten?

Ich bekomme täglich Nachrichten zum Buch, was mich sehr freut. Meistens die Rückmeldung, dass meine Leser weinen und lachen im Wechsel und sich verstanden und getröstet fühlen. Und das ist genau das, was ich  wollte. Es ist das Buch, was mir gefehlt hat, als meine Mutter gestorben ist.

Ich war mir sicher: Das überlebe ich nie, wenn es einmal passiert.

Mein persönlicher Super-Gau. Ich war mir sicher: Das überlebe ich nie, wenn es einmal passiert. Dann war der Tag da- und ich hilflos. Also habe ich mir gedacht: Dann gehst du das jetzt mal an wie immer. Du liest alles zu dem Thema, was du in die Finger bekommst.

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Und dann gab es nur Religiöses, Spirituelles und Psychologisches Zeug! Sprich: Kein Buch für mich. Für eine Frau mitten im Leben, zu dem Zeitpunkt 35, selbst Mutter, TV-Moderatorin. Ohne direkten Draht zu Gott, nicht esoterisch erleuchtet, auch kein Freak.

Ich wollte etwas Modernes, Alltägliches.

Einfach nur skandalös-archaisch auf den Kreislauf des Lebens zurückgeworfen und überfordert mit der Trauer. Ich wollte etwas Modernes, Alltägliches. Ich arbeite, ich stehe mitten im Leben, ich fühle mich zu gestresst für Yoga (Welch Paradoxon, ich weiß!) und ich bin psychisch vollkommen normal. Ich wusste nur nicht, wie man diese Gefühle überleben soll.

Also wo war mein Buch? Dann habe ich es eben selbst geschrieben: Ein Buch wie ein Trostpflaster, das auch mal pragmatisch Tipps gibt, lustig ist und dem traurigsten Thema des Lebens mit schwarzem Humor begegnet.

Ein Freund meines Mannes hat es dann als erster Testleser gelesen- er musste auch mit einem Todesfall zurechtkommen- und er fühlte sich sehr getröstet durch meine teilweise trotzigen Zeilen. Das hat mich motiviert weiter zu schreiben.

Wir waren sehr eng und haben täglich telefoniert.

Der Tod der eigenen Mutter. Ein Thema, was mir Tränen in die Augen treibt, mir Angst macht. Ich verdränge es. Ich bin mit meiner Mutter eng verbunden. Du warst es auch, habe ich gelesen. Magst du hier nochmal beschreiben: Wie war euer Verhältnis genau? Und: Hat dieses Thema ,Mama wird irgendwann sterben‘ bei dir vorher überhaupt eine Rolle gespielt?

Wir waren sehr eng und haben täglich telefoniert. Manchmal auch mehrfach. Also bitte nicht falsch verstehen, wir haben jetzt nicht zusammen gegluckt, Klamotten getauscht und uns gegenseitig die Wimpern getuscht. Das geht ja gar nicht. Das möchte ich mit meinen Töchtern auch nicht. Mama war Mama: Das Zuhause der Kindheit, in das ich mich immer zurückziehen konnte.

Eine Mutter ist nun mal der Mensch, der dich immer bedingungslos liebt, den du alles fragen kannst. Und was macht man, wenn man nicht weiss, welches Kleid man auf dem Roten Teppich anzieht? Ob man einen neuen Job annehmen soll? Ob man den tollen Typen aus Bayern heiraten soll? Genau: Du rufst Mama an! (Okay, letzteres war ein Scherz! Den fand sie auch gut! )

Ich habe ihr jeden Tag versucht eine Freude zu machen.

Das Thema  „Mama wird sterben“ habe ich solange wie möglich verdrängt. Ich denke auch, dass es anders nicht geht. Du musst das Leben leben, du kannst nicht dauend an den Tod denken. Du musst es nur so leben, als wäre jeder Tag der letzte. Das mache ich schon immer. Ich sage täglich allen Menschen, wie sehr ich sie liebe, gehe nie im Streit und lasse nie etwas offen.

Als meine Mutter dann unheilbar krank wurde, habe ich gekämpft. Um beste medizinische Betreuung, beste Mikronährstoffe, das schönste Zimmer. Alles andere wäre aufgeben gewesen. Und mit der Energie kannst du kein Krankenhaus betreten. Ich habe ihr jeden Tag versucht eine Freude zu machen.

Bis zuletzt, als ich ihr am Telefon ins Ohr geflüstert habe, dass sie gehen darf, wenn sie das will. Das war richtig- und so schwer. Ein paar Stunden später hat sie aufgehört zu atmen. Ich denke, sie brauchte diese Erlaubnis, diese Zusage, dass ich es schaffe. Und auch wenn es mir unmöglich vorkam- ich wollte sie ja nicht enttäuschen.

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Wie hast du den Tod deiner Mutter erlebt? Konntest du dich seelisch ein bisschen darauf vorbereiten? Soweit man das überhaupt kann…

Ich glaube, man kann sich darauf nicht seelisch vorbereiten. Meine Mutter hat nur noch geschlafen. Drei Tage lang- mit kurzen Wachphasen. Ich hatte furchtbare Angst und immer nur einen Gedanken: Entweder sie erholt sich jetzt oder sie wacht irgendwann nicht mehr auf. Und genau so war es. Eigentlich ist sie wunderschön gegangen. Sehr friedlich.

Hör- und Tastsinn bleiben bis zuletzt. Also haben wir ihre Lieblingsmusik gespielt.

Ich hatte gelesen, dass die Sinne ganz langsam den Körper verlassen. Hör- und Tastsinn bleiben bis zuletzt. Also haben wir ihre Lieblingsmusik gespielt, Billy Holiday, und mein Vater saß an ihrem Bett und hat ihre Hand gehalten.

Sie hat dann auch noch ein Ehefazit gezogen („War eine großartige Zeit!“) und hat in einer Januarnacht um 02.00 Uhr einfach angefangen mit dem Nicht-mehr-atmen.

Die Zeit danach. Wie erging es dir danach? Warst du ,da‘ oder eher in deiner Welt, vielleicht ein bisschen leer, auf Autopilot, wenn ich das so ausdrücken darf..

Jein, ich musste ja meiner Tochter erklären, wo Omi jetzt ist. Und ich hatte Moderationsjobs angenommen und das war gut so. Man kann nicht 24 Stunden am Tag trauern. Man muss auch mal abschalten. Oder sich auf etwas anderes konzentrieren. Und sich dann wieder ganz dem Gefühl widmen, das einen anfällt wie ein wildes Tier.

Ich hatte das Glück, dass meine Mutter überall Bücher, Gedichte und Tagebücher hinterlassen hat. Also habe ich nachts „‚Mama gelesen“. Geschrieben. Und tagsüber Überlebensstrategien entwickelt. Durch Begegnungen, Gespräche, die Vorbereitungen für die Beerdigung.

Es gab Tage, da habe ich zwei Kleenex-Packungen kaputtgeweint.

Ich denke, ich konnte durch meine Neugier vieles besser verarbeiten, verstehen, die Perspektive ändern. Ich bin sehr offen, stelle viele Fragen, probiere alles aus. Und die teilweise absurden Situationen auf meinem Trauerweg waren so bunt wie das Leben. Ich konnte plötzlich trotz aller Trauer auch lachen, den Moment umarmen und nach vorne blicken; Mamas Verschwinden einordnen und verarbeiten.

Tod ist ein bisschen wie Geburt – nur andersrum. Und man wächst auch in die traurige Seite des Lebens irgendwie hinein und findet Trost. Auch mit Trotz, Wut und Verzweiflung im Bauch. Es gab aber auch Tage, da bin ich einkaufen gefahren und habe meine Tasche daheim und die Wasserkisten neben dem Auto stehen lassen. Oder habe zwei Kleenex-Packungen kaputtgeweint. Aber das ist normal und in so einer Zeit muss man großzügig mit sich sein. Anna Funck Mama Zweifachmama Buchautorin Mama ist tot und jetzt Mamablog Mamaleben Mamablogger Familie Elternsein Eltern Mamasein Tod Kiel MutterKutter

Das Wort „gestorben“ ist wichtig für Kinder.

Du bist ja nun auch Mama. Für deine Tochter ist die Oma verstorben.  Ich kann mir vorstellen, dass das eine Situation ist, die wahnsinnig emotional ist. Welche Worte sind richtig? Wann, wie, wo soll ich es dir sagen- das wären Fragen, die mir durch den Kopf schießen würden..Wie hast du deiner Tochter den Tod von Oma erklärt?

Total falsch. Ich habe ihr gesagt: „Omi ist gegangen.“ Das soll man nicht. Das Wort „gestorben“ ist wichtig für Kinder. Und sofort sagte meine Große: „Also gestorben?“ Und dann: „Ich freue mich, wenn wir sie bei der Beerdigung sehen.“ Ich dachte nur: Oh Gott, du hast total versagt. Sie hat es nicht verstanden. Und als ihr es ihr erklären wollte, sagte sie nur: „Mama, DU hast es nicht verstanden. Wir werden sie sehen- mit unseren Herzen.“ Kinder sind uns viel voraus im Umgang mit dem Tod.

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Ich glaube daran, dass meine Oma bei mir ist, mir gewissermaßen einen Weg aufzeigt. Ergeht es dir mit deiner Mutter ähnlich? An was bzw. woran glaubst du? Oder bist du gar nicht gläubig?

Gläubig bin ich leider nicht. Aber ich fühle, dass da mehr ist als ich dachte: Nach dem Tod meiner Mutter sind bei uns alle Glühbirnen explodiert. Meine Mutter war Einrichtungsprofi und gegen Energiesparlampen („So ein hässliches Licht!“) und hatte regelrecht gehamstert. Und irgendwann bin ich im Netz auf die These gestoßen, dass Verstorbene über Elektrizität kommunizieren. An ihrem Todestag explodierte das Trafohäuschen vor unserem Haus, nachdem ich das letzte Kapitel geschrieben hatte, piepsten die Feuermelder- bei uns wie in New York bei meinem Bruder.

Mama, lass doch mal wieder etwas durchknallen.

Seitdem sage ich mir immer: Das ist Mama. Die Idee gefällt mir und sie tut mir einfach gut. Machmal denke ich mit Blick auf unsere Hallenlampe: Mama, lass doch mal wieder etwas durchknallen. Ich habe ja noch genug Birnen. Ist immer so schön, wenn du da bist.

Welchen Rat kannst du anderen geben, die einen geliebten Menschen verloren haben?

Klug sein und sich an Wunder halten“, um eins von Mamas Lieblingsgedichten zu zitieren. Den Verstorbenen im Herzen behalten und mit ihm kommunizieren, wenn es sich gut anfühlt. Einen Hauch spiritueller werden, wenn es denn zu einem passt. Eine wunderschöne Beerdigung gestalten. Rituale schaffen. Weinen und lachen und weiterleben. Mein Buch auf dem Nachttisch haben wie ein Erste-Hilfe-Trostpflaster und ein bisschen hineinlesen. Und wissen: Ich bin nicht allein.

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Herzlichen Dank dir für dieses authentische Interview, liebe Anna. Ich glaube, dass du mit deinen Worten viele Menschen erreichst und ihnen eine Stütze bist! Ich finde das einfach toll!

Hier ist für euch eine Leseprobe von Annas Buch. Kaufen könnt ihr es hier. Viel Spaß beim Lesen!

Und falls ihr persönliche Fragen an Anna habt, dann schreibt ihr doch gerne eine Nachricht bei Instagram.

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