Durchgestylte Ecken fürs Instagram-Foto? Kennt diese Frau nicht. Helikoptergesabbel um das perfekte Essen fürs Kind, die perfekte Erziehungsmethode oder den perfekten Zeitpunkt für den Job-Wiedereinstieg als Mutter? Mag diese Frau nicht. So tun, als ob in der Familie immer alles rund läuft? Ist ihr absolut fremd.

Und genau deshalb ist sie mir so überaus sympathisch. Anke zeigt sich auf ihrem Blog Muttiglück – super Name by the way – ungeschminkt, realitätsnah. Sie schreibt über ihr Familienleben. So wie es bei uns allen ist. Eben nicht glatt gebügelt und poliert, sondern mal gut und mal schlecht gelaunt, mal glücklich und mal traurig, mal mega emotional und schön und mal im Ausnahmezustand, dem Totalchaos.

Die Münchnerin hat Humor. Sie schreibt pointiert. Und sie bringt mich zum Lachen. Umso mehr freue ich mich darüber, dass sie hier als Gast an Bord ist.

Worum geht´s? Über mütterliche Doppelmoral. Die kennen wir doch alle, oder?

Viel Spaß beim Lesen!


Kürzlich waren Mann und Kind verreist, vor mir lagen 2 wundervolle ruhige Tage, an denen ich plante, täglich zwei Stunden an die frische Luft zu gehen, weil ja keiner quengelt, ich wollte in Ruhe duftende Schaumbäder nehmen, dabei Opern hören (ENDLICH mal wieder), ein ausgedehntes Beautyprogramm machen, in Seelenruhe durch die Münchener Pinakotheken schlendern, Tee trinken.

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Zum Frühstück nur einen kleinen Obstteller, irgendwas das nicht belastet. Mir unbedingt etwasGesundes kochen. Irgendetwas, dass ich sonst nie gegen die Mischpoke durchgesetzt bekomme, wie Forellentatar an Linsensalat mit Avocado Dipp.

Mein Mann und meine Tochter behaupten übrigens zu Unrecht, ich sei die Vorsitzende des Bundesverbandes der Avocadofreunde! Sie können den geschmacklichen und ideellen Wert der Avocado für das Leben im Allgemeinen einfach nicht
nachvollziehen. Wellness hatte ich vor, Mutti- Seelen Wellness.

Alles wogegen ich sonst mit meiner Tochter kämpfe, sollte endlich für wenigsten einige Tage aus meinem Leben verbannt sein. Kein Fernsehen, kein Junkfood, keine Süßigkeiten, wer will sich denn mit Zucker den Körper verschlammen? Viel Bewegung an der guten oberbayrischen Luft und Kultur hat noch Niemandem geschadet. Und weil ich ja nun ein erwachsener, vitaler Mensch bin, wollte ich mich für Samstagabend mit einer Freundin verabreden,essen in dem entzückenden Thai-Restaurant und danach einen Drink.

Doppelmoral? Ein Fremdwort für mich!

Am Freitag nach der Abreise meiner Lieben, tanzte ich zunächst einige Minuten, die Luftgitarrespielend, andächtig durchs Wohnzimmer, um meine Wiedereroberung der Wohnung gebührlich zu feiern! Dann zog ich los um meine Vorbereitungen zu treffen, kaufte Schaumbad, Peeling, Cremes, Snacks und Lebensmittel aus dem Bioladen, ein Fläschchen Luganer und Kerzen, ein Meer von Kerzen.

Nach der Einkaufstour war ich wirklich erschöpft und schaltete nur mal kurz den Fernseher ein, um wieder runter zu kommen. Als ich das nächste Mal in der Lage war, meine Situation selbstkritisch zu betrachten, war es Samstag 14 Uhr. Madame Bigott saß Pudding essend, im Schlafanzug, vor dem Fernseher, Füße auf dem Tisch und zwei Staffeln“ Orange is the new black“ waren bewältigt. Auf dem Tisch eine anmutige Dekoration aus Gummibärchentüten und Wattebällchen mit Nagellackentferner.

Man hätte den Weg, den dieses Wochenende eingeschlagen hat, noch ändern können. Davon bin ich fest überzeugt! Schließlich erzähle ich meiner Tochter ja auch immer, dass der ganze Tag sich verändert, wenn wir rausgehen. Dann werden wir Energie los und lüften den Kopf mal durch, die Laune wird besser und so. Aber es hatte angefangen leicht zu nieseln und mir war schlagartig bewusst, dass ein Spaziergang bei diesem Unwetter leider, wirklich leider, ein Ding der Unmöglichkeit war! Ich lies mir ein heißes Bad
ein und schlüpfte mit einem Glas Luganer in den fluffigen Schaum, nach ungefähr 5 Minuten wurdemir bewusst, dass ich vergessen hatte, wie anstrengend Maria Callas sein kann, wenn man die Musik nur ein wenig zu laut hat. Wer würde, nachdem er sich mühsam abgetrocknet und durch das Wohnzimmer zur Stereoanalage durchgeschlagen hat, denn nicht kurz auf der Couch Platz nehmen?

Wie durch ein Wunder ging der Fernseher an. Ich hörte mich noch kurz selber sagen:“ Eine Stunde Bildschirmzeit ist nun wirklich genug für Dich“, das Ende des Satzes ging aber bereits in der Anfangsmelodie der Serie unter. Um 18 Uhr realisierte ich, dass es nun zu spät war, für die Tour durch die Pinakotheken, zu spät um sich für den selben Abend mit einer Freundin zu verabreden war es auch. Statt Forellentartar gab es Pizza, den Linsensalat hätte ich ja sowieso nicht so schnell fertig bekommen und so ging das weiter, bis Sonntagabend.

Ich hatte die Wohnung nicht verlassen und von Pizza, Döner und Pudding gelebt, ach ja Eis gab es auch. Mir brummte der Kopf und nachdem ich die Bude aufgeräumt hatte, war ich heilfroh meine Gang wieder bei mir zu haben. Weil ich sie liebe und weil ich mich dann nicht so schrecklich gehen lassen kann auch ein bisschen.

Immerhin habe ich eine weitere wertvolle Überprüfung meiner Predigten an meine Tochter hinter mir. Der Tag verläuft anders wenn Du raus gehst, die Luft macht Dich zu einem ausgeglicheneren Menschen. Zuviel Fernsehen müllt den Kopf zu. Proof of concept, gewissermaßen.

Doppelmoral: Zwischen Predigt und High Five

Seit ich ein Kind erziehe, bin ich wirklich fast täglich hin und her gerissen, zwischen dem Anspruch den ich an unser Leben habe und der Realität. Natürlich fühlen Kinder jeden Hauch von Doppelmoral, wie kleine Trüffelschweine. „Aber Du hast Dir auch noch nicht die Zähne geputzt, aber Du isst auf dem Sofa, aber Du hast Deine UBahnkarte nicht gestempelt, aber Du isst auch zwei Stücke Kuchen, aber Du kaufst Dir auch eine Zeitschrift, aber Du spielst auch ständig an Deinem Handy“.

…Manchmal, wenn die Kleine Dame wirklich trickreich versucht zu verschleiern, dass sie sich nicht meinen Vorstellungen konform verhält, bin ich wirklich hin und her gerissen zwischen Mutterstolz und Ärger. Letztens sollte sie ihr Zimmer aufräumen, weil man die Farbe des Fußbodens nicht mehr erkennen konnte. Nach einem „Supergau-Wutausbruch-Blöde-Mama-Anfall“ erster Güte, machte sie sich ans Werk. Ich war wirklich erstaunt, als das Geheule aus ihrem Zimmer sehr schnell verstummte und mein Hilfsangebot ganz lässig ausgeschlagen wurde. Auf meinem Kontrollgang sah ich erstmal ein aufgeräumtes Zimmer, als ich mich langsam umdrehte entdeckte ich einen farbenfrohen, fröhlichen Mix aus Bällen, Lego, Trinkflaschen, Zeitschriften, Feuerwehrhelmen und getragener Kleidung auf der Couch, die direkt neben der Türe steht. Meinen fragenden, pädagogisch bedeutungsschwangeren Blick gab sie mir zurück, mit einem Grinsen und dem Satz:

“ Ich habs gemacht wie Du, Deine Sachen liegen ja auch immer im Schlafzimmer auf dem Stuhl rum.“

Da musste ich, Madame Bigott, die Königin der Doppelmoral mich geschlagen geben. Wir haben herzlich gelacht.

Ich kenne die Weise, ich kenne den Text,

Ich kenn auch die Herren Verfasser;

Ich weiß, sie tranken heimlich Wein

Und predigten öffentlich Wasser, sprach Heinrich Heine und schraubte seine Schnapsflasche zu.


Doppelmoral – nur eines der vielen Themen, über die Anke schreibt. Mehr erfahrt ihr auf ihrem Blog oder bei Muttiglück & Instagram über sie.

Herzlichen Dank, liebe Anke!

One thought on “Gestatten mein Name ist Madame Bigott! – Der Gastartikel über mütterliche Doppelmoral”

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