„Komm bitte, wir wollen los“

Kind stampft grummelig mit dem Bein auf. „Hose“

„Du kannst jetzt nicht die Latzhose tragen, die ist in der Wäsche:“

Kind bekommt einen roten Kopf, Dampf steigt aus den Ohren…

„Die ist in der Waschmaschine, schau. Morgen kannst du sie wieder anziehen. Komm wir nehmen stattdessen deine Lieblingsjeans“

Kind schmeißt sich von Tränen geschüttelt auf den Boden und brüllt lautstark.

„Da kann ich jetzt auch nichts für, mein Kind. Komm jetzt bitte.“

Das Brüllen wird lauter und wächst sich zu einem wahren Tornado zurecht. „Aghhhhh“

„Ich kann da jetzt nichts machen, die Hose muss doch auch mal gewaschen werden. Morgen kannst du sie wieder anziehen, ok?“

Kind beginnt nach uns zu schlagen, Atemnot beginnt, zwischen dem Schluchzen immer wieder „Blöde Mama“

„Mach jetzt bitte nicht so ein Theater.“

Die Welt geht unter…


Kennt ihr diese Situationen?

In denen vermeintliche „Kleinigkeiten“ eure Kinder völlig aus dem Konzept bringen, der Weltuntergang naht und alles und vor allem Mama dann total doof ist?

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Trotzphasen

Mein knapp 2-Jähriger steht gerade erst am Anfang dieser sogenannten „Trotzphase“, die ja weit in die Kindheit andauern soll. Die Zeit, wenn das Kind einen sehr eigenen Willen entwickelt und den nun auch kommunizieren kann und das auch in planbarer Regelmäßigkeit tut.

Da reicht es, wenn der Becher morgens die falsche Farbe hat, Mama gerade nicht das zweiunddreißigste Buch lesen will oder ein Stift abbricht. Bums und die Welt steht still.

Oder die vielfachen anderen Klassiker der Kleinkinderziehung: Mama oder Papa haben es eilig und das Kind verbummelt die Zeit, trödelt scheinbar absichtlich, hört nicht wenn wir es rufen. Manchmal läuft es sogar extra weg, grinst uns dann noch frech an und schwupps sind auch wir Eltern am Ende und der berühmte Geduldsfaden platzt mit einem Knall!

Windel wechseln? Ein riesen Geschrei und Gezeter. Das Essen fliegt permanent auf den Boden und beim Schlafengehen probiert das Kind, wie oft es denn wohl aus dem Bett wieder rausgekrochen kommen kann.

Und dann diese mahnenden Stimmen im Hinterkopf

Auch wenn ich mit meinem Sohn noch längst nicht alle diese Situationen im Extrem erlebt habe, ahnte ich dennoch, was mir nun so bevorsteht, als er anfing, klar und deutlich seine Grenzen zu kommunizieren und wir uns dabei oft nicht einig waren.

Und im Hinterkopf bei mir immer diese kleine, fiese Stimme: „Du musst ihn jetzt richtig erziehen, sonst tanzt er dir irgendwann auf der Nase rum. Der muss wissen, dass er nicht alles bekommt, nur weil er rumnölt. Kinder brauchen klare Konsequenzen für ihr Handeln.“

Mit meiner Erziehung nach Bauchgefühl kam ich nicht wirklich weiter, denn immer öfter wurden die Nachmittage anstrengender. Da ich mit dem zweiten Kind wieder schwanger bin, wollte ich gerne, dass Titus gut auf mich hört, denn ich kann nun nicht mehr jederzeit hinter ihm her rennen oder ihn irgendwo hin tragen, wenn er gerade bockig in der Ecke sitzt. Deshalb habe ich quasi präventiv nach einer Lösung gesucht.

Kindergehirne verstehen

Mein Mann hat kurzerhand das erstbeste Buch bestellt, was er bei seiner Internetsuche gefunden hat. Und offenbar nicht nur das erstbeste, sondern auch wirklich eins der Besten. Denn ich bin kein Freund von pädagogischem Rumgetüddel, möchte auch nicht endlos mit meinem Kind diskutieren oder ihm meine Entscheidungen begründen müssen. Und doch wollte ich einen Zugang zu meinem Kind mit seinem Trotz.

Und all das bietet dieses Buch:

„Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Der entspannte Weg durch Trotzphasen“ von Danielle Graf und Katja Seide.

Ich darf gleich vorneweg sagen: Ich kenne die beiden Frauen (noch) nicht und dies ist kein gesponserter Beitrag.
Mir hat dieses Buch nur wirklich sehr geholfen. Ich habe es in einem Wochenende ausgelesen, hunderte Stellen markiert und auf etlichen Seiten wissbegierig genickt.

Warum?

Das Buch gibt einen schönen Einblick in die Funktionsweise des kindlichen Gehirns. Was funktioniert schon wie bei uns Erwachsenen und was funktioniert noch anders? Interessant fand ich zum Beispiel, dass Kinder in einem Trotzanfall nicht auf Sprache reagieren, weil ihr kognitives Gehirn (das für Sprache zuständig ist) in Stressmomenten einfach außer Betrieb ist. Deshalb bringt das klassische Beruhigen und Erklären von uns Eltern auch so herzlich wenig.

Kleinkinder tun niemals absichtlich etwas falsch, um uns Eltern zu ärgern

Das Buch hat mir auch gezeigt, dass ich mit einer Annahme total daneben lag, nämlich dass mein Sohn manchmal etwas „extra“ macht, um mich zu ärgern. Ich sehe ihn grinsen und denke sofort: „Der weiß doch, dass er das nicht darf. Er testet mich!“ Und dabei hat er noch ein Grinsen auf dem Gesicht, das mich manchmal echt zur Weißglut bringt.

Lachen ist allerdings noch aus Urzeiten ein Signal zur Beschwichtigung und soll die Situation entschärfen. Das heißt, mein Sohn weiß genau, dass er gerade etwas Provozierendes oder Verbotenes getan hat und will durch sein Lachen Entschuldigung sagen. Vielleicht hat er auch Angst vor meiner Reaktion und will mit dem Lachen zeigen, dass es sich seiner Unterlegenheit bewusst ist (also genau das Gegenteil von dem, was ich bisher annahm).

Ein Satz in dem Kapitel habe ich mir besonders fett angestrichen. Nach mehrmaligem Lesen erscheint mir das auch total logisch, aber irgendwie war mir das so vorher nicht bewusst:

„Vorsätzliche Provokation ist evolutionsbiologisch eigentlich nämlich nicht im Verhaltensrepertoire von Kindern vorgesehen. Es macht keinen Sinn, dass sich Kinder grundlos gegen ihre Eltern auflehnen, also durch unangemessenes Verhalten diejenigen verärgen, die für ihr Überleben sorgen.“

Die Autorinnen geben auch einen tollen Einblick, was Kinder wirklich meinen, wenn sie Sätze wie das oben genannte „Blöde Mama“ sagen. Der Leser kriegt für nahezu jedes typische Trotzverhalten praxisnahe Beispiele und „Erste Hilfe“ in typischen Situationen wie Windeln wechseln, auf die Straße laufen und rumtrödeln.

Ich war so erleichtert, als dann auch ein Kapitel ansprach, warum wir Eltern so wütend sind, wie wir sind. Bestimmte Dinge treiben uns einfach auf die Palme und die kann ich dann auch nicht yogisch wegatmen. Auch hier gibt das Buch wissenschaftlich fundierte Ratschläge an die Hand, die mich sehr beruhigt haben.

Wenn unsere Ziele und die der Kinder nicht die gleichen sind, können wir keine Kooperation erwarten

Ich kann abschließend sagen, dieses Buch hat mir die Augen geöffnet, wie Kleinkinder ticken. Ich weiß jetzt, wann ich welche Grenzen sinnvoll setze und nicht stur einfach Nein sage, weil das Kind „einfach mal lernen muss, dass es Grenzen gibt“. Einige von den Grenzen, die ich meinem Sohn bislang aufgezeigt habe, waren auch schlicht Grenzen aus Bequemlichkeit z.B. weil ich ihm das Brot schmiere, wenn ich keine Sauerei in der Küche will.

Ich versuche das Wissen aus dem Buch jetzt seit ein paar Wochen anzuwenden und besonders die Passagen zum Thema Kooperation scheinen zu wirken. Denn vorher habe ich mich gewundert, wieso er einfach nicht zu mir kommt, wenn ich ihm die Jacke anziehe oder sich weigert, Schuhe anzuziehen. Nun kooperiere ich deutlich häufiger mit ihm, das heißt ich gehe auch auf seine Wünsche ein (noch ein Buch lesen, das Brot alleine schmieren, endlos lange die Hände unter den Wasserhahn halten, weil es gerade so lustig ist) und kann dann auch erwarten, dass er häufiger mit meinen Wünschen kooperiert. Erstaunlicherweise geht das super und total einfach.

Und die wohl größte Erkenntnis: ich nehme, wann immer es geht, den Zeitdruck aus dem Leben mit Kind. Ich takte unsere Termine nicht mehr so eng, so dass er in seinem Tempo aus der Kita bummeln kann, ich lasse ihn beim Einkaufen nebenher laufen, statt ihn schnell in den Wagen zu setzen, auch wenn wir dann deutlich länger im Supermarkt brauchen. Aber dadurch genieße ich die Zeit mit ihm viel mehr.

Unser Zusammenleben ist tatsächlich entspannter geworden und auch bei Trotzanfällen weiß ich jetzt, wie ich reagieren kann und fühle mich nicht mehr so machtlos.

Mir hat das Buch also wirklich weitergeholfen und ich kann es aus vollem Herzen jeder Mama (und jedem Papa) empfehlen, die einfach wissen will, wie ihr Kind tickt und warum es so reagiert, wie es reagiert.


Die beiden Autorinnen haben übrigens auch einen Blog, schaut doch mal rein:

das gewünschteste Wunschkind

2 thoughts on “Jetzt erst recht – Kinder in der Trotzphase – Buchtipp”

    1. Liebe Natalia, das freut uns zu lesen. Wir wünschen dir alles Liebe und freuen uns, wenn du uns Bescheid sagst, inwiefern dir das Buch weitergeholfen hat! Herzliche Grüße von Claudia & Doro

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