„Anke, hättest du Lust mal was über dein spätes Mutterglück zu schreiben?“ „Ja.“ – Und hier sind wir. Ich freue mich. Mit 41 Jahren ist Anke Mama geworden. Und das auch ein bisschen unverhofft, wie sie hier auf MutterKutter schonmal in einem Interview erzählt hat.


Werbung, da Verlinkungen/ unbezahlt*


Heute ist sie 47 Jahre alt, hat das Spieleportal Muttispielt und den Blog Muttiglück ins Leben gerufen. Anke macht sich nichts aus Konventionen. Druck aus der Gesellschaft heraus auf uns Mamas? Kennt sie nicht. Sie ist so wie sie ist. Einfach Anke.

Und genauso schreibt sie auch. Ehrlich. Unverstellt. Lustig. Und zum Nachdenken. Ich, Doro, musste diesen Text 2 Mal lesen – dann ist er erst gesackt. Danke, Anke, dass du eben auch diese müden Seiten des Mama-Lebens beleuchtest.

Anke Brinkmann über ihr spätes Mutterglück. Und mit viel Lob an junge Mamas. Nun. Hier.


Getting old is not for sissies!
Spätes Mutterglück: Mein Leben als Mutti Dino

Gestern Vormittag hatte ich die ersten handfesten Hinweise auf Stress als ich einige der letzten Besorgungswege vor Weihnachten machte und Uschi (mein Navigationsgerät) mich darauf hinwies, dass die anderen Muttis auch alle noch etwas besorgen müssten. Selten haben wir uns gemeinsam so gut amüsiert, Uschi und ich, wie gestern eben, als sie „dichter Verkehr vor ihnen“ sagte.

Sie spricht ja immer mit einer Mischung aus Arroganz und Gleichgültigkeit und ich lasse mich davon nicht provozieren, aber gestern wollte sie mich einfach aufmuntern als sie mir nach 10 Minuten in einem Tunnel diesen Satz mitgab. Vor Vergnügen klopfte ich mir auf die Schenkel und lachte dabei leicht hysterisch.

Bleiernde Müdigkeit – von jetzt auf gleich.

Später im Büro, wo ich eifrig daran arbeite, dass mein Spielzeugportal was tolles wird, wühlte ich mich durch eine stabile Wand an Paketen und verfluchte die Idee, ausgerechnet mit Spielwaren sein Geld zu verdienen. Wo man die doch als Mutter schon zuhause überall rumfliegen hat. Aber das Portal wächst und gedeiht und eigentlich macht es mir viel Freude. Die Eltern sind dankbar für Tipps und wir haben schon viele freiwillige Tester aufgetan. Ich ergriff die letzten Stunden, bevor die Schulferien beginnen trotzdem nicht zum Arbeiten.

Von jetzt auf gleich erschlug mich eine bleierne Müdigkeit. Ich legte mich auf die Bürocouch. Doch statt in den Mittagsschlaf zu finden, entschied mein Kopf sich zu sorgen, ob denn an Weihnachten alles funktionieren würde?

Ich mache mir Sorgen, ob alles funktioniert an Weihnachten.

Ich weiß, für die moderne Leserin (maximal Mitte 30) klingt das wahrscheinlich ungewöhnlich. Wieso sollte man sich sorgen, ob alles funktioniert. Ihr macht ja nicht ohne Grund den halben Tag Yoga und sagt euch gegenseitig als festes Ritual, was für tolle Menschen ihr seid.

Ihr habt ja auch recht damit, warum sollten da solche Zweifel aufkommen? „Warum machst Du Dir überhaupt so einen Stress, es ist doch nur Weihachten. Wichtig ist doch nur die Liebe!“ wollt ihr rufen. Oder einen anderen Spruch, der zur Zeit auf motivierenden Instagram-Profilen zu lesen ist. Wahlweise sind die weisen Worte auf eure Unterarme oder das Schulterblatt geschrieben: „Alles ist nichts ohne Liebe“ – auf Chinesisch oder so was.

Spätes Mutterglück: „Kleines Kind und alte Mutti.“
spätes Mutterglück Mama Muttersein Mamasein Elternsein Eltern Mutterliebe MutterKutter
Anna & Anke // Foto: Anke Brinkmann

Die Lösung, warum ich mir ganz klassisch Sorgen mache und permanent an mir zweifle, warum meine Haut nicht beschriftet ist und ich auf motivierende Sprüche so wenig gebe, wie auf Klangschalen, ist einfach. Ich bin alt. Spätgebärend. Kleines Kind und alte Mutti. Wir Frauen, die in den Siebzigern aufgewachsen sind, als man das „Das bisschen Haushalt“ von Johanna von Koczian noch für irgendwie feministisch hielt, sorgen uns noch.

Ich bin stark, feministisch, belesen und klüger als mein Mann, aber meine Schwiegereltern kommen zu Besuch und ich sorge mich:

Ob sie etwas zu meckern finden? Ob ich an alles gedacht habe? Ob wir uns streiten werden? Ob meine Energie nach diesem anstrengenden Jahr überhaupt ausreicht, um so ein Fest mit Besuch gut zu überstehen?

Neben der anderen Gedankenwelt und der ungeschmückten Haut ist das nämlich der große Unterschied von Mitte 30 zu Mitte 40: die Energie ist viel weniger. Ich bin sehr schnell gestresst und genervt. Einfach leer. Nicht mehr so, wie ich sein will. Auch als Mama. Eigentlich bin ich fröhlich, kreativ und wirklich spontan und witzig. Aber die Phasen, wo ich so bin, werden leider immer kürzer.

Spätes Mutterglück: Wir alten Mamas haben eigentlich weniger Sorgen.

Dabei haben wir alten Mamas eigentlich viel weniger Sorgen. Meine Hosen sind – wie die Turnschuhe – von der falschen Marke. Ich rauche gelegentlich und bin weder vegan noch lebe ich ohne Alkohol. Ich nehme sogar Tabletten, wann immer mir etwas weh tut. Ich folge nicht nur nicht den neusten Trends, sondern eigentlich gar keinen. Ich bin in keiner einzigen WhatsApp-Gruppe und habe trotzdem Freunde und Bekannte. Ich habe keine Angst vor Regeln und Institutionen, muss nicht bei jedem bisschen Ärger, den meine Tochter hat, eine Sitzung des Elternbeirates einberufen.

Trotzdem sorge ich mich wegen Weihnachten und finde mich absurd ungastfreundlich. Ich mag nicht bedienen, bespaßen und belagert werden. Wir alten Frauen finden uns selbst für so etwas noch richtig scheiße. Ich habe den Eindruck: Ihr jungen Muttis habt das echt besser raus, einfach dazu zu stehen, wie ihr seid. Ich beneide euch oft!

Woran liegt das? Sicher am Frauenbild der Siebziger oder daran, dass unsere Barbies noch keinen Job hatten. Vielleicht ist es auch das Formaldehyd, das wir mit jedem bisschen Shampoo direkt auf unsere Kopfhaut gaben. Damals.

47 Jahre. Mir sind Konventionen oft so unfassbar egal.

Was ich feststelle, bei meinen jungen Mitmuttis (und die sind ganz klar in der Mehrheit) – die halten mich alten Haudegen oft für ´ne coole Socke. Wisst ihr warum? Weil mir mit meinen 47 Lenzen Koventionen sehr oft so unfassbar egal sind. Es ist mir völlig Banane, ob meine Tochter lieber aussieht wie ein Junge, ich muss das weder kommentieren noch bewerten. Ich kann ziemlich gut damit leben, dass sie wirklich zuviel Zeit vor dem Fernseher oder vor digitalen Spielen verbringt. Wir essen oft ungesund. Beide.

Nun. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, als es noch keine Fahrradhelme gab und als man dachte, Caprisonne würde den Vitaminhaushalt ausgleichen. Ich möchte nicht sagen, dass ich diese Zustände für irgendwie ideal halte. Aber ich habe überlebt und bin ein gesunder Mensch geworden.

Ich muss keine Supermutti mehr sein.

Es ist OK, wenn es nicht rund läuft. Für meine Tochter und für mich. So lange wir es immer wieder schaffen, offen und auf Augenhöhe zu sprechen. So lange wir uns lieb haben und ich verstehe, was sie da tut. Ich muss keine Supermutti mehr sein, ich pflege mich nicht für gekaufte Geburtstagskuchen und pädagogisch nicht sinnvolles Spielzeug zu schämen.

Ich bewundere die jungen (oder wohl eher normal alten), gebildeten Muttis für die extrem hohen Ansprüche, die sie oft an sich stellen. Immer bedürfnisorientiert, nie meckern, Spielzeug muss einen Anspruch erfüllen und Geburtstagstorten müssen aussehen wie ein Märchenschloss. Zugleich müssen sie noch unfassbar lässig und gepflegt aussehen, damit sie ihre Männer erfreuen.

Aber hey. Zu mir trauen sich die jungen Muttis auch zu kommen, wenn sie es einfach nicht mehr schaffen, ihren eigenen Erwartungen hinterher zu kommen. Ich bin so unperfekt, da kann man sich mal hängen lassen. Es sind nicht wenige, die dann zugeben, dass sie einfach mal zwei Tage lang alleine sein wollen. Einfach mal ohne Mann und Kind. Und Ladies: ihr dürft das wollen. Ihr seid Menschen. Schöne, kluge, junge Menschen.

Spätes Mutterglück hin oder her: Meine Tochter bringt auch mich zu heulen. Vor lauter Glück.

Wenn ich blöd bin zu meiner Tochter, dann entschuldige ich mich. Mir passiert das bei Energiemangel tatsächlich häufig, wie schon angedeutet. Wisst ihr, was sie mir dann sagt: „Mama, ich mag dich genauso, wie du bist.“ Dann heule ich ein bißchen, auch so ein Altersding.


 

Übrigens: Meine Freundin Anke, die ich über Instagram kennenlernen durfte, hat mir gegenüber noch einmal betont: „Chapeau an alle jüngeren Mamas.“ Der Text ist dahingehend null ironisch gemeint.

Einen weiteren Artikel über die mütterliche Doppelmoral von Anke findet ihr übrigens hier auf MutterKutter. Und hier geht es zu ihrem Spieleportal.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die DSGVO-Checkbox ist ein Pflichtfeld

*

Ich akzeptiere.