Besucherritze Babyschlaf MutterKutter Mamablog

 

„Du legst ihn ab, gehst aus dem Zimmer und dein Kind schläft? Wow!“

„Wie, er hat die ganze Nacht durchgeschlafen? Im Ernst? Echt? Von sieben bis sieben? Ohne aufzuwachen und zu weinen? Krass!“                 

Oh, das geht bei euch: Schnulli verloren, Attackegebrüll, Schnulli rein, weiterschlafen im eigenen Bettchen. Uh. Äh. Nee, bei uns funktioniert das so nicht.“

Es sind diese und ähnliche Gespräche, die ich mit anderen Müttern geführt habe. Manchmal mit einem Kopfschütteln. Manchmal mit krauser Stirn. Oft – zugegeben – nicht ohne Neid. Denn die Nächte, in denen meine Tochter bis früh morgens durchgeschlafen hat – die, ja, die kann ich an einer Hand abzählen. Genauer. An einem Finger. Denn: Es war bisher nur eine einzige. Am 22. Januar hat Anni von halb acht abends bis halb fünf morgens gepennt – und ich habe ihr in dieser Nacht nur zwei Mal den Schnuller wiedergegeben. Das ist sozusagen der WeltgedenkAnneliSchlaftag. Ich war stolz wie Oskar und das erste Mal seit zehn Monaten so richtig fit. Das Datum hat sich eingebrannt. Nicht zuletzt, weil sie in dieser Nacht auch in ihrem Bettchen geblieben ist – und nicht, wie in vielen, vielen Nächten zuvor – weinend die Besucherritze im Ehebett eingefordert hat.

Handeln wir richtig?

Ich möchte mich hier aber nicht beschweren über mangelnden Schlaf. Das ist etwas, was alle Eltern kennen. Ich möchte über meine Erfahrungen, Gedanken und Gefühle rund um das Thema Kinderschlaf schreiben, denn ich habe mir so oft Fragen gestellt, wie: Ist es eigentlich richtig, wie wir handeln? Gibt es irgendetwas, was mein Baby zum Durchschlafen bringt? Müsste sie nicht langsam durchschlafen? – schließlich fragen einen das ja immer alle...Ist es Okay, wenn ich sie zu uns ins Bett hole – oder stimmt es, wie so manche Menschen behaupten, dass ich mein Kind dann verwöhne? Wobei: Womit eigentlich? Mit Liebe – na, dann kann das doch nur richtig sein…

Hallo Intuition! Ich mag dich!

Mein Mann und ich handeln nach unserer Intuition. Wir nehmen Anni zu uns in die Besucherritze, wenn wir fühlen, dass sie unsere Nähe braucht. Mal ist das halb drei nachts, mal Mitternacht oder mal halb zehn abends. Unsere Kleine klammert sich dann an uns, schreit oder weint bitterlich – das sind für uns eindeutige Zeichen. Mir krampft dann förmlich mein Körper, schon rein physisch kann ich sie in solchen Momenten gar nicht ,allein lassen‘. Von meinem ‚blutenden‘ Mutterherz mal ganz abgesehen.

Unser Mädchen weinen oder schreien zu lassen – nur, um sie irgendwie zum Schlafen oder Weiterschlafen zu bewegen, das kommt für uns nicht in Frage. Ich selber brauche ja auch Nähe, wenn es mir nicht gut geht, ich mich unwohl fühle oder oder oder… Warum sollte ich dann als Mutter anders handeln? Es gibt offenbar Literatur auf dem großen weiten Babyschlafratgebermarkt, die Eltern dazu anleitet, nach einem bestimmten Plan vorzugehen. Ich habe sie nicht gelesen. Aber: Wenn ich schon höre, dass Eltern in einem vorgeschrieben Zeitraum das Zimmer verlassen sollen, in dem sie das Kind im Zweifelsfall – wenn es weint – nicht beruhigen sollen, sondern erst, wenn die z.B. vorgeschriebenen fünf Minuten ‚überstanden‘ sind – dann, ja, dann stellen sich mir die Nackenhaare auf.

Autorin & Mama Eva Solmaz schreibt dazu sogar, Zitat:

„Wenn ein Baby weint, hat das immer einen Grund. Normalerweise wird eine Bezugsperson auf das Weinen des Kindes reagieren und versuchen, es zu beruhigen. Geschieht das nicht, gerät das Baby in großen Stress. Es erlebt Gefühle von Todesangst und Panik, es fühlt sich ausgeliefert und ohnmächtig (…).“

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Ihr Buch „Besucherritze“ hat mich darin bestärkt: Ich bzw. wir handeln richtig, wenn wir unserer Tochter auch nachts das geben, was sie braucht: Zuneigung und Liebe. Jeder Mensch ist anders. Jedes Baby ist anders. Ich habe gelernt zu sagen: Es ist halt so. Und es ist gut so. Und ich genieße absolut den Besucherritzen-Ist-Zustand!


Und falls es euch ähnlich ergeht – dann lest doch hier gerne weiter. Ich habe Eva Solmaz, die übrigens Dipl.-Sozialpädagogin ist und über die Bedeutung der frühen Mutter-Kind-Beziehung forscht, um ein Interview gebeten. Here we go:

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Liebe Frau Solmaz, ich muss zugeben: Schon bei Ihrem Vorwort dachte ich: „Yes, danke, Sie sprechen mir aus der Seele.“ Wie oft haben Sie schon solche oder ähnliche Sätze gehört?

Oh ja, sehr oft. Ich glaube, gerade das macht mein Buch aus. Viele Eltern erkennen sich in meinen Beschreibungen wieder. Sie sehen, dass ich die gleichen Probleme und Unsicherheiten erlebt habe wie sie und sind dankbar, dass jemand das Thema so offen anspricht. Oft haben die Eltern das Gefühl sie machen etwas falsch, wenn das Kind nicht alleine schlafen will und trauen sich gar nicht zuzugeben, wie oft sie ihr Kind ins Bett holen und was sie alles veranstalten, damit es schläft. Man fürchtet ja auch ständig den Vorwurf sein Kind zu verwöhnen.

Was hat Sie dazu bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Ich war selbst verunsichert. Unser Sohn hat ganz und gar nicht so geschlafen, wie wir uns das vorher vorgestellt haben. Er wollte bei uns im Bett, auf dem Arm oder auf unserem Bauch schlafen, aber ganz bestimmt nicht alleine in seinem Bett. Ich wusste als unerfahrene Mutter nicht, was auf mich zukommt und habe mich über das Schlafverhalten unseres Sohnes gewundert und mich gesorgt, ob wir etwas falsch machen.

So kam es, dass ich mir Bücher angesehen habe und im Internet gelesen habe. Immer wieder traf ich auf den Ratschlag, dem Kind das Schlafen beizubringen. Man solle es nicht daran gewöhnen nur bei den Eltern einzuschlafen, es nicht verwöhnen und von Anfang an konsequent sein. Im Grunde das Gedankengut, welches in dem Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ verbreitet wird. Da ich aber gleichzeitig durch mein Studium und meine Forschung zur frühen Mutter-Kind-Beziehung und deren Auswirkungen auf das weitere Leben einen bestimmten theoretischen Background hatte, merkte ich, dass diese Ideen nicht mit den Ergebnissen der modernen Säuglingsforschung zu vereinbaren sind. Mir fiel auf, dass die Ratschläge, die Eltern sich gegenseitig geben oder die von Generation zu Generation weiter gegeben werden, ein Bild vom Kind beinhalten, das die Eltern ausnutzen möchte, das seine eigenen Interessen durchsetzen möchte, das tyrannisch wird, wenn man nicht aufpasst… Sprich die Beziehung zwischen Eltern und Kind wird als ein Kampf um Macht angesehen. Man muss sich durchsetzen, Grenzen setzen und sich nicht auf dem Kopf rumtanzen lassen.

Die moderne Säuglingsforschung hingegen hat schon lange gezeigt, dass kleine Kinder auf Kooperation ausgerichtet sind. Erziehung ist kein Kampf, sondern Beziehung, Kontakt und Kooperation. Es geht um Liebe, Fürsorge und Gemeinsamkeit. Man braucht keine Angst haben, dass einem das Kleine Kind aufs Dach steigt. Ein Säugling kann sich noch nicht mal alleine von links nach rechts drehen. Ohne die Fürsorge der Eltern währe er dem Tod geweiht. Welches Interesse sollte er daran haben mit seinen Eltern einen Machtkampf auszutragen? Das ist Quatsch. Gerade beim Thema Schlafen ist aber diese Vorstellung weit verbreitet. Daher die Idee zu meinem Buch.

Butter bei die Fische: Darf mein Baby/ Kleinkind in meinem Bett schlafen? Wofür plädieren Sie?

Unser Sohn darf in unserem Bett schlafen. Jeder muss aber die Lösung finden, die für ihn am Besten passt. Da kann ich keine einfachen Antworten geben.

Also: Meine zehn Monate alte Tochter schläft normalerweise nicht durch. Ich habe aber den 22. Januar als denkwürdigen Tag vermerkt, da hat sie das erste Mal bis halb 5 in ihrem eigenen Bett geschlafen. Ich werde aber ständig gefragt: „Und, schläft Anneli schon durch?“ Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das Thema „durchschlafen“ so in den Köpfen verankert ist?

Tja, das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich, weil der Schlafmangel einfach auch eine große Belastung für die frisch gebackenen Eltern sein kann. Vielleicht auch weil viele Menschen denken, das ist die erste Erziehungsleistung, die Eltern erbringen müssen. Einen Säugling kann man ja noch nicht wirklich erziehen, außer zum Schlafen vielleicht…

Meine Tochter schläft nun schon seit Langem mindestens die Hälfte der Nacht in unserem Bett. Allerdings habe ich ständig ein schlechtes Gewissen, denke: Sie müsste aber doch in ihrem eigenen Bett schlafen. Dabei handele ich nur nach meiner Intuition, wenn ich sie rüber hole. Aber dann kommen von außen Worte, wie „ihr verwöhnt“ oder „das Kind muss doch nebenan schlafen“. Woher kommt dieser Glaube daran, dass das Kind Dinge „tun muss“ und es woanders besser aufgehoben ist?

Dieser Glaube ist bei uns tief verankert und wird von Generation zu Generation weitergegeben. Einen nicht unwesentlichen Anteil daran haben die Kurse zur Schulung der Mütter und die Ratgeber-Literatur der Nazi-Zeit. Damals hatte man die Idee, durch die entsprechende Erziehung könne man die Jugend stählern und zu guten Soldaten und braven Bürgern machen. Daraus hervorgegangen sind viele Ratschläge, die heute noch fleißig verbreitet werden. Die damals entstandene Literatur wurde noch viele Jahre später verbreitet und Müttern kostenlos zur Verfügung gestellt. Eltern haben oft den Impuls auf ihre Kinder empathisch zu reagieren, ihre Gefühle mit zu fühlen und entsprechend zu handeln. Eigene Erfahrungen und innere Glaubenssätze hindern sie aber daran. Was kann eigentlich falsch daran sein, wenn ein kleines Kind von 10 Monaten bei seinen Eltern schlafen will?

Manchmal wird Eltern offenbar tatsächlich – überspitzt gesagt – dazu geraten, ihre Kinder so lange schreien zu lassen bis sie einschlafen. Was halten sie von solchen Ratgebern?

Das ist Blödsinn. Das Kind schreit, weil es etwas braucht und sich selbst nicht helfen kann. Das Schreien soll die Bezugsperson dazu motivieren dem Kind zu helfen und sei es nur mit Nähe und liebevoller Zuwendung. Es schreit so lange, bis es die Hoffnung aufgibt, dass es mit seinem Schreien etwas bewirken kann. Wer will denn, dass sein Kind den Glauben daran verliert, dass ihm jemand hilft, wenn es verzweifelt schreit?

Welchen Tipp haben Sie für Eltern, die Sorge haben, dass ihr Kind nun „für immer“ zu Gast in der „Besucherritze“ sein wird?

Naja, spätestens wenn ihr Kind in der Pubertät ist und ihm seine Eltern mega peinlich sind, können Sie froh sein, wenn sie sich ihm noch auf Armeslänge nähern dürfen. Die erste Freundin/den ersten Freund wird es bestimmt nicht zum Übernachten in die Besucherritze einladen. Wenn doch, schreiben Sie mir 🙂

Lieben Dank für das Interview Frau Solmaz!

4 thoughts on “Schlafen lernen? Nö! Besucherritze? Ja!”

  1. Ich bin stolz auf Dich, eine tolle Reportage!!
    Habe Dich bzw. den Artikel schon weiter empfohlen
    Dann haben wir früher doch viel falsch gemacht…
    Kuss
    Papa

  2. Hi,
    das Thema ist für , ich auch beim zweiten Kind noch interessant, da Kinder ja sehr verschieden sind.

    Daher habe ich euren Artikel gerne gelesen und möchte ich meine Erfahrungen mit meinen beiden teilen:

    Unsere Große haben wir als Baby ausser in sehr seltenen Ausnahmefällen nie bei uns im Bett gehabt und sie hat auch sehr früh überwiegend durchgeschlafen. Trotzdem kam sie sobald sie das aus eigener Kraft konnte nachts zu uns ins Bett gekrochenund tut das auch mit 5 noch gelegentlich.

    Den Kleinen habe ich seid er in diesem furchtbar heissen Sommer letztes Jahr anfing alle zwei Stunden oder öfter zu trinken(aus Durst oder ausVerzweiflung weil er die Hitze so hasste), komplett bei mir und habe ihn auch bis heute (13 Monate) nicht wieder ernsthafte Versuche unternommen, ihn ans eigene Bett zu gewöhnen. Ich habe herrausgefunden, dass ich mit einem Kind das sehr oft aufwacht, aber neben mir sxhläft (und gestillt wird) selbst schlafmäßig viel besser hinkomme, als mit einem Kind, das höchstens einmal aufwacht und dasnoch nicht einmal jede Nacht, aber ich rennen muss.

    Mein Fazit ist also:
    1. Nur weil man ein Kind nicht ans Elternbett gewöhnt hat, heisst nicht, dass es nicht doch irgendwann kommt.
    2. Gut ist, was für alle funktioniert.

    Ach ja, Kinder unter 2 schreien lassen kann ich natürlich auch nicht… 😉

    1. Guten Morgen! Wir finden es total
      schön, dass du deine Erfahrungen mit uns teilst. Und mir, Doro, zeigt es auch, dass die Sache mit dem Bauchgefühl für uns Mamas der richtige Weg ist. Egal, welchen man geht – wir kennen unsere Kinder am Besten. Und es ist doch auch schön zu wissen, dass sie auch in ,späteren‘ Jahren uns noch brauchen…✨ Vielen Dank für deinen Kommentar! Wir freuen uns, dass du den Weg auf unsere Seite gefunden hast und über einen weiteren Erfahrungsaustausch! Herzliche Grüße unbekannterweise aus Kiel von Claudia & Doro

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