Elternsein

Kontaktabbruch: Von der eigenen Mutter verlassen.

Mama Hanna* gibt persönliche Einblicke in ihre Gefühlswelt! Autorinnen: Annika Rötters & Dorothee Dahinden

Kontaktabbruch zur eigenen Mutter: Mama Hanna* erzählt, welchen großen Schatten das “Erlebte” in ihr junges Familienleben wirft.


* Name von der Redaktion geändert


Hanna ist Scheidungskind. Ihre Eltern haben sich getrennt als sie 19 Jahre alt war. Sie wurde von ihrer Mutter sprichwörtlich “verlassen” – eine bewegende Geschichte. Ich freue mich, dass sie sich bereit erklärt hat, mir (Doro) einen Einblick in ihre Gefühlswelt zu geben. Wir sind über eine Instagram-Story in Kontakt gekommen. Das Interview: ein Vertrauensbeweis. Danke, dass du uns anonym deine Geschichte erzählst, Hanna!

Kontaktabbruch früher – Zweifel heute:

“Meine größte Angst ist, dass ich meinen Erwartungen an mich selbst (…) nicht gerecht werden kann.”

Mama Hanna

Liebe Hanna, ich muss gleich mal so direkt etwas fragen, was mich interessiert. Du bist ja auch Trennungskind – wie ich. Bei mir war es damals (ich war allerdings auch erst 5 Jahre alt) ziemlich klar, dass ich bei meiner Mutter bleibe – du bist bei deinem Vater geblieben. Damals, in den 80ern war das noch ungewöhnlich, heute zum Glück nicht mehr. Aber: Warum hast du dich dazu entschieden, bei ihm zu bleiben und nicht mit ihr zu gehen? Du warst ja 19…

Ich wollte meinen Papa nicht auch noch „verlassen“. Meine Mutter & ich haben das tatsächlich so auch beschlossen, dass das besser ist – auch für mich. Sie hätte beispielsweise auch keine Wohnung anmieten können, in der ich ein eigenes Zimmer gehabt hätte. Damals hatte ich bereits meinen ersten Freund und ich war im Lernstress wegen meines Abiturs.

Wie ging es dir mit der Trennung?

Ich hab’s ehrlich gesagt gar nicht als wirklich tragisch empfunden. Ich habe es als Chance gesehen, dass sowohl meine Mutter als auch mein Vater ein glücklicheres Leben führen können. So, wie sie es sich eben vorstellen. Da ich eh kurz vor einem eventuellen Studium stand und viel bei meinem Freund war, habe ich mein „zuhause“ eh nicht mehr oft „gesehen“.

Es war für beide eine große Umstellung

Und wie sind deine Eltern damit umgegangen?

Ich habe meinen Vater noch nie so voller Emotionen gesehen, wie zu dieser Zeit. Genau diese Zeit hat uns auch viel näher zusammengebracht – worüber ich jetzt (im Nachhinein) auch sehr froh bin. Allgemein war es aber für beide eine starke Umstellung. Für meine Mutter: plötzlich ganz alleine sein. Für meinen Vater: nur mit der Tochter zusammenzuleben und wohnen.

Du hast mir erzählt, dass deine Mutter keinen Kontakt mehr mit dir wollte. Puh! Ehrlich, alleine beim Tippen dieser Frage kriege ich Tränchen in die Augen. Was war los? Warum hat sich das so entwickelt? Magst du  mehr erzählen?

Gute Frage. Ich persönlich glaube, dass es meiner Mutter sehr schwer fiel, dass ich letztendlich bei meinem Vater geblieben bin (obwohl wir das ja eigentlich gemeinsam beschlossen hatten). Ich glaube, dass sie damit nicht so klar kam und keinen Weg für sich gefunden, um damit gut umzugehen. Deshalb hat sie mich (ihre nahestehendste Person) von sich weggestoßen.

Kontaktabbruch: “Ich empfinde kein inniges Mutter-Tochter-Gefühl.”

Was fühlst du, wenn du an das Verhältnis zu deiner Mutter denkst?

Schwierig. Ich empfinde kein inniges Mutter-Tochter-Gefühl. Diese innige Liebe und Zuneigung fehlt. Ist aber vermutlich auch verständlich – nach all der Zeit und den Erlebnissen. Manchmal bin ich wehmütig und wünsche mir genau eine solche Verbindung. Und an anderen Tagen ist es für mich völlig Okay so, wie es ist.

Habt ihr beide mal über den Kontaktabbruch gesprochen? Wenn ja, wie ging das Gespräch aus?

Mehrfach. Immer mal wieder. Aber so richtig (!) ausgesprochen haben wir uns erst dieses Jahr. Ich ging mit gemischten Gefühlen in das Gespräch und habe versucht, mir nicht zu viel daraus zu erhoffen. Das Fazit war, dass wir versuchen den Kontakt wieder aufleben zu lassen – ganz locker und ungezwungen.

Bisher klappt das (von meiner Seite aus zumindest) ganz gut. Aber ich glaube: Das hat auch viel mit meiner Einstellung zu tun, die ich mittlerweile gewonnen habe. Ich bin mir mittlerweile dessen bewusst, wie es ist, ohne die Unterstützung meiner Mutter zu leben. Ich weiß, auf wen ich mich stattdessen in schweren Zeiten verlassen kann – darauf baue ich.

Und wie stehst du zu deinem Vater?

Dadurch, dass wir längere Zeit zusammen (also nur zu zweit) gewohnt haben, haben wir ein enges Verhältnis.

Der Kontaktabbruch wirft seine Schatten voraus!

Du hast mir geschrieben, dass du Parallelen zu deiner Tochter siehst…Welche sind das? Und wovor hast du Angst – das hattest du mir ja bei unserem ersten Kontakt geschrieben…

Manchmal habe ich Angst, dass meine Tochter über ihr Verhältnis mit mir mal solche Zeilen schreiben könnte. Ich möchte die beste Mutter für meine Tochter sein und wünsche mir ein inniges Verhältnis. Meine größte Angst ist, dass ich meinen Erwartungen an mich selbst – aufgrund der Erfahrung mit meiner eigenen Mutter – nicht gerecht werden kann.

Was ist dein persönlicher Wunsch, wenn du dir deine Familie und auch die Beziehung zu deinen Eltern anschaust?

Ich wünsche mir für meine Tochter, dass ich ihr die Mutter bin, die sie braucht und sich wünscht. Dass ich gleichermaßen auch meinen Ansprüchen an mich selbst als Mutter gerecht werden kann. Ich möchte ein Team – eine Einheit – sein. Die Beziehung zu meinen eigenen Eltern rückt durch meinen Fokus auf meine eigenen kleine Familie mehr und mehr in den Hintergrund.

Anmerkung der Redaktion: Hanna und ihre Mutter haben sich die letzte Zeit noch mehr angenähert. Wir wünschen euch alles Liebe!

Zum Thema Kontaktabbruch drei Impulse von unserer Familienpsychologin Dipl.-Psych Annika Rötters

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Foto: Michele Rötters

♥ Okay, erstens: die Bindung zu den eigenen Eltern ist Ausgangspunkt für spätere Beziehungen. Gleichzeitig wird unser Verständnis von Bindung und Beziehung im Erwachsenen-Alter durch viel mehr Erfahrungen geprägt, wie etwa tiefe Freundschaften oder auch Beziehungen.

Zweitens: Die Angst, die gleichen Fehler zu machen, wie die eigenen Eltern, kann gleichzeitig gut und schwierig sein: gut, weil sie uns reflektieren lässt. Schwierig, wenn wir so viel reflektieren, dass wir alles infrage stellen. Hier gilt: bei „Leidensdruck“, und dem Gefühl, nicht mehr handlungsfähig zu sein, ist es völlig okay, sich professionelle Hilfe zu suchen.

♥ Drittens: Sobald wir selber Kinder bekommen, setzen wir uns mit unserer eigenen Kindheit auseinander. Ob wir wollen oder nicht. Ich wünschte, es wäre normaler, sich bei dieser Auseinandersetzung (auch phasenweise) professionelle Unterstützung zu suchen.

Hier erfährst du mehr über unsere Diplom-Psychologin Annika Rötters

Hier findest du Annikas Blog mit vielen tiefergehenden Texten

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