Elternsein

Nathalie Klüver übers Mutterbild: Bitte echt statt clean!

Nathalie Klüver setzt mit ihren Worten Punkte. Und trifft einfach ins Schwarze. Immer wieder appelliert sie: Vergesst das idealisierte Mutterbild.

Indem sie uns als „Eine ganz normale Mama“ zeigt, dass unperfekt perfekt ist, nimmt sie einer Menge Eltern einer Menge Druck. Ihre Follower*innen feiern ihre Texte. Und wir feiern sie, weil sie in der großen Social Media-Elternbubble das zeigt, was uns alle bewegt: das echte Leben.

Und jetzt hat Nathalie ein neues Buch auf den Markt gebracht „Das Kind wächst nicht schneller wenn man daran zieht“. Darüber sprechen wir mit ihr in diesem Interview, aber auch über das Helikoptern, den Druck – und wie wir den loswerden.


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Nathalie Klüver: „Das vermeintlich perfekte, überidealisierte Mutterbild setzt massiv unter Druck.“

Liebe Nathalie, wenn ich richtig gezählt habe, hast du jetzt schon dein sechstes Buch für uns Eltern geschrieben. Wahnsinn! Erst einmal herzlichen Glückwunsch. Und jetzt die große Frage: Wann schreibst du? Und wie? Mich würde das brennend interessieren – bist du Typ „Ich mache mir Stichwörter überall“ oder vielleicht die „Nachteule“? Wann hast du die besten Ideen – ich tatsächlich unter der Dusche…

Mutterbild Nathalie Klüver
Credit: Nathalie Klüver

Ich schreibe tatsächlich am Schreibtisch und nur zu normalen Arbeitszeiten – abends fehlt mir sämtliche Energie, um noch irgendwie produktiv tätig zu sein. Meistens schlafe ich mit meinen Kindern ein..

…und wenn ich nicht mit ihnen einschlafe, bin ich durch die Einschlafbegleitung so matschig, dass ich nur noch ein wenig lesen kann. Aber oft kommen mir die besten Ideen so kurz vorm Einschlafen im Bett. Dann tippe ich sie in die Notizen auf meinem Handy. Früher hab ich sowas immer per Hand geschrieben, aber da ich eine ziemliche Sauklaue habe, konnte ich es meist am  nächsten Morgen nicht mehr lesen, deshalb das Handy.

„Wir sollten unseren Kindern und auch uns selbst in unserer Elternrolle das Tempo und den Weg zugestehen, der zu uns passt.“

„Dein Kind wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ – als du mir das erste Mal von dem Titel erzählt hast, dachte ich…Das ist vielleicht nur nur eine warme Message und ein toller Rat an uns Leser*innen – das ist eventuell auch eine Botschaft an alle, die es in Social Media besser wissen…Stimmt mein Gefühl? Wenn ja, inwiefern?

… und auch eine Message an besserwissende Schwiegermütter! Der Titel fasst meine Einstellung ziemlich gut zusammen: Wir sollten unseren Kindern und auch uns selbst in unserer Elternrolle das Tempo und den Weg zugestehen, der zu uns passt. Denn jede, jeder von uns hat ein eigenes Tempo, einen eigenen Weg, eigene Prioritäten. Und so wie bei Pflanzen die Wurzeln beschädigt werden, wenn man daran zieht, so beschädigen wir auch die zarten Wurzeln unserer Kinder, wenn wir zu sehr an ihnen herumzerren.

Bei den allermeisten Entwicklungsschritten ist die Zeitspanne, in der Kinder diese Entwicklung machen, sehr groß. Und die meisten Schritte kommen ganz von alleine – so wie der erste Schritt. Wenn wir da zu früh anfangen, unser Kind an den Armen hochzuziehen und mit ihm Laufenlernen wollen, dann schadet das mehr als es nutzt. Oder zu frühes Töpfchentraining: Das ist nachgewiesenermaßen kontraproduktiv.

Nathalie Klüver appelliert: Lasst uns das Vergleichen abstellen!

Bei all diesen Entwicklungsmeilensteinen hat jedes Kind seinen eigenen Zeitpunkt – und wenn der erreicht ist, dann kommen diese Meilensteine von ganz alleine. Wenn wir das akzeptieren, dann erleben wir viel weniger Druck. Und der erste Schritt dazu ist es, das Vergleichen mit anderen abzustellen, auch wenn es manchmal schwerfällt.

Welche Grenzen wurden bei dir als Mutter und Frau privat und in Social Media überschritten? Magst du ein bisschen erzählen? Ich weiß ja, dass es oft heiß hergeht…

Extrem übergriffig fand ich die ganzen Kommentare zum Thema Stillen oder Familienbett. Sowohl im privaten Umfeld, als auch online. Der Abschuss war bei Twitter, als mir jemand getwittert hat, es sei eklig, ein drei Jahre altes Kind zu stillen und ich könne mich ja nicht „ganznormalemama“ nennen, wenn ich so etwas mache, weil es total unnormal und „abartig“ sei.

„Wave and smile habe ich mir angewöhnt, das schont meine Nerven!“

Wie veratmest du diese blöden Kommentare? Wie gehst du damit um?

Ignorieren. Am Anfang habe ich mich noch aufgeregt, aber das ist echt verschwendete Energie, die brauche ich für andere Dinge wichtiger! Manchmal merke ich, dass ich anfange, mich doch darüber aufzuregen, aber dann zwinge ich mich dazu, es einfach zu ignorieren. Früher habe ich auch im privaten Umfeld auch oft noch versucht, gegenzuargumentieren. Aber meistens bringt das auch nichts, gerade, wenn es um dogmatische Dinge geht, wo man auf „Missionierer“ trifft. Wave and smile habe ich mir angewöhnt, das schont meine Nerven!

Warum ist es dir so wichtig, dass du uns Eltern das „unperfekte“ Leben näher bringst?

Das vermeintlich perfekte, überidealisierte Mutterbild setzt massiv unter Druck. Beim Betrachten dieser cleanen Instaaccounts mit den Kindern im Partnerlook und den pastellfarbenen Kinderzimmern, die aussehen wie aus dem Katalog, entsteht, auch unterbewusst, ein Gefühl des Nicht-Genügens. „Wieso schafft die das und ich nicht?“ – die Frage taucht in unserem Unterbewusstsein und oft auch ganz bewusst in uns auf. Und das macht etwas mit uns, das erzeugt Druck, lässt einen schlecht fühlen, macht, dass man sich selbst kritisch sieht. Dabei ist es bei niemanden perfekt. Das ist nicht das echte Leben! Das müssen wir uns immer wieder klar machen – aber es ist sauschwer, wenn unser Unterbewusstsein immer wieder dazwischen funkt.

Ihr seid nicht alleine! Darum zeigt Nathalie Klüver das echte Leben.

Foto: Nathalie Klüver

Deshalb finde ich es so wichtig, auch das echte Leben zu zeigen. Und vor allem darüber zu sprechen. Um zu zeigen „ihr seid nicht alleine“. Gerade jüngere Mütter beim ersten Kind brauchen auch diese echten Bilder vom Elternleben. Denn diese Phase, in der alles im Umbruch ist, in der alles neu ist und man sich neu in seinem Leben orientieren muss, ist eine Phase, in der man sehr verletzlich ist. Wenn man dann mit diesen unrealistischen Mutterbildern konfrontiert wird, erzeugt das immensen Stress.

Und eben deshalb ist es so wichtig zu zeigen, wie das Elternleben wirklich ist. Nämlich nicht pastellfarben sondern kunterbunt! Denn, wenn man weiß, dass es anderen auch so geht, dann ist schon viel gewonnen, dann lässt es sich gleich viel besser ertragen  – und dieses Gefühl der Unzulänglichkeit wird besser. Wenn wir alle ehrlicher wären und ehrlicher das echte Elternleben zeigen würden, dann wäre viel gewonnen und ich bin überzeugt, dass uns viele Fälle von Mütterburnout erspart bleiben würden.

Denn dazu führt dieser Druck, auch der unterbewusste. Dieser Druck führt dazu, dass es immer schwieriger ist, aus dem Hamsterrad auszusteigen, dass Mütter sich immer mehr abstrampeln, um all diesen Anforderungen zu genügen.

Und das alles ist normal, sagt Nathalie Klüver:

Ich finde deine Bucheinleitung ja echt super, weil du sowas von klar machst, was alles „normal“ ist…Was ist denn alles normal?

Das ist ja das Tolle: Soviel ist normal! Das ist ein weiter Begriff!

Es ist normal, wenn ein Kind am Anfang im Stundentakt gestillt werden möchte. Es ist aber auch normal, wenn es längere Essenspausen einlegt. Es ist normal, wenn Babys nur auf dem Arm einschlafen. Aber es ist auch normal, wenn Babys sich hinlegen lassen zum Schlafen. Es ist normal, wenn man zu gar nichts kommt als Mama. Es ist normal, zu denken „ich kann nicht mehr“. Es ist normal, wenn man sich auf dem Klo einschließt und sinnlose Videos bei Youtube anschaut, weil man einfach seine Ruhe haben möchte.

Es ist normal, wenn man sich an so einem Tag mit Baby langweilt und sich freut, wenn man wenigstens einmal am Tag mit einem Erwachsenen reden kann. Es ist normal, wenn man keinen Bock hat, stundenlang Kaufmannsladen zu spielen. Es ist normal, wenn die Kinder Gemüse verweigern. Es ist normal, wenn das Kind sich im Wutanfall vorm Supermarktregal wälzt, weil es diese Kinderzeitschrift mit dem Plastikungeheuer nicht bekommt. Diese Liste könnte ich jetzt ewig fortsetzen: Denn so vieles ist normal im Elternleben!

„fs eigene Bauchgefühl hören heißt nicht ,dass ich mich gar nicht informiere oder gar nichts lese oder auch jegliche Ratschläge ablehne. Im Gegenteil.“

Du schreibst auch, Zitat: “ Die Balance zwischen Überbehütung und Freilassen zu finden ist nicht immer einfach. Auf die eigene innere Stimme zu hören ist etwas, das Eltern erst lernen müssen.“ – Was ist dein Tipp, wie können wir das lernen?

Ich selbst bin da auch von Kind zu Kind besser geworden. Ich habe mir angewöhnt, mich zu fragen, was schlimmstensfalls passieren kann. Wenn das Kind dabei sterben oder ernsthaft verletzt werden könnte, muss ich einschreiten und Regeln aufstellen. Stichwort: Straßen überqueren. Fahrradhelm tragen. Schwimmen lernen und sowas. Aber bei vielen Sachen passiert schlimmstenfalls nicht so viel. Ein Kratzer am Knie gehört zu Kindheit dazu, da kann ich mein Kind gar nicht vor bewahren. Selbst ein gebrochener Arm lässt sich nicht immer vermeiden. Und meinem Kind aus Angst vor dem gebrochenen Arm zu verbieten, auf Dinge zu klettern?! Das muss ich nicht.

„Wir brauchen einen Rahmen, in dem wir dann unser Leben ausgestalten können. Das möchte ich mit meinen neuen Buch auch machen“, sagt Nathalie Klüver.

Kinder haben übrigens ein ganz gutes Gefühl dafür, wie hoch sie klettern können und aus welcher Höhe sie springen können, ohne sich zu verletzen. Indem wir sie ständig maßregeln und begrenzen, nehmen wir ihnen dieses Gefühl! Aufs eigene Bauchgefühl hören heißt nicht ,dass ich mich gar nicht informiere oder gar nichts lese oder auch jegliche Ratschläge ablehne. Im Gegenteil, ich halte es für wichtig, sich zu informieren. Erziehungsratgeber sind eine sehr gute Sache und Stütze! Das sage ich jetzt nicht, weil ich welche schreibe, sondern weil ich es wichtig finde, dass wir uns informieren, Fakten inhalieren und anhand dieser Fakten dann unseren Weg suchen.

Wir brauchen einen Rahmen, in dem wir dann unser Leben ausgestalten können. Das möchte ich mit meinen neuen Buch auch machen: Ich habe dafür sehr viel Sekundärliteratur gewälzt und möchte mit den wissenschaftliche Fakten, die ich zusammengetragen habe, eine Orientierung geben, einen Rahmen, der hilft, den eigenen Weg zu gehen und das Bauchgefühl zu stärken.

Wir sollten Kindern das freie Spiel nicht verwehren!

Oder andersherum gefragt: Hast du das Gefühl, dass wir Eltern uns generell verändert haben, vorsichtiger sind, vielleicht mehr helikoptern? Wenn ja: Woran machst du das fest?

Auf jeden Fall! Als ich klein war, auch schon im Kindergartenalter, haben wir in der Straße zusammen gespielt und sind durch die Gärten getobt, bis es Abendessen gab. Heute wird zumindest bis Ende der Grundschulzeit vieles nur noch unter der Kontrolle Erwachsener gemacht. Nach dem Kindergarten und der Schule kommen Sportkurse und Musik und so weiter und den Kindern fehlt dann schlicht die Zeit für freies Spiel und freies Entdecken. Und wenn sie spielen oft unter der Anleitung Erwachsener. Dabei brauchen Kinder das freie Spiel mit anderen Kindern! Unbedingt! Wir sollten es ihnen nicht verwehren.

„Wir sollten die Dinge machen, die uns guttun.“

Was ist denn dein Tipp an alle Eltern zuhause, denne das Loslassen vom Perfektionismus schwer fällt?

Fragt euch: Für wen mache ich das jetzt? Decke ich den Tisch so hübsch, weil es mir gefällt und ich mich dann gut fühle? Oder mache ich es, weil ich denke, es wird so erwartet oder gar, damit ich ein tolles Bild bei Insta posten kann? Ist es zweiteres, dann bitte nicht mehr machen! Gehe ich mit meinem Kind zum Musikunterricht, weil es das wirklich möchte und dafür brennt – oder weil ich denke, ich muss es ja fördern, das macht man halt so? Räume ich das Haus piccobello auf, weil „sonst könnten ja die Leute reden“ oder weil ich mich dann wohler fühle?

Wir sollten die Dinge machen, die uns guttun und nicht weil wir denken, dass man es nun mal so macht oder dass andere es von uns erwarten. Wir können nicht alles 100prozentig machen und wir müssen es auch nicht! Das ist wichtig, sich das auch immer wieder bewusst vor die Augen zu führen.


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