Feminismus deluxe: Sheila de Liz will eine „bad-ass female army“ gründen. Ihr Ziel: Wir Frauen sollen uns gegenseitig stark machen. Wie genau – das erfahrt ihr in diesem Interview.


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Außerdem hat MutterKutter-Autorin und Frauenärztin Judith mit ihrer Kollegin Sheila noch über ihren Bestseller „Unverschämt„, über die Rolle von uns Frauen in der Gesellschaft und über die Frage gesprochen: Wie – the fuck – schaffen wir Frauen es, auf allen Ebenen glücklich und auch stark zu sein.

Das Interview:

Wie bist du auf diese geniale Buchidee gekommen?

Das Bedürfnis dieses Buch zu schreiben, habe ich im Grunde schon sehr lange verspürt. Mein Gefühl ist, dass, gerade hier in Deutschland, die Kommunikation zwischen Arzt/ Ärztin und Patient/ Patientin sehr holprig und verstockt ist. Ich schreibe wahnsinnig gerne und das eigentlich schon seit meiner Kindheit. Hinzu kommt, dass ich schon immer gerne helfe, vor allem Frauen und Mädchen.

Feminismus
Foto: Dr. med Sheila de Liz
Mein Buch: Gynäkologie für jede Frau verständlich erklärt
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Foto: Dr. med. Sheila de Liz

Schon früher war ich diejenige, die Freundinnen mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat, wenn es zum Beispiel Probleme mit ihren Freunden gab. Ich war immer „Team Mädchen“, habe unterstützt und getröstet. Vielleicht hat das alles gesammelt dazu geführt, dass ich irgendwann gesagt habe: „Jetzt schreibe ich ein Buch und erkläre den Frauen und Mädchen die medizinischen Inhalte, die sie betreffen, so, dass sie für alle verständlich sind!“

Was hat dich dazu bewegt, dich als Ärztin in die Öffentlichkeit, das heißt, auch in die sozialen Netzwerke, zu bewegen?

Ich habe gespürt, dass ich ein „nahbare“ Frauenärztin sein möchte und dass es dazu gehört, sich zu zeigen. Einmal hat eine Patientin zu mir gesagt, dass ich das alles so verständlich und unterhaltsam erklären würde, für sie sei ich die Jamie Oliver der Gynäkologie. Und da dachte ich: „Ja, genau das will ich sein!“.

Bitte macht euch weniger Sorgen, liebe Frauen!

Die, die den Frauen die Dinge erklärt und weiß, wenn sie sie verstehen, verstehen sie auch, dass alles halb so wild ist mit dem eigenen Körper. Und dass sie sich nicht so viele Sorgen zu machen müssen. Und dazu eignen sich Onlinemedien und auch die sozialen Netzwerke ganz hervorragend.

Du greifst auch immer wieder das Thema ‚Feminismus‘ auf und stellst entscheidende Fragen, wie ‚Brauchen wir heutzutage Feminismus überhaupt noch‘? Was ist deine Antwort darauf- brauchen wir ihn noch? Und wenn ja, warum?

Ja, wir brauchen den Feminismus. Und das auf so vielen Ebenen. Es fängt damit an, dass in Deutschland viele Frauen immer noch Berufe ergreifen, die sie finanziell immer benachteiligen werden. Es geht weiter mit Ehegatten-Splitting, das die Frau eigentlich zwingt, zu Hause zu bleiben oder nur wenige Stunden berufstätig zu sein, damit der „wichtige“ Geldverdiener, nämlich der Mann, keine Einbußen hat. Was wiederum auch verhindert, dass er zu Hause bleibt.

Feminismus ist auch für den Faktor Sexualität wichtig!

Feminismus ist auch wichtig, um Frauen in ihrer Sexualität zu bestärken. Ich finde es furchtbar, dass sich so viele Frauen „kaputt“ oder „defekt“ fühlen, weil sie ihre Sexualität nicht so ausleben dürfen wie Männer. Das ist das, was uns Frauen ja immer vermittelt wurde. Und immer noch wird. Natürlich brauchen wir Feminismus. Feminismus bedeutet ja eigentlich nur, dass wir, egal, ob Mann oder Frau, alle gleich sind. Wir haben alle den selben Wert. Unsere Bedeutung und unsere Gleichwertigkeit.

Ich kriege immer wieder Nachrichten von Medizinstudentinnen und Assistenzärztinnen, die davon berichten, dass sie in Studium und Klinik gegenüber männlichen Kollegen benachteiligt werden. Wie kann das sein, wenn mittlerweile seit Jahren die Anzahl der weiblichen Studentinnen überwiegt?

In den Kliniken, wo Lehre und Ausbildung stattfindet, sind es immer noch „die alten, weißen Herren“, die bestimmen. Diese haben ihre festen Vorstellungen, wie die Dinge zu laufen haben. Sie glauben immer noch, das Männer alles besser wissen und können. Ja, wir Frauen werden in den Kliniken benachteiligt.

Und auch im niedergelassenen Bereich ist es so. Auf sämtlichen medizinischen Sitzungen bekommt man doch zu spüren, dass man als Frau nicht ernst genommen wird. Dennoch wissen wir Ärztinnen: Wir sind mindestens so gut, wenn nicht sogar besser, als unsere männlichen Kollegen.

Ich wünsche mir, dass die jungen Frauen weniger Angst haben!

Wie erlebst du die neue Generation von jungen Frauen in deiner Praxis?

Ich wünschte, die neue Generation von jungen Frauen in meiner Praxis wäre aufgeklärter, weniger ängstlich. Sie haben furchtbare Angst, nicht schwanger werden zu können und versuchen es so schnell wie möglich, weil ihre Mütter ihnen erklären, dass es ab 30 Jahren schwierig wird. Ich habe natürlich aber auch junge Frauen, die erst einmal ihr Ding durchziehen. Das finde ich super! Ich wünschte, die neue Generation von Frauen versucht, sich erst einmal selbst etwas aufzubauen, anstatt sich einen Mann „zu sichern“. Der kommt schon von ganz allein.

Ansonsten sind die jungen Frauen sehr interessiert an verschiedenen Verhütungsfragen, auch an hormonfreien Möglichkeiten. Immer noch erlebe ich allerdings, dass sich junge Frauen „nicht in Ordnung“ fühlen, weil sie sich von ihrem Partner einreden lassen, dass irgendetwas nicht mit ihnen stimmt. Das finde ich sehr schade und hoffe sehr, dass sich das noch ändert.

Feminismus: die „bad-ass female army“

Und jetzt erzähl‘ uns mal: Was ist deine „bad-Ass female army“?

Zu meiner „bad-ass female army“ gehören alle Frauen, die wirklich bad-ass sind, das heißt Dinge wuppen, wie Arbeit, Haushalt, Kinder, Studium, Ausbildung. Die wirklich Mut habe. Die Dinge machen, die außergewöhnlich sind und ihren Weg gehen. Egal, was andere sagen. Und natürlich auch die, die es werden wollen! Denn die „army“ hat den Sinn, andere Frauen zu bestärken, zu empowern. Das ist meine Intention: Dass wir eine große kritische Masse haben, die andere Frauen stark macht und erhebt.

Wir Frauen dürfen uns nicht gegenseitig runterziehen!
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Foto: Dr. med Sheila de Liz

Ich habe manchmal das Gefühl, wir können noch so viele Frauennetzwerke haben, noch so viele Frauenbeauftragte, Frauen machen es sich selbst häufig sehr schwer. In vielen Bereichen herrscht diese fürchterliche Stutenbissigkeit, ein gnadenloser Konkurrenzkampf, Neid und ich kriege manchmal körperliche Schmerzen, wenn ich höre, wie Frauen übereinander reden bzw. sich gegenseitig verurteilen. Und dass nicht nur im beruflichen Setting, sondern auch Mütter, Nachbarinnen, Freundinnen. Das lässt mich persönlich manchmal verzweifeln. Weißt du, was ich meine?

Ich weiß ganz genau, was du meinst. Solche Wörter wie „Frauennetzwerk“ oder „Frauenbeauftragte“ hören sich super unsexy an an. Es klingt spaßfrei und verzweifelt und verbittert. Das sind wir natürlich nicht! Natürlich gibt es zwischen Frauen auch viel Neid und Missgunst. Bestes Beispiel: Eine Grundschule. Da sind Mütter, die arbeiten und da sind Mütter, die nicht arbeiten und da hast du schon einen Konkurrenzkampf. Wichtig ist hier: Lasst uns da rauskommen! Lasst uns versuchen, einander die Hand zu reichen! Wenn es wirklich um das Thema geht, welche Mama die „bessere“ ist, die, die arbeiten geht oder die, die zu Hause bleibt, dann müssen wir als eine starke Stimme haben und laut sagen: „Jeder Familie, die funktioniert, applaudieren wir! Und zwar ganz egal, wie.“

Wir sollten in anderen Frauen das Besondere sehen!

Es gibt nichts Perfektes und es muss auch nichts Perfektes geben. Wir dürfen uns nicht gegenseitig runterziehen. Wir müssen uns von dieser negativen Energie frei machen. Wir müssen unsere Mit-Schwestern erheben und in ihnen das Besondere sehen. Mir persönlich tut es zum Beispiel leid, wenn ich sehe, wie viele Mütter an der Grundschule meines Sohnes in ganz einfache Arbeitsprojekte, die man vielleicht sogar im Vorbeigehen erledigen könnte, so viel Arbeitseifer, Logistik und Leidenschaft investieren. Da denke ich, es ist so schade, dass diese ganzen Talente ihre Stärke nicht auf einer anderen Ebene nutzen, um die Welt oder die Gesellschaft zu bereichern.

Frauen leisten jeden Tag so viel, sie haben eine solche Energie, die sie oft im häuslichen Rahmen ausleben. Sie könnten in einem größeren Rahmen ganz, ganz großartige Dinge erreichen und bewegen! Und es ist meine Angst, dass viele Frauen es nicht tun, weil sie sich klein fühlen.

Macht euch nicht zu viele Sorgen! Macht euer Ding, bitte!

Was möchtest du jungen Frauen als Frauenärztin und auch als Frau mit auf den Weg geben?

Ein paar ganz wichtige Sachen: Vertrödelt eure Zeit in den 20ern nicht mit dem falschen Kerl. Schaut, mit wem ihr eure Zeit verbringt. Denn: Eure Zeit ist wichtig! Findet einen Beruf, den ihr liebt und das Geld wird kommen. Tut das, was ihr mögt und was euch wichtig ist! Sorgt euch nicht, wann der beste Zeitpunkt ist für ein Baby. Und auch wenn ihr schwanger seid: Gebt trotzdem Gas! Auch im Beruf. Damit, wenn ihr dann in die Babypause geht, einen Job habt, den ihr liebt, den ihr gut macht und auf den ihr euch wieder freuen werdet.

Nur, wenn wir Frauen es schaffen in vielen Bereichen zu funktionieren, unsere Facetten ausleben dürfen, sowohl als Mama, als auch in einer Berufswelt, die uns viel gibt, die uns unabhängig macht, in der wir etwas wuppen können, dann schaffen wir es. Dann können wir auch viel zurückgeben. Dann haben die Kinder eine glückliche Mama, der Mann hat eine glückliche Partnerin. Und nicht zuletzt: Dann sind wir auch finanziell gewappnet gegenüber irgendwelchen Erschütterungen, die in einem Leben so passieren können.


Mehr über Dr. Sheila de Liz erfahrt ihr auf ihrer Homepage oder auch auf Instagram.

One thought on “Feminismus: „Eure Zeit ist wichtig! Findet einen Beruf, den ihr liebt und das Geld wird kommen.“”

  1. Danke, danke, danke für diesen Bericht. Es wird nicht das letzte mal sein, dass ich ihn lese. Am liebsten würde ich ihn ausdrucken und fett über mein Bett hängen und jeden Abend lesen. Man spürt in jeder gelesenen Zeile die positive Energie in euch. Danke an Dr. Judith Bildau und an Dr. med. Sheila de Liz

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