Inkontinent nach der Geburt? Ja! Im Grunde sind alle Frauen, egal, welchen Alters, sehr belastet, wenn sie darunter leiden. Allerdings habe ich erlebt, dass besonders junge Frauen sehr darunter leiden, wenn sie ungewollt Urin verlieren. Sie fühlen sich allein mit diesem Problem und in ihrer Lebensqualität deutlich eingeschränkt.

Aus der Arbeit in meiner Praxis kenne ich viele Frauen, die vor allem nach einer spontanen Geburt unter diesem Problem leiden.

Übrigens verhindert ein Kaiserschnitt keine Inkontinenzsymptomatik! Schließlich wird der Beckenboden ja allein durch die Schwangerschaft ordentlich belastet. Studien zeigen übrigens, dass etwa 38% aller Frauen nach einer Schwangerschaft unter einer sogenannten ‚postnatalen Inkontinenz‘ leiden (1).

Inkontinent nach der Geburt: geschwächter Beckenboden als Ursache
Inkontinent nach der Geburt Medizin kompakt MutterKutter Dr. Judith Bildau
Foto: Dr. Judith Bildau, Frauenärztin & MutterKutter-Autorin

Die häufigste Inkontinenzform nach der Geburt ist die ‚Stressharninkontinenz‘ oder ‚Belastungsinkontinenz‘. Ursache dafür ist ein durch die Schwangerschaft und die Geburt geschwächter Beckenboden und eine damit verbundene eingeschränkte Funktionsfähigkeit des Verschlussapparates der Harnblase.

Sie wird in insgesamt 4 Schweregrade eingeteilt.
Unwillkürlicher Urinabgang…

I. … bei schweren körperlichen Belastungen wie Lachen, Husten, Niesen Hüpfen und Springen.

II. … bei leichten körperlichen Belastungen wie Treppensteigen, Gehen, Hinsetzen und Aufstehen.

III. … im Stehen.

IV: … auch im Liegen.

Inkontinent nach der Geburt: Rückbildungsgymnastik und Beckenbodentraining sind das A und O

Doch was kannst du nun tun? Es ist sehr gut und sehr wichtig, nach einer gewissen Zeit mit der Rückbildungsgymnastik zu beginnen. Ein ganz wichtiger Begleiter sollte ab sofort auch die Beckenbodengymnastik sein. Und das täglich.

Im Rückbildungskurs werden in der Regel wichtige Übungen gezeigt. Du kannst sie übrigens überall machen, auch abends im Bett. Oder auch während den tagtäglichen Wartezeiten, die du ja immer wieder mal hast. Wichtig ist, dass du sie einmal ordentlich gezeigt bekommst. Dafür gibt es theoretisch die Möglichkeit einer Physiotherapie. Mittlerweile bieten aber auch viele Apps oder YouTube-Tutorials Anleitungen an, die richtig gut sind. Oft bieten auch Sportvereine oder Volkshochschulen Kurse an.

Es gibt noch weitere Therapiemöglichkeiten:

Häufig hilft ein konsequentes Training der Beckenbodenmuskultur richtig gut. Allerdings erholt sich nicht bei allen Frauen der Beckenboden vollständig. Da möchte ich ganz ehrlich sein. Aber auch dann gibt es weitere Therapiemöglichkeiten, die ich dir kurz zusammenfassen möchte:

1. Elektrostimulation: Bei dieser Methode wird der Beckenboden mittels elektrischer Stromimpulse trainiert. Das ist vor allem dann erfolgreich, wenn durch die Geburt Nervenbahnen geschädigt sind. Oder auch wenn insgesamt das Gefühl für den Beckenboden eingeschränkt oder der Beckenboden sehr geschwächt ist.

2. Biofeedback: Durch eine anal/vaginal eingeführte Sonde werden beim Anspannen der wichtigen Muskelgruppen des Beckenbodens akustische oder visuelle Signale abgegeben. So lernen die Patientinnen, den Beckenboden ‚wahrzunehmen‘ und gezielt trainieren zu können.

Medikamente, Pessartherapie & Operationen

3. Medikamente: Es gibt einige, gut wirksame Medikamente, die zur Therapie der Stressharninkontinenz/ Belastungsinkontinenz eingesetzt werden. Diese stärken den Blasen- sowie den Blasenschließmuskel. Allerdings sollte eine medikamentöse Therapie immer mit einem Training der Beckenbodenmuskulatur kombiniert werden.

4. Pessartherapie: Um den Beckenboden zu stützen, können sogenannte ‚Pessare‘ in die Scheide eingelegt werden. Diese gibt es in den unterschiedlichsten Formen (Würfel, Konus, Sieb etc.).

5. Operationen: Helfen alle konservativen Maßnahmen nicht, gibt es auch noch die Möglichkeit einer Operation. Diese kann in unterschiedlicher Art und Weise durchgeführt werden. Zum Beispiel kann ein Band unter die mittlere Harnröhre gelegt werden, sodass ihr Winkel steiler wird. Dann kann der Urin nicht mehr so leicht und ungehindert ablaufen. Es gibt aber auch Operationen, bei denen der Beckenboden, insbesondere die Scheide, angehoben und fixiert wird.

Es gibt also eine Reihe von Möglichkeiten. Zunächst sollten erst einmal alle konservativen Maßnahmen ausgeschöpft werden. Damit meine ich vor allem das konsequente Training der Beckenbodenmuskultaur. Ganz wichtig ist, dass sich die betroffenen Frauen an ihren Frauenarzt oder ihre Frauenärztin wenden.

Bitte habt keine Scham! Allein die Zahlen oben zeigen: Ihr seid nicht allein!

Quellen:

1 Dumoulin C. Postnatal pelvic floor muscle training for preventing and treating urinary incontinence: where do we stand?. Obsterics and Gynaecology 2006; 18: 538-543


In meiner Rubrik „Medizin kompakt – Wissen für dich und deine Familie“ informiere ich dich über medizinische Themen. Leicht und verständlich.

Ich bin Dr. Judith Bildau (Werbung für Homepage*). Frauenärztin & Autorin bei MutterKutter.

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