Mädchenclique: noch Freundschaft oder schon Gruppenzwang?
Die „klassische“ Mädchenclique sieht oft so aus: 1 Anführerin, 1 gemeinsame Sprache, 1 exklusiver Club.
Die Mädchenclique: 1 Freundinnen-Talk
Dorothee Dahinden & Dr. med. Judith Bildau
Viele von uns Eltern kennen aus Kinder- und Jugendtagen sowohl dieses wunderbare Gefühl der Zugehörigkeit. Das Gefühl, dass wir – gemeinsam mit den besten Freundinnen der Mädchenclique – die Welt erobern können. Dass wir diese eine gemeinsame Sprache mit den anderen sprechen. Gemeinsam lachen, Spaß haben, Sport machen, abhängen, daddeln oder tuscheln. Eben dieses Gefühl, mit der eigenen Mädchenclique durch dick und dünn zu gehen, bewundernde Blicke auf dem Schulhof zu bekommen, weil die Gang was kann. In der sich alle auf Augenhöhe begegnen. Wobei … genau das kann ja auch plötzlich ins Gegenteil umschwenken. Dann ist es … ritsch … vorbei mit diesem wunderbaren Gefühl im Bauch. Und da sind wir auch schon mitten im Thema.
Wenn in der Mädchenclique dieser Druck herrscht.
Vielleicht war der Druck vorher eher unterschwellig da. Es wollten eben alle diese Jeans oder jene Turnschuhe haben. Genauso der Musikgeschmack – es haben nun einmal alle diese Band gehört. Aber nun kristallisiert sich etwas heraus. Es gibt diese eine Anführerin, die die Regeln macht. Die lenkt, steuert – und den Großteil der Gruppe auf ihre Seite zieht. Und die anderen folgen ihr. Bewundern sie. Wirken beinahe machtlos. Auf einmal entscheiden offensichtlich nicht mehr alle gemeinsam, wer dazugehört – sondern diese eine Person ist eine Art Türsteherin der Mädchenclique. Sie sagt, wer rein darf – und wer nicht.
Falsche Klamotten? Noch keinen Lipgloss? Eine eigene Meinung? Ein cooleres Hobby? Bessere Noten? Freundinnen außerhalb der Clique? Wenig anpassungsfähig? Die Gründe, um nicht „cool genug zu sein“, können vielfältig sein. Und der Druck innerhalb der Mädchenclique wächst. Plötzlich „müssen“ alle diese Turnschuhe tragen. Dieses Hobby haben. Oder eben Mädchen XY doof finden. So nach dem Motto: One Mädchenclique, one Meinung. In diesem Club gelten eben ganz eigene Regeln.

Dann wird aus dem Zugehörigkeitsgefühl ein Druckgefühl. Und die Gewissheit, fremdbestimmt zu sein. Der Weg raus scheint erst einmal schwierig, weil es doch die besten Freundinnen sind und es die doch nicht wie Sand am Meer gibt …
Wie können wir als Eltern helfen?
Als Mütter erinnern wir uns vielleicht daran, wenn unsere Töchter größer werden. Und zwar genau in dem Moment, in dem uns plötzlich klar wird: in der Mädchenclique herrscht Gruppenzwang. Wir merken, dass unsere Tochter extrem unter Druck ist – und wir tatsächlich auch, weil Erinnerungen hochkommen und wir fühlen, dass unser Kind fremdbestimmt wird, gar nicht mehr „frei“ ist, vielleicht öfter traurig ist oder verstärkt wütend wird.
Wir merken, dass unser Kind dazugehören möchte, dieses Freundschaftsgefühl der Gruppe einfach super wichtig ist – und gleichzeitig leidet. Wir wissen, dass es in der Macht der Gruppe steht, das Wort der Anführerin gilt. Dass dafür vielleicht sogar alte Freundschaften auf Eis gelegt wurden oder andere Kinder abgeschottet wurden, die kein Teil der Mädchenclique sind. Wenn die Gruppendynamik sozusagen Opfer auf verschiedenen Ebenen fordert, dann ist das für uns Eltern hart mit anzusehen. Nur: Wie können wir nun helfen und für unsere Tochter da sein und ihr aufzeigen, dass sie immer sie selbst sein darf und eigene Entscheidungen trifft?
Als Freundinnen haben wir, Judith und Doro, genau dieses Phänomen für euch besprochen.
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Unser Freundinnen-Talk über das Thema „Mädchenclique“
Doro: Liebe Judith, ich habe in letzter Zeit öfter über diese Dynamiken unter Mädchen nachgedacht. Dieses starke Bedürfnis, dazuzugehören, scheint ja bei vielen richtig präsent zu sein. Ich habe manchmal das Gefühl, dass gerade die Gruppen besonders anziehend sind, die so eine gewisse Geschlossenheit oder sogar Exklusivität ausstrahlen.
Judith: Ja, Doro, das sehe ich ganz ähnlich. Diese Mischung aus Selbstsicherheit und „Nicht jede darf dazu“ wirkt unglaublich stark. Viele Kinder suchen Orientierung. Und wenn eine Gruppe klar vorgibt, wie man sein sollte, kann das sehr anziehend sein.

Doro: Genau, und gleichzeitig wirkt es manchmal fast wie ein unausgesprochenes Versprechen: Wenn ich dazugehöre, bin ich „richtig“. Mir fällt dabei auch auf, dass es oft einzelne Mädchen gibt, die den Ton angeben.
Judith: Stimmt, diese Rollen bilden sich oft erstaunlich früh. Ich erlebe das auch schon in der Grundschule. Diese Kinder haben ein gutes Gespür dafür, wie Gruppen funktionieren, und nutzen das, bewusst oder unbewusst.
„Druck auszuüben ist dann manchmal ein Mittel, um Kontrolle zu behalten oder Anerkennung zu bekommen.“
Doro: Ich frage mich dabei oft, ob hinter diesem Verhalten nicht auch eine gewisse Unsicherheit steckt. Also dass dieses „Bestimmen“ vielleicht auch etwas kompensiert?
Judith: Das kann gut sein. Viele Kinder sichern sich so ihren Platz. Druck auszuüben ist dann manchmal ein Mittel, um Kontrolle zu behalten oder Anerkennung zu bekommen. Und gleichzeitig fehlt oft noch die Reife, um die Auswirkungen auf andere wirklich zu überblicken.
Doro: Ja, und für die anderen Kinder ist das dann oft gar nicht so leicht zu durchschauen. Von außen würde man vielleicht sagen: „Dann geh doch einfach“, aber so einfach ist es ja nicht.
Judith: Überhaupt nicht. Gerade wenn Zugehörigkeit so wichtig ist, nehmen Kinder viel in Kauf. Deshalb finde ich die Frage wichtig, wann eine Clique eigentlich noch gut tut.

„Man möchte ja helfen, ohne dass das Kind sofort in eine Abwehrhaltung geht.“
Doro: Für mich hat das viel damit zu tun, ob ein Kind sich noch frei fühlt. Also ob es es selbst sein kann oder ob es sich ständig anpassen muss.
Judith: Genau, das ist für mich auch ein zentraler Punkt. Sobald Angst dazukommt – etwas falsch zu machen oder ausgeschlossen zu werden – kippt die Dynamik.
Doro: Und dann stellt sich ja die Frage, woran ich als Elternteil merke, dass mein Kind da vielleicht zu sehr drinsteckt. Ich habe manchmal den Eindruck, dass sich das schleichend verändert.
Judith: Ja, oft sind es eher diffuse Signale. Zum Beispiel weniger eigene Entscheidungen, mehr Orientierung an einer bestimmten Person, vielleicht auch ein verändertes Selbstbild. Das Kind wirkt unsicherer oder weniger bei sich.
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Mehr InformationenDoro: Das stelle ich mir in der Begleitung gar nicht so einfach vor. Man möchte ja helfen, ohne dass das Kind sofort in eine Abwehrhaltung geht.
Judith: Total. Ich glaube, es hilft, im Gespräch zu bleiben, ohne zu bewerten. Also eher gemeinsam hinschauen, Fragen stellen und Interesse zeigen. Und gleichzeitig das Kind immer wieder darin stärken, sich selbst ernst zu nehmen.
„Und wenn man merkt, dass Gespräche mit anderen Eltern schwierig sind oder gar nicht möglich?“

Doro: Ja, dieses „bei sich bleiben dürfen“ finde ich auch einen wichtigen Punkt. Und dann gibt es ja auch die Situationen, in denen man die Dynamik direkt erlebt, zum Beispiel wenn so eine sehr dominante Freundin zu Besuch ist.
Judith: Das sind eigentlich gute Gelegenheiten, um Haltung zu zeigen. Freundlich, aber klar. Also Grenzen setzen, wenn etwas nicht passt, und gleichzeitig vorleben, wie ein respektvoller Umgang aussehen kann.
Doro: Und wenn man merkt, dass Gespräche mit anderen Eltern schwierig sind oder gar nicht möglich?
Judith: Dann finde ich es wichtig, sich Unterstützung zu holen. Schule, Beratungsstellen oder andere Bezugspersonen können da sehr hilfreich sein. Man muss das wirklich nicht alleine tragen.
Doro: Ja, das entlastet vielleicht auch schon ein Stück. Und ich denke mir manchmal: Diese Phasen wirken so intensiv- aber bleiben sie das auch?
Judith: Oft nicht. Gerade in diesem Alter ist vieles in Bewegung. Freundschaften verändern sich, Gruppen lösen sich auf oder finden sich neu. Auch wenn es sich mittendrin sehr festgefahren anfühlt, gibt es da auf jeden Fall Entwicklung und Veränderung.
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