Baby & Kind

Frühgeborene nach Gewicht: “Unser Sohn kam knapp reif zur Welt.”

Mama Vanessa gibt uns Einblicke in ihr Leben. Autorin: Dorothee Dahinden

Wir reden häufig über Frühgeborene nach Zeit, aber nicht über Frühgeborene nach Gewicht. Vanessa Zobel mit ihrer Geschichte.


Liebe Vanessa, wir hören und lesen viel zum Thema “Frühgeborene nach Zeit”, aber weniger – so mein Eindruck – von “Frühgeborene nach Gewicht”. Woran liegt das? Hast du dafür eine Erklärung?

Diesen Eindruck teile ich voll und ganz. Wir haben schließlich selbst erst durch Zufall erfahren, dass unser eigener Sohn eine Frühgeburt nach Gewicht ist. Es ist aber auch eher selten, dass ein Einling, der nach der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommt, unter die Gewichtsgrenze von 2500g fällt.

Frühgeborene nach Gewicht: “Unser Sohn kam knapp reif zur Welt.”

Frühgeborene nach Zeit
Mama Vanessa im Frühjahr 2021// Credit: Vanessa Zobel

Dieser Wert wurde eben festgelegt, weil die meisten Kinder zu diesem Schwangerschaftszeitpunkt schon schwerer sind. Umgekehrt sind viele Frühgeborene nach Zeit, besonders natürlich die extremen Frühchen, auch Frühgeburten nach Gewicht – nur dass sie so nicht genannt werden. Frühgeborene nach Zeit haben ja meist auch mit ganz anderen Schwierigkeiten zu kämpfen. Unser Sohn kam knapp reif zur Welt.

Du bist ja Mutter eines frühgeborenen Kindes (nach Gewicht). Kannst du bitte einmal erklären, was das genau heißt?

Unser Sohn kam bei 38+1 auf die Welt, also nach Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche und nur zwei Wochen vor dem errechneten Termin. Damit zählt er nicht zu den Frühgeborenen nach Zeit. Da er aber unterdurchschnittlich klein und leicht auf die Welt kam, ist er eine Frühgeburt nach Gewicht. Da er nur 2490g wog, hat er nicht die gesetzlich festgelegte Grenze von 2500g Geburtsgewicht erreicht. Die Geburtsklinik musste die sogenannte “Bescheinigung einer Frühgeburt” ausstellen, mit der man dann Anrecht auf verlängerten Mutterschutz hat.

Das U-Heft von Vanessas Sohn Anton als Beispiel! Credit: Vanessa Zobel

Frühgeborene nach Gewicht: “Medizinisch gesehen heißen diese Kinder SGA oder sogar VSGA-Kinder.”

Rechtlich gesehen stehen einer berufstätigen Mutter damit weitere vier Wochen Mutterschaftsgeld zu. Insgesamt also 18 Wochen. In unserem Fall vier Wochen vor der Geburt und zehn Wochen nach der Geburt – plus dem zusätzlichen Mutterschutz von vier Wochen. Medizinisch gesehen heißen diese Kinder SGA oder sogar VSGA-Kinder, d.h.: zu klein für ihr Gestationsalter. Statistisch gesehen werden von 100 gleichaltrigen Kindern 97 größer und schwerer sein als das eigene Kind – zumindest in den ersten Lebenswochen und Monaten.

Unser Sohn liegt unter der Perzentille 3 (P 3) mit seinem Gewicht und seiner Größe. P3 bedeutet, dass von 100 Kindern nur drei so klein wie er sind. P5 würde bedeuten, dass schon fünf Gleichaltrige statistisch gesehen gleich groß wären. P10 würde bedeuten, dass 90 Kinder größer und kräftiger suind. Aktuell sind es 97. Das wird einem als Eltern auf dem Spielplatz schon bewusst. Vor allem dann, wenn man sein eigenes Kind mit den anderen größeren Kindern sieht, die von der Entwicklung (motorisch,sprachlich) mit ihm vergleichbar sind. Eine Frühgeburt nach Zeit kann aber auch auf P5 liegen. Das ist individuell abhängig von Geburtsgewicht (bei uns 2490g) und Geburtsgröße (46cm). Was ich noch ergänzen möchte: Man sieht im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern, dass unser Sohn kleiner und zierlicher ist. Er ist aber nicht generell spindeldürr.


So empfindet das unsere Hebamme Kerstin Lüking

Kerstin Lüking, Hebamme und siebenfache Mutter // Credit: Anne Seliger

An dieser Stelle möchte ich als Hebamme gerne ergänzen: Ich erlebe es heute immer öfter, dass Kinder mit einem Gewicht von 1500 Gramm nach Hause entlassen werden, was nicht nur für die Eltern, sondern auch für uns als Fachpersonal eine extreme Herausforderung darstellt. Dennoch bin ich immer wieder positiv überrascht davon, wie großartig die Eltern diese Situation meistern. Ich bin froh, dass wir Vanessas Geschichte auf MutterKutter erzählen können, weil Einblicke wie diese sehr wertvoll sind.


Würdest du uns einen Einblick in die Schwangerschaft geben? Wie verlief sie? Gab es damals schon Anzeichen?

Meine Schwangerschaft verlief leider nicht unkompliziert. In der 15. Schwangerschaftswoche musste ich im Krankenhaus mit Infusionen behandelt werden, weil ich aufgrund von übermäßiger Schwangerschaftsübelkeit (Hyperemesis gravidarum) kaum Nahrung zu mir nehmen konnte und unter Ketonismus (Fettverbrennung) litt. Im weiteren Verlauf wurde dann noch Schwangerschaftsdiabetes festgestellt. Auf Grund dieser Beschwerden, die  bis zur Geburt andauern sollten, nahm ich kaum zu.

“Es zeichnete sich also schon in der Schwangerschaft ein eher kleines Kind ab.”

Da sowohl mein Mann als auch ich eher kleine und zierliche Menschen sind, war es aber nicht ungewöhnlich, dass unser Sohn schon zu Beginn der Schwangerschaft im unteren Normalbereich bzw. knapp darunter lag. Ab der 30. SSW wurde aber engmaschig kontrolliert, ob er nur klein oder doch unterversorgt war. Es zeichnete sich also schon in der Schwangerschaft ein eher kleines Kind ab. Uns wurde gesagt, dass er drei Wochen hinter gleichaltrigen Kindern wäre. Auf eine mögliche Frühgeburt nach Gewicht wies mich allerdings niemand hin.

Wie war die Geburt? Welche Anfangsschwierigkeiten hattet ihr?

Die Geburt verlief dann leider auch nicht unkompliziert. Nach erfolgtem Fruchtblasensprung und kontinuirlicher Muttermundöffnung sah eigentlich erst mal alles sehr gut aus. Aber ich hatte trotz Wehentropf kaum Wehen. Die Saugglockenversuche verliefen später auch erfolglos, obwohl man den Kopf meines Sohnes schon sehen konnte. So musste er doch per Notkaiserschnitt auf die Welt geholt werden.

“Auf Grund der schwierigen Geburtsumstände bin ich noch heute in psychotherapeutischer Behandlung.”

Mein Sohn musste nach der Geburt intensiv medizinisch betreut werden, weil er einen Geburtsschock erlitten hat und erst einmal begreifen musste, dass er ab jetzt selbst atmen musste. Auf Grund der langen Zeit im Geburtskanal mussten wir beide in den ersten Tagen eine vorsorgliche Antibiotikatherapie erhalten, um keine Infektion zu bekommen. Auf Grund der schwierigen Geburtsumstände bin ich noch heute in psychotherapeutischer Behandlung.

Körperlich haben wir uns beide sehr gut erholt. Aufgrund der Geburtsumstände wurden wir in den ersten Lebensstunden und Tagen getrennt, so dass wir im Nachgang zuerst Bindungsprobleme hatten. Das Stillen hat auf Grund der ganzen Komplikationen nicht geklappt. Ich musste nicht mal abstillen, weil es zu keinem Milcheinschuss kam.

“Ich wurde auf diese Regelung selbst erst ein Vierteljahr nach der Geburt unseres Sohnes durch Lesen eines  Ratgebers zufällig aufmerksam.”

Wann habt ihr denn die Diagnose Frühgeburt nach Gewicht/ SGA erhalten? Und wie habt ihr dann Hilfe bekommen?

Die Diagnose VSGA wurde nur im Entlassbrief des Kinderkrankenhauses an unseren Kinderarzt vermerkt. Diese Diagnose wurde aber nicht mit uns besprochen – weder im Krankenhaus noch in einer Arztpraxis noch beim Hausbesuch der Nachsorgehebamme. Und wir dachten uns nicht weiter dabei. Die Ausstellung der unscheinbaren, rosafarbenen Bescheinigung über das Vorliegen einer Frühgeburt versäumte die Geburtsklinik, was bei Frühgeburten nach Gewicht leider wohl häufiger der Fall ist.

Ich wurde auf diese Regelung selbst erst ein Vierteljahr nach der Geburt unseres Sohnes durch Lesen eines  Ratgebers zufällig aufmerksam. Um alles weitere musste ich mich dann wiederum selbst kümmern: Nach meinem Anruf schickte die Geburtsklinik die Bescheinigung nach. Die Krankenkasse und mein Arbeitgeber mussten dann Mutterschaftsgeld nachzahlen. Ich wiederum musste bereits ausgezahltes Elterngeld an den Staat zurückzahlen. Alle Anträge (Elterngeld, Elternzeit) mussten noch mal geändert bzw. neu bearbeitet werden, weil die Bezugsvoraussetzungen und damit die Dauer nicht mehr passten. Hilfe haben wir an entscheidenden Stellen leider nicht wirklich bekommen. Unterstützt wurden wir durch das Netzwerk “Frühe Hilfen“. Die Familienhebamme hat uns mit ihrem Blick auf die Entwicklung unseres Sohnes sehr geholfen.

Frühgeburt nach Gewicht: “Die Schwangerschaft war eine Ausnahmesituation.”

Würdest du uns einen Einblick in deine Gefühlswelt geben? Wie ging es dir damals und heute? Bzw. auch deinem Partner? Das waren ja Extrembedingungen und die Sorgen sicherlich sehr groß!

Anton mit neun Monaten. Credit: Vanessa Zobel

Die Schwangerschaft war eine Ausnahmesituation. Eine Geduldsprobe. Durch die Vollnarkose, die gesamten Geburtsumstände und die fehlenden Informationen entwickelte sich ein Geburtstrauma bzw. eine Wochenbettdepression. Meine Psychologin spricht von einer Anpassungsstörung bzgl. der Anpassung an die neue Mutterrolle.

Hinzu kommt, dass sich durch die Corona-Pandemie auch die Welt um mich herum geändert hat. Das wochenlange Einigeln, um in der Schwangerschaft keine Infektion zu riskieren, hat sicher auch Spuren hinterlassen. Ich bin sehr froh, dass jetzt wieder Treffen mit anderen Müttern und ihren Kindern im Rahmen von Spaziergängen, Krabbelgruppen oder auch Babyschwimmen möglich sind. Dieser Austausch ist gut für uns Eltern, aber auch für unsere Kinder. Diese Treffen haben uns gezeigt, dass unser Sohn gerne neues entdeckt und nicht gerade schüchtern bzw. zurückhaltend ist. Man sieht durchaus, dass er kleiner und zierlicher ist. Aber man sieht auch, dass er schon krabbelnd die Welt entdeckt, während andere noch liegend die Welt beobachten. Seine Aufgewecktheit bestärkt uns darin, dass es ihm wirklich gut geht. Das beruhigt uns. Er war in der Schwangerschaft ein Kämpfer und er zeigt auch jetzt seine ganze Lebensfreude.

Frühgeborene nach Gewicht: Hier finden betroffene Familien Hilfe!

Wo finden betroffene Familien Hilfe?

Empfehlen kann ich den Bundesverband Das frühgeborene Kind e.V., bei dem ich dieses Jahr selbst Mitglied geworden bin und der im nächsten Jahr auch ein Vereinsheft speziell zum Thema SGA-Kinder herausbringen möchte.

Sollte es rund um die Schwangerschaft, Geburt oder in den nachfolgenden Monaten zu einer sogenannten Wochenbettdepression gekommen sein, möchte ich an dieser Stelle auf den Verein Schatten und Licht e.V. verweisen. Gerade Frühgeburten stellen an die Psyche der Eltern eine besondere Herausforderung. Die Frühen Hilfen sind ebenfalls bundesweit über die örtlichen Stellen formlos, schnell und unkompliziert zu beantragen.

Vielen lieben Dank für diesen Einblick in euer Leben, liebe Vanessa!


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Hier geht es zu unserer Podcast-Folge zum Weltfrühgeborenen-Tag 2020:

“Frühgeborene – so fühlen ihre Eltern und das sollten alle Schwangeren wissen!”

agentur
Credit: dm glückskind


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