Lieber Herr Hohnsbehn, die Sexualpädagogik ist ein fester Bestandteil der Arbeit von pro familia. Warum ist sie so wichtig?

pro familia arbeitet seit über 50 Jahren auch im Bereich sexueller Bildung. Unsere Arbeit ist darum so  wichtig, weil Sexualität ein allumfassendes Thema für jeden Menschen ist – egal welchen Alters, Geschlechts, welcher Herkunft, Religion, sexueller Orientierung oder sexueller Aktivität. Das heißt, dass wir mit unseren Angeboten alle Menschen ansprechen und ein breites Spektrum abdecken. Wir  finden es wichtig, dass Menschen auch sexuell gebildet sind, damit sie ihre Rechte, z.B. auf  Selbstbestimmung, Gewaltfreiheit und Gesundheit, wahrnehmen können. Es geht also nicht bloß um Aufklärung zu Körperfunktionen oder Krankheiten, sondern um die Befähigung von Menschen, ihre individuelle Sexualität zufriedenstellend ausleben zu können. Und damit das gelingen kann, bieten wir schon Projekte in der Kita an!

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Dominik Hohnsbehn, Diplom-Pädagoge/ Sexualpädagoge

Wann beginnt die sexuelle Entwicklung eines Menschen eigentlich? Erst in der Pubertät oder schon viel früher?

Wir Menschen sind von Beginn an sexuelle Wesen und eigentlich auch schon vorgeburtlich. Denn im Mutterleib entwickelt sich unser Körper, wir nehmen schon Stimmungen unserer Mutter wahr und Föten nuckeln ja bekanntlich auch schon am Daumen. Das kann man ja manchmal schon auf den Ultraschallbildern erkennen. Die Frage ist ja, was wir alles unter dem Begriff „Sexualität“ fassen. Meinen wir nur den Geschlechtsverkehr und die Möglichkeit der Fortpflanzung, dann entwickelt sich
dieser Bereich natürlich erst und vor allem in der Pubertät. Wenn ich von Sexualität spreche, meine ich jedoch noch andere Aspekte wie Sinnlichkeit, Wohlempfinden, Lust, Bindung, Freundschaften, Liebe, Selbstbewusstsein, Rollenverhalten, Identitäten und noch vieles mehr. Man sieht also, dass es aufgrund unseres biologischen Körpers mit seinen Sinnen und Empfindungen, unseren Gefühlen und Bedürfnissen und allen Faktoren von außen, wie Familie, Kultur, Religion, Medien usw., eigentlich keinen Lebensbereich gibt, in dem Sexualität keine Rolle spielt. Und Sexualität ist auch sehr wandelbar und entwickelt sich eigentlich fortlaufend.

Durch das Erkunden, das Spielen, eignen sich die Kinder die Welt an und lernen.

Wie können wir es deuten, wenn unsere Kleinkinder „sich erkunden“? Ist das schon was „Sexuelles“?

Ja, nach meiner erweiterten Definition von Sexualität auf alle Fälle. Kleine Kinder im Krippenalter erkunden lustvoll ihren Körper und kennen dabei noch keine Tabuzonen oder den richtigen Ort oder die richtige Zeit. Sie tun dies einfach aus Neugierde, aus Spaß, zur Entspannung oder zum Stressabbau und gehen dabei oft ganz unbefangen vor. Irgendwann nimmt dann auch das Interesse an anderen Körpern zu und Kinder spielen Körpererkundungsspiele oder betrachten interessiert die erwachsenen Körper der Eltern. Nur: Die Kinder sehen darin überhaupt nichts Sexuelles! Für sie ist es ein Spiel oder eine Betätigung wie Grashalme zupfen, der Möwe hinterher gucken oder das Essen untersuchen. Durch das Erkunden, das Spielen, eignen sich die Kinder die Welt an und lernen.

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Und wie dürfen wir Eltern in solchen Situationen reagieren?

Ich würde da ganz gelassen bleiben. Was spricht denn dagegen, wenn sich Kinder lustvoll selbst entdecken? Ich würde meinem Kind ja auch nicht verbieten, sich den Bauch zu streicheln, die Kniekehle zu kitzeln oder das Haar zu berühren. Warum sollte ich also eine Ausnahme machen, nur weil das Kind gerade an und mit seinen Genitalien spielt? Wir Eltern sollten nur darauf achten, dass sich die Kinder dabei nicht zu doll wehtun und dass sie lernen, dass es Orte oder Zeiten gibt, wo diese Erkundungsspiele gerade nicht passen. Zum Beispiel, wenn eigentlich gerade gefrühstückt wird oder die Nachbarn zum Kaffeetrinken da sind. Kinder müssen dann aber auch gesagt bekommen, wann und wo sie sich erkunden dürfen. Bei Kleinkindern ist die Wickelsituation dafür ja quasi ideal oder die Zeit vor dem Zubettgehen, vielleicht beim Geschichtevorlesen oder so. Und ältere Kindergartenkinder dürfen das dann in ihren Zimmern machen oder in der Kita an extra abgesprochenen Orten wie der Kuschelecke oder dem Snoozelraum.

Wir müssen mit unseren Kindern auch darüber sprechen, was erlaubt ist und was nicht, und was zu tun ist, wenn man Hilfe braucht.

Geradeaus gesagt: Wir erklären unseren Kindern, was wo ist..Ist das auch Ihr Ansatz?

Kinder sind neugierig und stellen unverblümt Fragen. Ich finde es wichtig und richtig, Kindern auch eine altersangemessene Antwort zu geben. Ich bin der Meinung, dass Kinder, die reif genug sind, eine Frage zu formulieren, auch reif genug für eine Antwort sind. Wir Eltern sollten uns nur im Vorfeld einmal mit den typischen Kinderfragen befassen und uns überlegen, wie wir antworten möchten. Oftmals helfen Kinderbücher dabei, heikle oder peinliche Themen mit dem Kind zu besprechen. Auf jeden Fall muss ich mir keine Gedanken machen, mein Kind zu überfordern oder in irgendeiner Weise zu schaden, wenn ich auf dessen Fragen reagiere oder auch mal eine Info zu viel gebe. Was das Kind nicht versteht, wird es vergessen oder einfach darüber nachdenken und mich dann gegebenenfalls wieder fragen.

Wie können wir unsere Kinder stark machen für Situationen, in denen wir nicht dabei sind. Situationen, in denen sie sich nicht wohl fühlen, weil z.B. ein anderes Krippen-/ oder Kindergartenkind bestimmte Grenzen überschreitet?

Indem wir genau das tun, was ich vorhin beschrieben habe: Kindern ein gutes Körpergefühl vermitteln, sie in ihrer Neugier liebevoll begleiten, ihnen Erfahrungsräume öffnen und gleichzeitig Grenzen setzen und stets ansprechbar sein. Wenn Kinder lernen, dass alles rund um das Thema Sexualität „normal“ ist und innerhalb der Familie oder in der Kita besprochen werden kann, wenn sie Begriffe für alle Körperteile haben und sich mitteilen können, wenn sie gelernt und den Mut haben, „Ja“ und „Nein“ zu sagen und auf ihre individuellen Grenzen zu achten, dann stehen die Chancen gut, dass sie aus Situationen, in denen sie sich unwohl fühlen, gut herauskommen oder sich Hilfe holen können. Diesen Rahmen müssen wir Erwachsenen aber stecken, das heißt, wir müssen mit den Kindern auch darüber sprechen, was erlaubt ist und was nicht, und was zu tun ist, wenn man Hilfe braucht.

Was ist denn „normal“ unter Kindern?

Normal ist ganz viel, weil jedes Kind anders ist. Typisch sind für Kinder im Krippen- und Kitaalter die Körpererkundungsspiele – erst bei sich und später auch mit anderen Kindern, sämtliche Rollenspiele wie Familie, Hochzeit oder Kinderkriegen spielen, alle Fragen zu den Körperfunktionen, zu Schwangerschaft und Geburt und den Geschlechtsrollen, das Ausprobieren von unterschiedlichen Rollenstereotypen und die Zeigelust. Dabei kann es dann auch vorkommen, dass Grenzen überschritten werden. Allerdings lernen Kinder auch nur so, wo ihre Grenzen liegen.

Und wann sollten wir eingreifen? Oder sollten wir „geschehen“ lassen? Wir erinnern uns da grad an die Worte einer Freundin, die ihren fünfjährigen Sohn beim gegenseitigen Erkunden mit der Nachbarstochter „erwischte“ und uns die Szene mit einem Lachen beschrieb…

Das finde ich super, dass Ihre Freundin die Geschichte mit einem Lachen erzählt hat! Humor und die nötige Gelassenheit finde ich ganz wichtig! Ich würde mich in der Situation fragen: Geht es beiden Kindern in der Situation gut? Wenn ich das eindeutig mit „Ja“ beantworten kann, gibt es erst einmal keinen Grund einzugreifen. Vorher sollte ich mir aber Gedanken machen, ob es beiden Kindern in der Konstellation möglich ist, selbst zu bestimmen oder ob es ein ungünstiges Machtgefälle gibt. Dies könnte z.B. aufgrund des Altersunterschiedes bestehen, oder aufgrund einer Behinderung oder Krankheit, der kognitiven oder körperlichen Entwicklung oder der sozialen Position eines Kindes.
Wenn in der oben beschriebenen Situation also der Junge mehr als zwei Jahre älter war als das Nachbarsmädchen oder der Junge gelähmt ist und das Mädchen an ihm herumgespielt hat, dann gäbe es schon einen Grund einzuschreiten.

Woran können wir merken, dass irgendetwas passiert ist, was unseren Kindern zu schaffen macht?

Hm, da gibt es nicht das eine Zeichen, welches als Indikator fungieren kann. Aber wenn ich merke, dass mein Kind sich verändert, also z.B. ungewöhnlich still wird oder aggressiv und aufbrausend, wenn es ein stark sexualisiertes Verhalten zeigt oder auch nur verbal mächtig einen drauf macht oder wenn es wieder einnässt, dann kann ich das Gespräch suchen, behutsam und liebevoll nachfragen, aber nicht ausfragen oder verhören. Manchmal braucht ein Kind vielleicht ein paar Anläufe, bis es mir erzählt, was los ist. Wichtig ist dabei, dass ich ansprechbar bin und bleibe. In dem Zusammenhang fällt mir noch ein, dass es ganz ungünstig ist, Kindern zu viele Verbote im Bereich Sexualität aufzuerlegen. Gehen wir mal davon aus, dass viele Kinder einmal bei einem  Körpererkundungsspiel in der Kita beteiligt sein werden, vielleicht auch nur zufällig. Unter Umständen mochten die beteiligten Kinder das Spiel auch noch. Stellen wir uns nun einmal vor, ich hätte meinem Kind verboten, solche Spiele zu spielen, weil ich sie unanständig oder für gefährlich hielte. Mein Kind weiß also, dass es mit Schimpfe oder einer Strafe zu rechnen hätte, wenn es mir von diesem schönen, aufregenden Spiel erzählen würde. Es sagt mir also nichts. Und wahrscheinlich wird es auch versuchen, die anderen Kinder davon abzuhalten, es ihren Eltern zu erzählen, damit ich auch auf diesem Wege nichts erfahre. Das könnte mein Kind mit Erpressung versuchen. Möchte ich das? Gehen wir nun einmal davon aus, meinem Kind sei bei diesem Spiel etwas Unangenehmes widerfahren. Wem soll es sich jetzt anvertrauen? Es steht mit dieser doofen Erfahrung nun ganz alleine da. Spätestens das möchte ich als Elternteil nicht!

Ab  wann sollten wir unsere Kinder aufklären? Und wie sollte dies am Besten geschehen? Wir können ja nicht jahrelang behaupten, dass die Kühe da auf der Wiese „für den Zirkus üben“, oder?

Ich sagte ja schon: Kinder, die alt genug sind, eine Frage zu stellen, sind auch alt genug für eine Antwort. Ich würde meinem Kind immer fortlaufend, wenn sich die Situation ergibt, die Welt erklären. Anlässe für „Aufklärungsgespräche“ gibt es ja ständig! Die Kühe auf der Wiese – oder die rammelnden Hasen, die schwangere Mutter aus der Kita oder die Geburt eines eigenen Geschwisterkindes… Kinder kommen ja ständig mit anderen Menschen und vielen Themen in Berührung, darauf muss ich halt gefasst sein. Bitte warten sie also mit DEM Aufklärungsgespräch nicht, bis das Kind 15 ist, denn dann möchte es solche Sachen von Ihnen unter Umständen gar nicht mehr hören!

Wie bewahren wir unsere Kinder davor, sich Fremden anzuvertrauen. Haben Sie da irgendwelche Tipps für uns?

Wer ist denn fremd? Der Erzieher in der Kita, die Sportlehrerin, die Nachbarn? Die Freunde der Eltern? Ich vermute, dass es bei der Frage darum geht, wie ich Übergriffe von Fremden an meinem Kind verhindern kann. Dazu kann ich sagen, dass der weit größte Teil von sexuellen Grenzverletzungen oder Missbrauchsfällen an Kindern von Personen verübt wird, die aus dem unmittelbaren sozialen Umfeld der Kinder kommen. Täter sind also häufig der Vater, der Opa, der Onkel, der Bruder, der beste Freund der Familie oder Personen wie der Sportlehrer, der Pastor, der Jugendbetreuer. Selten übrigens auch Frauen. Ich kann mein Kind nicht zu 100% vor Übergriffen und sexueller Gewalt schützen, aber indem ich es stärke, schütze ich es so gut es geht!

Wohin können sich Eltern bei Ihnen im Haus wenden, wenn sie noch Fragen haben?

pro familia betreibt 12 Beratungsstellen in Schleswig-Holstein und sechs Fachberatungsstellen zum Thema sexuelle und häusliche Gewalt. Eltern können sich bei Fragen rund um die kindliche Sexualentwicklung an jede Beratungsstelle wenden. Dort werden sie vermutlich mit einer Sexualpädagogin oder einem Sexualpädagogen sprechen. Beim Thema sexuelle und häusliche Gewalt oder Missbrauch steht z.B. die Flensburger Beratungsstelle gegen sexuelle Gewalt an Mädchen und Jungen, WAGEMUT, zur Verfügung oder in Itzehoe die pro familia-Fachstelle Gewalt und Frauenberatung. Die Beratungen können am Telefon oder persönlich erfolgen, meist muss dazu ein Termin vereinbart werden. In der Regel wird diese Beratung kostenfrei sein. Es gibt auch die Möglichkeit einer Online-Beratung unter www.sextra.de. Viele Informationen, Flyer und Adressen der pro familia-Einrichtungen finden hier.


Vielen Dank für das Interview!

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