Generation Rotzlöffel? „Bitte“, „danke“, „hallo“ – muss das sein?
Eine Runde Eltern-Entspannung mit Bestsellerautorin Danielle Graf & Diplom-Psychologin Annika Rötters!
„Was für Rotzlöffel, das Benehmen der Kinder von heute geht ja gar nicht“, sagten die am Nachbartisch. Atmen, Leute! – und unseren Artikel lesen.
Generation Rotzlöffel?! Zwischen Anspruch (anderer) und der Realität der kindlichen Entwicklung!
Ihr kennt diese oder ähnliche Situationen vielleicht auch. Euer Kind hat dem Nachbarn nicht laut UND FREUNDLICH „HALLO!“ gesagt, obwohl es ja gar keine 3 Jahre alt mehr, sondern schon ein Grundschulkind ist – und das ja eigentlich können müsste. „Frechheit, Rotzlöffel!“, lästert euer Nachbar auf seinem Balkon am Telefon über dein Kind. Und, ja: es trifft dich. Aber, du denkst dir auch: „Digga, du schaffst ja selbst höchstens ein Begrüßungsgrunzen.“ Trotzdem: Du bist sauer, verletzt – und fragst dich insgeheim doch: Müsste mein Kind nun offen sein und alle grüßen?
Vielleicht hat euer Kind auch einfach nur laut seine Meinung kundgetan. Ist für sich eingestanden. Hat sein Spielzeug verteidigt. Oder eben (mal wieder) bestimmt, wie das Spiel zu laufen hat. Du hörst, wie eine andere Familie urteilt: „Dieses Kind ist so dermaßen egoistisch!“ – und du denkst dir: Danke auch! Wenigstens weiß mein Kind, was es gerne möchte und kann sich durchsetzen. Und doch zweifelst du und fragst dich: Habe ich einen krassen Egoisten erzogen?

Vielleicht wurde dein Kind auch als „strange“ bezeichnet, weil es beim letzten Kindergeburtstag nicht artig und fröhlich „DANKE!“ gesagt hat, als es ein Geschenk bekommen hat. Einfach, weil es überfordert war. Ganz normale Situationen für uns Eltern. Und doch bekommt wohl jede Generation zu hören, dass sie eine Generation Rotzlöffel heranziehen würde. Autsch! Als Eltern könnten wir den Eindruck gewinnen: Wir machen alles falsch. Der Egoismus regiert die Kitas und Schulen. Oder aber …
… wir lesen die Worte zum Thema von Erfolgsautorin, Bloggerin & Podcasterin Danielle Graf & Diplom-Psychologin, Gesprächstherapeutin & Führungskräftetrainerin Annika Rötters, entspannen uns und lernen, was Kinder grundsätzlich so können und wieso der kindliche Egoismus nicht nur natürlich, sondern auch (im bestimmten Rahmen) – evolutionär gesehen – nützlich ist.
„An Kindern rumzumeckern ist für viele Menschen ein Ventil (…) Dass dieses Rummeckern ja eigentlich auch schlechtes und übergriffiges Benehmen ist, wird gar nicht realisiert.“
Danielle Graf @gewuenschtestes.wunschkind über das Bild der „Rotzlöffel“
Liebe Danielle, ich habe immer wieder den Satz gehört: „Kinder sind kleine EgoistInnen.“ Ich empfinde ihn erstmal als total hart und kinderfeindlich, denn, ganz ehrlich: Kinder sind doch auch ein Spiegelbild von uns Eltern. Unseren Umgang miteinander – dem, was wir ihnen zeigen. Also, lange Rede kurzer Sinn: Wieviel Wahrheit steckt denn nun in diesem Satz?

Tatsächlich sind kleine Kinder von Natur aus erst einmal kleine Egoisten. Dabei handelt es sich um einen ausgeklügelten Mechanismus der Natur. Evolutionsbiologisch ist der kleinkindliche Egoismus sinnvoll für das eigene Überleben. Werfen wir einen Blick zurück in die Menschheitsgeschichte, dann sehen wir, dass vor 500 bis 1500 Jahren nicht mal 50 % aller Kinder das 14. Lebensjahr erreichten.
Über die Hälfte aller zu dieser Zeit Geborenen starb! Selbst vor 150 Jahren lag die Kindersterblichkeit noch bei 25%. Zwar ist die Sterblichkeit in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken und liegt heute in Deutschland bei nur noch etwa 0,4%, doch in den 99,99% der übrigen Menschheitsgeschichte waren Kinder quasi dauerhaft gezwungen, um ihr Überleben zu kämpfen.
Verhaltensbiologisch sind unsere Kinder auf dem Niveau von kleinen Steinzeitmenschen!

Daher sind sie von Natur aus darauf bedacht, sich möglichst viele Ressourcen zu sichern. Wer Vorräte anlegen konnte, wer am lautesten Dinge einforderte und wer seinen Besitz am besten verteidigte, hatte die besten Chancen, ein Alter zu erreichen, in dem die eigenen Gene weitergegeben werden können. Unsere Kinder sind also (rein verhaltensbiologisch) noch auf dem Niveau von kleinen Steinzeitmenschen.
Aber natürlich lernen sie im Laufe der Zeit, die Perspektive anderer einzunehmen und dass es sinnvoll ist, kooperativ zusammenzuarbeiten, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Das ist jedoch ein sehr langwieriger Prozess im Rahmen der Moralentwicklung. Grundsätzlich kann man sagen: Je älter ein Kind ist, desto mehr Rücksichtnahme können wir erwarten.
Was hat es für Gründe, wenn Kinder sich „egoistisch“ verhalten, zum Beispiel nicht bereit sind, mal den Tisch abzuräumen, ihre Unterhosen in den Wäschecontainer zu werfen, nur spielen wollen und dabei alles um sich vergessen? Doofe Annahme: Sind sie eventuell einfach nur „Kind“?
Wir Erwachsenen überschätzen ganz häufig den Entwicklungsstand unseres Kindes. Um alles im Blick zu behalten, müssen Kinder ihre Aufmerksamkeit steuern und mehrere wichtige Aspekte im Arbeitsgedächtnis behalten. Im Arbeitsgedächtnis werden sekündlich Umweltreize aufgenommen und verarbeitet. Aufgrund der Menge der Reize muss das Gehirn (scheinbar) irrelevante Informationen ausblenden. Die Kapazität des Arbeitsspeichers ist begrenzt, er wird erst im Laufe des Lebens durch Übung ausgebaut. Je jünger Kinder sind, desto weniger können sie sich merken und desto mehr Fehlertoleranz sollten wir haben. Sie vergessen bestimmte Dinge tatsächlich immer wieder, um die wir sie bitten – das ist keine böse Absicht!
Bedürfnis nach Autonomie statt Rotzlöffel!
Nicht zu unterschätzen ist auch das Bedürfnis nach Autonomie – jede Bitte, zu helfen oder zu unterstützen, erzeugt dann innere Abwehr, wenn Kinder das Gefühl haben, dass sie mehr kooperiert haben, als dass auf ihre Wünsche und Bedürfnisse eingegangen wurde. Hier ist es immer wichtig, hinter die Abwehr zu schauen. Jedes Verhalten hat einen Grund und wenn ein Kind sich permanent verweigert, Dinge zu tun, ist das für uns ein Signal, das wir entschlüsseln sollten.
Und manchmal haben Kinder verständlicherweise auch einfach keine Lust. So, wie wir ja auch häufig. Wir sind meist vernünftig genug, Dinge trotzdem zu tun. Eine solche Vernunft dürfen wir von Kindern noch nicht erwarten.
Oder, nochmal weiter an die Feiertage und sonstige „Geschenke-Tage“ gedacht. Unser Kind schleudert uns entgegen: „Habe ich schon!“, „Nur … das?!“ oder bedankt sich nicht artig bei der Verwandtschaft. Was hat das zu bedeuten? Und wie können wir gelassen als Eltern damit umgehen?
An solchen Tagen sind Kinder meist schon von Grund auf überfordert, so dass es ihnen schwer fällt, die Emotionen zu bändigen. Das ist schön, wenn sie sich wahnsinnig freuen, aber Enttäuschung ist dann eben auch besonders heftig. Wir Erwachsenen haben gelernt, dieses Gefühl zu unterdrücken und nicht darüber zu sprechen, aber Kinder tragen ihr Herz häufig noch ganz unbeherzt auf der Zunge. Das fühlt sich für uns dann befremdlich an, insbesondere, wenn andere Menschen involviert sind.
Wir sollten Enttäuschung einordnen lernen.
Hier spielt Scham eine große Rolle – ein extrem unangenehmes Gefühl. Wichtig ist, dass wir das nicht als unverschämtes Verhalten verurteilen, sondern als das sehen, was es ist: Enttäuschung. Und wir sagen ja immer: Jedes Gefühl darf sein und seinen Platz haben. Dieses eben auch. Natürlich können wir sagen: „Oh, ich dachte, du freust dich darüber. Ich habe mir wirklich lange Gedanken gemacht, was ich dir schenken könnte“ oder auch ganz ehrlich „Leider können wir gerade nicht mehr Geschenke kaufen“.
Unsere schlechten Gefühle in solchen Situationen kommen vor allem daher, dass wir uns abgelehnt fühlen und unser Kind als undankbar empfinden. Dabei haben Kinder bis zum Teenageralter noch gar keinen richtigen Begriff von Werten. Sie wissen nicht, wie lange man für bestimmte Dinge arbeiten muss. Das sollten wir immer im Hinterkopf behalten.
„Es ist definitiv Typsache, wie gerne Menschen mit anderen sprechen.“
Bitte, danke, die Nachbarn, FreundInnen oder KlassenkameradInnen grüßen – zugegeben: Auch im empfinde einige Dinge als grundsätzlich wichtig. Nur, wenn es mal nicht klappt: Was haben auch der Charakter, die allgemeine Stimmungslage oder das Verhalten des Gegenübers damit zu tun, dass unsere Kinder anders reagieren, als wir uns das vielleicht manchmal wünschen würden?
Es ist definitiv Typsache, wie gerne Menschen mit anderen sprechen. Und den extrem introvertierten Kindern ist es super unangenehm, überhaupt mit anderen in Kontakt zu treten. Und das ist leider auch nur bedingt beeinflussbar.
Wir können mit gutem Beispiel vorangehen, damit unsere Kinder sehen, welches Verhalten gesellschaftlich akzeptiert ist. Viele Kinder übernehmen das und grüßen gerne. Für andere bleibt das eine riesige Herausforderung, die sie nur selten bewältigen können. Und das ist okay. Auch viele Erwachsene senken den Blick, wenn sie anderen begegnen und grüßen nicht. Das ist eine Entscheidung, die jede/r für sich selbst treffen muss. Letztlich ist es uns vor allem unangenehm, weil wir denken, die anderen würden denken, dass wir unser Kind nicht richtig erziehen. Das kann und sollte uns aber egal sein.
Hast du auch Beispiele für „das sollte aber schon laufen“, da sollten Familien dran arbeiten. Ich denke zum Beispiel an wilde Kinder im Restaurant. Das kann auch mich nerven.
Ich sage immer: „Die Freiheit des einen endet da, wo die Freiheit des anderen beginnt.“ Solange Kinder Dinge (nicht) tun, die andere nicht negativ beeinflussen, wie bspw. das Grüßen oder Dankesagen (das wir ja auch als Eltern übernehmen können), sollten wir Kinder nicht nötigen.
Wenn allerdings dutzende Menschen in Ruhe essen wollen, dann ist es unsere Verantwortung, dass sich unsere Kinder gesellschaftskonform verhalten. Dann muss ich als Elternteil ganz klar Position beziehen und ein angemessenes Verhalten fordern und im Zweifel das Restaurant zeitweise verlassen, um dem Bewegungsdrang woanders Raum zu geben.
Rotzlöffel jeglichen Alters? Nur das Vorleben hilft!
Weißt du, was ich lustig finde: Von Kindern wird immer erwartet, dass sie dies oder das machen, XY können, sich „benehmen“ – woher kommt eigentlich diese Anspruchshaltung? Denn, wenn ich so manche Erwachsene anschaue – da ist es auch nicht weit her mit Benimm oder Mitmenschlichkeit ….
Das ist ein wirklich guter Punkt! Wenn ich mir das Verhalten der Mitmenschen so anschaue, dann ist das teilweise wirklich unterirdisch! Da wird gedrängelt, genörgelt, sich egoistisch verhalten… Und wahrscheinlich nervt das viele Menschen ebenso sehr, wie mich.
Natürlich wünschen wir uns, dass unsere Kinder genau nicht so werden! Daher bemühen wir uns, ihnen „Benehmen“ beizubringen. Letztlich ist es aber tatsächlich so, dass hier nur Vorleben wirklich hilft. Und in einer Gesellschaft, in der schlechtes Verhalten häufig an der Tagesordnung ist, ist das umso schwieriger. An Kindern rumzumeckern ist für viele Menschen ein Ventil – denn das ist gesellschaftlich irgendwie noch immer akzeptiert. Dass dieses Rummeckern ja eigentlich auch schlechtes und übergriffiges Benehmen ist, wird gar nicht realisiert.
Was antwortest du, wenn – vermutlich eher älteren Menschen – sagen: Ihr zieht da eine Generation von Rotzlöffeln heran…
Ich antworte: Ja – diese Generation ist lebhafter und tritt selbstbewusst für ihre Bedürfnisse ein. Anders als wir, werden diese Kinder glücklicherweise nicht mehr so erzogen, dass sie sich wertlos und hilflos fühlen und ihr natürlich kindliches Verhalten vollkommen unterdrücken, aus Angst, die Liebe ihrer Eltern zu verlieren. Wir sind eine traumatisierte Generation, das ist viel schlimmer, als etwa psychisch gesunde Kinder, die für sich einstehen.
„Richtig“ ist es, Kinder bedingungslos zu lieben!
Und wann machen wir es als Eltern „richtig“ – und was ist überhaupt „richtig“? Was hat der eigene Weg damit zu tun?
Darauf kann es eigentlich keine allgemeingültige Antwort geben, da jedes Kind und jeder Elternteil anders ist. Wobei – „richtig“ machen wir es eigentlich immer, indem wir uns damit beschäftigen, wie Kinder sich entwickeln. Was sie können und was ihnen schwer fällt, damit wir sie nicht überfordern. „Richtig“ ist es, Kinder bedingungslos zu lieben und darauf zu vertrauen, dass sie mit unserer Begleitung auch schwierige Abschnitte des gemeinsamen Weges bewältigen.
Mehr von Danielle erfährst du hier:

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Wer ist nun der Rotzlöffel? Lass mal den Blickwinkel wechseln:
„Das hätte ich mir als Kind nicht erlauben dürfen“ ist im Grunde auch die Aussage eines Schmerzes “
von Diplom-Psychologin Annika Rötters

Du weißt das alles – aber so ein doofer Kommentar hängt dir manchmal noch tagelang nach und Du wünschst Dir, fremde Bewertungen schneller auch für Dich einfach „abhaken zu können“ und Dich von der schlechten Laune fremder Erwachsener nicht so anstecken zu lassen?
Dann kann ein kleiner Perspektivwechsel hier hilfreich sein:
Erwachsene, die sich verletzt fühlen, weil ein Kind nicht „laut und höflich“ grüßt (obwohl sie selbst vielleicht an den meisten Tagen gerade mal ein gegrunztes „moin“ rausbekommen) – oder mit Kommentaren zu „schlechten Erziehung von heute“ auf Momentaufnahmen reagieren, wenn ein dreijähriges Kind im Supermarkt von schweren Gefühlen überrollt wird, sind in dieser Situation auch Menschen, die sich in ihrem Bedürfnis nicht gesehen fühlen. „Das hätte ich mir als Kind nicht erlauben dürfen“ ist im Grunde auch die Aussage eines Schmerzes – eines Kindes, das (früh) lernen musste, dass eigene Gefühle nicht wichtig sind.
Im Gegensatz zu eigenen Kindern ist es nicht Dein Job als Mama oder Papa, fremde Erwachsene in der Regulation ihrer Gefühle zu begleiten – das liegt in ihrer Verantwortung. UND: In dem Moment, in dem Dir der Gedanken-Switch gelingt, dass Du anstatt einer Bewertung Deiner Person einen Ausdruck von Schmerz siehst – der im Kern vielleicht gar nicht so viel mit Dir zu tun hat, kannst Du für Dich (leichter) Deine Grenze ziehen.
Die Aussage einer einzelnen Person vs. Gesamtsituation:
Das heißt nicht, dass Eltern niemals reflektieren sollten, wie wir mit unseren Kindern umgehen – aber gerade dann, wenn Du für Dich als Elternteil schon länger das Gefühl hast, dass Du im Herzen ein*e People-Pleaser*in bist (und vielleicht genau deswegen innerlich so stolz bist, wann immer Dein Kind klar für sich selbst einsteht), kann es hilfreich sein Dir bewusst zu machen, dass umfassende Bewertungen auf Basis einer kleinen Situationen, einer Momentaufnahme, meist mehr über die Person aussagen, die die Bewertung ausspricht, als über die „wahre Gesamtsituation“…. und vielleicht sogar der nörgelnden Person im Supermarkt mit echter Herzlichkeit in Gedanken wünschen, dass sie – egal in welchem Alter – für sich einzustehen lernt, denn dass eigene Bedürfnisse gesehen, geachtet und respektiert werden ist in jedem Alter eine wichtige Grundlage für das psychische Wohlbefinden.
Mehr von Danielle erfährst du hier:
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