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persönliche Gedanken

Lehrerin Anika Osthoff erzählt: so sprechen wir über Krieg im Klassenzimmer.

Wir bekommen von der Buchautorin, Lehrerin und Instagrammerin Annika Osthoff persönliche Einblicke in ihr Klassenzimmer. Autorin: Dorothee Dahinden

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Lehrerin Annika Osthoff gibt uns Einblicke in ihr Klassenzimmer: Was erzählt sie über den Krieg? Wie nimmt sie Ängste?

Unser Q & A zum Krieg in der Ukraine.

“Alles, was einem das Gefühl gibt, nicht ganz machtlos zu sein, hilft. Das ist bei uns Erwachsenen ja auch so.”

Lehrerin & Instgrammerin Anika Osthoff im Gespräch

Mit welchen Fragen, Sorgen und Ängsten kommen deine Schüler*innen aktuell auf dich zu? Und welche Antworten gibst du darauf? Könntest du da einen Einblick geben?

Das ist ganz unterschiedlich und natürlich auch vom Alter abhängig. Die Altersspanne ist ja gerade am Gymnasium recht groß. Mit den älteren Schüler*innen sprechen wir sicherlich in erster Linie über Fakten und Zusammenhänge und versuchen die Situation so sachlich wie möglich einzuordnen.

Ich unterrichte im Moment überwiegend bei den jüngeren Jahrgängen (Klasse 5/6). Hier wollen manche Kinder einfach ein bisschen erzählen, was sie gehört haben und fragen nach, ob das stimmt. Ich beantworte dann so gut ich kann oder sage eben, dass ich das auch nachgucken muss und beantworte die Frage dann in der nächsten Stunde.

Anika Osthoff: “Ganz besonders aufpassen müssen wir in diesen Zeiten auf Schüler*innen, die selbst traumatische Flucht- und Kriegserfahrungen gemacht haben.”

Natürlich beschäftigt einige auch die Frage, was das nun für sie konkret bedeutet, da ist es wichtig, die Angst zu nehmen und deutlich zu machen, dass sie nicht selbst von diesem Krieg bedroht sind, aber natürlich einige Auswirkungen zu spüren bekommen.

Ganz besonders aufpassen müssen wir in diesen Zeiten auf Schüler*innen, die selbst traumatische Flucht- und Kriegserfahrungen gemacht haben. Hier müssen wir unter Umständen den schulpsychologischen Dienst mit ins Boot holen, weil wir das gar nicht auffangen können.

Ein besonderes Augenmerk sollten wir außerdem für Schüler*innen mit russischer Astammung haben, die zum einen unbedingt vor Anfeidungen und Diskriminierungen geschützt werden müssen zum anderen aber durchaus auch zum Teil die Meinung vertreten, dass „Putin schon weiß, was er tut“. Es ist äußerst komplex und schwierig, das gerade zu managen.

Lehrerin Anika Osthoff empfiehlt: Routinen und Strukturen helfen.

So gut es geht, versuche ich daher einen ganz normalen Alltag aufrecht zu erhalten. Gewohnte Routinen, Strukturen und Abläufe geben Sicherheit und helfen im Moment allen Kindern.

Wie erklärst du ihnen Themen, wie Macht, Krieg, Kampf um Ressourcen? Und wie nimmst du Ängste? 

Annika Osthoff
Lehrerin und Buchautorin Anika Osthoff// Credit: Sabrina Zeuge

Ich erkläre so sachlich und ruhig wie möglich. Wichtig finde ich dabei, auf kindgerechtes und  alterangemessenes Material zu achten und niemanden durch zu viel Komplexität oder verstörende Details zu überfordern. Weniger ist mehr.

Den jüngeren Kindern helfen, wie gesagt, gewohnte Abläufe. Viele Schulen und Klassen haben auch Friedenszeichen gesetzt, indem sie Friednstauben an die Fenster geklebt oder sich als großes Friedenszeichen auf dem Schulhof aufgestellt haben. Alles, was einem das Gefühl gibt, nicht ganz machtlos zu sein, hilft. Das ist bei uns Erwachsenen ja auch so.

Wir sollten als Lehrkräfte genau hinschauen und das Gespräch anbieten.

Wie äußern sich die Ängste und wie gehen deine Schüler*innen damit um?

Das ist ganz individuell und nicht immer teilen Schüler*innen das mit ihren Mitschüler*innen und Lehrkräften. Andere wiederum sprechen ganz offen darüber und suchen auch Trost. Hier kann man als Lehrkraft eigentlich nur gut hinschauen und Hilfe und das Gespräch anbieten. Einige suchen sicherlich auch Unterstützung bei der Schulsozialarbeit, die an vielen Schulen – wie auch an unserer –  großartige Arbeit leistet.

Welche Infos sollten die Kinder ab welchem Alter über den Krieg haben? Wo sind die Grenzen bei Infos und Bildern aus der Ukraine? 

Man muss da wirklich gut aufpassen, die Kinder im schulischen Kontext nicht zu überfordern. Ich beantworte nur Fragen, die aktiv gestellt werden. Bei diesem sensiblen Thema sehe ich keinen aktiven Bildungsauftrag im Sinne von: „Jetzt müsst ihr alle aber mal ganz schnell einen Crashkurs in ukrainisch-russischer Geschichte machen, um das alles genau zu verstehen.“

Bildmaterial beschränke ich auf Kartenmaterial, alles andere finde ich zu viel, da kann ich gar nicht wissen, was das auslöst.

Wir können zuhause aufklären und so eine sichere Basis bieten.

Selbst wenn wir die Nachrichten aus machen ist es ja so, dass sie schon in der Grundschule viel mehr mitbekommen, als uns das vielleicht lieb ist. Wie gehen wir damit um? 

Das können wir nur begleiten. Wir haben als Eltern nicht immer in der Hand, mit welchen Informationen und Bildern unsere Kinder außerhalb des eigenen Zuhauses konfrontiert werden. Das ist auch außerhalb der ganzen Kriegsthematik so. Das wird sich auch nicht ändern und wir können hier zu Hause aufklären und eine sichere Basis bieten.

Wenn man den Eindruck hat, dass die Gespräche in der Schule zu viel für das Kind sind, würde ich immer das Gespräch mit der Lehrkraft suchen.

Welchen Schutzraum bietet grad der Klassenraum? 

Im Klassenraum kann ich das Material, mit dem die Kinder unter Umständen konfrontiert werden, „filtern“ – also vorher sichten und altersangemessen auswählen. Ich habe das in meiner fünften Klasse auch so gehandhabt, dass ich die Klasse eine Stunde lang aufgeteilt habe. Einige wollten unbedingt mehr zu den Hintergründen des Krieges wissen, andere wollten lieber nicht mehr darüber sprechen. Wer nicht wollte, musste auch nicht darüber sprechen.

So können wir als Klasse helfen:

Wenn Schüler*innen helfen wollen und dich fragen: wie können wir das tun? Was antwortest du da? 

Dann überlegen wir zusammen. Gibt es Spendensammelstellen? Können wir als Klasse sammeln und das eventuell gemeinsam dort vorbei bringen? Manche Schulen organisieren einen Sponsorenlauf, andere verkaufen Waffeln und Kuchen und spenden das Geld.

Und vor Ort können wir auch ganz konkret dabei helfen, ukrainische Kinder in unsere Klassen- und Schulgemeinschaft zu integrieren. Die sind nämlich schon längst bei uns angekommen.

Wie neutral bist du als Lehrerin: musst du politisch neutral sein oder darfst du als Beamtin deine Meinung äußern? Wie gehst du selbst damit um?

Ich muss politisch neutral sein, darf also keine Wahlpropaganda für eine bestimmte Partei im Klassenraum machen. Das bedeutet aber nicht, dass ich keine Meinung haben darf und es keine kontroversen Diskussionen geben darf. Wichtig ist hier der Beutelsbacher Konsens, dieser besagt ganz klar: „Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen.“

Anika Osthoff bezieht einen ganz klaren Standpunkt: “Manche Dinge sind einfach ganz klar falsch.”

Bei einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg muss ich außerdem nicht neutral sein. Auch bei einigen anderen historischen Themen, die ganz klare Menschenrechtsverletzungen darstellen, bin ich nicht neutral. Da beziehe ich auch vor der Klasse einen ganz klaren Standpunkt und finde das auch wichtig. Manche Dinge sind einfach ganz klar falsch.

Gerade im Moment muss das allerdings sehr feinfühlig und differenziert geschehen, da wir auch viele russischstämmige Kinder in den Klassenräumen haben, die unbedingt vor Diskriminierungen und Anfeindungen geschützt werden müssen.

Lasst uns den Fokus auf das Positive richten, rät Anika Osthoff

Gibt es noch irgendeinen Mutmacher, den du Schüler*innen und Eltern mit auf den Weg geben möchtest? 

Ich habe gerade in den letzten zwei Jahren auch viele Momente der Nähe und des Zusammenhalts gesehen, die es vielleicht im normalen Alltag so nicht gegeben hätte. Vieles ist in Bewegung gekommen — digitale Bildung hat schon profitiert und hat Fortschritte gemacht, wenn auch viel zu langsam. Ich glaube aber, dass da jetzt doch was nach vorne geht.

Außerdem sind wir oft nicht so machtlos wie wir uns fühlen. Es gibt immer kleine Dinge, die wir in der Hand haben, Wege, die wir gehen können, Dinge, die wir verändern. Es lohnt sich, darauf den Fokus zu richten.

Mehr über Anika Osthoff erfährst du hier:

Website

Instagram

♥ Anika Osthoff hat gemeinsam mit der digitalen Expertin, Journalistin und Bloggerin Leonie Lutz ein Buch geschrieben: “Begleiten statt verbieten: Als Familie kompetent und sicher in die digitale Welt” erscheint am 16. Mai 2022. Du kannst es jetzt hier vorbestellen. (Affiliate Link* – Für diesen Link erhalten wir eine Provision, wenn über den verlinkten Anbieter (Amazon) ein Kauf zustande kommt. Für dich entstehen dadurch keine Mehrkosten. Für das reine Setzen des Links erhalten wir kein Geld.)


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