Mama Allegra über die Frühförderung ihres Sohnes. Ein Familiengeschichte über ein Kind, das seine eigenen Grenzen, seine ganz eigene Entwicklung und Bedürfnisse hat. Über extreme Situationen und ganz viel Liebe.


enthält am Ende Werbung, unbeauftragt*


„Ich war oft verzweifelt. Ich habe eine Menge geheult.“

Frühförderung als große Familienhilfe. Ein Gastbeitrag von Allegra W.

Kurz nach seinem ersten Geburtstag begann Kind 2 sich zu verändern. Schwangerschaft und Entbindung verliefen normal, nichts Außergewöhnliches. Kurz nach der Entbindung erkrankte ich an Gebärmutterhalskrebs, aber eine OP war glücklicherweise ausreichend. So haben die Kinder davon nichts mitbekommen, der Alltag konnte einfach weiter laufen.

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Mama Allegra. Foto: Allegra W.

Das erste Lebensjahr entwickelte sich Kind 2 zu einem fröhlichen, aktiven Jungen. Krabbeln, laufen lernen, Zähne kriegen, alles wie im Lehrbuch.

Er aß die heiße Suppe mit der Hand.

Plötzlich verhielt er sich aber irgendwie anders. Uns fiel auf, dass er heiße Suppe nicht mehr mit dem Löffel aß, sondern mit der Hand aus der Schüssel löffelte. Ihm tat das augenscheinlich nicht weh, mir umso mehr. Von einen Tag auf den anderen, so schien es, konnte er nicht mehr mit Besteck essen, dabei war er vorher ungewöhnlich gut darin gewesen, besser sogar als seine zwei Jahre ältere Schwester.

Im Kindergarten fand er nicht so recht seinen Platz in der Gruppe und auch keine Freunde. Oft ging er grobmotorisch und rau mit Gleichaltrigen um, was den Eltern natürlich negativ auffiel. Naja, sagten wir uns, das ist ein Junge, der ist halt so. Seine große Schwester war absolut kein Vergleich mit ihrer lieben, ruhigen Art.

Und ich hörte auch immer Stories von Freundinnen die Söhne haben, die mich ebenfalls beruhigten. Ihre Söhne würden die Tapeten von den Wänden pulen, laut schreiend mit Stöcken in der Hand durch die Gegend laufen und sie mit diversen komischen Aktionen in den Wahnsinn treiben.

Manchmal schafften wir es zu zweit nicht, ihn morgens anzuziehen.

Und obwohl es immer wieder Situationen gab, die im Nachhinein betrachtet Anlass zur Sorge hätten geben müssen, haben wir uns immer wieder gesagt “Ach komm, so sind Jungs halt”. Aber Kind 2 brachte uns immer wieder an unsere Grenzen und darüber hinaus. Manchmal schafften wir es zu zweit nicht, ihn morgens anzuziehen.

So saßen wir, zwei Erwachsene mit einem eineinhalbjährigen Kind morgens im Flur, alle waren angezogen und fertig, und brüllten uns gegenseitig an, weil Kind 2 sich partout nicht anziehen ließ und jedes Kleidungsstück wieder von sich riss, sobald wir es ihm angezogen hatten, während Kind 1 daneben saß und uns nur mit großen Augen anstarrte, völlig unfähig, diese Situation zu begreifen. Es gab zwei Morgende, wo ich ihn im Schlafanzug in die Kita brachte. Ihn mit Tränen in den Augen kommentarlos der Erzieherin in die Arme drückte und ging. Mir brach das Herz, diese Situation war grausam, für ihn und für mich, aber es ging nicht anders.

Dann konnte er Gefahren nicht mehr richtig einschätzen. Mit Anlauf kopfüber ab in den Pool, 2,50 Meter tief, ohne schwimmen zu können. Von einem 2 Meter hohen Spielgerüst klettern, auf einem Kinderspielplatz. Kein anderes Kind war an genau diese Stelle gekommen, aber unser Kind schon. Sprang herunter, bremste mit dem Gesicht im Sand, während ich hinrannte und  “NEIN” brüllte, stand auf und wieder hoch. “Noch mal, Mama!”

Er konnte sich selbst nicht mehr spüren.

Jetzt denken einige vielleicht: Der hat halt einen starken Willen und muss seine Grenzen austesten. Aber wenn das eigene Kind sich weh tut, ohne es zu merken, stimmt was nicht. Er konnte sich selbst nicht mehr spüren. Eine seiner Erzieherinnen brachte uns auf das Zentrum für Frühförderung und Frühbehandlung, eine interdisziplinär arbeitende Frühförderstelle. Zuerst war ich entsetzt, verletzt und böse mit besagter Erzieherin! Eine Anfang 20jährige, die mir sagen will, dass mein Kind Hilfe braucht? Nicht normal ist? Ich brauchte eine Woche, um das zu verarbeiten. Wut beherrschte diese Woche, Angst vor der Zukunft und Trauer über die Erkenntnis, dass wir es alleine nicht schaffen würden.

Mit einem entsprechenden Rezept vom Kinderarzt haben wir dort einen Termin gemacht. Man nahm sich lange Zeit für ein intensives Gespräch mit uns als Eltern, und das tat so gut… Sich den ganzen Frust von der Seele reden, einer, der einem zuhört und sagt “Sie machen nichts verkehrt. Alles wird gut, wir kriegen das gemeinsam hin”.

Unser Kind hat sich “nur noch” kognitiv weiterentwickelt.

Unser Sohn wurde sowohl von einem Kinderarzt als auch von einem Psychologen untersucht. Ergebnis (grob erklärt): Kinder entwickeln sich immer in Schüben. Mal machen sie einen Fortschritt im kognitiven Bereich, dann wiederum lernen sie etwas neues im Sozialverhalten – und so weiter. Unser Kind hat sich “nur noch” kognitiv weiterentwickelt. Bedeutet, er konnte problemlos ein 3D Puzzle für 6-jährige mal eben so nebenher zusammen puzzeln, aber er hatte kein Empfinden dafür, dass er mir weh tut, wenn er mir mit der Faust aufs Bein boxt, wenn er was will, weil er sich selbst nicht spürte.

Frühförderung: 2 Jahre lang 2-3 Tage die Woche

Zwei Jahre waren wir jede Woche zwei-, teilweise drei mal im Frühförderzentrum. Morgens, vor der Arbeit, oder auch mittags, wenn es nicht anders ging. Dem Arbeitgeber sei Dank, war das kein Problem.

Pause mussten wir machen, wenn es Kind 2 zu viel wurde, und er keine Lust mehr hatte, überfordert war. Man darf bei alledem nicht vergessen, er war erst zwei Jahre alt! Eine Therapeutin kam zu uns nach Hause, Knetmännchen mit uns bauen. Kind 2 lernte bei ihr auch, anhand einer selbst gebastelten Schablone Emotionen zu zeigen. Wir sind allen Therapeuten so dankbar:

♥ Der Familientherapeutin, die uns mit der Kamera beim Spielen mit Kind 2 begleitete, um das danach mit uns auszuwerten. (Man denkt ja immer, die Kids sind aus einem Stall, was bei einem funktioniert, funktioniert auch beim anderen, aber so ist das eben nicht.)

♥ Der Physiotherapeutin, wo Kind 2 seine körperliche Anspannungen bei einer simplen Fußmassage weg weinte, und ich mit weinte.

♥  Der Ergotherapeutin, mit der er Kiloweise Weißkohl zerhackte, um zu Lernen, seine Kraft zu dosieren.

♥  Bei der Motopädie, wo er mit Matten eine Piratenschaukel baute, lernte, beim Trampolin springen auf Kommando zu stoppen oder Bällen auszuweichen – und wieder seinen Körper und seine Grenzen spürte.

Mittlerweile ist auch Kind 2 in der Schule, hat viele Freunde und kommt sehr gut mit allen klar. Die Ergotherapie wird uns erstmal weiterhin begleiten und für die Grafomotorik müssen wir zusätzliche Aufgaben mit ihm machen, damit das Schreiben genauso gut klappt, wie bei allen anderen.

Wir alle lernen jeden Tag neu dazu!

Die letzten Jahre waren wirklich anstrengend, und ich war oft verzweifelt. Ich habe eine Menge geheult. Die Beziehung zwischen meinem Mann und mir war nicht immer nur Friede Freude Eierkuchen, dem ganzen Stress sei Dank. Aber Kind 2 ist so lieb. Das sagen alle. Und das ist mir so wichtig, bei allem, was schief gelaufen ist oder was er manchmal noch lernen muss, oder auch “falsch” gemacht hat: Er ist in seinem Herzen ein ganz lieber und feiner Kerl, der niemandem etwas Böses möchte! Wenn er kuscheln kommt oder seinen Gute-Nacht-Kuss einfordert, sehe ich immer diesen feinen, lieben Kerl vor mir, egal, wie Scheiße der Tag war. Und er lernt immer wieder neu dazu. Jeden Tag! Wir im Übrigen auch.

Seine Geschichte hat mich inspiriert, zu etwas Neuem, aber das ist eine andere Geschichte, die ich ein anderes Mal erzählen werde.


Lieben Dank dir, Allegra, für das Teilen eurer Geschichte und deinen berührenden Artikel.

Hier bekommt ihr Allegras Buchtipps (das hier ist völlig unbezahlte Werbung/ eine  Empfehlung*):

„Das Geheimnis glücklicher Kinder.“ – Steve Biddulph

„Positiv lernen“ – Fritz Jansen & Uta Streit

„Geschichte Hände“ – Sabine Pauli & Andrea Kirsch

Falls ihr mehr wissen möchtet von der zweifachen Mama Allegra, ihr gerne Kontakt aufnehmen möchtet, weil ihr Fragen rund um das Thema Frühförderung habt – dann könnt ihr das gerne tun. Schreibt mir, Doro, einfach eine Mail. Ich verbinde euch.

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