Elternsein

Sexualisierte Gewalt: Wie können wir unsere Kinder schützen?

Wir müssen über dieses Tabu-Thema reden!

von
Dorothee Dahinden

Warum sollten wir uns als Eltern mit dem Thema „sexualisierte Gewalt“ beschäftigen?

Fundierte Antworten darauf gibt euch unser Artikel. Unser Sexualpädagoge Carsten Müller hat gemeinsam mit seiner Kollegin Steffi Bohle ein irre wichtiges Buch für Kinder geschrieben. Anlass genug, dass wir uns auf MutterKutter mit diesem Thema beschäftigen. Klar, das ist eines der ganz schweren für uns Eltern – aber weggucken hilft nicht. Auch wenn das Hingucken sehr weh tun kann. Aber diese Zahlen können wir nicht „übersehen“:

Sexueller Missbrauch von Kindern: Das sind die Fallzahlen 2024 

Laut des Bundesministeriums des Inneren wurden im Jahr 2024 – Zitat – „in den 16.354 Fällen des Verdachts des sexuellen Kindesmissbrauchs 18.085 Opfer (…) und 12.368 Tatverdächtige registriert, was einem Zuwachs von 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht“ Darüber hinaus stellte die Polizei sexuellen Missbrauch von Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren in 1.191 Fällen fest (…). 1.259 Opfer wurden registriert (…). Die Zahl der Tatverdächtigen stieg um 6,8 Prozent auf 1.018.* 

*Quelle: Pressemitteilung 21.08.2025// BMI

Wir sollten also unbedingt darüber sprechen. Vor allem mit unseren Kindern, sagen die Sexualpädagogen Steffi & Carsten. Denn: Wissen ist Macht – für unsere Kinder und auch für uns Eltern. Am Ende geht es hierbei um eins: um den Schutz unserer Kinder. 

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Weitere Expertinnen in diesem Artikel sind:

♦ Opferschutz-Anwältin Kerstin Bartsch, Psychologin & Pädagogin Caroline Bechmann und Gynäkologin Dr. med. Judith Bildau. Sie geben euch einen fundierten rechtlichen, medizinischen und pädagogischen Blick auf dieses Thema. 

Sexualisierte Gewalt: „Schweigen schützt nicht die Kinder, sondern die Täter*innen.“

Warum braucht es ein Buch wie eures für Kinder? Was kann es, was klassische Familien-Gespräche vielleicht nicht können? 

Wir erleben immer wieder Erwachsene, die bei den Themen Sexualität und sexualisierte Gewalt keine Sprache finden und stattdessen eine Menge eigener große Gefühle. Das macht es unglaublich schwer, die „richtigen Worte“ für Kinder zu finden – insbesondere dann, wenn wir Kinder empowern wollen statt ihnen Angst mit auf den Weg zu geben.

Unser Sexualpädagoge Carsten Müller & seine Kollegin Steffi Bohle

Das Buch ermöglicht, was viele klassische Familiengespräche manchmal nicht schaffen (können): Es nimmt Druck raus. Es gibt Orientierung. Es gibt Kindern als auch Erwachsenen Worte, damit sie gemeinsam ins Gespräch kommen. Ehrlich, offen und kindgerecht.

Sexualisierte Gewalt, sexueller Missbrauch – das ist ein Themenbereich, den die meisten von uns Eltern am liebsten aussparen würden. Denn alleine Gedanke, dass unsere Kinder solche Erfahrungen machen könnten, ist schon irre brutal und schmerzhaft. Warum ist es dennoch wichtig, dass wir über genau dieses Thema sprechen und nicht schweigen? Und wie sollten wir das Ganze altersgerecht machen – ein Kita-Kind braucht ja eine andere Ansprache als ein Kind auf der weiterführenden Schule? 

Schweigen schützt nicht die Kinder, sondern die Täter*innen. Wenn es zu Hause keine Worte für Körper und Gefühle gibt, wenn bestimmte Themen tabu sind und Erwachsenen nie in Frage gestellt werden dürfen, dann fehlt Kindern die Vorstellung und auch die Worte um Grenzverletzungen und Übergriffe überhaupt erkennen und besprechen zu können.

„Es müssen auch Beispiele dabei sein, in denen Kinder verstehen, dass auch Erwachsene, die wir gern haben, sich manchmal falsch verhalten.“

Es ist die Verantwortung von uns Erwachsenen, es Kindern so viel leichter zu machen, indem wir Brücken bauen.

Das heißt ganz konkret: über Genitalien zu sprechen wie über alle anderen Körperteile auch. Die sind nicht besonders, wir Erwachsenen machen sie dazu (hier findet ihr das Interview mit Carsten zum Thema „sexuelle Aufklärung“ auf MutterKutter). Es bedeutet Gefühle ernst zu nehmen und sie zu besprechen. Es muss nicht immer sofort alles wieder in Ordnung sein. Es darf sich auch mal richtig doof anfühlen. Wir müssen über Situationen sprechen, die die Kinder aus ihrem Kinder-Alltag kennen – aus der Kita, der Grund- oder weiterführenden Schule, aus dem Sportverein oder auch innerhalb der Familie. Und es müssen auch Beispiele dabei sein, in denen Kinder verstehen, dass auch Erwachsene, die wir gern haben, sich manchmal falsch verhalten.

Das ist ehrliche, alltägliche und gelebte Prävention.

Warum sprecht ihr eher von sexualisierter Gewalt anstatt von sexuellem Missbrauch? 

Die Antwort ist leicht. Da halten wir uns ganz nah an der Erklärung vom Buch. Sexualisierte Gewalt ist eine Form von GEWALT. Nämlich die, in der sexuelles Verhalten benutzt wird, um Gewalt auszuüben. Genauso wie bei körperlicher Gewalt, bei der der Körper benutzt wird, um Gewalt auszuüben. In beiden Fällen sind nicht Sexualität und Körper das eigentliche Problem, sondern die Gewalt. Und Gewalt ist etwas ganz anderes als etwas nur falsch zu GEbrauchen also zu MISSbrauchen.

Im Buch gibt es dazu eine Szene, in der ein Kind auf den kopfgestellt als Wischmopp herhalten muss. Ein Bild, das den Kindern im Kopf bleibt, weil es irritiert und witzig ist. Und mit dem Bild bleibt auch die Erklärung.

Sexualisierte Gewalt: „Übergriffe können überall passieren – im familiären Umfeld, im Sportverein, in der Schule.“

Was ist sexualisierte Gewalt genau? Wo beginnt sie? Und wo kann sie unseren Kindern überall begegnen, heißt: welche „Tatorte“ gibt es?

Wir sprechen von sexualisierter Gewalt, wenn gegen die sexuelle Selbstbestimmung eines Menschen verstoßen wird. Das sind nicht nur die „großen“ und eindeutigen Fälle, an die viele zuerst denken. Auch kleine, alltägliche Grenzverletzungen gehören dazu – zum Beispiel, wenn einem Kind in der Sammelumkleide gesagt wird: „Stell dich nicht so an. Dir schaut schon keiner was weg!“ und ihm dann einfach die Hose runtergezogen wird. Oder wenn wir einem Kind einen Kuss geben, obwohl es das gar nicht möchte.

Solche Situationen zeigen: Übergriffe können überall passieren – im familiären Umfeld, im Sportverein, in der Schule. Die Vorstellung, dass Gefahr nur von Fremden ausgeht, ist falsch. Viel häufiger geschieht sexualisierte Gewalt im nahen Umfeld. Also dort, wo Kinder in engeren Beziehungen sind und sich sicher fühlen.

sexualisierte Gewalt
Stockphoto: Adobe Express

Als Eltern sprechen wir ja oft von dem „weißen Bus“, der durch die Gegend fährt und aus dem heraus Kinder angesprochen werden. Dabei gibt es den ja quasi auch virtuell – in Form von Grooming im Netz. Viele Taten passieren im Netz. Welche Gefahren birgt die Netzwelt für Kinder und Jugendliche? Und wie müssen wir sie sensibilisieren?

Wenn Erwachsenen gezielt Kontakt zu Kindern aufnehmen, um später an ihnen sexualisierte Gewalt auszuüben nennen wir Grooming. Im echten Leben dauert dieser Prozess oft Monate oder sogar Jahre. Täter*innen gewinnen nach und nach das Vertrauen, sowohl das der Kinder, als auch das des Umfeldes.

Kinder sollten immer zu uns kommen können, wenn sich etwas komisch anfühlt!

Im digitalen Raum geht das sehr viel schneller. Da entstehen manchmal innerhalb weniger Tage oder auch nur Stunden intensive Kontakte. Und das ohne, dass Erwachsene irgendetwas davon mitbekommen. Grooming findet über Chats, Spiele und auch in sozialen Medien statt.

Deswegen müssen wir mit Kindern auch darüber ehrlich sprechen. Ihnen erklären, dass ganz viele Menschen unglaublich toll sind, aber dass es auch Menschen gibt, die gezielt Kinder ansprechen und ihr Vertrauen ausnutzen. Wir können ihnen konkrete Tipps geben, sowas wie nicht den echten Namen zu nennen und dass sie jedes Gespräch jederzeit beenden dürfen, auch wenn der andere dann sauer ist. Aber am allerwichtigsten ist, sie können immer zu uns kommen, wenn sich etwas komisch anfühlt.

Familie, Schule, Sportverein, Chat – wie oft kennen Kinder ihre TäterInnen? Und welche Mechanismen sind es, mit denen sie zum Schweigen gebracht werden sollen?

In den allermeisten Fällen kennen die Kinder die Menschen. Täter*innen bauen Vertrauen auf, machen Komplimente, Geschenke, kennen Wünsche und Ängste der Kinder. Sie schaffen Geheimnisse über die „man nicht spricht“. So nutzen sie Sprachlosigkeit und Scham massiv aus.

Viele Kinder haben das Gefühl, selbst Schuld an der Situation zu sein. Schließlich fühlten sich die Komplimente gut an und die Geschenke haben sie auch gerne genommen. Das ist die Erklärung, die sie von Täter*innen hören. Genauso wie: „Dir wird niemand glauben.“

Prävention funktioniert auch, indem wir diesen Strategien von Täter*innen entgegenwirken und Kindern versichern: „Du darfst über alles sprechen – ich höre dir zu und glaube dir. Du bist nicht Schuld.“

„Das Kind darf in der Situation alles genauso fühlen, wie es das fühlt.“

Woran erkennen wir, dass sich jemand unserem Kind nähert oder auch, dass es Opfer wurde? Und wie sollten wir in diesem Fall vorgehen – sowohl emotional als auch juristisch?

Es gibt keine eindeutigen Signale, die zuverlässig auf sexualisierte Gewalt hinweisen oder eine Checkliste, die wir abhaken können. Aber bei akuten Veränderungen, können wir aufmerksam werden. Ein Kind, das sich plötzlich stark zurückzieht, sehr anhänglich ist, Schlafprobleme hat, extrem aggressiv reagiert oder auch sehr ängstlich ist und bestimmte Situationen meidet. Wichtig ist, dass wir Erwachsenen auch bei solchen Veränderungen nicht sofort urteilen, denn auch andere Themen können Ursache solcher veränderten Verhaltensweisen sein.

Egal, was die Ursache ist: Wir sollten ruhig bleiben, zuhören, glauben, nicht bedrängen oder urteilen. Oft brauchen Kinder, die sexualisierte Gewalt erleben, Zeit um Vertrauen und eigenen Mut aufzubauen, bis sie es schaffen einem anderen Menschen davon zu erzählen. Denn schließlich handeln sie damit entgegen der Aufforderungen und Drohungen der Täter*innen.

Wenn Kinder von Erlebnissen erzählen oder konkrete Fragen haben, sollten wir das immer wertschätzen. Und egal wie paradox es auf uns wirkt: Das Kind darf in der Situation alles genauso fühlen, wie es das fühlt.

Nächster Schritt für die Erwachsenen: Sich selbst Unterstützung holen. In einer Beratungsstelle sind die Expert*innen auch für Angehörige da. Die unterstützen  auch bei der Frage, wann und ob eine Anzeige bei der Polizei sinnvoll ist.

„Niemand muss perfekt sein oder die richtigen Antworten parat haben.“

Habt ihr einen Mutmacher für alle Eltern, die dieses Thema betrifft? 

Unbedingt und ja. Die beste Information haben wir nämlich bis zum Schluss aufbewahrt: Wir Erwachsenen haben die Möglichkeit, etwas zu tun. Nicht nur Eltern oder Fachkräfte, sondern alle Erwachsenen – denn wir alle leben in einer Gesellschaft, in der wir Kindern in verschiedensten Situationen begegnen. Prävention ist Teamarbeit und wir alle tragen die Verantwortung dafür.

Kinder sind unfassbar kompetent, neugierig und ehrlich. Sie wollen verstehen wie die Welt funktioniert. Sie wollen über Körper, Gefühle und Grenzen sprechen – wir können Ihnen Worte und Raum dafür geben.

Niemand muss perfekt sein oder die richtigen Antworten parat haben. Es ist wichtig, im Gespräch zu bleiben, nachzufragen und zu zeigen: „Du bist wertvoll und darfst mit allem zu mir kommen.“ Das sind die Brücken, die Kinder brauchen.

Das Folgende gilt nicht nur für Kinder, sondern genauso für die Erwachsenen: Wer sich Unterstützung holt – durch ein Buch, eine Beratungsstelle, den Austausch mit anderen Menschen – zeigt Stärke, keine Schwäche. Auch wenn es sich unsicher anfühlt, wir alle können das lernen. Schaut mal im Buch auf Seite 40 nach!


HIER könnt ihr das Buch von Steffi & Carsten über Amazon bestellen (Affiliate Link*)

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Das Buch ist überall erhältlich!

Website Carsten Müller

Website Praxis für Sexualität (Carsten Müller)

Instagram @car.mueller

Website Steffi Bohle

Instagram @stef.bohle

Auf YouTube sprechen Steffi & Carsten über ihr neues Buch


Wie erlebst du den Umgang mit diesem Thema von uns Eltern, liebe Caro?

Antworten von der Psychologin & Pädagogin Caroline Bechmann

Aus meiner Sicht als Psychologin und Pädagogin ist das ein Thema, das viele Eltern am liebsten ganz weit wegschieben würden. Und ich verstehe das: Allein der Gedanke tut weh, aber genau deshalb dürfen wir es nicht ausklammern oder wegschauen.

Kinder können nur das schützen, wofür sie Worte und Orientierung haben. Wenn wir Körperteile nicht richtig benennen, Gefühle absprechen und Grenzen tabu sind, lassen wir sie sprachlos und überfordert zurück und Sprachlosigkeit, sowie Hilflosigkeit sind genau das, worauf Täter*innen setzen.

Es gehört auch dazu, dass wir Erwachsenen uns trauen hinzuschauen.

Kind will nicht einschlafen Crew entspannte Feiertage sexualisierte Gewalt
Caroline Bechmann, Psychologin (M.Sc.), Erzieherin, Familien- & Schlafberaterin für Kinder/Erwachsene & Buchautorin

Auch für mich geht es bei Prävention nicht darum, Kindern oder Eltern Angst zu machen. Es geht darum, ihnen Sicherheit zu geben: Durch Klarheit, Wissen und Aufklärung. Das Wissen, dass sie ernst genommen werden und jederzeit zu uns kommen dürfen, egal womit. Das Wissen um Körperteile und Gefühle. 

Und dazu gehört auch, dass wir Erwachsenen uns trauen hinzuschauen, selbst dann, wenn es unangenehm ist. Schweigen schützt nie die Kinder, sondern immer die Täter*innen.

Wenn wir mit Kindern offen über Körper, Gefühle und Grenzen sprechen, so wie Steffi & Carsten es schon wunderbar erklärt haben, dann bauen wir eine Brücke. Und genau diese Brücke brauchen Kinder, wenn sich etwas komisch anfühlt oder wenn ihnen jemand zu nah kommt.

Gibt es deiner Erfahrung nach Anzeichen dafür, dass ein Kind sexualisierte Gewalt erfahren hat?

Aus meiner Erfahrung gibt es keine eindeutigen „Zeichen“, aber es gibt Verhaltensänderungen, bei denen ich als Psychologin hellhörig werde, also: Kinder senden schon Signale und aus fachlicher Sicht schaue ich weniger auf ein einzelnes Signal, sondern mehr auf plötzliche, deutliche Veränderungen. Zum Beispiel: Rückzug, starke Anhänglichkeit oder auffällige Stimmungsschwankungen, Schlafprobleme, neue Ängste oder Vermeidungsverhalten (z. B. bestimmte Personen, Orte, Situationen), ungewöhnliche Sexualisierung im Verhalten oder in der Sprache, aggressive Ausbrüche, Übererregung oder auffallende Schreckhaftigkeit, Vermeidung von z.B. duschen, einkoten usw. 

Wenn ein Kind plötzlich anders ist als sonst, dann lohnt es sich hinzuschauen – grundsätzlich immer. Nicht, weil das automatisch sexualisierte Gewalt bedeutet, sondern weil Kinder bei Stress, Überforderung oder Grenzverletzungen oft über ihr Verhalten sprechen, bevor sie Worte finden.

Wichtig bleibt für mich immer: ruhig sein, zuhören, ernst nehmen. Kinder erzählen erst, wenn sie spüren, dass sie sicher sind und niemand sie bedrängt und natürlich hängt das auch stark vom Alter ab.

Website Caroline Bechmann

Instagram-Kanal @liebevoll.aufwachsen


Wie schützt der Gesetzgeber unsere Kinder?

Antworten von Rechtsanwältin Kerstin Bartsch

Liebe Kerstin, bitte hole uns mal juristisch rein. Sexualisierte Gewalt an Kindern – was sagt die Rechtsprechung: Welche Handlungen sind als sexueller Missbrauch strafbar?

Die Liste an möglichen Straftatbeständen ist lang. Ich konzentriere mich auf die aus meiner Sicht relevantesten. 

⋅Der sexuelle Missbrauch von Kindern. Das ist zum Beispiel, wenn man sexuelle Handlungen an einer Person unter 14 Jahren, also an einem Kind, vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen lässt. Es gibt aber auch den sexuellen Missbrauch von Kindern ohne Körperkontakt. Das wäre dann strafbar, wenn sexuelle Handlungen vor einem Kind vorgenommen werden oder man das Kind dazu bringt, dass es sexuelle Handlungen vornimmt.

⋅ Es gibt auch den schweren sexuellen Missbrauch von Kindern. Dieser schließt Beischlaf oder Beischlaf-ähnliche Handlungen ein. 

⋅ Darüber hinaus gibt es noch als sehr wichtige Norm sexuelle Übergriffe, die sexuelle Nötigung und die Vergewaltigung

Hier ist es wichtig zu wissen, dass es kein bestimmtes Alter bei der/ dem Geschädigten braucht. Hier werden sexuelle Handlungen gegen den erkennbaren Willen der Betroffenen vollzogen. Hier iwrd im schlimmsten Fall genötigt und/ oder Gewalt angewandt.

Anwältin Kerstin Bartsch berät und vertritt Frauen* und Kinder, die von häuslicher und sexueller Gewalt betroffen sind.

Weitere Strafnormen sind: 

⋅Außerdem gibt es als wichtige Strafnorm die Verbreitung, den Erwerb und den Besitz kinderpornographischer Inhalte. Da gibt es sehr viele Tatmöglichkeiten, z.B. das Versenden von Dickpics an Minderjährige.

⋅ Die sexuelle Belästigung ist auch ein Straftatbestand. Das heißt: Wer eine andere Person in sexuell bestimmter Weise sexuell berührt und dadurch eben belästigt. Hier gibt es auch keine Alterseinstufung – aber es kann passieren, dass Kinder durch Erwachsene sexuell belästigt werden. 

⋅ Und es gibt den sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen. Hierbei spielt sehr oft ein Über-Unterordnungs-Verhältnis eine Rolle, sprich: Ausbildung, Dienst, ein Arbeitsverhältnis, ein Lebenspartner eines Elternteils, ein Erziehungsberechtiger oder eine Erziehungs- bzw. Betreuungsperson, die sexuelle Handlungen vollzieht. Hier gibt es unterschiedliche Altersschutz-Bereiche, nämlich unter 18 und unter 16. Besonders schutzbedürftig sind natürlich die Kinder, also Menschen unter 14 Jahren. Die stehen unter einem ganz besonderen Schutz. Dann gibt es noch bestimmte Abstufungen für Kinder bzw. Jugendliche unter 16 und unter 18 Jahren. 

Kinder sind besonders schutzbedürftig!

Wie schützt das Gesetz unsere Kinder? Und bis zu welchem Alter stehen sie unter besonderem Schutz?

Bis 14 Jahre stehen unsere Kinder unter einem besonderen Schutz. Wichtig zu wissen ist, dass bei dem sexuellen Missbrauch an Kindern kein Zwang ausgeübt werden muss. Das heißt: Das Kind kann auch freiwillig mitmachen.

Stockphoto: Adobe Express

Kinder haben keine Möglichkeit, über ihre sexuelle Selbstbestimmung selbst zu entscheiden. Es spielt also keine Rolle, wenn der Täter oder die Täterin eine Handlung als Konsens interpretiert oder das Kind etwas in diese Richtung geäußert hat. Kinder können sexuellen Handlungen nicht zustimmen. Das bedeutet: Auch ein Kind, das ohne Zwang, Druck und ohne Gewalt dazu gebracht oder überredet wird, eine sexuelle Handlung zu begehen oder über sich ergehen zu lassen, wird in einem besonderen Maße geschützt. Kurz und knapp: Jede sexuelle Handlung an einem Kind ist strafbar. 

Wie schützt der Gesetzgeber Jugendliche vor sexualisierter Gewalt?

Wovon geht der Gesetzgeber bei Jugendlichen (ab 14 Jahren) aus? Und wovon hängt hier die Strafbarkeit ab?

Bei Jugendlichen (über 14 Jahre) ist das wiederum ein bisschen anders. Es gibt den sexuellen Missbrauch von Jugendlichen. Das heißt: Strafbar ist es nur dann, wenn jemand eine Person unter 18 Jahren dadurch missbraucht, dass er unter Ausnutzung einer Zwangslage sexuelle Handlungen vornimmt oder an sich vornehmen lässt. 

Manchmal sind Täter und Geschädigte altersmäßig nicht weit auseinander. Wenn eine Person über 21 ist und sexuelle Handlungen mit einer Person unter 16 macht, dann braucht es die Voraussetzung für eine Strafbarkeit, dass der Täter beim Opfer die fehlende Fähigkeit zur sexuellen Selbstbestimmung ausnutzt. Nur dann sind solche Handlungen strafbar.

„Sehr wichtig ist, Kindern zu vermitteln, dass man ihnen glaubt.“ 

Wie sollten wir als Eltern vorgehen, wenn wir den Eindruck haben, dass unser Kind Übergriffe erlebt? Welche Anlaufstellen helfen uns nun konkret weiter?

Ich rate dazu, vorsichtig und behutsam vorzugehen. Das Kind entscheidet, was es wem und wie erzählt. Wichtig ist, dass Eltern keinen Druck ausüben, nicht stressen, nichts in das Kind „hinein fragen“ und keine geschlossene Fragen stellen. Wenn Eltern fragen, dann sollten sie unbedingt offene Fragen stellen.

Sobald sich der Verdacht erhärtet, würde ich mit dem Kind die Möglichkeit, eine Ermittlungsbehörde aufzusuchen, besprechen. Und dann schnellstmöglich zur Kriminalpolizei gehen. Denn damit gibt man die Angelegenheit in professionelle Hände. Das Kind wird von geschultem Personal kindgerecht gefragt. Das ist in der Regel die beste Variante. Es gibt natürlich auch Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen nicht aussagebereit sind. Dann gilt es: abzuwarten. Auszuhalten. Denn ein Kind, das nicht aussagebereit ist, wird auch nicht dazu beitragen können, dass der Täter überführt wird. Wichtig ist, das Kind aus dem Einflussbereich des möglichen Täters herauszuholen und ihm dadurch Schutz zu gewähren. Sehr wichtig ist, Kindern zu vermitteln, dass man ihnen glaubt. 

Ich empfehle folgende Beratungsstellen:

  • Es gibt das bundesweite Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch, spezifisch für sexuelle Gewalt gegen Kinder & Jugendliche. Hier gibt es eine Online-Beratung, aber eben auch eine bundesweite Hotline: 0800 22 55 530 (bitte hier die Telefonzeiten beachten)
  • In Kiel gibt es das Kinderschutz-Zentrum und in Flensburg Wagemut 
  • Bei wildwasser.de gibt es die Möglichkeit, bei einer 1. Beratung herauszufinden, welche Stellen vor Ort geeignet sein können
  • Außerdem besteht die Möglichkeit, die jeweiligen Fauennotrufe zu kontaktieren, wie zum Beispiel den Frauennotruf Kiel e.V. – hier werden oft eher Jugendliche beraten, aber Eltern können sich hier Nummern von entsprechenden Beratungsstellen geben lassen

Website Kerstin Bartsch

Welche Rolle spielt die Prävention von sexualisierter Gewalt in deinem Praxisalltag, liebe Judith? 

Dr. med. Judith Bildau, Gynäkologin

Sexualisierte Gewalt – ein Thema, dem ich als Frauenärztin immer wieder begegne und das alle Altersstufen meiner Patientinnen betrifft. Sexualisierte Gewalt kann viele, sehr unterschiedliche, Formen haben, und wir müssen uns dringend von dem Irrglauben befreien, dass „nur“ körperliche sexuelle Gewalt furchtbar ist – und das auch genau so an unsere Töchter, Nichten und Enkelkinder weitergeben. Sexualisierte Gewalt betrifft Sprache, findet mittlerweile immer häufiger digital und in den sozialen Medien statt und kann sich natürlich auch in Form von körperlichen Übergriffen zeigen. Und diese müssen nicht einmal besonders offensiv sein, sondern können geschickt und gar zufällig wirkend platziert sein.

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Dr. med. Judith Bildau, Gynäkologin, Medfluencerin & Autorin// Credit: Sabina Radtke

Die wichtigste Aufgabe, die ich in meiner Arbeit als Frauenärztin diesbezüglich sehe, ist, den Mädchen und Frauen gerade in den scheinbar „kleinen“ Momenten zuzuhören, ihre Erfahrungen ernst zu nehmen und ihnen Räume zu bieten, in denen sie sich sicher fühlen. Es geht darum, sensibel für Signale zu sein, die auf Grenzüberschreitungen hinweisen, auch wenn sie nicht ausdrücklich benannt werden. Mädchen und Frauen sollen spüren, dass ihre Wahrnehmung von Unbehagen oder Angst legitim ist und dass es in Ordnung ist, Grenzen zu setzen – sowohl physisch als auch emotional.

Durch „Sichtbarkeit“ schaffen wir selbstbestimmte Räume!

Ebenso wichtig ist es, Prävention zu fördern: über Aufklärung, Selbstbewusstsein und den Mut, über unangenehme Erfahrungen zu sprechen. Sexualisierte Gewalt darf nicht tabuisiert werden. Als Ärztin sehe ich es als meine Verantwortung, nicht nur medizinisch zu behandeln, sondern auch emotional zu begleiten, Hilfsangebote aufzuzeigen und gegebenenfalls weitere Schritte einzuleiten – sei es therapeutische Unterstützung, rechtliche Beratung oder soziale Hilfsnetzwerke.

Denn nur wenn wir das Thema sichtbar machen, schon mit Kindern darüber sprechen, die Betroffenen stärken und als Gesellschaft klar Grenzen ziehen, können wir langfristig dazu beitragen, dass Gewalt ihren Raum verliert und Mädchen und Frauen sicher und selbstbestimmt leben können.

Website Dr. med. Judith Bildau

Instagram @dr.med.judith_bildau



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