Martina Ehrich (51) ist ein Unikat.  Und eine Koryphäe. Wer mit der Kieler Beleghebamme in den Kreißsaal geht, der braucht keine Angst zu haben. Der kann sich fallen lassen. Denn sie ist für alle werdenden Mamas da. Zu 100 %. Eine Erfahrung, die wir beide, Claudia & Doro, machen durften.

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Credit: Irina Höft

Harte Schale, weicher Kern. So die Kurzbeschreibung. Aber Martina ist noch viel mehr. Sie hat das Herz am rechten Fleck. Sie findet im Kreißsaaal die richtigen Worte. Sie ist einfühlsam. Sie agiert lievevoll und professionell. Seit 25 Jahren.

Ich, Doro, muss zugeben: Bei meiner ersten Begegnung mit Martina stand mir kurz der Mund offen. Ich saß grad mit meiner Erstgeborenen im Stillzimmer der Uniklinik als die Tür aufsprang und eine Dame vehement irgendetwas (ich kann mich leider nicht mehr erinnern, um was es genau ging) für eine frisch gebackene Zwillingsmama einforderte. Ich wurde von der Kinderkrankenschwester aufgeklärt mit den Worten: „Jo, das war Martina.“ Damals, eh noch unsicher in meiner neuen Mamarolle, dachte ich: „Hilfe. Oh Gott, die hat aber eine Energie…Die kann ja gefühlt durch Wände gehen…“ Ich war mir sicher: Mit der würde ich niemals in den Kreißsaal gehen, ich Sensibelchen. Nix. da. Stimmt nicht. Ich wurde eines viel besseren belehrt. Martina wurde mir dann für die 2. Geburt von meiner Nachsorgehebamme Meike Nicken ans Herz gelegt. 22 Stunden, drei verschiedene Hebammen, Geburtsstillstand – ein Erlebnis, das ich verarbeiten musste. Auch, weil ich bei meiner ersten Geburt das Gefühl hatte, allein gelassen worden zu sein. Und Meike hatte – natürlich – Recht. Martina war der Mensch, den ich gebraucht habe. Sie hat mit mir gekämpft. Bis zum Schluss. Und in kürzester Zeit mein Herz erobert. Warum – eben weil sie ehrlich ist, die Ehrich. Sie sagt, was sie denkt. Ohne Schnörkel.

Ich habe mit Martina über das Wunder der Geburt, Schlafentzug, drogenabhängige Schwangere und die aktuelle Situation der Hebammen gesprochen. Viel Spaß beim Lesen!


Du bist seit 25 Jahren Hebamme. Warum hast du damals gesagt: Das ist der Job, den ich machen will?

Meine grauenhafte eigene Geburt hat mich dazu bewogen. Als ich schwanger war und ein Kind bekam und ich da auf dem – ich nannte es damals Tisch – lag… also als ich da im Kreißsaal lag, da habe ich gedacht: „Nee, das muss anders gehen.“ Ich fand uns desolat aufgeklärt, informiert und auch ganz furchtbar schlecht begleitet von der Kollegin, bei der ich glücklicherweise Jahre später Praktikum gemacht habe und bis dahin immer noch dachte: Vielleicht lag es an mir oder am Alter. Heute weiß ich: Es war einfach schlecht. Und darum wollte ich Hebamme werden.

Was war denn für dich so schlecht?

Die Betreuung an sich. Und die doofen Sprüche. Ich kann das ja auch wunderbar, aber die Dosis macht das Gift.  Zum einen durfte man niemanden mitbringen vor über 30 Jahren. Weder deinen Partner noch eine Mutter oder Freundin. Das war ja nicht so wie heute. Du wurdest praktisch mit regelmäßigen Wehen an der Kreißsaaltür abgeliefert. Dann wurdest du untersucht. Aber es war nicht so, dass jemand mit dir gesprochen hat und gesagt hat: „Mensch, da muss der Muttermund aufgehen“ und „Jede Wehe öffnet den zunehmendst“ und so weiter,  sondern es hieß: „Die ist noch nicht so weit!“ oder „Ja, wir  gehen!“ – es wurde einfach nicht mit dir gesprochen, sondern über dich.

Was meinst du denn dumme Sprüche? Was musstest du dir denn anhören?

„Hast du auch so geschrien als es reinkam?“ – zum Beispiel. Und ich habe gar nicht geschrien, möchte ich dazu sagen. Ich dachte, es lag vielleicht an meinem Alter. Ich war ja minderjährig. Ich hätte es nicht auf die Zeit geschoben. Ich habe es damals schon so gesehen, dass eine Geburt etwas ganz besonderes ist.

Wie alt warst du?

17. Deine Hauptansprechpartner, das waren ja deine Mutter oder Großmutter, die dann natürlich auch sagten: „Ja, so ist das nunmal!“

Schmerzen sind normal…

Ja! Und das wollte ich nicht so hinnehmen. Ich habe gedacht: Dieser Schmerz, diese Schmerzbegleitung, kann auch angenehmer gestaltet werden.

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Credit: Irina Höft

Und dann hast du gesagt: „Das war so schlimm, ich mache es anders? Ich werde jetzt Hebamme!“

Ich habe als erstes zu meiner Mutter gesagt, dass ich es unglaublich finde, wie man Geschwister haben kann. Also ich wollte das ganz sicher niemals mehr. Ich habe auch nur ein Kind, aber das ist nicht der Grund, da kamen noch andere Lebensbedingungen zu. Aber damals habe ich das so gesagt, ja.

Das heißt: Du bist dann in die Ausbildung gegangen.

Ja, das heißt: Erst einmal hatte ich noch einen Säugling. Aber ich war damals noch Kindergärtnerin. Auch aus Leidenschaft und Überzeugung. Ich bin ja auch ein Mensch der klaren und offenen Worte – und das schätze ich auch an Kindern. Das mag ich zum Beispiel in der Erwachsenenwelt nicht. Dass oft so getan wird, als ob…

Ich könnte mir eine Leben ohne Kinder gar nicht vorstellen. Das war schon ein toller Job, aber ich wollte Hebamme werden. In den 80ern und 90ern war es so: Wenn man die Ausbildungsstelle zur Hebamme kriegte, war es ein 6er im Lotto. Heute ist das nicht mehr so. Die Stellen werden gar nicht mehr besetzt, weil sich einfach die Zeiten verändert haben. Zu meiner Zeit war es – in Anführungsstrichen „besonders schwer“, weil ja noch die Mauer fiel und die ganzen Mädels dazukamen. Ich habe tatsächlich sieben Jahre auf den Ausbildungsplatz gewartet.

Mit welchem Ansatz bist du dann in die Ausbildung gegangen?

Erstmal war das auch für mich auch ein 6er im Lotto. Vorstellungsgespräche hatte ich so gut wie gar nicht. Es gab 12-15 Stellen. 10 wurden vergeben. 5 wurden verlost.

Ich habe dann überhaupt verstanden, was so passiert ist. Mit mir selbst. Das fängt bei dem Schmerz an und hört bei der Geburt mit dem Dammschnitt auf. Und so weiter und so fort.

Die Theorie war das Eine, die Praxis das Andere. Sie musste ja erst erlernt werden. Es war ja eine Ausbildung. Daran konnte und wollte ich auch nichts ändern, aber an der Betreuung an sich und das habe ich schon als Hebammenschülerin anders gemacht. Manchmal sehr zum Leidwesen „meiner alten Hebammen“.

Wie jede Ausbildung endete auch meine mit dem Staatsexamen. Na, Doro, mit welcher Note habe ich bestanden? (lacht) Ab jetzt konnte es losgehen. Vollzeithebamme, angestellt in der Klinik, schließlich wollte ich jetzt Hebamme sein und Berufserfahrung sammeln.

Für mich war und ist es kein Beruf, sondern Berufung!

Ich durfte dich ja auch erleben und bin bis heute dankbar dafür. Du wurdest mir ans Herz gelegt. Was ich gemerkt habe, was glaube ich wiederum auch dein Credo ist: Du bist nicht nur ehrlich, du bist auch „da“. Und zwar in jeder Sekunde. Von der Kreißsaaltür bis zum Ende. Ist das auch das, was dir persönlich wichtig ist?

Ja. Ganz genau. Und das hätte ich mir auch gewünscht.

Ich merke auch während der Geburt, wann es Zeit ist, mal zu gehen. Für mich oder eben auch das Paar. Und sonst wünsche ich mir, dass man mir sagt: „Ach, Mensch, bleib doch hier.“ Oder: „Können wir jetzt mal zehn Minuten alleine sein“ und und und. Ich mag gerne ehrlich kommunizieren.

25 Jahre – das ist eine lange Zeit. Hast du nach dieser Zeit schonmal gedacht: Jetzt habe ich die Schnauze voll? Oder eben so gar nicht? Ich hatte jedenfalls das Gefühl: Du machst diesen Job von Herzen..

Ja, ich mache diesen Job von Herzen. Ich würde ihn noch machen bis ich 100 bin.

Und, nein: Ich habe nicht wirklich „die Schnauze voll“, könnte jedoch auch manches Mal im Kreis kotzen, wenn ich wieder los muss, obwohl ich doch gerade sooooo müde bin oder ausnahmsweise ‚privat‘ etwas anderes vorhatte.

Was man ganz klar sagen muss: Das Sozial- und Privatleben ist so gut wie nicht vorhanden. Das würde dir zwar auch jeder Schichtdienstler sagen. Ich habe aber 24 Stunden Rufbereitschaft das gesamte Jahr. Ich habe zwei Wochen Urlaub im Jahr und das strengt mich zunehmendst mit dem Alter an.

Eben weil du als Schwangere heute so auf den Kopf gestellt und betreut wirst. Heute wird ja ein Geburtsdatum angegeben, mit dem der Laie sozusagen losrennt. Es werden 3 Prozent an dem Tag geboren und 97 an einem anderen. Das heißt für mich: immer Rufbereitschaft.

Wieviel Privatleben hast du denn noch?

Wenn ich das so in Prozent sagen soll, würde ich sagen: 15.

Das ist krass wenig. Was bewegt dich denn dazu, den Job noch mit so viel Leidenschaft zu machen, wie all die Jahre zuvor?

Ich lebe meine Arbeit und kann auch gar nicht aus meiner Haut. Da sind wir wieder bei dem, was ich mir damals gewünscht hätte…
Du musst du dich entscheiden, ob du Beleghebamme mit Rufbereitschaft sein willst oder eben nicht. Ich habe mich vor vielen Jahren entschieden, dass ich ‚da bin, wenn du mich brauchst‘.

Das Angestelltenverhältnis in einer Klinik bedeutet zwar meistens geregelter Schichtdienst, Freizeit und Urlaub, gleichzeitig aber auch, dass man auf ‚fremde Frauen‘ trifft, die du zu betreuen hast. Nun ist es nicht selten, dass du die 3. Hebamme bist, die die inzwischen ‚mürbe Frau‘ betreut und du gar nicht ihre Welt bist. Dann hast du verloren, da kannst du dich auf den Kopf stellen. Das macht keinen Spaß und es ist in dieser intimen Situation wichtig, dass die Frau dich mag und sich wohlfühlt. Du als Hebamme sollst dich aber auch wohlfühlen, wie ich finde.

Eine Patientin schrieb mir mal in die Karte: „Liebe Martina, du bist wie Mary Poppins, weil du für jedes „Problem“ eine zauberhafte Lösung hast “ – das hat mich fast zu Tränen gerührt. Aber natürlich gab und gibt es Frauen, die mich richtig Scheiße finden – da muss und kann ich gut mit leben. Ich mag ja auch nicht jede.

„Nichtgefallen ist schließlich kein Behandlungsfehler!“ (lacht)

Mit welchem Gefühl gehst du denn heute noch in den Kreißsaal?

IMMER  mit einem Guten! Ich gehe auch nach sooo vielen Jahren sehr gerne zur Arbeit, weil ich weiß,  dass das Schöne ‚auch mich belohnt‘!

Als Konsequenz für die Zukunft ist es aber so, dass ich tatsächlich mal quartalsweise aussteigen werde, was ich ja jetzt schon gemacht habe. Um einfach mal Freizeit zu haben.

..das ist hammeranstrengend für den Körper, oder?

Ja! Hammer.

Und wann holst du den Schlaf nach?

NIE! Denn das kann man ja gar nicht. Man kann ja auch nicht vorrauchen, sondern nur viel! (lacht)

Darum ist das Privatleben so gut wie nicht vorhanden. Ich überlege mir 5 Mal, ob ich noch ‚weggehe‘, Familie, oder Freunde treffe oder lieber auf der Couch liege und versuche ‚zu ruhen‘, was wiederum zu enormen Schlafstörungen führt, die ich natürlich seit vielen Jahren habe. Mehr als einmal bin ich während des Kaffeetrinkens bei meiner Schwester oder Freundin eingeschlafen. Einfach so. Mitten im Gespräch.

Der Moment, in dem du das Kind im Arm hältst..

(lächelt) Es ist immer wieder toll. Es ist immer wieder das Gleiche und jedes Mal anders. Das ist der Grund, warum ich nachts aufstehe. Weil ich es so faszinierend finde. Ja, ich finde eine Geburt einfach faszinierend. Und bin jedes Mal total beeindruckt, dass ich dabei sein darf bei dem Paar, wenn es eben Eltern wird. Das ist einfach toll.

Was fühlst du dann?

Freude. Einfach nur Freude.

Wieviele Kinder hast du in den 25 Jahren entbunden. Weißt du das?

Hmm.. Ich war mal in Vollzeit angestellt. In Teilzeit. Nun bin ich seit zehn Jahren selbständig…Ich würde denken: So 2500!

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Credit: Martina Ehrich

Das irre. Dir kann man nichts mehr vormachen, oder?

Das, liebe Doro, denke ich auch (lacht). Ich glaube, dass ich menschlich wie geburtshilflich so ziemlich alles erlebt habe.

So gibt es zum Beispiel Frauen, die rennen 14 tägig zum Frauenarzt, zahlen viel Geld dafür, dass sie immer ’schöne Ultraschallbilder‘ kriegen, googeln sich um Kopf und Kragen, um dann zu sagen: „Ich möchte natürlich und selbstbestimmt entbinden, darum entbinde ich zuhause.“ Andere dagegen machen es ähnlich, sagen aber ziemlich früh, dass sie lieber auf der sicheren Seite stehen und darum einen geplanten Kaiserschnitt haben wollen und es super toll finden den Geburtstag des Kindes zu bestimmen. Dazu sage ich klar und konsequent: „Nein! Danke!“ – diese Art Mensch liegt mir gar nicht und wird deshalb auch nicht von mir betreut, um es mal in meinen Worten zu sagen.

Ich finde beratungsresistente Menschen, die glauben, dass die Sonne nur wegen ihnen aufgeht, einfach nur ätzend!

Du bist sozusagen die Mitte?!

Ja. Mit mir gehst du in den Kreißsaal – wie du ja erlebt hast – man lässt mich da komplett in Ruhe, man lässt mich schalten und walten und hat auch Vertrauen in meine Arbeit. Aber auch ich kann aufs Knöpfchen drücken und habe den gesamten Apparat innerhalb von 30 Sekunden da stehen, wenn es nicht gut läuft. Und das ist für mich das Beruhigende!

Über dich wurde gesagt: Wenn du Martina nimmst, die steht für dich ein. Die bekommt die Kinder notfalls irgendwo auf einem Supermarktparkplatz…

Das würde ich so unterschreiben.

Du bist ja auch Familienhebamme. Was heißt das eigentlich genau?

Das ist eine ‚Weiterbildung‘, die sporadisch – über ein ganzes Jahr verteilt – stattfindet. Also immer wochenweise. Es geht um ’schwierige Lebensbedingungen‘, die da wären: Häusliche Gewalt, Kindeswohlgefährdung, Drogen. Dort werden zum Beispiel Fallbeispiele vorgestellt, in Arbeitsgruppen Themen erarbeitet und ausgewertet und endet mit einer Hausarbeit, sprich ‚Prüfung‘.

Im Grunde wird dir Handwerkszeug an die Hand gegeben. Es entstehen Netzwerke und Kontakte, an die du dich im ‚Ernstfall‘ wenden kannst.

Das heißt, du hast wahrscheinlich schon viel erlebt…

Ja, das ist meistens hart und traurig zugleich! Ich persönlich kann auch nur 2 Frauen im Jahr so intensiv betreuen, weil es immer sehr aufwendig ist, sprich: Die Betreuung an sich, Hilfeplangespräche, Dokumentation usw.

Gibt es da irgendeinen Fall, der dir in Erinnerung ist, bei dem du an deine Grenzen gekommen bist?

Oh ja, den gibt es immer mal wieder, leider! Dafür reicht der Platz hier aber nicht. Nur soviel: Kindeswohlgefährdung der übelsten Art. 3 Kinder unter 4 Jahren im Dezember nackt auf dem Skandinaviendamm! Wer die Straße kennt, weiß, wovon ich rede… Nachbarn waren so freundlich und ’sammelten‘ die inzwischen blau gefrorenen Kinder ein und brachten sie zur ‚Mutter‘. Diese schlief aber, wie eigentlich immer. Das war ein Vormittag. Leider hat auch bei der Frau der Tag 24 Stunden… Was da abging, war zum Schreien!

Jugendamt, Kinderschutzbund, Familienhilfe, also der ‚ganze Staatsapparat‘ war installiert. Noch ein Gespräch, noch mehr Hilfe und von Seiten der ‚Mutter‘ passierte wenig bis gar nichts.

Das Ganze zog sich vom ersten bis irgendwann fünften Kind so hin. Alle Kinder natürlich verhaltensauffällig, alle in irgendwelchen Therapien. Am Ende kamen sie ‚alle weg‘. Das war natürlich nicht das Ziel. Aber es gibt Frauen, für die kannst du dir den Arsch aufreißen und sie meinen immer noch, dass es deine Pflicht sei zu ‚helfen‘. Das ist wie Perle vor die Säue werfen! Mehr möchte ich wirklich nicht dazu sagen, als nochmal: „Ja, Doro, ich habe schon ‚fast‘ alles erlebt!“

Nun will ich aber auch was Schönes sagen (lächelt): Es gibt viele Mädels (so nenne ich all ‚meine Frauen‘), denen einfach nur eine Freundin oder Mutter fehlt. Sie selbst sind schon ‚im Abgrund‘ geboren, mussten als Kinder Flaschen sammeln, damit sie was zu essen bekamen und haben sich natürlich als Jugendliche schon vorgenommen, es später, wenn sie selbst Mütter sind, alles ganz anders zu machen – und machen es auch (lächelt).

Sie nehmen Rat an, hinterfragen vieles und sind stets bemüht ‚alles richtig‘ zu machen. Diese Mädels liebe ich! Die dürfen mich auch nachts anrufen, wenn es bei ihnen brennt!

Wenn jetzt eine Schwangere kommt, die drogenabhängig ist – den kennst du den Fall, oder?

Ja, natürlich. Die meisten sind bereits in einem „Drogenprogramm“.(Methadon/Polamidon) Sie werden natürlich ärztlich „überwacht“.

Wie hilfst du den Frauen?

Als meine Aufgabe sehe ich das Bestärken, ohne Beikonsum ‚klarzukommen‘. Ich begleite sie auf Behörden und zu Ärzten, denn oft sind diese Patientinnen schneller überfordert mit bestimmten Situationen.

Mal ein ganz anderes Thema. Die Situation der Hebammen, die geht ja immer wieder durch die Medien. Wie würdest du sie beschreiben. Ich habe von einigen deiner Kolleginnen gehört, dass sie Angst haben, dass der Job irgendwann abgeschafft wird.

Nein, ich habe keine Angst das der Beruf abgeschafft wird, sondern einfach immer mehr beschnitten wird.

Aber es gibt doch kaum noch Beleghebammen…

Stimmt! Jetzt sind es nur noch 5, die so arbeiten wie ich.

Das ist ja nichts eigentlich…

Wundert es einen?! Ich sage nur: 24/7!

Aber ein Faktor sind sicherlich auch die Kosten, oder? Die Haftpflichtverischerung ist immens.

8000 Euro..

…im Jahr. Das ist ja irre. musst du ja erstmal erwirtschaften…

In der Regel steigt die Haftpflicht pro Halbjahr um 23-24 Prozent.

JA, aber wie sollt ihr euch das noch in Zukunft leisten?

Ja, das wird man sehen. Da kann man im Grunde genommen nur mit der geburtshilflichen Klinik, in der man Beleggeburten macht, ins Gespräch gehen mit einer Kostenbeteiligung. Letztendlich bringen wir alle ja auch viele Frauen.

Es wird natürlich auch die Beteiligung pro Patientin, der Eigenanteil, steigen. Es wird Frauen geben, die werden das zahlen. Andere werden es nicht zahlen.

Aufgrund der Klagegefahr oder warum…?

A) Ist Personenschaden ist nicht wirklich bezahlbar, aber wir haben nicht  mehr Schäden. Wir haben mehr Klagen. Das hat eben auch mit der Entwicklung in dieser Welt zu tun. Medien, um es nochmal zu sagen, haben da sicherlich viel dazu beigetragen. Ich entstamme einer Generation, ich bin selber auch eine Hausgeburt, das ist kein Poblem. Also: Ein Kind kriegen, das ist keine Zauberei, aber in meiner Generation gab es durchaus viele Familien, wo es nicht so optimal lief. Wo entweder Kind oder Frau verletzt wurde, um es mal vorsichtig zu formulieren.  Da hat aber keiner geklagt.

Heute hast du als Hebamme gerne mal eine Klage am Hacken, wenn das Kind eingeschult wird und die Lehrerin feststellt, dass das Kind eine Brille braucht. Da gibt es durchaus Frauen, die sagen: Da hatte die Hebamme Schuld. Es ist natürlich aussichtslos auf Erfolg. Nichtsdestotrotz muss der Jurist bezahlt werden.

Offenbar hat sich ja das Verständnis von der Geburtshilfe verändert, wie ich das verstehe. Wie stellt sich deiner Meinung nach das Gros der Frauen heute eine Geburt vor? Und was erwarten Schwangere von dir als Beleghebamme?

Eine Hebamme wurde ausgebildet, um eine gesunde, schwangere Frau allein zu betreuen und zu entbinden! Das wollen aber die Wenigsten! Die Masse wünscht sich ein ‚Gemisch‘ aus ‚muckelig und mitredend, mit der Komponente der ’sicheren Seite‘,  sprich Klinik und Arzt. Das ist meine persönliche Erfahrung. Darum arbeite ich so!

Vielleicht arbeite ich aber auch schon zu lange an einem sogenannten Level 1-Zentrum. Man kann sich nicht vorstellen, was selbst wenn ein gesundes Kind geboren wird, noch in der Nachgeburtsperiode passieren kann. Ich habe überhaupt keine Angst in meinem Job, aber Respekt und den behalte ich auch! An dieser Stelle „Chapeau an meine Hausgeburtskolleginnen. Ich bin auch eine Hausgeburt. Und habe ebenfalls eine wunderschöne Hausgeburt begleitet- ein Traum! (Mona, ich denke immer noch an dich!) Das habe ich aber nur gemacht, weil die Kollegin nicht gekommen ist und die Frau ‚am Ende war‘. Aber, wie gesagt: Ich kenne auch den Albtraum. Und den Adrenalinkick brauche ich wirklich nicht.

Die Zeiten haben sich eben auch diesbezüglich verändert, weil jede Frau einen Gynäkologen hat. Man ist bestens aufgeklärt, belesen, gut betreut von einer Hebamme, die alle möglichen und auch unmöglichen Fragen beantwortet und über sämtliche Medien unverzüglich erreichbar ist usw.  Wir sind im Gegensatz zu früher ‚Dienstleister‘. Eher in der ‚Begleitposititon‘.  Im Optimalfall nicht nur während der Schwangerschaft, sondern auch als Geburtsbegleitung. Die Nachfrage ist, wie gesagt, deutlich höher als man leisten kann.

Glaubst du denn, dass es in zehn Jahren – aufgrund dieser Situation – noch viele Beleghebammen gibt? Oder werden es noch weniger werden?

Wenn sich da politisch nicht bald was tut, dann glaube ich ganz sicher, dass es den Job als Begleit- bzw. Beleghebamme so ganz sicher nicht mehr geben wird, weil es sich jetzt schon kaum einer mehr leisten kan! Wieder sage ich: 24/7 – anders kann ich es jetzt schon nicht finanzieren. Außerdem ist der aktuelle Stand für uns jetzt schon eine Katastrophe!

Wir stehen immer und ewig parat und zum Dank zahlen wir horrende Summen an Versicherungen, verdienen im Vergleich aber nur Peanuts mehr. Das ist nicht nur sehr ungerecht, sondern natürlich auch sehr unattraktiv für die folgenden Berufseinsteiger. Es muss politisch geregelt werden. Punkt.

In vielen Ländern wird die Versicherung staatlich subventioniert und so ist es auch richtig!
Wir fliegen zum Mond, leben in einer digitalen Welt, fahren Elektroautos usw. Ein Kind wird aber – ‚wie immer schon auf diesem Planeten‘ – von einer Frau geboren, die meistens Hilfe bei dem ‚Vorgang‘ Geburt benötigt. Und zwar im besten Fall durch eine Fachfrau, sprich Hebamme, die sie betreut und begleitet. Ich kann nicht verstehen, was man daran nicht versteht bzw. warum man uns das Leben so ‚zur Hölle macht‘. Vielleicht kriegen wir in absehbarer Zeit eine Gesundheitsministerin, die ihre Familienplanung noch vor sich hat.  Der wünsche ich jetzt schon viel Spaß bei der Suche nach einer Hebamme in Berlin. hoffentlich kommt die dann mal aus dem Quark (lächelt verschmitzt).

Kinder kriegen ist was ganz tolles und was ganz intimes und ich finde es auch sehr sehr sehr sehr schade, dass wir da immer mehr beschnitten werden. Aber, ganz ehrlich: Ich mache mir in zehn Jahren keine Gedanken, weil ich dann in Rente gehe.

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Credit: Irina Höft

Wie lange machst du noch weiter?

Ich würde gerne noch 3,4 Jahre Rufbereitschaft als Beleghebamme machen und dann würde ich mich tatsächlich aus dem Belegsystem zurückziehen – aus gesundheitlichen Gründen, weil ich nicht erst krank werden will.

Was machst du dann?

Vor-und Nachsorgen und müsste dann nochmal drüber nachdenken, je nachdem wie es von der Politik geregelt wird, vielleicht würde ich dann auf eine halbe Stelle zurückgehen. Ich weiß es noch nicht.

Wovon träumst du aktuell?

Von Vielem, aber primär würde ich mir wünschen, die kommenden Weihnachtstage mal wieder mit Familie und Freunden statt im Kreißsaal zu verbringen.

Wir fragen das immer für unsere Leserinnen am Ende…Ich weiß nicht, ob du zum Kochen kommst, aber: Was ist dein schnellstes Lieblingsgericht?

Mein schnellstes Lieblingsgericht gibt es im Lieblingslokal saisonal bedingt. Jetzt ist es gerade das NiL Die kochen für mich…


Herzlichen Dank dir, liebe Martina!

Falls ihr die Chance habt, eine Beleghebamme in eurer Stadt zu bekommen, raten wir euch: Kontaktiert sie so früh wie möglich!

Was macht eigentlich eine gute Hebamme aus? Hier geht es zu unseren Tipps.

2 thoughts on “nachgefragt! bei Beleghebamme, Mama und Kreißsaalurgestein Martina Ehrich”

  1. Wieder ein wirklich gutes Interview mit einer interessanten Frau. Klingt wunderbar sympathisch und sehr authentisch. Kinder bekommen ist etwas ganz tolles, wie recht sie hat. Schade nur, dass zuviel Frauen unter der Geburt negatives erfahren und deshalb der Fokus im reden danach nicht auf diesem unglaublichen Wunder liegt. Mir gings da lange ähnlich, weil die Geburt der Principessa Alles andere als schön war und die Erlebnisse im Spital teilweise grausam. Aber zum Glück hab ich Freundinnen,die anderes berichten und mir da auch Mut fürs nächste Mal machen… Auch ohne verfügbare Hebamme 😉 ich kann wohl kaum für die Geburt in den hohen Norden kommen…. Liebste Grüße aus Südtirol

    1. liebe hanna, danke für deine worte! ich freue mich riesig! stimmt, bei euch ist es ja so schwer, jemanden zu finden…au ja, das wäre ja zu cool: beam dich her, dann lernen wir dich mal kennen. ganz persönlich. magst du uns mal erzählen, was passiert ist (vielleicht per dm bei insta)? liebste grüße von doro

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