Essstörung in den Wechseljahren: über das körperliche Selbstbild!
Im Gespräch mit der Hormonexpertin Dr. med. Judith Bildau
Plötzlich verändert sich der Körper – und das Gewicht. Viele Frauen leiden und entwickeln sogar eine Essstörung in den Wechseljahren.
Und wir möchten über dieses sensible Thema sprechen.
Essstörung in den Wechseljahren:
„Nicht das Gewicht ist der entscheidende Faktor, sondern die innere Beziehung zu Essen und Körper.“
Dr. med. Judith Bildau
Unsere Gynäkologin & Hormonexpertin Judith erklärt euch in diesem Artikel, wie sich der Körper in der Lebensmitte verändert, warum viele Frauen unter dem Selbstbild leiden und wieviele von einer Essstörung in den Wechseljahren betroffen sind.
Liebe Judith, kurz und knapp: Was passiert bei der hormonellen Umstellung zu den Wechseljahren mit dem Stoffwechsel und dem Fett in unserem Körper?
Mit Beginn der hormonellen Umstellung, insbesondere durch den sinkenden Östrogenspiegel, verändert sich der Stoffwechsel spürbar. Ohne gezieltes Krafttraining wird Muskelmasse nun schneller abgebaut – und genau diese Muskelmasse ist entscheidend für einen aktiven Stoffwechsel. In der Folge sinkt der Grundumsatz, der Körper verbrennt also in Ruhe weniger Energie als früher.
Gleichzeitig verschlechtert sich die Insulinwirkung, wodurch der Blutzuckerspiegel leichter ansteigt. Auch die Fettverteilung verändert sich: Fett lagert sich zunehmend im Bauchraum an, während Hüften und Oberschenkel weniger betroffen sind.
„Der Körper wird hormonell gesehen „sparsam“.“
Wir ernähren uns gesund, machen Sport, verzichten auf Süßigkeiten – und die Waage zeigt dauerhaft dasselbe oder sogar mehr an. Das war früher anders. Kannst du erklären, was die beginnenden Wechseljahre mit dem Gewicht machen? Und wie ist die Tendenz: Stagnation oder Zunahme?

Die häufigste Entwicklung in der Perimenopause ist tatsächlich eine Gewichtsstagnation oder eine schleichende Zunahme. Der Körper wird hormonell gesehen „sparsam“. Er braucht weniger Energie, verteidigt sein Gewicht stärker und reagiert empfindlicher auf Stress.
Viele Frauen machen objektiv sehr viel richtig, aber die Strategien aus früheren Lebensphasen greifen nicht mehr. Das ist auch das, was ich immer wieder von meinen Patientinnen höre: „Ich mache doch nichts anders!“ oder „Das hat doch immer funktioniert!“ Eines ist mir hier ganz wichtig: Das ist keine persönliche Fehlleistung, sondern eine normale Anpassung des Körpers an die veränderte hormonelle Situation.
Welches Selbstbild haben deiner Erfahrung nach viele Frauen in den Wechseljahren?
Viele Frauen erleben ihr Selbstbild in dieser Phase als stark verunsichert, erkennen sich selbst nicht mehr. Der eigene Körper fühlt sich fremd an, vertraute Kontrollmechanismen funktionieren nicht mehr. Das kann zu Frust, Scham und Selbstabwertung führen. Statt sich selbst mit Mitgefühl zu begegnen, werden viele Frauen sehr streng mit sich; gerade weil sie das Gefühl haben, sie müssten „es doch besser wissen“.
So viele Frauen sind von einer Essstörung in den Wechseljahren betroffen!
Du hast mir erzählt, dass Essstörungen in den Wechseljahren ein Thema sind, das noch kaum bekannt ist. Bitte hole uns da mal rein: Wie viele Frauen betrifft das? Und wie äußert sich das – auch im Vergleich zur Pubertät?
Man geht davon aus, dass etwa fünf bis zehn Prozent der Frauen in der Lebensmitte klinisch relevante Essstörungen entwickeln. Deutlich mehr zeigen ein dauerhaft gestörtes Essverhalten. Sie haben häufig ein stark kontrolliertes „gesundes Essverhalten“, folgen rigiden Regeln, ständigen Diäten oder zwanghaftem Sport.
Das Verhalten wirkt nach außen hin funktional, wird sogar oft bewundert („Toll, wie sie sich in Form hält!“), ist innerlich aber häufig sehr belastend.
Ab wann spricht man denn von einem ungesunden Essverhalten?
Nicht das Gewicht ist der entscheidende Faktor, sondern die innere Beziehung zu Essen und Körper. Ungesund wird es, wenn Essen Angst oder Schuldgefühle auslöst, Hunger regelmäßig ignoriert wird, Gedanken ständig um Kalorien oder den eigenen Körper kreisen oder Sport eher als Pflicht denn als Freude erlebt wird. Kurz gesagt: Wenn Essen und Bewegung nicht mehr dem Wohlbefinden dienen, sondern der Kontrolle.
Ab dann wird es problematisch…
Doofe Frage, aber: Ist der Wunsch, fünf Kilo abzunehmen, „schon“ ungesund?
Nein, dieser Wunsch ist nicht automatisch ungesund. Und natürlich empfehle auch ich als Ärztin meinen Patientinnen, Übergewicht zu vermeiden. Entscheidende der Gewichtsabnahme ist aber die Motivation dahinter und der Umgang damit.
Wenn es um Gesundheit, Wohlbefinden, Beweglichkeit oder das Körpergefühl beim Sport geht und der eigene Wert nicht davon abhängt, ob dieses Ziel erreicht wird, ist das völlig legitim. Problematisch wird es erst, wenn Abnehmen zur Voraussetzung für Selbstakzeptanz wird.
Wozu rätst du, wenn unsere Followerinnen jetzt merken: Ich fühle mich angesprochen. Wie kann ich mir selbst helfen oder wo bekomme ich Hilfe?
Zunächst ist es wichtig zu verstehen: Dein Körper ist nicht kaputt, du hast nicht die Kontrolle verloren, er befindet sich in einer natürlichen Umstellungsphase – du darfst ihn nun neu kennenlernen. Sinnvoll sind ein Fokus auf Krafttraining, ausreichende Proteinzufuhr sowie Stress- und Schlafmanagement.
Gleichzeitig ist es wichtig, die Beziehung zu Essen und Körper im Blick zu behalten. Wenn Essen oder Gewicht gedanklich sehr viel Raum einnehmen oder Leidensdruck entsteht, ist es absolut sinnvoll, sich Unterstützung zu holen – bei Ärztinnen, qualifizierten Ernährungsfachkräften mit Menopause- und Essstörungskompetenz oder auch psychotherapeutisch. Je früher Unterstützung erfolgt, desto leichter lässt sich ein gesunder Umgang wiederfinden.
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