Offenbar ein Selbstmord nach einem Hilferuf bei Instagram. Dieser Post von Influencerin Franzi @thefabulousfranzi hat viele von uns sehr betroffen gemacht. Eine Followerin hat Hilfe und Rat gesucht – und sich offenbar das Leben genommen. Mit Franzi spreche ich über Inhalte dieses „Chats“, über ihre Gefühle danach und die Verantwortung, die wir alle haben, die in der Öffentlichkeit stehen.


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Unsere Mamapsychologin Isabel erweitert dieses Gespräch. Wie können wir anderen helfen? Und woran merke ich selbst, dass ich Probleme habe? Ein Artikel, der eins soll: helfen! Und uns alle sensibilisieren.


Liebe Franzi, du hast in einem deiner letzten Posts von der Verantwortung von uns Influencern, Instagrammern, Social Media-Betreibenden gesprochen. Der Hintergrund war sehr traurig. Würdest du noch einmal bitte zusammenfassen, worum es in deinem Post ging? Und mit welchem Beweggrund hast du ihn verfasst?

Mich erreichen jeden Tag unzählige Nachrichten. Ich versuche immer, jedem zu antworten. Ich wage zu behaupten, das das nicht das Bestreben jedes Influencers ist..

Aber auch ich schaffe zwischen Arbeit und Familie nicht jede DM zu lesen, zumal Instagram nicht mein Hauptjob ist. Ich unterhielt mich mit einem Mädchen, einer Auszubildenen in der Altenpflege.

Offenbar Selbstmord nach Hilferuf: Eine Woche nach unserem Gespräch nahm sich das Mädchen wohl das Leben!
Selbstmord nach Hilferuf
Quelle: Instagram – Post von Franzi @thefabulousfranzi

Sie hatte wohl private Probleme, war einsam. Sie suchte Kontakt, wollte sich unterhalten. Fragte mich nach Kompensationsmöglichkeiten bei Stress, wollte sich wieder melden. Sie fragte nach meiner Nummer, aber verständlicherweise gebe ich die nicht an fremde Menschen raus.

Ich merkte einfach, dass es bei ihr enormen Gesprächsbedarf gab. Sie nahm sich am darauffolgenden Wochenende offenbar das Leben.

Quelle: Instagram – Post von Franzi @thefabulousfranzi
Selbstmord nach Hilferuf
Quelle: Instagram – Post von Franzi @thefabulousfranzi

Es ging also offenbar um einen Selbstmord nach einem Hilferuf. Um ein junges Mädchen, das vorher zu dir Kontakt gesucht hat. Worum ging es in eurem Gespräch genau? Wäre es OK, wenn du uns ein paar Stichworte gibst? Zum Beispiel: Hat sie konkrete Hilfe gesucht? Und: In welcher Rolle hast sie dich gesehen?

Es ist mir heute noch unangenehm, wenn ich als ‚Vorbild‘ gesehen werde. Ich kann mit dieser Rolle schlecht umgehen und sehe mich selbst nicht so. Trotzdem weiß ich, dass es immens wichtig ist, darauf zu achten, was man sagt und an Menschen weitergibt, wenn man eine gewisse Anzahl an Followern hat. Nicht jeder reflektiert so gut wie andere.

Offenbar Selbstmord nach Hilferuf: „Ich hatte im Nachhinein Angst, etwas überhört zu haben.“

Sie wollte einfach Gesellschaft, Austausch, Rat. Das wollen viele. Ich habe weder Verzweiflung noch suizdiale Gedanken aus diesem Chat herausgehört.

Wie war dieses Gespräch für dich?

Ich hatte im Nachhinein Angst, etwas überhört zu haben. Das Gespräch war, ehrlich gesagt, wie viele. Rat und Hilfe suchen erstaunlicherweise viele junge Mädchen bei mir. Das hat vielleicht auch etwas mit meinem Beruf zu tun.

Wie hast du erfahren, dass sie sich wohl umgebracht hat?

Kurskolleginnen von ihr, die mir auch auf Instagram folgen, schrieben mir. Unabhängig voneinander.

Offenbar Selbstmord nach Hilferuf: „Ich habe Sorge um die, die von der vermeintlich heilen Welt getriggert werden.“

Ich kann nur erahnen, wie schwer diese Nachricht gewesen sein muss für dich. Du kanntest sie nicht, bist keine Psychologin oder Ärztin, dazu noch anonym über das Internet. Geschriebene Worte, keine gesprochenen. Und dennoch: offenbar ein Hilfeschrei. Wie ging es dir danach? Was macht diese Geschichte mit dir?

Selbstmord nach Hilferuf bei Instagram Netzhetze
Foto: Franzi @thefabulousfranzi

Ich versuche ein bisschen sensibler zu sein für Hilfegesuche aller Art. Ich versuche seitdem, noch reflektierter zu sein bei dem, was ich zeige, sage und schreibe.

In welcher Verantwortung siehst du uns alle?

Wir alle sollten ein bisschen sensibler sein im Umgang mit unseren Mitmenschen: Sind sie stiller geworden? Unglücklich? Manchmal hilft vielleicht einfach schon die Frage „Wie geht es dir?“.

Ich weiß es nicht… Ich mache mir Sorgen um die, die im Internet wirklich glauben, dass auf manchen Blogs und Profilen wirklich alles so ist, wie gezeigt. Die einfach in Selbstzweifeln versinken und mit der heilen Welt anderer noch mehr getriggert werden.

Influencer & Youtuber sind offenbar die neuen Popstars!

Die neuen Popstars sind Influencer und YouTuber. Und wenn sie dir das Gefühl geben, du bist nichts wert, kann es schwierig werden. Obwohl hier niemand einen Bildungsauftrag hat und es mit Absicht macht.

Ich möchte dir DANKE sagen für diese Geschichte, deine Worte bei Instagram. Ich glaube, dass wir so zum Nachdenken kommen. Welches Feedback hast du bekommen?

Viele meiner Follower waren erschüttert, nur wenige der ganz großen Accounts haben sich dazu geäußert. Verständlich. Es ist unangenehm.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns dazu entschieden, diese Geschichte allein aus Franzis Sicht zu erzählen. Deshab hat Franzi für uns ihre Erinnerungen an die verschiedenen Chats in einem Interview zusammengetragen. Wir haben diese Geschichte und ihre Quellen journalistisch nicht weiter verifiziert, weil wir die Privatsphäre der Angehörigen repektieren und dazu schützen wollten. Für uns – und für Franzi – steht hier im Vordergrund, dass wir mit diesem Artikel sensibilisieren und für alle Betroffenen Hilfsadressen aufbereiten wollten.


„Es kann von keiner*m Influencer*in erwartet werden, dass er*sie alle Nachrichten liest, beantwortet und dringliche Notlagen erkennt.“
Mamapsychologin Isabel Huttarsch im Interview

Liebe Isabel, Franzi @thefabolousfranzi hat grad diese Geschichte veröffentlicht über ein Mädchen, das sich hilfesuchend an sie gewandt hat, sie haben sich geschrieben – danach offenbar ein Selbstmord. Was denkst du als Psychologin über diesen Fall? Warum wendet sich ein junges Mädchen an eine Influencerin? Wie groß ist ihr Einfluss?

Zuallererst macht mich dieser „Fall“ sehr betroffen. Denn es ist nicht nur irgendein Fall oder eine unterhaltsame Geschichte, die da gerade in den sozialen Medien ihre Runden dreht. Es ist ein junges Mädchen, das, aus welchen Beweggründen heraus auch immer, sich wohl das Leben genommen hat. Und das ist unfassbar tragisch.

Warum sich genau dieses Mädchen an Franzi als Influencerin gewendet hat, kann ich nicht sagen. Ich kannte sie nicht. Ich kann nur davon sprechen, was so häufig dahinter steckt wenn sich Menschen (egal ob jung oder alt) mit Sorgen und Ängsten an Influencer*innen wenden.

Offenbar Selbstmord nach Hilferuf – Die Anzahl an Followern wirkt häufig wie ein „Gütesiegel“
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Mamapsychologin & MutterKutter-Autorin Isabel Huttarsch II Foto: get_shot.de

Gerade durch Instagram haben wir die Möglichkeit, scheinbar hautnah bei den Influencern*innen dabei zu sein. Wir erleben ihren Alltag an ihrer Seite.

Dass das eigentlich nur kleine Ausschnitte eines (oft nicht einmal realen) Lebens ist, merken wir dabei kaum. Und so entsteht über die Zeit hinweg das Gefühl, wir seien mit dieser Person sehr vertraut, ja vielleicht sogar befreundet.

Zudem wirkt die Anzahl an Followern häufig wie ein „Gütesiegel“. Die Person hinter dem Account wird zu jemandem, zu dem wir aufschauen. Manchmal zu einer Autoritäts- und Respektsperson, manchmal auch einfach nur zu einem angehimmeltem Star. Gerade bei Profilen, die sich nicht mit dem „perfekten Fake Life“ begnügen, sondern tiefgründige Themen besprechen und echten Mehrwert liefern (so wie es auch bei Franzi der Fall ist), fühlen sich Hilfe suchende Menschen dann gut aufgehoben. Sie haben Vertrauen, fühlen sich verstanden und die Schwelle, eine persönliche Nachricht zu senden ist verhältnismäßig gering.

„Wir sind Vorbild. Ob wir wollen oder nicht.“

Es kann von keiner*m Influencer*in erwartet werden, dass er*sie alle Nachrichten liest, beantwortet und dringliche Notlagen erkennt. Die Nachrichtenflut ist viel zu groß, das ist einfach nicht möglich und auch nicht Aufgabe von Influencern*innen. Viel wichtiger ist es, öffentlich aufzuklären über Influencer*innen und das häufig dahinter stehende Geschäftsmodell. Nicht, um zu verurteilen, sondern um aufzuzeigen, dass nicht immer alles gold ist, was glänzt.

Und dennoch darf sich jede*r einzelne auf der „Bühne Instagram“ über seine*ihre Verantwortung bewusst werden. Fakt ist: Wir sind Vorbild. Ob wir wollen oder nicht.

Ich finde es toll, das Franzi mit dieser Geschichte und ihrem Aufruf online gegangen ist. Sie schreibt: „Es macht mir Angst, dass sie auf Instagram Hilfe suchte…Und nicht dort, wo man ihr vielleicht hätte helfen können.“ Worte, die unter die Haut gehen. Möchtest du sie ergänzen?

Es macht mich sehr betroffen, auch wenn ich, wie bei der ersten Frage dargestellt, die Mechanismen erahnen kann, die dazu geführt haben, dass sie genau dort nach Hilfe gesucht hat. Dass das Franzi Angst macht, ist mehr als nachvollziehbar.

Offenbar Selbstmord nach Hilferuf: „Dass Hilfesuchende an der falschen Adresse landen, kann fatal enden.“

Denn dass Hilfesuchende an der falschen Adresse landen, kann fatal enden. Influencer*innen können nicht alle der hundert täglichen Nachrichten sehen und sogar beantworten. Kommt auf ein echtes Hilfegesuch dann keine oder keine wertschätzende Antwort zurück, kann das bei dem*der Hilfesuchenden zu dem Schluss führen, „Ich bin es nicht wert, Hilfe zu erhalten“. Und das kann gerade für einen suizidgefährdeten Menschen eine schwerwiegende Erkenntnis sein.

Wenn wir keine Experten sind, dazu noch online Hilfe gesucht wird…Ich halte es für unglaublich schwer bis wenig möglich zu erkennen, was wirklich los ist. Oder irre ich mich da? Und, dennoch: Woran können wir merken, dass jemand Hilfe braucht? Und was können wir dann tun?

Als in den sozialen Netzwerken agierende Menschen, egal welcher Profession, ist es immer schwer bis unmöglich, echten Hilfebedarf abzuschätzen. Wir kennen die Personen nicht, die uns dort anschreiben.

„Auch ich habe schon Nachrichten erhalten, wo ich mir nicht sicher war, wie ich das Gefährdungspotenzial einschätze soll.“

Wir wissen allenfalls das, was sie uns in den wenigen verfügbaren Zeichen von sich mitgeteilt haben. Als Psychologin, die auch auf Instagram vertreten ist, bekomme ich möglich zahlreiche Nachriten von Mamas, die auf der Suche nach Hilfe sind. Und so gerne ich allen direkt über den Weg der Instagram-Nachrichten helfen möchte, liegt es in meiner Verantwortung, anzuerkennen, dass das nicht der Weg ist, über den es gehen kann. Es bietet einfach zu wenig Raum und Zeit für eine adäquate Begleitung. Und auch ich habe schon Nachrichten erhalten, wo ich mir nicht sicher war, wie ich das Gefährdungspotenzial einschätze soll.

Bei Hilferuf auf Instagram & Co.: Telefonseelsorge als gute Anlaufstelle!

Im Zweifelsfall habe ich auch schon einmal direkt nachgefragt, ob die Rat suchende Person vor hat, sich umzubringen. Aber spätestens, wenn wir beim Lesen von Nachrichten das Gefühl bekommen, hier geht es jetzt nicht mehr nur um eine nette Unterhaltung, sondern um eine reale Gefahr, müssen wir verantwortlich handeln und Experten*innen ins Boot holen. Eine erste gute Anlaufstelle ist hier tatsächlich die Telefonseelsorge (0800/111 0 111), die rund um die Uhr erreichbar ist. Dort können auch Influencer*innen schildern, was sich zugetragen hat und erfragen, wie sie am Besten reagieren sollten.

Ist tatsächlich Gefahr in Verzug, weil wir die Dringlichkeit der Notsituation nicht einschätzen können, so ist es immer auch angebracht, den Notruf zu informieren.

Gehen wir mal auf die Seite einer Hilfesuchenden. Ich stelle mir vor, mir geht es schlecht. Ich habe dunkle Gedanken. Woran erkenne ich, dass ich gefährdet bin und Hilfe brauche?  Und wo finde ich Hilfe?

Ich glaube, die Problematik besteht häufig darin, dass wir als Betroffene gar nicht mehr klar sehen können, wie tief wir da im Gedankenstrudel stecken. Unsere Gedanken sind real. Wir können häufig nicht erkennen, in welche dunkle, vermeintlich ausweglose Situation wir uns da gedanklich und emotional verstrickt haben.

Wir dürfen uns Expertinnen an unsere Seite holen!

Das passiert aber meist nicht von heute auf morgen, sondern ist ein Prozess, den wir sehr ernst nehmen sollten. Wenn wir spüren, uns geht es nicht gut, dürfen wir immer genauer hinsehen und uns fragen, was eigentlich los ist und was wir brauchen. Und wenn wir das selbst nicht wissen, dürfen wir uns Experten*innen an unsere Seite holen, die das für uns heraus finden.

Anlaufstellen gibt es in verschiedenster Form. Oft kann das Internet bei der Hilfe dienlich sein, um Beratungsstellen, Psychologen*innen, Therapeuten*innen und Kliniken in der Region ausfindig zu machen. Manchmal kann der*die Hausarzt*ärztin gute Therapeuten*innen und/oder Beratungsstellen empfehlen. Oft weiß er*sie aber auch nicht Bescheid. Dann lohnt sich auch auf Seiten der Betroffenen immer der Anruf der der Telefonseelsorge. Dort gibt es Listen mit konkreten Anprechpartnern*innen vor Ort, die weiter helfen können. Das ist die einfachste und „niederschwelligste“ Möglichkeit, an echte Hilfsadressen zu kommen.

Hier bekommt ihr eine Liste spezialisierter Ansprechpartner:

Im Akutfall ist es auch immer völlig in Ordnung, die 112 oder 110 zu wählen und im wahrsten Sinne des Wortes nach Hilfe zu rufen. Bei psychischen Krisen rund um die Geburt gibt es zudem das Netzwerk Schatten & Licht e.V. mit einer Liste spezialisierter Ansprechpartnern*innen.

Die einzige Option, die keine Option ist, ist, mit diesen dunklen Gedanken alleine zu bleiben. Erst wenn wir über uns und unser Befinden sprechen, haben wir die Möglichkeit, dass uns auch geholfen wird.


Offenbar ein Selbstmord nach Hilferuf – eine Geschichte, die betroffen macht. Danke, liebe Franzi, dass du bereit warst, uns diese Geschichte noch einmal zu erzählen.

Übrigens, das hier ist das dritte Interview mit Intensivkrankenschwester Franzi. Diese beiden findet ihr auch noch auf MutterKutter:

Netzhetze: „Über Online-Bashing & Hate muss geredet werden.“

Pflegenotstand: „Wir steuern langsam aber sicher auf eine Katastrophe zu.“

Und hier findet ihr die Intensivkrankenschwester auf Instagram!

Ihr möchtet Kontakt mit unsere Mamapsychologin Isabel Huttarsch aufnehmen? Dann könnt ihr das hier tun. Ansonsten findet ihr Isabel auch bei Instagram.


Und hier bleibt ihr auf dem Laufenden:

Ihr möchtet erfahren, wenn neue MutterKutter-Artikel online gehen? Dann folgt uns doch in den sozialen Medien. MutterKutter findet ihr auf Instagram, Facebook und Pinterest.

Auf YouTube gibt es immer wieder Filme zu verschiedenen Themen.

Ihr möchtet ihr wissen, wer hinter MutterKutter steckt und welche Themen wir hier behandeln? Dann lest gerne unter Crew und Ahoi! weiter.

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