Wie sieht eigentlich eine gelungene Trennung aus?
Erziehungswissenschaftlerin Ute Steffens mit Tipps für Eltern in Trennung.
Eine gelungene Trennung ist keine Frage der Moral, sondern eine der Beziehung zwischen Eltern und Kind.
Eine gelungene Trennung?
1. Schritt: bitte keine moralischen Beurteilungen!
Wann immer über Elterntrennungen diskutiert wird, werden diese moralisch beurteilt.
„Wer hat Schuld?“
„Die armen Kinder!“
„Nun reißt euch doch mal zusammen!“
„Ihr müsst euch bemühen, trotzdem Eltern zu bleiben.“
sind typische Aussagen, die in diesem Zusammenhang fallen. Für die Betroffenen sind das Schläge in die Magengrube. Sie verstärken die ohnehin quälenden Schuldgefühle, weil sie es nicht „geschafft“ haben, ihren Kindern die beständige Familie zu bieten, die sie sich so sehr gewünscht haben. Das Selbstvertrauen ist angeschlagen und die Hilflosigkeit angesichts dieser Herausforderung tut ihr Übriges.
Fragt man 17jährige (wie in den Shell-Studien) nach ihren Lebenszielen, so findet sich der Wunsch, einmal eine Familie fürs Leben zu gründen im Ranking Jahr für Jahr ganz weit oben. Das Verrückte daran: Fachleute gehen inzwischen davon aus, dass beinahe die Hälfte aller Familien – mithin die Hälfte der befragten Jugendlichen – mindestens einmal eine Trennung erlebt. Der Wunsch, der so viele eint, ist also zu einem erheblichen Teil eher einer Sehnsucht als einer Erfahrung geschuldet. Vielleicht wiegt das Platzen dieses Traums deshalb so schwer. Vielleicht erleben sich die Betroffenen in meiner Praxis deshalb unisono zu Beginn als defizitär?
Verabschiedet euch von der rosaroten Wolke!

Vor allem die erwachsenen Trennungskinder wollten doch so vieles besser machen als das, was sie selbst erlebt haben. Ihre Familie sollte halten, komme, was da wolle, in guten wie in schlechten Zeiten. Und alle stellen sie fest, dass sie keine Erfahrung im konstruktiven Umgang mit Konflikten, keine Vorbilder für eine gelungene Trennung haben. Sie haben sich an ihrem Wunschbild einer rosaroten Wolke aus Harmonie und dem Bild einer Rama-Familie* (danke Heike!) orientiert, einer oft geradezu kitschigen Vorstellung von Glückseligkeit, in der es gar keine Konflikte gibt.
Wenn ich mich selbst (2022) zitieren darf: Bei einer Elterntrennung haben wir es mit der gesellschaftlichen Normalität eines individuellen Ausnahmezustandes zu tun. Für die Erwachsenen erfüllt sie nämlich, psychologisch betrachtet, alle Kriterien einer massiven Lebenskrise. Alle Bereiche ihrer Identität kommen ins Wanken. Die Betroffenen geraten in einen Strudel, der sie vorübergehend die Orientierung verlieren lässt. Vorübergehend. Denn eine Trennung folgt Gesetzmäßigkeiten, vollzieht sich in Phasen. Damit hat eine Elterntrennung einen Anfang und ein Ende. Das ist eine der guten Nachrichten, für viele das erste Licht am Ende des Tunnels.
„Für Kinder ist diese Trennung, wenn es gut läuft, „nur“ eine Veränderung.“
Die zweite gute Nachricht: Für Kinder ist diese Trennung, wenn es gut läuft, „nur“ eine Veränderung. Ihre Beziehung zu ihren wichtigsten Bindungspersonen, zu jedem einzelnen Elternteil, verändert und – ja – vertieft sich. Wenn Eltern sich auf diese Herausforderung einlassen, dann berichten viele rückblickend, dass die „scheiß Krise“ (da sind sich alle einig) sie in ihrer persönlichen Entwicklung enorm vorangebracht hat. Nämlich dann, wenn sie die Herausforderung angenommen und ihr persönliches Verhalten im Umgang mit den Kindern schonungslos reflektiert haben.
Kinder fordern uns zur Aufrichtigkeit, zu Wahrhaftigkeit heraus. Sie fordern uns dazu heraus, wir selbst und authentisch zu sein, weil sie wissen wollen, mit wem sie es nun, unter den veränderten Bedingungen, zu haben. Wir können uns vor ihnen nicht verstecken. Kinder verlangen Antworten für all die Veränderungen, die Kinder so feinfühlig wahrnehmen, auch wenn wir sie zu vertuschen versuchen, lavieren und herumeiern.
Immer wieder fragen mich Eltern, wann und wie sie ihren Kindern sagen sollen, dass sie sich trennen. Sie sind erstaunt, wenn ich ihnen dann entgegne, was sie selbst dann nur wenig später erleben: „Ihre Kinder wissen doch längst, dass es zwischen Ihnen nicht mehr rund läuft.“
„Kinder, je jünger sie sind, beobachten ihre Eltern ganz genau.“
Entsprechend ihrer Entwicklungsaufgaben und der damit verbundenen inneren Konflikte und Glaubenssätze sortieren und bewerten Kinder ihre Beobachtungen mit ihren alters- und entwicklungsbedingten Möglichkeiten. Wenn Eltern da nicht korrigierend eingreifen, dann führt das zu fatalen Missverständnissen, wie dem, schuld an der Trennung der Eltern zu sein – und dies wiederum begünstigt möglicherweise ein vermeidbares Entwicklungstrauma.
Kinder, je jünger sie sind, beobachten ihre Eltern ganz genau. Sie entnehmen deren Handeln Informationen darüber, ob sie der Welt und sich selbst vertrauen können. Ein Satz wie: “Ich ärgere mich gerade unglaublich über Papa/ Mama – aber das hat ü-b-e-r-h-a-u-p-t nichts mit dir zu tun!“ wirkt dann wahre Wunder. Denn natürlich gehören auch negative Gefühle zum Menschsein dazu. Das klappt, wenn Eltern sich ihre persönlichen Motive, Ängste und ihren Umgang mit den Kindern sowie mit dem Ex-Partner bewusst machen. Nur dann können sie authentisch sein und aus der Verantwortung ihrer Elternrolle heraus und mit Blick auf das Alter ihrer Kinder entscheiden, was und wie sie mit ihrem Kind kommunizieren müssen, damit sie einerseits das kindliche Vertrauen in die eigene Wahrnehmung nicht erschüttern und Kinder andererseits nicht überfordern.
Wenn sich Eltern auf diesen Prozess einlassen, dann erreicht ihre Reflexion eine Qualität, die wir sonst nur aus dem geschützten therapeutischen Raum kennen. Das erklärt auch die kathartische Wirkung auf die persönliche Entwicklung der Erwachsenen als auch auf eine gestärkte Beziehung zum Kind.
*Anm. der Redaktion: Mit Rama-Familie ist das Bild einer „idyllischen“ Familie am Frühstückstisch gemeint, bei der alles ach so perfekt wirkt. Zumindest hat das ein Werbespot der 70er vermitteln wollen. Aus heutiger Sicht präsentiert der Spot weder die Vielfalt an Familienkonstellationen noch die Diversität von uns Menschen. Ein Bild, das völlig alltagsfremd ist und die Probleme von Familien wegwischt.
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